Platte am Fischmarkt : Bezirk Altona räumt radikal

Am Dienstagmorgen entsorgten Mitarbeiter der Stadtreinigung die Habseligkeiten der Obdachlosen am Fischmarkt. Foto: Simone Deckner.

Keine Gnade für die Obdachlosen am Fischmarkt: Am Dienstagmorgen ließ das Bezirksamt Altona ihre Platte räumen. Ex-Bewohner Dennis ratlos: „Es gab hier nie Stress.“ Hinz&Kunzt fordert echte Alternativen zur Vertreibung.

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Es geht alles ganz schnell: Um Punkt 10 Uhr rückt ein Trupp der Stadreinigung am Fischmarkt an. Zelte, Matratzen, Kleidung – alles, was bis eben hier noch stand und lag, wird radikal weg geschmissen  – unter den Augen von Polizisten, Bezirksmitarbeitern und Kamerateams.

Der Bezirk macht mit der Räumung seine Ankündigung von vergangener Woche wahr. Die Begründung dafür: Anwohner hätten sich zuvor über die „hygienischen Zustände“ auf der Platte beschwert.

„Müll immer weg gepackt“

Eine Aussage, die Dennis nicht nachvollziehen kann. „Wir haben unseren Müll immer sofort in Plastiktüten gepackt“, sagt der 35-Jährige, „wer will schon Ratten vor seinem Schlafplatz haben?“ Dennis ist einer von circa 20 Obdachlosen, die hier zuletzt Platte gemacht haben. „Es gab nie Stress, keine Saufgelage oder so etwas“, sagt er.

Dennis (35) hat am Fischmarkt geschlafen. Wohin er nun soll, weiß er nicht. Foto: Simone Deckner.

Wohin er und seine Frau nun gehen soll, weiß er nicht. Der Bezirk Altona hatte die Obdachlosen an das Pik As verwiesen. Keine Option für Dennis – wie viele Obdachlose fühlt er sich dort nicht sicher, hat Angst, dass ihm sein weniges Hab und Gut womöglich geklaut wird.

Viele sind schon vorher gegangen

Die Lage während der Räumung bleibt ruhig. Viele seien schon gestern gegangen, erzählt Dennis. Die anderen packen friedlich ihre Sachen ein – nur als ein einsamer Punk aus Richtung Landungsbrücken grölend und gestikulierend die Szenerie betritt, greifen die Polizisten ein und wollen die Papiere des Mannes sehen, die er anstandslos präsentiert.

Unterdessen landen weitere Zelte, Matratzen und private Dinge im  Müllwagen. Als ein Mitarbeiter der Stadtreinigung zögert, weil er am Zaun einen sorgfältig abgedeckten Rollwagen mit privaten Habseligkeiten sieht, herrscht ihn ein Bezirksmitarbeiter an: „Weg, alles weg!“ Der Bezirk Altona, so scheint es, will hier alle Spuren der Obdachlosen beseitigen – restlos.

Hinz&Kunzt fordert echte Alternative zur Vertreibung

„Seit Jahren werden immer wieder Obdachlose von ihren Schlafplätzen vertrieben. So kann es doch nicht weiter gehen“, kritisiert Stephan Karrenbauer, politischer Sprecher und Sozialarbeiter von Hinz&Kunzt das Vorgehen. „Man kann doch die Leute nicht einfach vertreiben, ohne ihnen eine Alternative zu bieten. Und zwar eine Alternative, die sie auch annehmen.“

Die Menschen auf der Straße würden immer nur auf das Pik As verwiesen.  „Aber viele Obdachlose nehmen das Pik As nicht an. Und Obdachlose aus Osteuropa dürfen dort nur wenige Tage dort bleiben.“ Karrenbauer: „Was wir brauchen sind Unterkünfte für alle Menschen, die auf der Straße leben. Es kann doch nicht angehen, dass die Stadt hier so unkreativ ist!“

Über den Autor
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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