Schafe, Seebären, 1000 Steine

Die drei ungewöhnlichsten Dienststellen für Zividienst und das Freiwillige Soziale Jahr

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

Es ist heiß an Bord, wahnsinnig heiß. Der Boden in dem kleinen, in gelb und braun gehaltenen Raucherzimmer scheint leicht schräg zu sein. An der Wand hängt eine vergilbte Weltkarte. Die Sowjetunion ist zu sehen, Deutschland ist noch geteilt. Die umlaufenden, mit khakifarbenem Stoff überzogenen Couchen sind durchgesessen. Auf dem niedrigen Tisch liegt ein abgegriffenes Backgammon-Spiel. Annika Kämling zeigt den vereinzelt hereinkommenden russischen Seeleuten eine Broschüre vom Hamburger Seemannsclub „Duckdalben“ und beantwortet geduldig die in schlechtem Englisch vorgetragenen Fragen.

Es ist ihr erster Schiffsbesuch an diesem Tag. Der etwas schäbig aussehende russische Öltanker hatte gleich ihre Neugier geweckt. Ob man im Seemannsclub Telefonkarten kaufen könne oder wie dort der Wechselkurs des Dollars sei, fragen die Matrosen. Einer bietet an, uns das Schiff zu zeigen. Unsere Fotografin Sonja und ich folgen gespannt. Mehr als eine halbe Stunde später, nachdem wir – kindlich begeistert – durch die Kombüse und den Maschinenraum bis hoch zur Brücke geführt worden sind, kommen schließlich fünf Seeleute mit in den Kleinbus, der uns zum „Duckdalben“ bringt.

Die persönliche Entscheidung für den Zivildienst und ganz besonders für ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr hängt stark von der Attraktivität der Dienststelle ab. Wirklich ungewöhnliche, fast schon exotische Dienststellen sind selbst in Hamburg schwer zu finden. Aber es gibt sie.

Annika hat die Entscheidung, beim „International Seamen’s Club Duckdalben“ ihr Soziales Jahr zu machen, nicht bereut. Im Gegenteil: „Ich würde am liebsten mein ganzes Leben dort arbeiten“, sagt das Mädchen mit den roten Haaren voller Überzeugung. Seeleute aller Nationen, vor allem Filipinos, Chinesen, Inder und Ägypter, nutzen die kurze Zeit ihres Hafenaufenthalts, um im Seemannsclub zu entspannen.

Die Besucher erwartet ein breit gefächertes Angebot an Freizeitmöglichkeiten: vom obligatorischen Clubraum mit Bier- und Kaffeetresen über Tischtennis, Billard und Kicker, Möglichkeiten zum weltweiten Telefonieren bis hin zur internationalen Bibliothek und einem multireligiösen Andachtsraum ist fast alles dabei. Das Schönste an ihrer Arbeit sei, sagt Annika, sich mit so vielen unterschiedlichen Menschen austauschen zu können und die unterschiedlichen Meinungen über das Leben mitzubekommen. Vier Heiratsanträge von gestandenen Seebären hat die 20-Jährige auch schon erhalten: „Aber die fahren in den nächsten Hafen und erzählen dem erstbesten Mädchen das gleiche.“

Szenenwechsel. Johannes Schley steht mit einem Eimer voll Futter mitten auf einer grünen Wiese. Umringt von Dörthe, Mollie und Maxi. Insgesamt sind es acht Schafe, präzise gesagt acht rauwollige Pommersche Landschafe, die sich noch etwas scheu um ihre morgendliche Essensration drängeln. Johannes wollte seinen Zivildienst auf jeden Fall draußen verbringen. Die wenigen Zivildienststellen im Umweltschutz waren bereits vergeben, und so entschied er sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) beim Umweltzentrum Karlshöhe. Zu seinen Schützlingen gehören neben den Schafen noch zwei Ziegen, 17 Hühner und zwei Gänse. Im März kommen dann noch ein paar Lämmer dazu, wahrscheinlich sechs. „Und die Ziege ist auch schon ganz eckig“, zeigt Johannes.

Man müsse sich dreckig machen können, dürfe keine Angst vor Tieren haben, gerne mit Kindern arbeiten und eine Vorliebe fürs Handwerkliche haben. Dies sind die wichtigsten Voraussetzungen für seine Arbeit, meint Johannes. Im Sommer macht er pro Woche drei bis vier Führungen für Kinder. „Das sind immer mehr als 20 kleine Männchen. Auf die muss man gut eingehen können“, sagt er. Kardieren, Filzen, Weben, Spinnen und Färben der eigenen Schafswolle sind typische Beschäftigungen, die der FÖJler zusammen mit Schulklassen macht. Sich selbst hat er bereits einen stilechten Schäferhut gefilzt. Bis zum Ende seiner Dienstzeit will er eine komplette Schäfergarderobe für sich geschneidert haben.

Zurück in die Stadt. Erst nachts um 1.30 Uhr Feierabend zu haben, ist für Sasha Hoferichter nichts Ungewöhnliches. Den Freitagabend verbringt er meist auf Rockkonzerten, bei Breakdance-Acts oder Hip-Hop-Jams – und das beruflich. Sasha ist Zivildienstleistender beim Jugendmusikzentrum „Trockendock“, das zum Verein „Lass 1000 Steine rollen!“ gehört. Wir finden Sasha hinterm Tresen des hauseigenen Cafés. An der Wand hängt unübersehbar der Hinweis, dass kein Alkohol ausgeschenkt wird. „Rock statt Drogen“ ist das Motto von „Lass tausend Steine rollen!“, und der Erfolg des Projekts zeigt, dass sich junge Leute durchaus darauf einlassen. Das Trockendock bietet den 15- bis 25-jährigen Besuchern neben den regelmäßigen Veranstaltungen Übungsräume für Bands, günstigen Unterricht an diversen Instrumenten und offene Angebote wie DJ-Training oder Freestyle-Rap.

Für Sasha, der selber Gitarre spielt, ist die Zivi-Stelle ein Glücksgriff. Durch den Austausch mit den jungen Musikern und – in seiner Freizeit – die Beteiligung in den unterschiedlichsten Bands entwickele er sich musikalisch ständig fort. „Ich spiele jetzt auch Schlagzeug in einer Band“, erzählt er begeistert, „und das bringt einen natürlich voran, wenn man mal was ganz anderes macht.“ Gerade habe er auch bei einer Reggae-Formation mitgespielt und damit in ein Genre hineingeschnuppert, das ihm vorher unbekannt war.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man sich auf höchst unterschiedliche Art sozial engagieren kann. Eins haben die drei Stellen dennoch gemeinsam: Sie brauchen alle noch einen Nachfolger. Schade, dass man nicht gleich alle drei nacheinander machen kann…

Jan-Malte Ambs

Smudos Unterbewusstsein

Ein Interview mit dem Rapper der Fantastischen Vier

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

Smudo, eigentlich Michael B. Schmidt, wird in diesem Monat 35. Der Rapper von den Fantastischen Vier sprach mit uns über Freiheit, kreative Brunnen und darüber, warum er mit Politik eigentlich nichts zu tun haben möchte.

Hinz&Kunzt: Für uns ist Musik ein wichtiger Teil der persönlichen Freiheit. Du hast dich für den Beruf Musiker entschieden. Ist es wirklich so, dass du bei deiner Arbeit ein Freiheitsgefühl auslebst, oder ist Musik für dich ein alltäglicher Job geworden?

Smudo: Nicht das Musik machen ist Freiheit. Freiheit ist, zu machen, was einem gefällt und davon leben zu können. Vielleicht ist Kunst für viele ein Symbol für Freiheit. Ich empfinde es nicht mehr so: Was als Hobby angefangen hat, ist zu meinem Beruf geworden. Wie alles, was von der Exotik zur Routine wird, ist auch das Musikerdasein irgendwann entmystifiziert.

H&K: Fällt es dir schwer, immer noch regelmäßig kreativ zu sein?

Smudo: Also, das ist ein total kompliziertes Thema. Der Mensch ist zunächst einmal von Natur aus kreativ. Schließlich sind wir die Affen, die irgendwann mal die zwei Kisten übereinander gestellt haben, um die Banane zu pflücken. Wenn es zum Beispiel darum geht, sich Gründe auszudenken, warum man dieses oder jenes gerade nicht mit seiner Freundin besprechen möchte, dann ist das auch eine Form von Kreativität. Der Unterschied ist, dass ein Künstler seine Kreativität gezielt irgendwo hinbaut, was eine gewisse Disziplin erfordert. Ich brauche heute allerdings mehr Disziplin als früher, behascht im Jugendzimmer. Da war das Pflichtleben die Schule, und die Kreativität war Rebellion und Freiheit. Jetzt ist es genau andersherum. Heute muss ich mich dazu zwingen, jeden Tag einige Stunden lang irgendetwas zu schreiben, egal was.

H&K:Aber hat man nicht irgendwann das Gefühl, alles schon einmal gesagt zu haben?

Smudo: Nein. Dadurch, dass man älter wird und immer noch ständig neue Erfahrungen macht, bekommt man immer neue Ideen. Innerhalb der Band haben sich darüber hinaus die Beziehungen nivelliert, jeder lebt sein eigenes Leben. Was auch ein Motor für neue Impulse ist.

H&K: Woher nehmt Ihr in der Band außerdem eure Inspiration?

Smudo: Ich finde das Bild schön, wenn man sagt, man hat einen kreativen Brunnen, aus dem man eimerweise Ideen schöpft. Dieser Brunnen muss gezielt gefüllt werden. Da gehen wir als Band mittlerweile sehr professionell vor. Jeder von uns bringt seine eigene Musik, Bücher und Filme mit. So etwas bringt viel aus dem Unterbewusstsein hervor.

H&K:Wenn Ihr so sehr auf das Unterbewusstsein setzt, wie kommt dann eine bewusste Message in eure Musik?

Smudo: Es ist wichtig, dass mein Gefühl mit der Musik zusammenpasst und dadurch hörbar wird. Die Message steht für mich dabei eher im Hintergrund. Bei MFG („Mit freundlichen Grüßen“ – Erfolgssingle aus dem Album 4:99) war es zum Beispiel so, dass wir uns erst im Nachhinein überlegt haben, welche Aussage der Song haben könnte. Wichtiger für mich ist, dass die Songs in Gemeinsamkeit entstehen, damit der Soul in der Musik stimmt.

H&K: Ihr arbeitet gerade an einem Album, das voraussichtlich Ende dieses Jahres erscheinen wird. Wie wird es deiner Meinung nach ankommen?

Smudo: Egal wie das Album aussieht – nur wenn du mindestens eine Single drauf hast, die signalisiert, da kommt was Neues, kann es ein Erfolg werden. Wenn es bei uns diesmal nicht so gut läuft, dann verkaufen wir 100.000, und wenn es gut läuft, werden es 300.000. Mit mehr ist nicht zu rechnen. Die Zeiten sind hart.

H&K: Woran liegt das?

Smudo: Es gibt immer mehr Leute, die Musik nur als Hintergrundberieselung in Anspruch nehmen und denen Radio und Fernsehen ausreichen. Wer sich darüber hinaus interessiert, zieht sich Songs aus dem Internet oder hat einen CD-Brenner. Der moralische Wert der Musik ist stark gesunken, und keiner kauft mehr Platten. Die Tonträgerindustrie lässt sich meiner Meinung nach nicht mehr retten, worunter vor allem die Künstler leiden, denen die Einnahmen bald nicht mehr zum Leben reichen.

H&K:Kommerziell gesehen ist Hip-Hop weit weniger hip als noch vor einiger Zeit. Es scheint keine neuen Impulse mehr zu geben. Wie sieht die Zukunft der Rapmusik aus?

Smudo: Dadurch, dass Rapmusik sich gut mit anderen Stilrichtungen kreuzen lässt, wird sie eine relativ hohe Überlebenschance behalten. Deutscher Hip-Hop speziell dreht sich allerdings im Moment sehr im Kreis. Ich habe zurzeit nichts auf der Uhr, was ich für unser Label Four Music gerne signen würde. Entweder es ist langweilig oder es ist zu speziell, um es vermarkten zu können. Aber ich glaube an Zyklen. Deutsche Musik ist nicht tot, sie ist nur gerade nicht populär.

H&K: Bei der letzten Bundestagswahl hast du dich für Rot-Grün eingesetzt. Hast du vor, dich auch in Zukunft politisch zu engagieren?

Smudo: Nee, ich bin sogar der Meinung, die Fantas sollten nichts mit Politik zu tun haben.

H&K: Warum nicht?

Smudo:Weil wir keine politische Band sind. Wir sind zwar politische Menschen und haben jeder unsere eigene Meinung, aber wenn unsere Musik in einen politischen Kontext gestellt wird, sehe ich unsere künstlerische Freiheit gefährdet. Politik ist mir zu schlammschlachtig, damit will ich nichts zu tun haben. Ich möchte nicht auf eine politische Aussage festgenagelt werden, die ich mal in der Öffentlichkeit zu einem bestimmten Thema gemacht habe, in dem ich eventuell gar nicht kompetent bin. Die Leute sollen mich nach meiner Musik beurteilen und nicht nach meiner politischen Meinung.

H&K: Warum hast du dich dann für Rot-Grün engagiert?

Smudo:Bei der Wahl bin ich über meinen Schatten gesprungen, weil mir die Kombination Stoiber – Beckstein so brutal Angst gemacht hat. Sie stehen für ein überholtes Gesellschaftsbild, das schwarze, asiatisch und südländisch aussehende Menschen nicht selbstverständlich als Deutsche akzeptiert. Ich habe in meinem Bekanntenkreis viele, die dadurch regelmäßig Probleme haben. Meiner Freundin, die schwarze Deutsche ist, wird an der Kasse im Supermarkt oft nicht geglaubt, dass die EC-Karte wirklich ihr gehört. Da wird grundsätzlich angenommen: Die bescheißen mich doch, die Bimbos. Das ist Rassismus! Und ich denke, dass vor allem die Grünen da für eine moderne, offene Politik stehen.

H&K: Du hast mit den Fantas bereits sehr viel Erfolg gehabt. Wird es so weitergehen oder kommt demnächst ein bürgerliches Leben?

Smudo: Das Thema sitzt einem natürlich im Nacken. Andererseits ist Hip-Hop noch zu jung, als dass man Beispiele dafür hätte, wie sich ein alter Rapper verhalten sollte. Wir werden sehen, wie es sich anfühlt, mit dem neuen Album auf Tour zu sein, und das wird darüber entscheiden, wie es weitergeht. Wenn es gut läuft, machen wir weiter, wenn nicht, dann haben wir natürlich auch unser Label, an dem wir noch einige Jahre arbeiten können. Ansonsten schreibe ich gerade an einem Drehbuch – das ist aber bisher ein ungelegtes Ei. Langfristigere Planungen gibt es noch nicht.

Interview: Marco Kasang, Neil Huggett und Philipp Ratfisch

Apfel ist nicht gleich Apfel

Von wegen Chancengleichheit: In der Vorschule zeigt sich, wer zu Hause gefördert wird

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

Ein Apfel ist rund, fast wie ein Kreis. Er ist rot, manchmal auch etwas grün und gelb, und er hat einen Stiel. Das weiß auch Isabel. Schließlich ist sie sechs Jahre alt und hat schon oft einen Apfel in der Hand gehabt. Sie nimmt ihre Stifte aus der Ablage unter ihrem Tisch und betrachtet etwas hilflos und skeptisch das vor ihr liegende Arbeitsblatt. Es ist neun Uhr morgens, ein ganz gewöhnlicher Tag in einer Vorschule mit ganz ganz gewöhnlichen Kindern, in einem privilegierten Stadtteil Hamburgs.

Ein Blick zum Nachbarn hilft Isabel auf die Sprünge: Konzentriert verbindet sie die eng zusammenstehenden Punkte miteinander. Die Verbindungslinie wird etwas krumm und schief. Aber nach einem prüfenden Blick sieht Isabel recht zufrieden aus. Als sie fertig ist, staunt Isabel nicht schlecht: Die zittrigen Umrisse eines Apfels liegen vor ihr. Ganz erfreut über das Ergebnis beginnt sie mit dem Ausmalen. Ein bisschen Rosa hierhin, dann noch etwas Lila, und natürlich darf auch Gold auf keinen Fall fehlen. Dass am Schluss das gesamte Blatt und nicht nur der Apfel ausgemalt ist, stört Isabel überhaupt nicht.

Auch Tine macht sich an das Arbeitsblatt mit dem Apfel. Sie verbindet sorgfältig die Punkte miteinander, sodass eine gleichmäßige Kontur eines Apfels entsteht. Dann überlegt sie sich, welche Farben sie verwenden möchte und nimmt sie aus dem Kasten. Tine malt nicht über den Rand. Sie lässt rot, grün und gelb ineinander fließen und lässt einen Apfel entstehen, der fast schon plastisch wirkt.

„Schon jetzt stelle ich fest, welch ungleiche Voraussetzungen die Kinder von zu Hause mitbringen“, sagt Elisabeth Hoffmann, die seit fünf Jahren als Sozialpädagogin in Vorschulen tätig ist. „Schließlich haben die Kinder schon mindestens fünf Jahre ihres Lebens hinter sich“, sagt Hoffmann, „und je nachdem, wie die Eltern sich kümmern, ist in der Zeit schon unheimlich viel an Entwicklung gelaufen.“ Deshalb sieht die 39-jährige Vorschullehrerin es als Aufgabe der Vorschule an, Ungleichheiten entgegenzuwirken.

Bevor Hoffmann ihren Dienst in dieser Vorschule antrat, arbeitete sie ausschließlich in den sozialen Brennpunkten Hamburgs. Dass sie in einem privilegierten Stadtteil unter ganz anderen Voraussetzungen arbeiten würde, war ihr klar: In den Brennpunkten kamen Kinder ohne Frühstück in die Vorschule, „ungewaschen und verwahrlost“. Deshalb wundert es Hoffmann auch nicht, wie „ungleich die Chancen auf eine gute Entwicklung und erfolgreiche Zukunft in unserer Gesellschaft sind“. Sie konnte beobachten, wie viele Kinder schon im harten Kampf des Lebens standen: „Wenn Kinder morgens ihre Eltern wecken müssen, mit fünf Jahren alleine zur Vorschule kommen, dann bleibt kein Raum, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln.“

In ihrer jetzigen Wirkungsstätte sehe das ganz anders aus, „die materiellen Grundbedürfnisse sind in diesem Stadtteil auf jeden Fall gedeckt“, beobachtet Hoffmann. Dafür fehle es in den Familien aber manchmal an Zeit und Ansprache.

Justus kommt immer sehr früh in die Vorschule. Oft sitzt er schon alleine auf den Bänken im Vorraum, lange bevor jemand da ist. Justus sieht nicht fröhlich aus. Seine Augen gucken müde zur Treppe, er wartet auf die Vorschullehrerin. Justus hat noch Straßenschuhe und seine Jacke an, denn seine Eltern hatten keine Zeit, ihm beim Ausziehen zu helfen. Vielleicht haben sie ihn nicht einmal bis in den ersten Stock gebracht, sondern unten vor dem Haupteingang verabschiedet. Eigentlich weiß Justus, dass er seine Jacke aus- und seine Hausschuhe anziehen soll, wenn er in die Vorschule kommt, aber weil er noch so müde ist, vergisst er das immer wieder. Wenn dann Elisabeth Hoffmann die Treppe heraufkommt, wartet Justus oft schon eine halbe Stunde darauf, ihr etwas erzählen zu können.

Justus’ Haare sind nicht gekämmt, und auch seine Fingernägel sind nicht geschnitten, aber das stört ihn nicht. Denn Justus hat einen Gameboy bekommen, den er stolz vorführt. „Du, Frau Hoffmann, weißt du was? Den hab’ ich von meiner Mama bekommen, und heute Mittag bekomme ich eine Angel“, erzählt Justus, denn jeden Tag darf er sich etwas Neues zum Spielen aussuchen.

Elisabeth Hoffmann glaubt, dass die Vorschule ein „Ort des Vertrauens“ sein muss. „Wenn man die Chance hat, bei Kindern etwas in Gang zu setzen, sie zu motivieren und ihnen Freude an Neuem und am Lernen zu geben, dann entsteht eine starke emotionale Bindung“, sagt Hoffmann. Kinder würden nur unbefangen an Neues herangehen können, wenn sie keine Angst davor haben müssen, Fehler zu machen.“ Sie ist überzeugt davon, dass die Vorschule benachteiligte Kinder so fördern könnte, dass sie trotz ihrer Herkunft in nichts nachstehen müssen – in kleinen Fördergruppen oder auch durch Einzelunterricht. Aber Hoffmann meint auch, dass es an personeller Ausstattung fehle, um diesem Ziel gerecht zu werden, denn es brauche vor allem Zeit, um Kinder individuell zu fördern.

„Die Vorschule bereitet auf die Grundschule vor, und deshalb ist es wichtig, den Kindern Selbstbewusstsein zu geben, damit sie Spaß am Lernen haben, ohne zum Einzelkämpfer zu werden“, erklärt sie. Das passiere erstaunlich oft in finanziell gut abgesicherten Stadtteilen. „Allerdings lassen sich Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft gegenüber anderen hier oft noch gut entwickeln“, sagt Hoffmann, die in sozialen Brennpunkten oft das Gegenteil feststellen musste.

Auch einige ausländische Kinder gehören zu Elisabeth Hoffmanns Gruppe. So wie Cham. Er ist gerade ziemlich frustriert. Er soll einen Igel ausschneiden. Seine Schere hält er in der Hand, als ob er gar nicht recht wüsste, wozu man ein solches Gerät benutzt. Vielleicht hält er sie auch nur in der falschen Hand.

Doch das mit dem Nachfragen ist nicht so einfach, denn Cham spricht kaum Deutsch. Der Fünfjährige ist das einzige Kind in dieser Vorschulklasse, das türkische Eltern hat. Zwar ist Cham in Deutschland geboren, er war vor der Vorschule aber noch nie in einem Kindergarten oder einer Spielgruppe. Seine Eltern arbeiten den ganzen Tag, und so passt seine Oma auf ihn auf, die nur türkisch mit ihm spricht.

Nach kurzer Zeit versucht Cham es mit der anderen Hand. Das Schneiden gelingt ihm schon besser. Doch es fällt ihm schwer, auf der Linie zu bleiben, denn Cham kann sich schlecht konzentrieren. Lieber schaut er, was andere Kinder machen, die an ihm vorbeilaufen.

„Der Sinn der Vorschule ist nicht darauf beschränkt, Sprachschwierigkeiten zu beseitigen“, stellt Hoffmann klar. Doch oft beschränke sich vieles darauf, „denn Sprache ist die Voraussetzung, Inhalte zu begreifen.“

„Als Mediziner, als Anwalt, als Betriebswirt: Für alles braucht man ein Diplom“, sagt Hoffmann, „nur nicht, um Kinder zu erziehen.“ Oft fasst sie sich an den Kopf, wenn sie sieht, dass viele Menschen sich scheinbar kaum Gedanken über die Erziehung ihrer Kinder machen und nicht merken, wieviel Schaden dadurch schon bei kleinen Kindern angerichtet wird. „Schließlich kann sich ein Kind seine Erziehung nicht aussuchen.“

Annika Sepeur

Paten für Straßenkids

500 Hamburger helfen Strichern, ein neues Leben anzufangen

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

Jugendredakteurin Annika Sepeur sprach mit dem Stricher Tom und mit Ute und Gesine Plagge, die Menschen wie Tom helfen wollen.

Eigentlich wollte er gar nicht mit mir sprechen. Es ist ihm unangenehm, und dann bin ich auch noch eine Frau. Tom (Name geändert) ist 23 Jahre alt. Er ist groß, schlank, hat braune Haare, und er geht auf den Strich.

„Ein Kumpel hat mich mal hierher gebracht“, erzählt Tom. Die mittlere Reife hat er, aber schon mit 15 ist er von Zuhause weggegangen. „Mein Stiefvater hat mich rausgeschmissen.“ Warum? Tom zuckt die Achseln. „Ich habe mich immer mit ihm gestritten, und meine Mutter stand zwischen uns.“ Er zog „zu Oma“ und danach von Pflegefamilie zu Pflegefamilie.

Toms Blick ist auf den Boden gerichtet. Er fühlt sich nicht wohl auf dem Sofa, er zündet sich eine Zigarette an. „Das war damals ’ne schwere Zeit, mit den Bewerbungen und so.“ Es gab niemanden, der ihn unterstützte. „Die Bezugsperson fehlte mir“, sagt er. Also arbeitete er nach der Schule schwarz – und ging „auch mal“ auf den Strich. „Ein Kumpel meinte, wenn man unabhängig sein und das schnelle Geld machen will, dann wäre das ’ne gute Sache.“

Ein paarmal hat Tom „das“ gemacht. „Am Anfang denkt man halt, dass man unabhängig wäre, aber später findet man raus, dass es nicht so ist.“ Jetzt geht er nur noch gelegentlich auf den Strich, wenn er dringend Geld braucht: „Nicht für Drogen. Ich hab zwar mal Heroin genommen, aber das ist vorbei. Ich gehe bestimmt nicht auf den Strich, mache da Geld klar und renn dann zum Dealer.“

Über Basis e.V. hat Tom inzwischen eine Wohnung gefunden. In die Anlaufstelle für Stricher kommt er immer noch, um sich mit den anderen Kids und den Betreuern zu unterhalten. Denn zu den Leuten, die ihm damals zu seiner „Unabhängigkeit“ geraten haben, hat er keinen Kontakt mehr. „Das ist mir alles viel zu verlogen.“

Die Wohnung bedeutet für ihn den ersten Schritt für einen Neuanfang. „Eigentlich möchte ich eine ordentliche Umgebung für meine dreijährige Tochter schaffen.“ Toms Tochter lebt bei seiner Ex-Freundin. Er sieht sie zwei- bis dreimal die Woche. Die Mutter seines Kindes weiß aber nicht, dass er in der Stricherszene war. „Am meisten Angst habe ich davor, dass sie dem Kind erzählen würde, dass es keinen Vater hat“, sagt er. Leise fügt er hinzu: „Ich habe zwei Gesichter, und ich würde gern nur eines haben. Denn das eine davon ist ziemlich falsch.“

Am liebsten würde er eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker machen. Auf jeden Fall irgendetwas Handwerkliches. Zur Zeit arbeitet er allerdings noch schwarz im Hafen. Dass Basis e.V. mehr als 500 Paten hat, die das Projekt unterstützen, findet Tom gut. Außerdem kann er sich vorstellen, dass einige der Paten auch mal „ein beschissenes Leben“ hatten und jetzt den Jungs auf die Sprünge helfen wollen. Trotzdem möchte Tom die Spender nicht kennen lernen, „weil ich mich dann zeigen müsste. Es ist auch immer die Frage, ob einen die Leute verstehen.“

Oft hat er das Gefühl, dass andere Menschen „alles in den Hintern“ gesteckt bekommen. „Da bekomme ich dann so einen Hals, wenn ich in Bus und Bahn die Probleme höre, wie schwer das Leben doch ist und ich daran denke, wie ich kämpfen musste, nur um meinen Kopf über Wasser zu halten.“ Trotzdem oder gerade deshalb ist für ihn eins klar: „Irgendwann, wenn ich auch mal ein bisschen Geld übrig habe, möchte ich auch was spenden, denn ich kann mich wirklich in die Situation der Jungs hineinversetzen.“

Ute Plagge hat sich ganz spontan dazu entschieden, Patin zu werden. In der Kantine sah die 46-jährige Informatikerin in einem großen Datenverarbeitungsunternehmen den Informationsstand von Basis e.V. Sie dachte gleich: „Ja, das ist es!“ Lange schon hatte sich die ausgebildete Germanistin und Mutter zweier Kinder Gedanken über Straßenkinder gemacht. Und das, obwohl sie sich neben dem Job sowieso schon ehrenamtlich engagiert – im Kriseninterventionsteam vom Deutschen Roten Kreuz. Die Mitarbeiter leisten psychosoziale Hilfe, wenn Menschen einen Unfall haben oder Angehörige sich umbringen. „Ich brauche diesen Gegensatz zu meiner schicken, sauberen und teuren Datenverarbeitungswelt“, sagt Ute Plagge.

Kurz vor dem Treffen mit den Leuten von Basis e.V. hatte sie in einer Familie mit mehreren Kindern geholfen. Denen ging es so schlecht, dass „ich das Gefühl hatte, sie irgendwann am Bahnhof wiederzutreffen. Es schien mir einfach so unausweichlich, und da merkte ich, dass manche Kinder verflucht schlechte Chancen haben.“

Beim Patentreffen in der Anlaufstelle zog es sie sofort zu der Wand mit den Fotos der Jugendlichen. „Ich suchte nach den Kindern aus meinem Einsatz und dachte nur: Hoffentlich seid ihr hier nicht drauf. Hoffentlich erkenne ich keinen wieder.“ Und manchmal, wenn sie am Hauptbahnhof ein Mädchen aus dem Milieu sieht, denkt sie bestürzt: „Das könnte auch Gesine sein.“

Gesine ist ihre 16-jährige Tochter – und die Sorgen sind unbegründet. Im Gegenteil. Seit Weihnachten ist die Schülerin selbst Patin. „In letzter Zeit habe ich oft gedacht, was für ein Glück ich habe und dass es einfach als normal angesehen wird, dass wir ein Zuhause haben, all den Luxus.“ Große Konsumwünsche hat sie momentan auch nicht: „Ich hab doch alles, was ich brauche, und warum soll ich mir noch einen CD-Player wünschen.“

Mit sechs Euro pro Monat ist sie jetzt als Patin dabei. Bisher haben Mutter und Tochter noch keinen der betroffenen Jugendlichen kennen gelernt. „Aber das ist auch gut so“, findet Gesine, „schließlich sind die Einrichtungen ja gerade dafür da, dass die Jugendlichen mal zur Ruhe kommen.“ Dafür sind aber die jährlichen Patentreffen „total interessant, weil man da mit Betreuern sprechen kann und wirklich sieht, was mit dem Geld passiert“.

Gesine ist inzwischen schon als „Botschafterin“ tätig: Eine ihrer Lehrerinnen will vielleicht ebenfalls spenden. Außerdem ist Gesine auch in einer Literaturklasse, die regelmäßig Aufführungen macht. „Wir überlegen gerade, ob wir die Einnahmen spenden.“ Scheint so, dass sich Gesine noch lange für die Straßenkids engagieren will. „Mir wird immer wieder klar, dass es Leid nicht nur in anderen Ländern gibt, sondern direkt hier, vor meiner Haustür.“

Nachtschicht

Wenn andere schlafen oder feiern, gehen sie zur Arbeit

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

22.20 Uhr

Flughafen – Terminal 4 – Gepäckermittlung

Seit 15 Uhr sitzt sie schon am Schalter. Nele spürt ihr Blut in den Adern pochen. Wenn sie Kopfschmerzen hat wie heute, findet sie das Licht unerträglich.

In der Gepäckhalle herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Zwei Reinigungskräfte verputzen schwatzend ihre mitgebrachten Stullen. Ihr Lachen hallt durch den leeren Raum. Die Drehtür wird in Bewegung gesetzt. Im Nu wird die Stille von Gemurmel und Gemecker und klappernden Absätzen übertönt. Nele greift nach dem Stift und streicht den nächsten Flug auf der Liste durch. „Das ist meine kleine Neurose. Besonders abends, wenn nicht mehr viel zu tun ist.“ Ein sichtlich überforderter älterer Herr steht vor dem Tresen der Gepäckermittlung. „Mein Gepäck ist nicht aus Amsterdam angekommen!“ Nele lächelt. „Das kriegen wir schon wieder hin. Mit welcher Fluggesellschaft reisen Sie?“

Von ihren Kopfschmerzen ist nichts zu merken. Die 25-Jährige hat sich mit ihrer Aufgabe im Bereich Gepäckermittlung arrangiert: Verluste und Schadensfälle und damit genervte Fluggäste gehören zur Tagesordnung. „Hier kommt keiner, um sich für seinen schönen Flug zu bedanken.“ Schon gar nicht tagsüber, wenn die gestressten Geschäftsleute mit ihren nervtötenden Handys durch die Halle rasen. Das ist ein positiver Aspekt der Spätschicht. Doch Nele ist dafür momentan nicht zu begeistern. Gähnend blickt sie auf die Uhr.

„Normalerweise gehe ich um diese Zeit ins Bett. Hier kann ich nicht schon mal meine Pyjamahose anziehen.“ Um Mitternacht ist ihr Arbeitstag voraussichtlich zu Ende, bei verspäteten Maschinen erst eine Stunde später. Der Flughafen wirkt dann wie ausgestorben. „Wir haben dann alles für uns. Manchmal singen und steppen wir über die Pier.“

0.47 Uhr

St. Pauli – Nightcruiser

180 Beats per Minute wummern aus den Boxen. Tausend kleine Lämpchen blinken im Takt der Techno-Sounds. Im Bus ist kein Sitzplatz mehr frei, doch die meisten kümmert es wenig. Sie drängen sich im hinteren Teil des Busses und wippen mit den Beats. Dort ist die Musik am lautesten. Und dort steht die Bar. Viele sind Stammgäste, kennen sich gegenseitig und kennen Ronny, den Busfahrer. Sechsmal fährt er heute die Tour von den Lan-dungsbrücken über den Kiez bis zum Rathausmarkt.

„Ich hab Spaß an meiner Arbeit“, schwärmt Ronny und legt eine neue CD ein. Die Musik für den Bus hat er selbst zusammengestellt. Seit der Geburtsstunde des Nightcruisers vor drei Jahren sitzt der „Hobby-DJ auf Rädern“ Freitag und Samstag nachts hinter dem Steuerrad. „Das ist ein ganz anderes Busfahren. Es sind jüngere Leute im Bus, man lernt sich viel besser kennen!“

Der blinkende Bus rollt durch die leeren Straßen. Keine Staus, keine Autoschlangen vor roten Ampeln, nur ein paar Taxis sausen durch die Innenstadt. Innerhalb der Woche arbeitet der 32-Jährige mittlerweile auch nur noch in der Spätschicht. „Ich bin nicht so der Typ, der gern früh aufsteht!“ Dreieinhalb Runden hat er noch abzufahren, dann geht es zum Betriebshof. Manchmal ist er dann froh, dass alles vorbei ist, dass er seine Ruhe und seinen Schlaf haben kann. Ans Aufhören wird er jedoch nie denken.

3.37 Uhr

Lerchenstr. 82 – Polizeikommissariat 16

Stille auf der Wache. Die grauen Vorhänge sind zugezogen, die Kollegen sind fast alle auf Streife, das Telefon steht still. „It’s like raiaaaain…“, seufzt Alanis Morissette durch das Radio. „Meldung an PK 16“ tönt es plötzlich über den Polizeifunk. Im Nu schiebt sich Sandra auf ihrem blauen Drehstuhl gen Schreibtisch und drückt einen der vielen Knöpfe vor sich. „16 hört“, antwortet sie. „Wir brauchen zwei Abschlepper in die Bernstorffstraße“, meldet ihr Gegenüber. Die 23-Jährige ist heute für den Dienst auf der Wache eingeteilt worden. Lieber fährt sie jedoch im Streifenwagen mit, „da vergeht die Zeit schneller.“ Diese Nacht gab es viele Ruhestörungen, zwei Vermisstenanzeigen und eine Anzeige wegen Einbruchs.

Heute ist eine ruhige Nacht. Für Sandra kein Grund zur Müdigkeit. „Ich bin eher ein Nachtmensch. Außerdem habe ich ja nicht jeden Tag Nachtdienst. Das geht schon“, sagt sie lächelnd. Sandra hat ihre dreijährige Ausbildung zur Polizistin im gehobenen Dienst im April abgeschlossen. Der Schichtdienst hat sie dabei nie gestört. „Das wäre der letzte Grund gewesen, warum ich nicht zur Polizei gegangen wäre.“

5.22 Uhr

Hafen – Fischmarkt

Früher hat er mal Pizza verkauft. Seit acht Monaten hat Kambiz andere Arbeitszeiten. Heute ist er um 2 Uhr in Berne losgefahren. Zwei Stunden später hat er angefangen, den Fisch am Tresen auszulegen. An die Nachtarbeit hat Kambiz sich gewöhnt. „Für Geld mache ich alles!“, sagt er augenzwinkernd. Seine großen, orangefarbenen Handschuhe greifen in eine Styropor-Schachtel mit der Aufschrift „Tip-Top Fiske Industri Denmark“.

Jede Scholle wird fein säuberlich einzeln auf dem Fischstapel ausgebreitet. „Kommse her, kommse ran“, schreit der gebürtige Iraner in perfektem Hamburgisch den ersten Marktbesuchern zu. Ihm ist nicht anzumerken, dass er die Nacht durchgemacht hat. Beim Arbeiten wird er eigentlich nie müde. „Der Fischmarkt ist das Beste“, schwärmt er, während er Deko-Plastikobst auf die ausgebreiteten Meeresfrüchte plumpsen lässt. „Da kann man Scherze machen, Leute kennen lernen…, es sind auch schöne Chicas hier.“ Für die weibliche Welt hat der 27-Jährige ohnehin viel übrig. Wenn er mal wieder unpünktlich zum Dienst erscheint, hat er entweder die Bahn verpasst oder aber eine Frau kennen gelernt.

Kathi Mohr

Neuer „Stützpunkt“ für Obdachlose

Befristetes Projekt auf dem Domplatz

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

Dienstag, 20.30 Uhr. Die Parkfläche auf dem Domplatz ist menschenleer. An der Wand des ehemaligen Toilettenhäuschens verrichtet ein Obdachloser seine Notdurft. Seine Habseligkeiten stapeln sich in einem Einkaufswagen. Dieses Szenario soll bald der Vergangenheit angehören. Der Runde Tisch St. Jacobi, an dem Kirche, soziale Einrichtungen und Geschäftsleute vertreten sind, will das baufällige Toilettenhäuschen zum Stützpunkt für Obdachlose umbauen. Entstehen sollen sanitäre Einrichtungen und Schließfächer für Gepäck. Ein Straßensozialarbeiter mit halber Stelle soll die Obdachlosen betreuen.

Träger wird die Caritas. Das Geld kommt je zur Hälfte aus der Spendenaktion „Ein Dach für Obdachlose“, die in Geschäften der City läuft, und von der Sozialbehörde. Das Projekt beginnt im Mai und ist auf ein Jahr befristet. Danach muss der Stützpunkt wahrscheinlich einer Neubebauung des Platzes weichen, den derzeit die Patriotische Gesellschaft von der Stadt gepachtet hat.

Markus Renvert von der Caritas freut sich trotzdem, dass der Stützpunkt jetzt verwirklicht wird. Die Idee entstand schon vor fast zwei Jahren. Unklarheiten über die Bebauung des Platzes und Differenzen mit der Stadt in Finanzierungsfragen hätten die Realisierung lange verhindert, so Renvert.

Bei den Hinz & Kunzt-Verkäufern, die in der Innenstadt Platte machen, trifft die Idee auf positive Resonanz. Lediglich die Öffnungszeiten wecken Unmut. Laut Projektbeschreibung wird das Angebot keine Tagesaufenthaltsstätte sein. Denn geplant ist, nur von 9 bis 11 Uhr und von 17 bis 19 Uhr zu öffnen. Hinz & Kunzt-Verkäufer Marc: „Spätestens um acht Uhr muss ich die Platte geräumt haben. Und abends lege ich mich nicht schon um 19 Uhr schlafen. Also muss ich doch wieder mit Sack und Pack durch die Stadt ziehen.“

Die Geschäftsleute in der City erhoffen sich durch den Stützpunkt eine Entspannung vor allem auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz und am Mönckebrunnen, Treffpunkte von Wohnungslosen. Auch die von Geschäftsinhabern beobachtete „Verunreinigung der City“ solle zurückgehen.

Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer begrüßt das Projekt ausdrücklich. „Es wird Zeit, dass solch ein Stützpunkt errichtet wird. Noch besser wäre natürlich eine ständige Aufenthaltsmöglichkeit für Obdachlose in der City.“ Karrenbauer warnt allerdings davor, dass mit Hilfe des Stützpunktes Obdachlose aus den Einkaufsstraßen verbannt werden könnten: „Das Problem der Wohnungslosigkeit wird weiter existieren, solange nicht genügend Wohnraum angeboten wird.“

Jan-Malte Ambs

Hermanns heilende Hände

Warum der Erfolg des HSV von einem Bayern abhängt

(aus Hinz&Kunzt 120/Februar 2003)

Bambi, Oskar, Bundesverdienstkreuz — immer werden die ausgezeichnet, die sowieso schon im Rampenlicht stehen. Zum Abschluss unserer Serie „Menschen in der 2. Reihe“ stellen wir HSV-Masseur Hermann Rieger vor.

Gerade ist ein verletzter Spieler reingekommen – den muss ich noch behandeln.“ Hermann Rieger steht an der Tür und streckt zur Begrüßung den rechten Ellenbogen in Richtung des Gastes. Der greift dankbar zu, alles besser als Riegers Hände und Unterarme. Die glänzen speckig von Massageöl.

Um 20.45 Uhr ist der Fußballer endlich durchgeknetet, Hermann Rieger hat sich die Hände gewaschen und bittet in sein Reich: den Massage- und Physiotherapieraum für die Profi-Spieler des Hamburger Sportvereins am Trainingsgelände in Ochsenzoll.

Hier stehen Behandlungs-Liegen im HSV-Blau, Rotlicht-Geräte hängen von der Decke des weiß gefliesten Raumes, Verbandsmaterial, Cremes und Tuben stehen auf Fensterbänken, Gymnastikbälle stapeln sich in einer Ecke, gleich daneben eine geräumige Badewanne, durch deren Abfluss gurgelnd Wasser fließt. Es riecht nach Zitrus und Menthol. Alles wirkt steril – bis auf die Pinnwand, an der Autogrammkarten hängen und die Namen der Bundesliga-Profis, die sich am folgenden Tag in die Hände des Masseurs Hermann Rieger begeben – Hollerbach, Hoogma und „TaKa“ für den japanischen Neuzugang Naohiro Takahara. Und dann ist da noch der Fernseher, der unter der Zimmerdecke hängt, und in dem – wie sollte es anders sein – Fußball läuft oder Musik.

Kurz streckt Roda Antar, der eben noch auf der Behandlungspritsche lag, den Kopf zur Tür herein, um sich zu verabschieden. „Tschau Burschi“, ruft Rieger dem libanesischen Fußball-Talent in schönster bayrischer Mundart hinterher.

„Ich bin morgens der erste, der kommt, und abends der letzte, der geht“, sagt der im bayrischen Alpenort Mittenwald geborene Rieger. Um 7.30 Uhr hat sein Arbeitstag begonnen. Jetzt sind seine Augen leicht gerötet, und die Charakterfalten haben sich ein bisschen tiefer in das Gesicht des 61-Jährigen gegraben. Gleich, um 22.30 Uhr, kommen noch zwei verletzte Spieler zur Behandlung – Bernardo Romeo und Stephan Kling. Die brauchen ihre Versorgung für die Nacht, bekommen Salbenverbände. Drei Mal pro Tag werden verletzte Profi-Fußballer behandelt, um den Heilungsprozess zu beschleunigen. „Spieler, die nicht spielen können, sind totes Kapital“, erklärt der Masseur, bei dem diese wirtschaftliche Denkweise wie auswendig gelernt klingt.

„Eigentlich bin ich kein richtiger Arbeiter“, sagt Rieger dann mit Blick auf seine 16-Stunden-Tage, die er nun seit mehr als 20 Jahren beim HSV schiebt. „Ich freue mich jeden Tag wieder, hierher zu kommen“, sagt er, fährt sich mit den kräftigen Händen durchs grau gelockte Haar und lacht. Die Müdigkeit, die man dem muskulösen Mann eben noch ansah, scheint wie weggeblasen.

Rieger hat ohne Zweifel Durchhaltevermögen. „Für diesen Job muss man topfit sein“, sagt der Masseur, der vor allem die vorderen und hinteren Beinmuskeln und die Rückenmuskulatur seiner „hochwertigen Jungs“ bearbeitet. Doch Rieger verdankt seine Kraft offenbar vor allem seiner puren Leidenschaft für den HSV, dem er sich mit Leib und Seele verschrieben zu haben scheint.

Damals, 1978, als Rieger vom 1. FC Bayern München nach Hamburg kam, haben sie dem Ur-Bayern vorausgesagt, er würde es keinen Monat im Norden aushalten. „Aber dann habe ich so viel Spaß gehabt und Erfolge gefeiert mit Stars wie Hrubesch, Kaltz und Keegan, da habe ich das Kündigen einfach vergessen“, erzählt er. So folgte ein Jahr dem nächsten. Heute bekommt der einstige Trainer der Deutschen Ski-Nationalmannschaft nur noch Heimweh, wenn er einen alten Ski- und Bergfilm im Fernsehen sieht – „da bekomme ich richtige Gänsehaut.“

Die Fans des HSV dankten Rieger seinen unermüdlichen Einsatz 1994 mit der Gründung des nach ihm benannten Fanclubs „Hermann’s treue Riege“. „Alles vernünftige Fans, keine Hooligans oder Leute, die mit Bierdosen schmeißen“, sagt Rieger.

Ihren Kult-Masseur als Mensch in der zweiten Reihe zu bezeichnen, werden sie vielleicht als Beleidigung empfinden. Doch Rieger steht dazu: „Ich wirke hinter den Kulissen. Das ist mein Job und das ist es, was ich will.“ Jeder Spieltag sei wie ein großes Finale, auf das er hinarbeitet. „Wenn ich am Freitagabend sagen kann: Der Trainer hat zu viele Spieler, die er einsetzen kann, dann bin ich zufrieden.“

Am Wochenende, wenn „seine Jungs“ dann spielen, sitzt er auf der Bank und leidet fürchterlich. Oder er erlebt die größten Glücksmomente – wie 1979 oder 1982, als der HSV Deutscher Meister wurde.

Zu gerne würde er noch einmal so einen Erfolg feiern, bevor er in Rente geht. „Die jetzige Mannschaft hat so viel Potenzial, vielleicht erleb ich noch eine Meisterschaft“, schwärmt er, und die Augen glitzern. Ein schöner Abschluss wäre das – obwohl Rieger nicht genau weiß, wie er seinen eigenen Abschied vom HSV verkraften wird. „Ich glaub schon, dass es schwer wird“, sagt er nachdenklich.

Wahrscheinlich kehrt er zurück nach Mittenwald in sein Elternhaus, wo auch seine Geschwister leben. Eine Familie hält ihn zumindest nicht in der Hansestadt – sie hätte ihn vermutlich sowieso kaum zu Gesicht bekommen. „Der Tag mit seinen 24 Stunden ist einfach zu kurz“, sagt Rieger. „Ich möchte gerne viel mehr machen.“ In Mittenwald wird er Zeit haben. Was er mit ihr anfangen wird, weiß der Masseur aus Leidenschaft allerdings noch nicht so genau. „Da werde ich wohl erst mal von Hütte zu Hütte springen und überall Grüßgott sagen“, so Rieger, der in seinem Heimatort alle kennt.

Und natürlich wird er alle Auswärtsspiele des HSV besuchen, in München und Stuttgart – „alle die, die ich von dort gut erreichen kann.“

Inzwischen hat Rieger seinen Nachfolger eingearbeitet, „dann kann ich mich peu à peu verabschieden.“ Die Spieler wird er sicher vermissen. Aber im Profi-Fußball gehört Abschiednehmen auch zum Geschäft. Früher seien die Spieler dem Verein sechs oder acht Jahre lang treu geblieben. Heute wechseln sie ihre Clubs immer schneller. „Gerade hat man sich angefreundet, schon verlässt wieder jemand die Stadt“, sagt Rieger, der das oft sehr traurig findet. Schließlich kennt er die Jungs. „Ich bin ja immer da. Die Spieler wissen, dass sie mit Fragen und Problemen zu mir kommen können.“ Und das tun sie auch, bei Stress mit der Familie, in der Beziehung oder der verpatzten Urlaubsplanung. „So cool, wie viele von ihnen tun, sind sie nicht“, sagt Rie-ger, der seinen Schützlingen manchmal auch mit einer kleinen Notlüge über die Runden hilft – mehr verrät er nicht.
Bei Hermann Rieger sind Geheimnisse gut aufgehoben.

Annette Bitter

Hölle und Himmel

Eine wahre Liebesgeschichte, die bei Hinz & Kunzt begann

(aus Hinz&Kunzt 120/Februar 2003)

In Werners Zimmer gibt es eine Eidechse im Terrarium, 15 Karl-May-Bände aus der Jugendzeit, Pos-ter von Doors-Sänger Jim Morrison und eine Spur Zigarettenrauch. Über der Tür hängt ein Schal vom FC St. Pauli.

In Susannes Zimmer gibt es Plakate von Macke und Kandinsky, Aktenordner aus dem Germanistik-Studium, garantiert rauchfreie Luft und einen Plüschleoparden. An der Tür hängtein afrikanisches Stofftuch.

Ziemlich unterschiedlich, diese Zimmer. Gehören aber zu einer Wohnung und zu einem Paar. Werner und Susanne haben sich gefunden. Sie haben die Masken, die man so vor sich trägt, fallen lassen und einander erkannt. Wie es sich für eine wahre Liebesgeschichte gehört, haben die beiden in Abgründe geschaut. Es ging um Leben und Tod.

Diese wahre Liebesgeschichte, die bei Hinz&Kunzt begann, wollen wir hier erzählen. Erfunden sind nur die Namen. Die haben wir geändert, für Werner. „Ich habe 27 Jahre lang harte Drogen genommen und war 13 Jahre im Gefängnis“, sagt Werner, wie andere sagen, sie hätten Dreher gelernt und dann in einem Betrieb in Bahrenfeld angefangen. Sein heutiger Chef weiß von dieser Vergangenheit, aber nicht die Lagerarbeiter und Fahrer, die Werner in der Firma unterstellt sind. Da könnte es „derbe Schwierigkeiten“ geben, meint der 50-Jährige. Vergangenheit da, Autorität weg. Deshalb wollen wir lieber vorsichtig sein.

„Am 8. April sind wir sechs Jahre zusammen“, sagt Susanne präzise. „Für mich sind wir das schon Ende März“, entgegnet Werner. Das wird nachher wieder Diskussionen geben! Wie jedes Mal, wenn der Jahrestag naht. Ob das gut geht? Ja, bei Werner und Susanne geht es schon seit fast sechs Jahren gut (oder sind es zehn Tage weniger?).

Werner, Jahrgang 1952, hat Vorsprung: Er ist 19 Jahre länger auf der Welt als seine Freundin. Andererseits, wendet sie ein, war er – zusammengerechnet – 13 Jahre im Gefängnis, abgeschnitten vom Erleben und Älterwer-den draußen. Jedenfalls sei Werner nicht der typische 50-Jährige, findet Susanne, sein Alter fühle sich eher wie Ende 30 an, und so ist der Unterschied gar nicht mehr so groß.

Im Frühjahr 1970, als in der bürgerlichen Familie Hollmann in München an die Ankunft einer Tochter noch nicht zu denken war, beendete Werner bereits seine Pinneberger Jugendzeit und feierte auf dem Kiez seinen 18. Geburtstag. Da probierte er zum ersten Mal Heroin. Es war grässlich. Zwei Tage später probierte er nochmal. Da war es gut, „zu gut“.

Die Tagesdosis von einem Gramm kostete damals 700 Mark und mehr. Das verdient man nicht mit einer Verwaltungslehre, die man auf Wunsch des Vaters und ohne Freude absolviert. Werners kriminelle Karriere beginnt. Er, der nüchtern nichts anstellen würde und eigentlich einen extremen Gerechtigkeitssinn hat, dealt und klaut. Die Mühle geht los: Knast – Therapie – Knast – Therapie, dazwischen mal eine stabile Phase, als er verheiratet ist, dann wieder Rückfall, Straftaten, Obdachlosigkeit.

Im Februar 1994 hat Werner gerade wieder eine Therapie abgebrochen und landet in der Umgebung, die ihm vertraut ist: am Hauptbahnhof. Da sieht er einen Bekannten das neu gegründete Straßenmagazin Hinz&Kunzt verkaufen. Er spricht ihn an, bekommt eine Zeitung geschenkt und fängt Feuer. Also gleich in die Bugenhagenstraße (wo Hinz&Kunzt damals saß), Verkäuferausweis und die ersten zehn Zeitungen geholt.

Es war die Boom-Zeit von Hamburgs Straßenmagazin. Traumhafte Auflagen, euphorisierende Erlöse. Werner steigt voll ein. Verkaufsplatz am Alsterhaus, Nachschub karrt er im Handwagen heran, und nicht nur einmal in der Woche bezahlen Menschen mit einem 50-Mark-Schein, ohne Wechselgeld zu verlangen. Werner findet ein Zimmer und kann seine Drogen bezahlen, was nicht schön ist, aber immer noch besser, als dafür Straftaten zu begehen. Einige Wochen später lässt er sich ins Polamidon-Programm aufnehmen und bekommt unter ärztlicher Kontrolle die Ersatzdroge.

Anderthalb Jahre später ist er clean, vorerst. Bei Hinz&Kunzt hat Werner inzwischen eine feste Stelle im Vertrieb. Aber wo bleibt Susanne? Sie kommt aus einer Familie, die zusammenhält. Sie ist aufgeschlossen, diskussionsfreudig und gewissenhaft. Ihren 18. Geburtstag feiert sie, wie auch die vorherigen und folgenden, drogenfrei.

In Hamburg beginnt Susanne mit dem Germanistik-Studium und trifft ebenfalls auf das neue Straßenmagazin: Zusammen mit einer Freundin macht sie aus den Lebensgeschichten von Hinz & Kunzt-Verkäufern eine Ausstellung. 1995 wird sie Redaktionsassistentin, als Job neben dem Studium. Endlich kreuzen sich also die Wege von Werner und Susanne. Und was passiert? Nichts. Fast zwei Jahre nichts. Beide machen ihre Arbeit. Das war’s.

Dann gerät Werner aus dem Tritt. Seine 17-jährige Tochter ist bei ihm aufgetaucht, zu der er jahrelang keinen Kontakt hatte. Er müsste erkennen, dass sie heroinabhängig ist. Werner hat sich oft genug im Spiegel gesehen, um zu wissen, was stecknadelkopfgroße Pupillen bedeuten. Aber bei seiner eigenen Tochter will er es nicht wahrnehmen. Werner wird selber rückfällig. Seinen Job bei Hinz & Kunzt gibt er auf. Redaktionsassistentin Susanne besucht ihn mit einer Kollegin: Ob er nicht doch zurückkommen wolle? Sie erinnert sich: „Das war der erste persönlichere Kontakt.“ Wieder Funkstille. Drei Monate später, kurz nach Weihnachten 1996, hat sie „einen seltsamen Spruch“ auf dem Anrufbeantworter, von Werner wohl als Einladung gemeint. „Da war ich breit“, sagt Werner im Rückblick. Bei Susanne schlägt der Notruf ein. Sie will dem ehemaligen Verkäufer helfen.

Sie besucht den abgemagerten Mann, bei dem das Heroin offen auf dem Tisch liegt, einmal, zweimal, mehrmals. „Die starken Gefühle, die sich dann entwickelten, hatte ich so nicht erwartet“, erzählt sie. Werners Mitbewohner merkt es eher als die beiden selbst: Werner und Susanne werden ein Paar – zu ihrer eigenen Überraschung.

Als Werner wieder Polamidon nimmt – ein erster Schritt weg vom Heroin – lockt sie ihn mit Kaffee, Brötchen und guten Worten aus dem Bett, damit er bis 11 Uhr in der Ambulanz ist. Nach zwei Monaten, an seinem 45. Geburtstag, trifft Werner eine Entscheidung: Er wird entziehen. Besorgt sich einen Entgiftungsplatz, reduziert innerhalb von zehn Tagen, in irrsinnigem Tempo, das Polamidon. Die Kontaktsperre zu Susanne weiß er zu umgehen: Als therapieerfahrener Klient macht er den Ärzten klar, wie sinnvoll die Gründung einer Jogging-Gruppe sei. Das bedeutet Ausgang – und die Möglichkeit, zu telefonieren.

Es ist Werners letzte Entgiftung. Er wird selbst dann nicht rückfällig, als im Jahr darauf seine Tochter stirbt, die von den Drogen nicht mehr losgekommen ist. „Darauf bin ich heute noch stolz“, sagt Werner. „Es war der tiefste Punkt“, sagt Susanne.

Gemeinsam geht es aufwärts. Werner findet Arbeit und lernt, dass er gegenüber einer Frau nicht immer seinen Kopf durchsetzen kann und muss. Er gibt, geschwächt durch einen kleinen Rausch, sogar ihrem Drängen nach und lässt sich die langen Haare schneiden. Susanne beendet ihr Studium und ihren Job bei Hinz & Kunzt und findet Arbeit im Multimedia-Bereich. Die beiden ziehen zusammen und richten sich in einer Altbauwohnung in Altona ein.

Schöner als in Susannes Worten lässt sich die Geschichte dieses Paares eigentlich nicht zusammenfassen: „Er hat mich so gepackt, dass ich ihn nicht mehr losgelassen habe.“

Detlev Brockes

Krimi-Autorin Carmen Korn

„Schwarze Hefte“-Autorin mag die menschlichen Abgründe

(aus Hinz&Kunzt 120/Februar 2003)

Während Carmen Korn Morde plant, hat sie ihre Familie im Blick. Das bedingt die Architektur: Die Fünf-Zimmer-Altbau-Wohnung in Uhlenhorst ist hell, hoch und offen. Von ihrem Schreibtisch hat Carmen Korn freie Sicht ins Esszimmer und gleich weiter in die Küche. Sohn Paul büf-felt am langen Tisch englische Grammatik, Tochter Maris (15) isst Spaghetti. „Kann ich den Killer haben?“, fragt der Zehnjährige. Killer sind immer bei seiner Mutter zu finden. Auch die gegen Tinte.

Geboren wurde Krimiautorin Carmen Korn in Düsseldorf, in Köln ist sie aufgewachsen, einige Zeit hat sie in München gelebt und ist dann vor 28 Jahren dem Mann, mit dem sie heute noch zusammen ist, nach Hamburg gefolgt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange hier bleiben würde“, sagt sie, „aber ohne Not wechsele ich diese Stadt nicht mehr. Schließlich sind die wichtigsten Dinge in meinem Leben in Hamburg passiert.“ Das war zunächst mal der „Stern“. Sieben Jahre war Carmen Korn dort Redakteurin, Ressort Unterhaltung: „Mein journalistisches Traumziel.“

Wichtig war auch die Geburt ihrer Kinder. Sie sind der Grund, warum Carmen Korn vom „Stern“ wegging – als „späte Mutter“ wollte sie mehr Zeit mit ihnen. Seither schreibt sie zu Hause. Die Frage, ob man einen morbiden Charakter braucht, um sich gerne Verbrechen auszudenken, amüsiert sie. „Hat nicht jeder eine Dunkelkammer, in die er manchmal verschwinden muss?“ Carmen Korn lächelt verschwörerisch. „Gerade wenn man so ein braves Familienleben führt.“

Manchmal, gibt die 50-Jährige zu, nervt sie die offene Altbauwohnung, in der man sich nie richtig zurückziehen kann. Wo immer Lärm aus der Küche zum Schreibtisch dringt. Krimis schreiben als Ventil gegen Aggression. Zugleich hat sie Angst um das Familienidyll. Deswegen bezeichnet sie ihre Bücher als „prophylaktische Buße“: „Was erst mal weggesagt wurde, kann doch nicht mehr in den eigenen kleinen Frieden dringen.“

Als Carmen Korn 1989 das erste Mal aus ihrer Dunkelkammer zurückkam, brachte sie „Thea und Nat“ mit. Die Geschichte einer Frau, die sich von ihrem Freund trennen will, aber aus Mitleid bei ihm bleibt, weil er durch einen von ihr verschuldeten Unfall scheinbar an den Rollstuhl gefesselt ist. Das war kein Krimi, Korn lotete nur ein bisschen die seelischen Abgründe der Menschen aus. „Jetzt werden Sie erleben“, sagte ihr der Journalist Wolf Schneider, „dass Sie ein gutes Buch geschrieben haben und sich keiner dafür interessiert.“ Er irrte. Das Buch hatte gute Presse, und Carmen Korn schaffte, was nur wenigen Debütanten vergönnt ist: Sie verkaufte die Filmrechte. „Thea und Nat“ lief im ZDF.

Mit den Krimis ging es so richtig erst durch einen Anruf von Volker Albers los. Der Herausgeber der „Schwarzen Hefte“ des Hamburger Abendblatts suchte eine Autorin. Carmen Korn schrieb „Der Tod in Harvestehude“. Dafür bekam sie den „Marlowe“-Preis für die beste deutschsprachige Krimigeschichte: „Mein erster und einziger Preis bisher, vorher hab ich noch nicht mal bei den Bundesjugendspielen was gewonnen.“

Verliehen wird der Preis von der Raymond-Chandler-Gesellschaft in Ulm. Carmen Korn sah sich im Rampenlicht, wählte sorgfältig die Garderobe aus – umsonst, die Verleihung fand im kleinen Kreis in der Ulmer Universität statt. Und dotiert war der Preis leider auch nicht. Aber der Vorsitzende der Gesellschaft hielt eine so rührende Laudatio, dass Carmen Korn sie heute noch hervorholt, wenn sie von Selbstzweifeln geplagt wird.

Seither ist Carmen Korn aufs Krimigenre abonniert. Die Schwarzen Hefte „Barmbeker Blues“, „Die Liebe in Hohenfelde“ und „Schlafende Ratten“ folgten. Und auch ihr neues Buch „Tod eines Pianisten“, dessen Skript fertig auf dem Schreibtisch liegt, ist wieder ein Krimi. „Am meisten Spaß habe ich daran, mir die Figuren auszudenken“, verrät die Autorin, „mich interessiert vor allem die Psychologie von Täter und Opfer.“ Wie und ob der Täter gefasst wird, ist nebensächlich – Carmen Korn ist keine Freundin der klassischen „Whodunit“-Geschichten.

Ein bisschen bringt sich die Autorin auch immer selbst ein. So haben viele ihrer Figuren mit Musik zu tun, zum Beispiel als Komponisten oder gescheiterte Sängerinnen. „Musik spielt in meinem Leben einfach eine große Rolle“, sagt die Autorin. Das Klavier ihres Vaters Heinz steht in ihrem Arbeitszimmer. Bis zu ihrem fünften Lebensjahr saß sie unter diesem Klavier und hörte ihrem Vater beim Komponieren zu. Einige seiner Schlager, wie „Mit 17 hat man noch Träume“, hört man heute noch im Radio. Während eines einjährigen Londonaufenthaltes versuchte sie sich in Jazzclubs selbst als Sängerin.

Nur ein Problem hat die Besucherin der Dunkelkammer. „Ich produziere nur sehr ungern Leichen!“, sagt Carmen Korn. Viel lieber würde sie ohne auskommen. In den meisten ihrer Lieblingskrimis wird auch nicht gestorben: „Denken Sie nur an Georges Simenons Bücher außerhalb der Maigret-Reihe – da muss kein Mord passieren, und trotzdem läuft es einem eiskalt den Rücken herunter.“

Da kam ein Angebot vom Erika Klopp-Verlag gerade recht. Einen Kinderkrimi solte die Marlowe-Preisträgerin schreiben, für das Alter von zehn bis zwölf, einzige Auflage: Es darf kein Mord vorkommen.

Als „Der Mann auf der Treppe“ fertig war, gab sie das Manuskript Maris und Paul zum Lesen: „Damit keine Klopse drin sind.“ Außerdem berieten die Kinder Carmen Korn bei Sprache und Musikgeschmack der Protagonisten – zufällig handelte es sich hier auch um ein Geschwisterpaar. Paul war richtig stolz auf das Buch, das Carmen Korn ihm und seiner Schwester gewidmet hat. Er gab jedem Freund, der bei ihm zu Besuch war, ein Belegexemplar mit: „Hier, lies mal, das hat meine Mutter geschrieben.“

Marc-André Rüssau

„Exotisches Mitbringsel“

Wie sich deutsche Männer eine gehorsame Ehefrau suchen

(aus Hinz&Kunzt 120/Februar 2003)

Die Wochenenden sind am Schlimmsten“, sagt Malee Khenchan*. Dann muss Günther* nicht zur Arbeit, und beide sitzen lange 48 Stunden zusammen in der Wohnung. An guten Wochenenden langweilen sie sich nur. An schlechten lässt er seinen Ärger an der Thailänderin aus. „Hinterher geht es ihm besser“, sagt die 25-Jährige. „Er ist den aufgestauten Stress los.“ Dann umarmt er sie und beteuert, wie sehr er sie liebt. Vorher braust Günther auf, schreit und schimpft. Die zierliche Frau versucht ihn dann zu besänftigen – auf Englisch, denn Deutsch kann sie noch nicht. Der 40-Jährige hat seine „Urlaubsbekanntschaft“ erst vor einem halben Jahr geheiratet und nach Hamburg gebracht.

„Malee gehört zu einer Gruppe sehr junger Thailänderinnen, die erst seit ein paar Jahren verstärkt nach Deutschland kommen“, erklärt Pat Mix von der Organisation „Amnesty for Women“. Die 46-Jährige ist selbst Thailänderin, mit einem Deutschen glücklich verheiratet und berät ihre Landsleute in Rechts- und Lebensfragen. Außerdem gibt sie Deutschkurse. „Noch vor kurzem begegneten mir bei meiner Arbeit hauptsächlich Frauen über 30, die bereits Kinder in Thailand haben.“ Jetzt berät sie auch 19-Jährige. Der Leidensdruck in Thailand lässt immer jüngere Frauen das Glück mit einem deutschen Ehemann suchen.

„Amnesty for Women“ kümmert sich um Frauen, die als Migrantinnen nach Deutschland kommen. Meist aus Mittel- und Osteuropa, Südostasien oder Lateinamerika. Im Vordergrund steht dabei der Kampf gegen den Frauenhandel. Denn viele Frauen kommen durch „Heiratsmigration“ nach Deutschland. Vermittelt durch Verwandte und Agenturen oder als exotisches „Mitbringsel“ aus dem Urlaub. Über mangelnde Arbeit kann sich der Verein nicht beschweren. Denn die Lust deutscher Männer auf ausländische Frauen ist ungebrochen.

Bernd Lury von der Hamburger Partnervermittlung „www.lsf-pv.de“, der hauptsächlich Frauen aus St. Petersburg vermittelt, erklärt, warum seine Kunden ihr Liebes- heil im Ausland suchen: „Die Frauen in Deutschland sind zu emanzipiert. Bei denen geht Karriere erst mal vor Familie. Und der Mann muss Geld haben, viel Zeit für die Frau und dann noch gut im Bett sein.“ Natürlich hat die ausländische Frau auch etwas davon: „In Russland empfehlen die Mütter ihren Töchtern: such dir einen deutschen Mann!“, plaudert Bernd Lury. „Denn viele russische Männer sind Alkoholiker oder gehen fremd. Man kann sagen, dass es für eine Russin genauso schwierig ist, daheim einen vernünftigen Mann zu finden wie für einen deutschen Mann eine vernünftige deutsche Frau.“ Und auch das Angebot stimmt, findet er, seit er die 600 Frauen umfassende Kartei seiner St. Petersburger Partneragentur durchforstet hat: „Etwa 400 habe ich erst mal aussortiert – zu alt, nicht hübsch genug, zwei Kinder, nur russisch sprechend, nicht vermittelbar.“

Pat Mix von „Amnesty for Women“ bezeichnet den Grund, warum deutsche Männer ausländische Frauen wollen, mit einem englischen Wort: „Obedience“ – Gehorsam. „Viele deutsche Männer denken, im Ausland muss die Frau dem Mann gehorchen“, erklärt Mix. Ein Frauenbild, das mancher gerne importieren möchte. Viele Männer, die bereits eine Scheidung hinter sich haben, wollen sich endlich wieder als König im eigenen Reich fühlen.

Günther beschützt sein Reich. Malee muss zu Hause sein, wenn er um sechs Uhr von der Arbeit kommt. Als sie sich nach einem Sprachkurs verspätete, führte das zu einem langen Streit mit viel Geschrei. Wenn Malee telefoniert, will Günther genau wissen, mit wem und worüber sie spricht. Was sie den Tag über gemacht hat, Günther will genaue Informationen. Viele bohrende Fragen. Ihn treibt eine Ahnung, die er Malee manchmal entgegen schreit: „Du liebst mich nicht!“ Malee war noch nie in einen Mann verliebt. Einmal hatte sie eine Liebesbeziehung zu einer Frau. Männer bedeuteten immer nur Arbeit. Schon ihre Tante, bei der Malee aufwuchs, verdiente ihr Geld mit Männern. Manche brachte sie mit nach Hause, die musste Malee dann „Papa“ nennen. Einige Freier schlugen ihre Tante. „Ich hasse meinen Vater“, sagt Malee und meint damit jeden Einzelnen. Den, der sie zeugte, kennt sie nicht.

Günther lernte Malee auf der südthailändischen Insel Samui kennen. Lange Zeit ein Geheimtipp für Aussteiger und Rucksacktouristen, bis die allein reisenden Herren kamen. Für sie zimmerte man Bars direkt am Strand zusammen. Hier sitzen sie und gönnen ihrer von der ungewohnten Sonne verbrannten Haut Schatten. Etwas trinken, locker werden. Hier saß auch Malee Tag für Tag und ließ sich von Männern von dem Schlag, den sie bis jetzt „Papa“ nennen musste, Getränke ausgeben. Danach ging sie mit ihnen.

Auch mit Günther. Für eine Pauschalreise und ein paar Mark extra genoss es der frisch geschiedene Techniker aus Hamburg, für die einheimischen Mädchen den „Big Spender“ zu geben. An Malee hatte er mehr Interesse. Er bat sie, mit nach Deutschland zu kommen. Die junge Thailänderin sah eine Chance, die sie sich nicht entgehen lassen konnte.

„Viele Männer sparen mehrere Jahre für ihren Thailand-Urlaub“, berichtet Pat Mix. „So können sie in Thailand als wohlhabende Leute auftreten.“ Bei vielen Frauen weckt das falsche Hoffnungen auf das Traumland Germany. In Deutschland finden sie sich in einer Ein-Zimmer-Wohnung wieder und müssen feststellen, dass das Geld auch hier nicht über den Monat reicht.

Pat Mix fährt oft nach Thailand, um gegen diese Illusionen anzugehen. Sie hält Pressekonferenzen und verteilt Broschüren von „Amnesty for Women“, um Frauen über ihre Rechte und die Situation in Deutschland aufzuklären. „Vor allem müssen Frauen ihre Rechte in Deutschland kennen lernen, und wissen, an wen sie sich wenden können“, so die Beraterin. Sonst seien sie hier völlig vom Willen ihres Mannes abhängig.

Ein Druckmittel, das viele Männer einsetzen, ist Isolation. Kontakt zu anderen Thailändern wird verboten. „Viele Männer verbieten ihren Frauen, Deutsch zu lernen“, sagt Mix. „Die Frau kann dann keine Kontakte knüpfen, und um sich in Deutschland zurechtzufinden, ist sie auf ihren Mann angewiesen.“ Von den eigenen Rechten wisse sie nur, was der Mann ihr erzählt. „Ich kenne eine Frau, die zwölf Jahre bei ihrem Mann blieb, obwohl er sie schlug“, so Mix, „denn das einzige, was sie auf Deutsch sagen konnte war ,Mein Gott‘.“

Das andere Druckmittel, das die deutschen Ehemänner einsetzen können, ist ein Satz: „Wenn du nicht tust, was ich will, schicke ich dich nach Hause.“ Erst nach zwei Jahren Ehe hat die Frau eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Deutschland – vorher ist ihr Bleiberecht vom Mann abhängig. Aber auch nach dieser Zeit bleiben viele bei ihrem Ehemann. Aus Angst, es in Deutschland nicht allein zu schaffen. Und weil er meist auch die Familie in Thailand finanziell unterstützt. Oft kommen Frauen zu „Amnesty for Women“ und klagen, dass sie ihren Mann gerne verlassen würden, die Familie aber auf die 200 Euro angewiesen ist, die er nach Hause schickt. „Mensch“, sagt die Beraterin dann, „was sind 200 Euro, dafür machst du ihm den ganzen Haushalt! Das Geld kannst du auch selbst verdienen, wenn du putzen gehst!“

Malee will mit Günther nicht alt werden. In eineinhalb Jahren darf sie ohne ihn in Deutschland bleiben. Dann will sie ihren Mann verlassen. Sie hofft, bis dahin so gut Deutsch zu sprechen, dass es für einen Job reicht.

Marc-André Rüssau

*Namen geändert