Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen : „Ich bin ja kein Idiot“

Wenn er nicht auf der Bühne steht, trifft man Musiker Carsten Friedrichs regelmäßig als Gast auf Fußballplätzen an. Foto: Maurico Bustamante.

Seit mehr als 20 Jahren schreibt der Hamburger Musiker Carsten Friedrichs Songtexte über ehrliche Männer, besoffene Esel und aussterbende Kneipen. Mit seiner Band „Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen“ tritt er am Freitag im Hafenklang auf.

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Wichtig ist auf dem Platz, so will es eine Fußballerweisheit. Manchmal ist aber auch wichtig, was neben dem Platz passiert. Etwa, wenn Fußballfan und Musiker Carsten Friedrichs auf der legendären Adolf-Jäger-Kampfbahn in Ottensen mit Blechspielern posiert. Zuvor hat der 45-Jährige mit Hinz&Kunzt über Bauerntricks, Talentlosigkeit und zu eng gewordene T-Shirts gesprochen.

Hinz&Kunzt: Carsten, auf  eurem neuen Album singst du zu gewohnt schmissiger Musik: „Jungs kommt, wir geben jetzt auf !“ Wann hattest du zuletzt das Gefühl: „Ich habe keinen Bock mehr?“

CARSTEN FRIEDRICHS: Eigentlich nie. Ich kenne aber ein paar Kollegen, die die Flinte ins Korn geschmissen haben. Es gibt tolle, talentierte Musiker, aber deren Können und Kreativität stehen in einem eklatanten Missverhältnis zu deren öffentlicher Wahrnehmung und Erfolg.

Von der Musik allein kannst du auch nicht leben, dafür mit Musik. Du arbeitest als Booker bei eurem Label Tapete Records. Wärst du glücklicher, wenn du den Brotjob nicht zusätzlich bräuchtest?

Welcher Musikfan wünscht sich nicht, bei einem coolen Indielabel zu arbeiten? Ich bin Musikfan und Tapete ist ein cooles Indielabel. Perfekt!

Alleine wäre das natürlich Schrott– Carsten Friedrichs

Wolltest du schon als Kind Musiker werden?

Ja, im Dezember 1980, als John Lennon gestorben ist, haben sie auf dem Ersten den Beatles-Film „Hi- Hi-Hilfe!“ gezeigt. Wie das anfängt, wo sie da „Help!“ spielen, da dachte ich, das finde ich toll, das will ich auch mal machen! Da war ich acht Jahre alt.

Dann hast du direkt verkündet: „Ich werde Musiker!“

Nee, ich bin auch total unmusikalisch. Ich habe mir auch nie zugetraut, ein Instrument zu spielen. Meine Eltern haben mir eine Blockflöte geschenkt und Unterricht an der Volkshochschule spendiert, aber ich war total talentlos.

Sagst du.

Nee, wirklich! Irgendwann, so Mitte der 1980er, habe ich durch einen Kumpel all diese britischen Indie-Bands kennengelernt, so C86- und Sarah Records-Zeugs (bekannt für Twee- und Gitarren-Pop, die Red.) Da dachte ich: „Mensch, die treffen ja auch keinen Ton! Spricht mich an, die Musik, wunderbar! Jetzt kann ich das auch.“ Dann habe ich halt versucht, Stücke zu machen mit den drei Akkorden, die ich auf der Gitarre konnte (lacht).

Trotz deiner Selbstzweifel wolltest du auf die Bühne?

Ja, natürlich. Das ist jetzt auch bei der neuen Band so. Das sind ganz tolle, talentierte Musiker. Alleine wäre das natürlich Schrott. Aber mit Leuten zusammen, die einen ähnlichen Spirit haben, kann das dann ganz toll werden. So war das damals, so ist es jetzt.

„Selbstironisch zu sein ist leichter“

In „Der große Kölner Pfandflaschenbetrug“ singst du über den Mann, der 2013 in Köln eine Pfandflasche so manipuliert hat, dass er sie immer wieder verwenden konnte. Er hat mehr als 40.000 Euro damit ergaunert. Was interessiert dich an den Gaunern?

Über große Gefühle haben schon etliche Leute vor mir gesungen. Das ist irgendwie langweilig, zu diesem Kanon kann ich nichts Gutes mehr beitragen. Da habe ich diesen Artikel in der Zeitung gelesen und dachte „Mensch, das ist doch mal was! Da will ich jetzt der Erste sein, der über den Kölner Pfandflaschenbetrüger was singt.“ Das ist sowieso das A und O bei Musik: Sei nicht langweilig! Mach was du willst, aber sei nicht langweilig.

Viele deiner Texte sind selbstironisch: Von „Ich habe keinen Hass auf die Reichen / ich möchte ihnen nur ein bisschen gleichen“ bis zum neuen „Liebe wohnt hier nicht mehr“. Wie wichtig ist Selbstironie als Stilmittel?

Selbstironisch zu sein ist leichter, als sich ernst zu nehmen. Mit Inbrunst zu texten ist schwieriger. Aber vielleicht fehlt mir da auch die Selbstdistanz.

In „Eine Tragödie kommt niemals allein“ trauerst du um David Bowie und die Tatsache, dass du nicht mehr in dein altes Bowie- Fan-Shirt passt. Das ist sehr selbstironisch.

Das kann jeder selbst entscheiden. Verfettung, Altwerden, Tod – das sind ernste Themen. Hätten wir da nur Moll-Akkorde genommen, würden wir jetzt vermutlich gar nicht darüber diskutieren, wie das gemeint ist. Das ist der Bauerntrick, den wir uns von Motown (legendäres Soul- und R&B-Label, die Red.) abgeguckt haben: fröhliche, tolle Musik mit todtraurigen Texten. Das ist keine Raketentechnik. Man muss es nur machen (lacht).

Ihr habt auch schon einen Song über ein Heim für besoffene Esel in England gemacht.

Ja, ich habe mal gelesen, dass viele Lastenesel in England alkoholabhängig waren, weil die mit Bier abgefüllt wurden. Das war schon ein Problem. Die wurden dann notgeschlachtet. Und dann gab es 1969 eine Mrs. Svendsen, die ein Eselsrefugium eröffnet hat. Seitherkönnen die alle in Frieden ihren Ruhestand dort verbringen.

Du sollst nicht langweilen– Carsten Friedrichs

Und was hat es mit dem neuen Song über „Eis-Gerd“ auf sich?

Da geht es um eine Kneipe in der Stresemannstraße in Altona. Eis-Gerd war der Wirt, mit dem haben wir uns gut verstanden. Bevor wir zum Fußballgucken gegangen sind, haben wir uns da oft auf einen Kaffee oder ein Bier getroffen. Eis-Gerd war klasse. Der hatte mal einen Song verdient. Und es kann ja auch nicht sein, dass es über die Lieblingskneipe nur den einen Song von Peter Alexander gibt („Die kleine Kneipe“, die Red.).

Aber Eis-Gerd gibt es nicht mehr?

Nein, vor zehn Jahren ist er in Rente gegangen und hat keinen Nachfolger gefunden. Jetzt ist da, wo er früher war, ein Laden mit Spezialfuttermittel für Bodybuilder drin. Schon ein bisschen traurig.

Ist „Song über Eis-Gerd“ eine Ode an ein Stück verloren gegangenes Hamburg?

Also, wenn ich Songs schreibe, bin ich im Hier und Jetzt, genauso, wenn ich die singe. Aufgrund von Fantasielosigkeit singe ich halt gerne oder fast ausschließlich über Sachen, die ich kenne.

Es ist voll okay, diese Band zu lieben (von links): Philip M. Andernach, Carsten Friedrichs, Heiko Franz, Tim Jürgens, Gunther Buskies. Foto: Stefan Malzkorn.

Also nicht: Früher war alles besser?

Nö, früher war es anders, aber auch scheiße. Es gibt da diesen Song von den Buzzcocks: Da wird der Sänger nostalgisch über ein Zeitalter, das erst noch kommen muss. Das finde ich einen ganz schönen Satz.

Du hast vorhin schon über Fußball gesprochen. Du bist Fan vom HSV und von Altona 93. Wie geht das zusammen?

Ganz gut, wenn die nicht zeitgleich spielen. Ich bin ja nicht so verbissen, ich bin ja kein Idiot. Ich gehe halt gerne zum Fußball.

Darf man nicht nur einen Verein haben?

Wer sagt das denn?

Fußballfans.

Kann sein, dass es solche gibt, aber die wären mir dann zu verbohrt, und die sind auch nicht in meinem Freundeskreis.

Das ist also kein Problem, auch wenn Altona 93 eher für Arbeiterklasse und der HSV für etwas Elitäres steht?

Ich glaube, Altona 93 wurde von Reedern gegründet.

Von Kaufleuten und Gymnasiasten.

Also, so richtig Arbeiterklasse ist das auch nicht.

Altona 93 ist just in die Regionalliga aufgestiegen. Der Verein hat sich geweigert aufzugeben, um einen „Superpunk“-Hit zu zitieren. Warum weigerst du dich aufzugeben?

Eigentlich ist der Text von „Ich weigere mich aufzugeben“ ziemlich mies, was mir damals gar nicht so bewusst war. Es gibt ja unglaublich viele solcher Durchhaltesongs. Irgendwie nerven die alle, aber der ist ganz flott gespielt und komponiert. So ein nachgemachter Northern-Soul-Beat zu dem Text, das kann man schon mal machen. Eigentlich sollte man aber schon öfter mal etwas aufgeben, Rauchen zum Beispiel.

Konzert: 14.7., Hafenklang, Große Elbstraße 24, 20 Uhr, ausverkauft. Am selben Tag erscheint das neue Album „It’s OK To Love DLDGG“ bei Tapete Records

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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