Geborene Wilde

Sau rauslassen im Lehmitz auf der Reeperbahn

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Gleich werden sie wieder dort oben auf dem Tresen stehen, die Gitarren in den Händen und unten das Publikum direkt vor den Füßen. Partytime im Lehmitz auf der Reeperbahn, auch diese Nacht spielt nachher die Band so, als wäre sie live im Fernsehen. Noch gehört der Tresen nur dem Publikum und all den vielen Bierflaschen. Doch bald springen dort die Musiker umher und versuchen, dabei nicht auszurutschen in glitschigen Pfützen. Mit Cowboystiefeln, sagt Otto aus der Band, darfst du nie dort hochsteigen. Und immer schön im Auge behalten, wo gerade erschöpfte Häupter schlafen.

Dem Burschen, der hier vorne auf einem Barhocker hängt, ist längst der Kopf durch die Hände und bis auf den Tresen gerutscht. Auch sein Schal klebt in einer Lache verschütteter Reste von Bier und Tequila. Morgen ist großer Fußball im Viertel. Aber heute, hofft Rudi, der Mann neben dem Kopf im Bier, „woll’n wa nur lustig sein“. Auch er trägt schreiendes Rot über dem Pullover, ein Trikot seines Berliner Lieblingsvereins. Und bestimmt ganz doll puppenlustig kommt ihm inzwischen der Abend vor, so angestrengt wie er jetzt versucht, mit den Augen bloß noch etwas Halt zu finden irgendwo an der gegenüberliegenden Wand.

Dann rutscht auch Rudi vom Hocker; und nachdem er seinen Körper wieder gerichtet hat, belohnt er sich erst mal mit neuem Bier. „ßvei Wlaschen“, befiehlt Rudi der Bedienung, die sogleich versteht, und dann beschließt er mit starrem Blick auf den willenlos betäubten Kopf links: „Schaff ich ooch alleene.“ Auf der Reeperbahn, nachts um halb elf im Lehmitz. Alle sind sie wieder erschienen an diesem Samstag, die Trinker und die Träumer, erlebnishungrige Pistengänger aus den Szenevierteln ebenso wie vereinsamte Herzen aus entfernteren Vororten. Junge und ältere Menschen, manche aus gutem Hause und andere, die schon länger ohne wirkliche Heimat sind. Und jedes zweite Wochenende auch die auswärtigen Fußballfans. Die schon mit Schals und Shirts verkleidet angereist kommen aus Berlin, Frankfurt oder Braunschweig.

Es ist wieder einmal überfüllt im engen Raum; nur wer frühzeitig erscheint, hat vielleicht Aussicht auf einen der Barhocker. Deren Sockel stecken starr verankert im Betonboden, und auch beim Spiel mit dem Tischfußballgerät gleich an der Eingangstür verhindern Gitterstäbe vor dem Münzeinwurf Manipulationen. Der Kicker ist mit einer dicken Glasplatte versiegelt, was sich immer wieder als ganz praktisch erweist. Verschüttete Biere können so niemals das Spielfeld verkleben. Sie fließen lediglich seitwärts ab, nur ab und zu auf Hosen oder Schuhe.

Der Laden ist wie ein Handtuch geschnitten, keine hundert Quadratmeter groß. Längs durch den Raum windet sich ein wuchtiger Tresen in Form zweier Hufeisen. Dazwischen ein paar schmale Korridore mit Platz für das Publikum. Bier wird in Flaschen ausgeschenkt, und die Bedienung kommt manchmal kaum nach mit der Beseitigung des Leerguts.

„Tequila!“, singt Offel, ein Wort Text nur in diesem Song der „Champs“ aus den fünfziger Jahren, einer schnellen und rockigen Instrumentalnummer. Offel ist Sänger und Gitarrist der Hausband im Lehmitz, und das Stück ist heute der Opener, ein klassischer Warmmacher zu Beginn ihres Auftritts. Genau genommen eröffnet die Hausband jede Samstagnacht mit „Tequila“, so wie sie das auch später an den Abenden bei jedem weiteren Set macht. Ein Gläschen Tequila wird dann jedem aus der Band gereicht, auch gemeint als Trinkanregung für das Publikum.

Der Berliner Fan mit dem Schal um den Hals hat diese Aufforderung nicht mehr nötig. Schwerfällig versucht er, ganz langsam den Kopf zu heben. Und sinkt doch gleich wieder kraftlos zurück zu seinen leeren Flaschen. Rudi sitzt kerzengerade schwankend und sucht Blickkontakt mit der Wand.

Oben auf der Tresenbühne covern sich derweil Otto und Offel, die zwei Gitarristen, durch die Geschichte der Rockmusik, von Hendrix zu den Doors, über die Chilli Peppers zurück zu Chuck Berry. Davor ergibt sich das Publikum trinkend und rauchend, lärmend oder schlafend der Nacht. Draußen könnte es tote Vögel regnen – vermutlich bliebe das Leben im Lehmitz davon gänzlich unberührt.

Jan sitzt am Schlagzeug, aufgebaut auf einem winzigen Fleckchen Raum direkt beim Abgang zum Klo. „The Devil“ nennen sie ihn, weil er die Trommeln so schnell schlägt wie jemand aus einer anderen Welt. Er ist der jüngste im Quartett, 25 Jahre alt, und er trommelt immer dann, wenn Jörg, Lehmitz-Besitzer und ebenfalls Schlagzeuger, pausiert. Er ist glücklich, dass bisher noch niemand die Idee hatte, auch ihn inmitten seiner Trommeln über dem Tresen zu platzieren. „Bei meinem ersten Auftritt“, sagt Jan, „da hab ich gedacht: Wer ist hier nicht durchgeknallt? Und was ist normal?“

Die musikalische Magie des „Roadhouse Blues“ von den „Doors“ zieht an diesem Abend eine junge Frau hinauf auf den Tresen. Da tanzt und rappt sie jetzt ganz ohne Scheu. Neben sich die zwei Jungs mit den Gitarren, dort unten die anderen, ihr Publikum. „Ich wollte, dass mich alle mal sehen“, sagt sie später, „alle haben plötzlich zu mir nach oben geschaut. Das war ein schönes Gefühl.“ Wenn nicht Samstagnacht, wann sonst schon kann der Mensch auch mal ein wenig seine Moral vergessen? Am Montag wird sie wieder die unauffällige Studentin sein, und ihr blonder Freund gesteht ganz schnell, doch immer noch irritiert: „Klar, ich fand das schon ganz gut. Aber eifersüchtig war ich auch.“

Und die Musiker? Wie spielt es sich dort oben auf dem Tresen vor 70, manchmal mehr als 100 Leuten, von denen nur ein Teil wegen der Band gekommen ist? „Oft kriegen wir sie zu fassen mit unserer Musik“, sagt Offel, der 34-jährige Sänger. Und Otto, der kahl geschorene 44 Jahre alte Gitarrist, fügt hinzu: „Bei einigen tut es schon weh, zu sehen, wie fertig sie sind. Die haben ein Scheiß-Leben hinter sich und meist auch noch vor sich. Aber Anerkennung kriegen wir irgendwann von jedem.“

So wie jetzt von dem jungen Mann mit dem langen, schwarzen Haar. Den ganzen Abend hat er vorne am Tresen gesessen, inmitten all der anderen und dabei doch nur für sich. Ein wenig bierschwer fällt ihm nun das Gehen, nachdem er aufsteht, das ist nicht zu übersehen. Doch dann ergreift er vor der Bühne das Mikrofon und singt mit Werner, dem Bassisten, erstaunlich stimmsicher „Born to be wild“. „Mir gefällt, wie die Band sich und die Musik präsentiert“, sagt er später, „zum Quatschen könnte ich auch zu McDonalds gehen.“

„Man muss sich arrangieren können, wenn man so eng zu dem Publikum steht“, sagt Otto irgendwann, „man schwitzt den Leuten ja direkt in die Bierflasche.“ Früher hat er schon auf den ganz großen Bühnen gestanden, unter anderem mit seiner eigenen Gruppe „Ottodox und die Reformierten“ oder auch bei „Charly Schreckschuss“ in der Bluesband. Sie alle sind professionelle Musiker, basteln gerade an neuen Gruppen oder helfen aus in befreundeten Kapellen. „Die Arbeit hier hilft uns, künstlerische Routine zu bewahren“, sagt der 39-jährige Werner, der früher mit seinem Bass bei „Cats“ im Orchestergraben gegenüber auf der anderen Straßenseite anzutreffen war.

Trotz anderer Träume kommen die Musiker gerne jede Samstagnacht ins kleine verräucherte Lehmitz. Der da vorhin mitgesungen hat, sagt Otto, der hat Spaß gemacht. „Aber ob wir nun dort stehen und Musik machen oder nicht“, fügt Otto nach einer Weile hinzu, „wer im Leben einfach nur noch röcheln kann, der wird das sicher auch ohne uns tun.“

Peter Brandhorst

Neustart: Kopfüber in ein anderes Leben

Drei Geschichten über einen Neubeginn

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Alles auf Sieg

„Es geht um den Erfolg“, sagt Torwart Heinz Müller, „wer auf dem Platz sportlich erfolgreich ist, der verdient irgendwann auch gutes Geld.“ Wenn der 24-jährige Fußballprofi von seinem Neustart beim Zweitligisten FC St. Pauli spricht, dann versucht er zunächst, Gefühle zu unterdrücken. So sei halt das Business, sagt der Torwart.

In der Winterpause war er vom Bundesligisten Arminia Bielefeld an das Millerntor gewechselt zum scheinbar hoffnungslos abgeschlagenen Tabellenletzten der 2. Liga. In Bielefeld saß er nur auf der Bank oder Tribüne. „Bei Pauli habe ich die Chance zu beweisen, was ich kann.“ Deshalb, so Müller, sei es für ihn keine Frage und eine rational begründete Entscheidung gewesen, den Wechsel zu wagen. Obwohl manche Beobachter befürchteten, auch mit dem neuen sportlichen Umfeld gebe es für ihn keinerlei Aussicht auf Erfolg.

Dass die Mannschaft in der Rückserie zunächst hoffnungsvoll begonnen hatte, galt unter anderem als Erfolg des neuen Torwarts. Mittlerweile steckt das Team nach dem glücklichen Neustart wieder tief in der sportlichen Krise. Der Abstieg ist nahe – trotz der Leistung des Keepers. Die Fans und die Presse haben ihn schnell in ihr Herz geschlossen. Und der Torwart sagt: „Das war schon richtig, diese Veränderung zu wagen.“ Bis auf weiteres: Zumindest der Start ist geglückt.

Im Leben privat oder beruflich neu zu starten, mag von außen betrachtet manchmal wie ein dramatischer Schritt erscheinen. Das Eintauchen in Neues soll helfen, eine zunehmend als untragbar empfundene Last zu überwinden. „Man muss im Leben sehen, dass man durchkommt, darf nicht den Glauben an sich selbst verlieren“, sagt Torwart Müller nüchtern. Und: „Gerade als junger Spieler wird man oft einfach ins kalte Wasser geworfen.“ Das, so meint er, sei auch ein großer Reiz an der neuen Aufgabe beim FC St. Pauli – gemeinsam dafür kämpfen, nicht unterzugehen.

Ein Neustart also für ihn ausschließlich unter sportlichen Gesichtspunkten? Nein, antwortet der junge Profi, „das ist Stress vor allem für die Seele.“ Seine Freundin ist vorerst in Bielefeld geblieben, beendet dort ihre Ausbildung, und in Hamburg hat er privat noch keine neuen Freunde. „Ich spiele Fußball“, sagt Müller, „und im Fußball gibt es keine Freunde, das ist hartes Geschäft.“ Heute bist du der König, fügt er noch hinzu, und vielleicht schon morgen bloß noch der Depp. Im Augenblick gehört ihm die Krone.

Annette Bitter

Die große Freiheit

„Das ist super, bombig, klasse!“, freut sich Kai. Der 30-jährige Hinz & Kunzt-Verkäufer ist vor zwei Wochen in seine neue Wohnung gezogen. Ein Zimmer, Küche, Balkon – für ihn allein. Als Neustart will er das Ende seiner Wohnungslosigkeit zwar nicht verstanden wissen. „Ich werde wohl nicht die nächsten 20 Jahre darüber reden.“ Aber klar, der Gegensatz zu seiner Einzelzelle im Knast, zum Leben auf Platte und zu seiner letzten Unterkunft in einem Hotel am Nobistor ist gigantisch.

„In meiner Wohnung habe ich meine Ruhe. Hier gibts keine Kakerlaken. Ich kann aufs Klo gehen, ohne Angst, mir irgendwas wegzuholen. Ich hab ’ne Küche, in der ich mir jeden Tag was koche, und es ist mein Ding, ob die sauber ist oder nicht.“ Die Wohnung hat eine große Fensterfront, sagt Kai, da kommt viel Licht rein, so dass er sich nicht eingesperrt fühlt. Einen tollen Nachbarn habe er außerdem.

Einen echten Neustart plant Kai trotzdem – und mit der Wohnung ist der Grundstein für sein Vorhaben gelegt: „Wenn du 30 bist, fängst du was Richtiges an mit deinem Leben, habe ich mir geschworen.“ Nun ist es soweit. Beim Berufsinformationszentrum war er schon. Jetzt will er sein Fachabitur Sozialpädagogik machen. Ein Jahr wird er dafür brauchen und danach – man kann ja schon mal träumen – vielleicht Sozialpädagogik studieren. „In so ’nem Berberheim ist es immer laut, da kommt man nicht mal zum Pennen“, sagt Kai. „Wie soll man da arbeiten oder lernen?“

Kai meint, dass er schon lange sein Abitur hätte machen können, und auch sein Studium hätten ihm die Eltern finanziert. „Ich bin nämlich ein verdammtes Bonzenbalg“, sagt er und grinst. Aber dann war ihm das Kiffen wichtiger als Schule oder Uni. „Jetzt will ich mir was Neues aufbauen“, sagt er ernst. Und damit nichts dazwischenkommt, soll kein Foto von ihm in der Zeitung erscheinen. „Es müssen ja nicht gleich alle wissen, was der neue Typ da in der Wohnung für ’ne Geschichte hat.“

Annette Bitter

Ende eines Traums

„Noch nie war ich den Wurzeln der Unterhaltungskultur so nah“, sagt Ulrich Waller über seinen Neustart als künstlerischer Leiter des St. Pauli Theaters. Es werde es keine „Kammerspiele im Exil“ geben, sondern einen eigenen, „dem Ort angemessenen Umgang mit den Formen des Unterhaltungs- und Volkstheaters“. Gerade weil rund um die Reeperbahn so viel geboten wird, wolle er mit anspruchsvollen eigenen Produktionen ein neues Publikum „auf die Meile führen und verführen“.

Das klingt euphorisch und lässt fast vergessen, dass Waller die Kammerspiele nicht freiwillig verließ. Doch, da sei auch Wehmut, schließlich seien die Kammerspiele „ein Traum“ gewesen. „Man lässt dieses Haus mit seiner 85-jährigen Tradition zurück und weiß es nicht wirklich in guten Händen.“

Da ist noch immer die Wut zu hören, die ihn wohl auch zu seinem Neustart getrieben hat. Denn der kampferprobte Theatermann ist kein Typ für Dauerklagen. Seine Einschätzung, „dass man sich auch zu Tode verhandeln könne“, sieht er dadurch bestätigt, dass selbst der kompromissbereite Dominique Horwitz am Ende aufgegeben habe. Da versucht Waller doch lieber auf seine Weise zu retten, was zu retten ist. Die Menschen, die zum Erfolg der Kammerspiele beigetragen haben, sollen möglichst auch auf St. Pauli eine neue Heimat finden: „Ich werde versuchen, meine Familie mitzunehmen!“

Ungemütlich findet er vor allem die finanzielle Unsicherheit seiner neuen Arbeit. Anders als die Kammerspiele muss das St. Pauli Theater bisher ohne Subventionen auskommen. So gesehen, ist das Wasser sehr kalt, in das er springt. „Da kann man nur hoffen, dass man schnell wieder spürt, dass man schwimmen kann!“, sagt er tapfer und gibt dann selbst vor, an was er sich zukünftig wird messen lassen: „Wenn es Thomas Collien und mir gelingt, auch das St. Pauli Theater zu einem charismatischen Ort zu machen, das wäre mein größtes Glück.“

Sigrun Matthiesen

Neustart: Wir haben einen Traum

Vieles neu bei Hinz & Kunzt

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Uwes Traum: Einmal Helgoland

Wenn diese Zeitung erscheint, bin ich noch gar nicht 60. Aber ich werde es am 22. April. Große Geburtstagswünsche habe ich nicht, habe ich nie gehabt. Wer sollte mir schon groß was schenken? Aber einen Traum hat ja wohl jeder. Meiner ist, nein war: eine Schiffsreise nach Helgoland. Ich habe die Lange Anna im Fernsehen gesehen und diese bunten, kleinen Häuser, ich nenne sie die „Papageiensiedlung“.

Als mir die Redaktion von den Fotos erzählte und mich nach meinem Traum fragte, da wusste ich erst gar nichts – und dann fiel es mir wieder ein: Helgoland. Ich hatte nie daran gedacht, mal wirklich dahin zu kommen. Immer fehlte das Geld. Ich war früher ja auch noch spielsüchtig. Als die mir dann sagten, dass wir wirklich und wahrhaftig nach Helgoland fahren, habe ich, das muss ich ehrlich sagen, fast geweint. Das war ein richtiger Schock. Ich nach Helgoland – und nicht alleine, sondern mit den beiden Fotografen Martin und Mauricio, ein richtiger Ausflug also.

Morgens um 8 Uhr holten sie mich ab. Meine erste Schiffsreise – das war wahnsinnig. Wir hatten gutes Wetter, die Sonne schien, ich war richtig aufgeregt. Die Lange Anna und die netten Häuser in Natur zu sehen, das war umwerfend. Martin und Mauricio haben mich ganz schön gescheucht: berg-auf, bergab. So hab ich auf jeden Fall viel gesehen. Nachts um 22 Uhr war ich wieder zu Hause. Ich fiel nur so ins Bett und war sofort weg. Also, ohne zu lügen, das war der schönste Tag, seit ich bei Hinz & Kunzt bin – und das ist schon lange, mehr als neun Jahre.

Uwe Dierks, 59 Jahre

Das neue Gesicht

Haben Sie’s gemerkt? Hinz & Kunzt hat ein neues Gesicht. Und damit meinen wir nicht nur unseren Verkäufer Uwe, der auf der Titelseite prangt und der schon immer davon träumte, einmal nach Helgoland zu fahren.

Wir werden in diesem Jahr zehn Jahre alt und fragen uns, was aus unserem eigenen Traum eigentlich geworden ist. Dem Traum, so vielen Obdachlosen wie möglich eine sinnvolle Aufgabe zu geben. Ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zu ebnen und gegen soziale Kälte in dieser Stadt anzugehen. Vieles ist uns gelungen, manche Missstände müssen wir wieder und wieder benennen. Deshalb haben wir zehn Geburtstags-Wünsche, die wir von diesem Heft an jeden Monat an die Öffentlichkeit richten. Der erste Wunsch: mehr Krankenbetten für Obdachlose.

Bei unserer Arbeit stehen Obdach- und Wohnungslose im Vordergrund. Deshalb haben wir uns gefragt: Warum bringen wir sie nicht aufs Titelblatt? Die Hinz & Kunzt-Verkäufer sind unsere Promis. Sie sind überall präsent, tragen zum besonderen Bild der Stadt bei. Daraus entstand die Idee, unsere Verkäufer mal nicht als Obdachlose zu zeigen, sondern sie nach ihren Träumen zu fragen und diese fotografisch umzusetzen. Dass sich mancher Traum sogar verwirklichen lässt, daran hatten wir zunächst gar nicht gedacht…

Mit dem Titelbild-Konzept geht auch unser verändertes Layout an den Start, kreiiert vom neuen Layouter Martin Kath: größere Fotos, aufgeräumtere Seiten, übersichtlichere Heftstruktur. Bei so viel Neuem lag es nahe, den Schwerpunkt dieser Hinz & Kunzt-Ausgabe unter das Motto „Neustart“ zu stellen.

Neu ist auch die Dart-Reportage. Die Reporter werfen mit geschlossenen Augen einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Dort, wo er stecken bleibt, muss der Schreiber eine Geschichte suchen. Die ersten Reportagen schreiben übrigens Journalistik-Studenten, unter Leitung von Dr. Rudolf Großkopff (ehemals Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt).

Schon mal was von der Kunzt-Kommission gehört? In dieser Kommission „sitzen“ Literaten, Musiker, Kinder, Sportler und Hinz & Künztler, die abwechselnd kleine Kulturkolumnen schreiben. In diesem Heft empfiehlt Jurai, das Zoologische Museum zu besuchen, Schriftstellerin Tina Uebel rät zur Lektüre des „Mädchenbuches“ von Sven Amtsberg, und Ex-Box-Champion Jürgen Blin stellt junge Boxer vor, deren Namen man sich dringend merken muss…

Tatkräftig unterstützen Hamburger Krimi-Autoren Hinz & Kunzt: Sie schenken uns Kurzgeschichten. Darunter sogar Erstveröffentlichungen – wie die von Gunter Gerlach.

Sie merken: Uns hat dieser Neustart wahnsinnig Spaß gemacht. Jetzt kommt’s nur noch darauf an, dass Sie ihn genauso spannend finden.

Birgit Müller

Nr. 1: Mehr Betten für kranke Obdachlose

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Darum geht es:

Wer Fieber hat, gehört ins Bett. Für Menschen, die auf der Straße leben müssen, gelten andere Gesetze: Sie können sich nirgends auskurieren, ob bei Grippe oder offenen Beinen. Denn ein Fall fürs Krankenhaus ist das nicht. Zwar betreibt die Caritas eine Krankenstube für Obdachlose. Aber die hat nur 14 Betten – viel zu wenig für die mindestens 1281 Menschen, die laut der jüngsten Zählung der Sozialbehörde auf der Straße leben. Pflegedienstleiter Klaus Scheiblich: „Wir sind immer überbelegt.

Die Situation heute:

Obdachlose, die ein Bett ergattert haben und gepflegt werden müssen, sind trotzdem nicht aus dem Schneider. „Die häusliche Krankenpflege ist an die Bedingung geknüpft, dass es einen Haushalt gibt“, erläutert AOK-Sprecherin Renate Hillig die aktuelle Gesetzeslage. Diese wird strikt ausgelegt: Selbst Kassen-Mitglieder, die lange in einem Nachtasyl wie dem Pik As oder in einem Hotelzimmer leben, aber keine eigene Küche haben, haben bei schweren Krankheiten keinen Anspruch auf häusliche Pflege – ein Umstand, den laut Hillig auch manch Senior in einem Altenheim zu spüren bekommt.

Auch Obdachlose, die nicht krankenversichert sind und für deren Behandlungskosten eigentlich das Sozialamt aufkommt, gehen nach dieser Definition leer aus: „Krankenhilfeleistungen sind laut Gesetz entsprechend den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung zu entrichten“, sagt die Sprecherin der Sozialbehörde, Anika Wichert, und gesteht: „Da gibt es eine Lücke.“

Pflegen & wohnen (p&w), Betreiber der Übernachtungsstätte Pik As, führt derzeit Gespräche, um Pflegekosten in den Übernachtungsstätten erstattet zu bekommen. „Der Bedarf ist da“, so Sprecher Kay Ingwersen. „Es ist immer ein fürchterlicher Kampf um den Einzelfall“, ergänzt ein ehemaliger Sozialarbeiter.

Immerhin: Die Sozialbehörde unterstützt die Krankenstube für Obdachlose mit 280.000 Euro jährlich, 230.000 Euro beträgt schon heute der Eigenanteil der Caritas. Die Krankenkassen zahlen nichts, dabei waren laut Caritas allein im vergangenen Jahr 27 Prozent der Krankenstuben-Patienten bei der AOK versichert. Eine vom Hamburger Diakonischen Werk 2002 vorgelegte Studie belegt, dass sogar 60 Prozent der Wohnungslosen Mitglied einer Krankenkasse sind.

Die Zukunft:

Künftig wird alles noch schlimmer: Vom Jahr 2004 an brauchen auch diejenigen ein Bett, die sich bisher im Krankenhaus auskurieren konnten. Denn Krankenhäuser sind künftig gesetzlich verpflichtet, Behandlungen nicht mehr nach Krankenhaustagen, sondern nach so genannten Fallpauschalen (DRG) abzurechnen.

Das vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen überwachte System hat zum Ziel, Behandlungskosten bundesweit zu vereinheitlichen, Leistungen transparent zu machen und teure Liegezeiten im Krankenhaus zu verkürzen. Aus wirtschaftlicher Sicht und für das Gros der Patienten, die schneller nach Hause entlassen werden, um sich dort in vertrauter Umgebung auszukurieren, ist diese Regelung von Vorteil. „Für Obdachlose und alleinstehende Wohnungslose ist sie fatal“, so die Ärztin Dr. Frauke Ishorst-Witte, die in der Tagesaufenthaltsstätte Bundesstraße (TAS) eine Sprechstunde für Obdachlose anbietet. Sie müssen auf die Straße entlassen werden.

Eine soziale Indikation, die es Ärzten bisher erlaubt hat, auf Probleme eines Patienten einzugehen und ihn länger als aus medizinischer Sicht erforderlich im Krankenhaus zu behalten, ist künftig kaum mehr möglich. Aufwändige Gespräche und Zeitverluste, die durch wenig kooperative Patienten entstehen, können nicht abgerechnet werden. Obdachlose gelten aber als besonders schwierige – und somit künftig unwirtschaftliche Patienten.

Doch darf Wirtschaftlickeit auf Kosten der Patienten gehen? Für Lungenentzündung hat eine US-Studie vor und nach Einführung der Fallpauschalen ergeben, dass die Verweildauer im Krankenhaus tatsächlich um 35 Prozent zurückging, die Sterblichkeit dort um 15 Prozent sank und die Krankenhauskosten um 25 Prozent. Dafür aber stieg die Sterblichkeit außerhalb des Krankenhauses innerhalb der ersten 30 Tage um 35 Prozent.

„Es ist notwendig, das ambulante System jetzt schon auszuweiten“, so Dr. Ishorst-Witte – und auf finanziell sichere Beine zu stellen. Denn: „Wohnungslose haben so viele Probleme, da sind manche selbst mit der regelmäßigen Einnahme ihrer Medikamente überfordert.“ Die Ärztin plädiert für eine stärkere Vernetzung zwischen niedergelassenen und Krankenhausärzten und der Obdachlosenhilfe: „Ärzte sollten sich mit der Caritas-Krankenstube in Verbindung setzen und, wenn die kein Bett haben, zumindest die Mobile Hilfe oder die TAS informieren.“ Manch Rückfall oder Krankenhausaufenthalt, der wegen Verschleppung einer Krankheit nötig wird, könnte vermieden werden.

Schon heute liegt die Lebenserwartung Obdachloser bei nur 44,5 Jahren, so eine Studie des Instituts für Rechtsmedizin an der Hamburger Uniklinik. Das sind 30 Jahre weniger als der Bevölkerungsdurchschnitt in Deutschland.

So sollte es laufen:

– Mehr Krankenstuben-Betten für Obdachlose, wo geschultes Personal auch mit schwierigen Patienten umzugehen weiß.

– In Übernachtungsstätten muss häusliche Pflege möglich sein und finanziert werden.

– Krankenkassen und Sozialbehörde müssen auch bei Obdachlosen die Kosten für häusliche Pflege übernehmen.

– Stärkere Vernetzung zwischen niedergelassenen Medizinern, Krankenhausärzten und der Obdachlosenhilfe.

Annette Bitter

Betreuen, verfolgen, sperren

Eine kleine Chronik der Arbeitsmarktpolitik

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

27. Februar

„Suche eine Herausforderung“, schreibt ein Arbeitsloser nach 120 erfolglosen Bewerbungen auf ein Plakat und mietet eine drei mal dreieinhalb Meter große Werbefläche an der Ost-West-Straße. Kosten der ungewöhnlichen Anzeige des 34-jährigen Werbekaufmanns: 550 Euro. Resonanz: 120 Anrufe, „fast durchgängig von Medienvertretern“, sowie 60 bis 70 Arbeits-Angebote per E-Mail, „dabei acht von zehn auf freiberuflicher Basis, etwa als Finanzberater“. Zwischenstand vier Wochen später: „Bei zwei bis drei Sachen bin ich im Endspurt.“

Ein anderer Arbeitsloser versteigert sich im Internet und verkündet das per Pressemitteilung, um auf seine Qualifikation als Kommunikationswirt aufmerksam zu machen. Der Fernsehkanal „Neun Live“ kündigt einen „inhaltlichen Qualitätssprung“ an: Er will in einer neuen Show Arbeitslose vermitteln.

1. März

Unter dem Titel „Arbeit ist für alle da“ erscheint das Buch von Florian Gerster, Chef der Bundesanstalt für Arbeit (BA). „Neue Wege in die Vollbeschäftigung“ (Untertitel), so die Kritiker, zeige das Buch aber nicht.

12. März

BA-Chef Gerster bezeichnet den Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit als „Illusion“. „Das kann man sich nicht bei vielen Menschen leisten“, so der Behörden-Leiter auf einer Veranstaltung. Je nach Statistik gelten ein Drittel bis die Hälfte aller 4,7 Millionen Menschen ohne Job als langzeitarbeitslos. CSU-Chef Edmund Stoiber fordert, die Sozialhilfe für Arbeitsfähige um 25 Prozent zu kürzen – ein Alleinstehender ohne Job müsste dann von rund 230 Euro monatlich leben. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfeinitiativen teilt mit, dass sie aus Geldnot ihre Arbeit einstellen muss. Ihr wurden die Bundeszuschüsse gestrichen.

14. März

„Niemandem wird künftig gestattet sein, sich zulasten der Gemeinschaft zurückzulehnen“, sagt Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Regierungserklärung und kündigt massive Kürzungen an: Arbeitslose bis 55 Jahre sollen nur noch zwölf Monate, Ältere nur noch 18 Monate Arbeitslosengeld erhalten.

Derweil wachsen die Haushaltslöcher bei der BA mit den Arbeitslosenzahlen. Bis Ende Februar hat die Behörde 1,5 Milliarden Euro mehr ausgegeben als eingenommen, so der „Tagesspiegel“. Im Vorjahr habe das Minus zum gleichen Zeitpunkt bei 666 Millionen Euro gelegen.

17. März

Das Arbeitsamt Lübeck lässt nach Alkohol riechende Arbeitslose künftig pusten. Wer mehr als 0,5 Promille im Blut hat, bekommt die Hilfe für den Tag gekürzt. Begründung: Er sei „nicht arbeitsfähig“. Weigert sich ein Betroffener, zum Amtsarzt zu gehen, streicht ihm das Amt für zwei Wochen die Unterstützung.

Kritiker zweifeln an der Rechtmäßigkeit des Vorgehens, ein Sprecher des Hamburger Arbeitsamts hält von dem Vorgehen wenig: „Wir wollen die Leute nicht drangsalieren.“ Am gleichen Tag stellen gewerkschaftlich organisierte Arbeitsamts-Mitarbeiter eine Erklärung ins Internet. Da die BA dieses Jahr Arbeitslosengeld-Einsparungen in Höhe von 2,89 Milliarden Euro fordere, laute das neue amtsinterne Zauberwort „Verfolgungsbetreuung“. Jede Möglichkeit zur Verhängung von Sperrzeiten solle genutzt werden. „Es werden Hitlisten eingerichtet mit dem Ziel zu schauen, wer in welcher Zeit wie viele Sperrzeiten verhängt.“

18. März

Nach Plänen des Wirtschaftsministeriums sollen Arbeitslose unter 25 Jahren, die einen Job oder eine Weiterbildung verweigern, die Hilfe komplett gestrichen bekommen. Im Gegenzug erklärt die Regierung nicht zum ersten Mal, sie wolle jedem jungen Menschen zu einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz verhelfen. Derzeit sind bundesweit 580.000 junge Leute arbeitslos gemeldet. Die Zahl der Lehrstellen sinkt, bundesweit fehlen dieses Jahr mindestens 100.000 Ausbildungsplätze. Wegen der Kürzungen bei der überbetrieblichen Ausbildung fallen vermutlich weitere 80.000 Lehrstellen weg.

Ulrich Jonas

Neustart: Ali Turans teurer Name

Das wahre Märchen vom großen Konzern, der einen kleinen Mann um seinen Nachnamen bitten musste

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

„Bezahlen Sie einfach mit Ihrem guten Namen!“ Dieser Werbeslogan hat für Ali Turan aus Rothenburgsort seit ein paar Wochen einen neuen Klang. Genau genommen seit der Weltkonzern Volkswagen seine neue Familienkutsche vorgestellt hat und dafür ihm, dem 26-jährigen Autoteilehändler, eine sechsstellige Summe bezahlen muss. Denn das Auto heißt fast so wie Ali – und der hatte seinen Familiennamen in allen Varianten schützen lassen, so wie das sonst die Werbe- und Marketingstrategen der großen Konzerne tun.

Dabei ist der 26-jährige Ali Turan alles andere als ein „Global Player“, sondern ziemlich „local“. Denn seine Firma mit kleinem Verkaufsraum, vollgeparktem Hof und Werkstatt ist ein Ort, wo man mit einem Auto samt seiner Beulen und Macken gut aufgehoben ist. Im Regal liegen Scheinwerfer, Batterien und andere Ersatzteile. Der Chef, eher klein und kräftig, im dunklen Anorak, umrundet den Verkaufstresen, begrüßt einen Kunden und geht mit ihm auf den Hof. Sekunden später beugt er sich sich fachmännisch über eine geöffnete Motorhaube. Hinten in der kleinen Halle steht ein ausgebauter Motorblock neben einem aufgebockten Golf, an einem Mercedes beulen zwei junge Männer in blauen Overalls gerade die Tür aus, daneben lernt ein Azubi, ein Rad zu wechseln. Mit der chromglänzenden Werbewelt, in der Autos wie fliegende Teppiche über kurvige Panoramastraßen gelenkt werden, hat das hier nichts zu tun.

1998 übernahm Ali die Werkstatt von seinem Vater – da hatte er seine Einzelhandelskaufmann-Lehre gerade beendet und liebäugelte mit einem Betriebswirtschaftsstudium. Die erste Zeit als Chef war alles andere als leicht: „Ich hatte Ärger mit dem Finanzamt, die wollten eine riesige Steuernachzahlung von mir – mehr als ich bis dahin je verdient hatte.“ Schließlich pfändeten sie alle Konten, „und dann kamen noch Gerüchte auf, die Werkstatt Turan würde schlecht arbeiten.“ Er ging den Gerüchten nach und stellte fest, „dass es nicht um uns ging, sondern um eine andere Werkstatt, die Touran heißt.“

Kein Wunder eigentlich, denn in der Türkei, aus der Alis Eltern stammen, ist der Name ungefähr so verbreitet wie Mayer und Meyer. Ali beschloss, seinen Familiennamen schützen zu lassen. Den Tipp hatte ihm ein Schulfreund gegeben. Als dann im März 2002 ein Fax von VW kam, hielt er das für einen Scherz dieses Freundes. „Ich habs einfach weggeschmissen.“ Doch ein paar Tage später hatte er einen Brief aus Wolfsburg in den Händen: Wir freuen uns, Ihnen mitzuteilen, dass wir planen, unseren neuen Van „Touran“ zu nennen. Als Gegenleistung für die Rechte an Ihrem Namen bieten wie Ihnen ein Auto an. Etwas in der Art schrieben sie ihm. „Ich habe abgelehnt, schließlich stehen hier genug Autos auf dem Hof.“

Ali Turan grinst, und man ahnt, dass er kein einfacher Verhandlungspartner ist. VW wurde das erst langsam klar. Der Mann mit dem potenziellen Markennamen fuhr nämlich einfach in den Urlaub, nachdem er Angebote von 3000 bis 30.000 Euro kurzerhand ausgeschlagen hatte. „Mein Name ist mir einfach mehr wert“, versichert Ali Turan. Dabei guckt er nicht nur treuherzig, sondern meint das wirklich ernst. „Mir ist nicht egal, wo überall Turan drauf steht, bei einem Staubsauger hätte ich das für kein Geld der Welt gemacht!“

Im Urlaub bekam er plötzlich Anrufe von VW-Mitarbeitern, die Türkisch sprachen – was überflüssig war, denn der Mann mit dem türkischen Allerweltsnamen spricht fließend Hamburgisch. Experten könnten vielleicht sogar heraushören, dass er in Rothenburgsort geboren und aufgewachsen ist. Irgendwann im Laufe des Sommers ist es wohl auch in Wolfsburg klar gewesen, dass man sich entweder nach einem anderen Namen umsehen sollte oder endlich ein handfesteres Angebot auf den Tisch legen muss. Man kann darüber nur mutmaßen – denn VW spricht nicht darüber. Jedenfalls hat Ali Turan im vergangenen August einen Vertrag unterschrieben, in dem er eine sechsstellige Summe für seinen Namen bekommt. Wie hoch sie genau ist, darf er nicht sagen.

Ist er jetzt ein reicher Mann, der seine Werkstatt demnächst zumacht und in die Sonne fliegt? Ungläubig schaut er einen an, dann beschreiben seine kräftigen Hände einen großen, unbestimmten Kreis, der von den Azubis bis zu den Ersatzbatterien reicht: „Ohne Arbeit? Das ist nichts für mich, ich kann überhaupt nicht still sitzen.“ Nein, auch den alten Traum vom Studium wolle er nicht unbedingt verwirklichen. „Gerade weil das Geld wie ein Geschenk gekommen ist, will ich etwas Solides damit machen.“

Erst mal hat er seine Schulden bezahlt und „einen riesigen Fernseher gekauft“. Bei diesem Satz grinst er wie ein Kind, das einen Bonbonladen plündern durfte. Aber gleich sieht er wieder aus wie ein erwachsener Mann, spricht davon, dass er sich Immobilienangebote unterbreiten lasse, um vielleicht doch wegzuziehen aus der Eiffestraße, „irgendwohin ins Grüne“. Weil das besser sei für seinen Sohn.

Während er erzählt, kommen immer wieder Leute rein, Kunden und Angestellte, er grüßt, lacht, stellt Fragen und gibt Antworten auf Türkisch und Deutsch. Offensichtlich ist er auch für seine Leute kein anderer geworden. Muss er jetzt Schnorrer und Schmeichler fürchten? Wieder ein verständnisloser Blick und eine knappe Antwort: „Mit solchen Leuten bin ich nicht befreundet!“ Doch ja, natürlich kämen jetzt manchmal Bittbriefe oder dubiose Geldanlage-Angebote. Aber Ali Turan bleibt gelassen: „Ich werde erst spenden, wenn ich etwas gefunden habe, bei dem ich sicher bin, dass es solide ist und das Geld was bewirkt.“ Ansonsten vielleicht etwas mehr Urlaub als bisher. „Aber nicht zu lange, sonst suche ich mir dort eine Werkstatt und arbeite da ein bisschen mit“, lacht er. Sein Unternehmen ausbauen? „Vielleicht ein bisschen, aber nicht zu groß, das macht nur Probleme.“

Offensichtlich sind Ali Turans Träume längst nicht so groß und teuer, wie das, was sich Marketingstrategen bei VW für ihre Werbespots ausdenken. Deshalb konnte der Autoteilehändler aus Rothenburgsort auch ganz gelassen mit dem Weltkonzern aus Wolfsburg verhandeln.

Sigrun Matthiesen

Zwei Große im Schauspielhaus

Der Schauspieler Edgar Selge und der Statist Frank Kienitz stehen im „Menschenfeind“ gemeinsam auf der Bühne

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

„Ich will doch nur eins“, sagt Edgar Selge nachdrücklich, „um meiner selbst willen geliebt werden – und erfahre doch zu wenig Liebe.“ Ganz so persönlich, wie das jetzt klingen mag, meint Selge das allerdings nicht. Die Rede ist vom „Menschenfeind“, den der 54-Jährige gerade im Schauspielhaus gibt. Der Wunsch nach besonderer und einzigartiger Beachtung macht Alceste fast verrückt.

Besondere Beachtung erfährt allerdings ein ganz anderer. Alcestes Diener, gespielt von dem Statisten Frank Kienitz, der hinten auf der Bühne so groß über die Kulissenhecke hinausragt, dass einem ganz unheimlich zumute wird. Frank Kienitz ist in diesen Minuten auch ganz mulmig. Ein leichtes Gefühl der Panik beschleicht ihn, undeutlich zu sprechen, seinen Text zu vergessen oder gar seinen Einsatz zu verpassen. Als Alcestes Diener dringt er ein in diesen illustren Kreis, und der Zuschauer sieht, was er längst ahnt: Hier kommt ein ganz Großer. Frank Kienitz ist 2,20 Meter groß, und er spielt das Bindeglied zwischen der Außenwelt und dem Kreis um Alceste und Celimène. „Ich bin das Sinnbild für das Unheil, das überall hereinkommt“, sagt Frank Kienitz. „Keine Abgeschiedenheit ist groß genug.“

Dass er wegen seiner Größe abschreckend wirkt, hat Frank Kienitz schon häufig erlebt. „Die Menschen tuscheln, drehen sich nach mir um oder machen blöde Sprüche“, zählt er seine Erfahrungen auf. Bis 1996 sind ihm solche Erlebnisse tief unter die Haut gegangen. 1996 ist sein persönliches Wendejahr: Der Groß- und Außenhandelskaufmann wurde fürs Theater entdeckt. Er suchte in einer Buchhandlung gerade ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau. Da sprach ihn der künstlerische Leiter vom Schauspielhaus an, „ob ich nicht irgendwo mitmachen will“. Frank Kienitz, gewohnt, dass sich die Leute über ihn lustig machten, wollte schon lospoltern.

Nach dem Motto: „Was wollen Sie von mir? Lassen Sie mich in Ruhe!“ Der 42-Jährige weiß immer noch nicht, was ihn damals geritten hat, dann doch nachzufragen… Auch Edgar Selge ist gewissermaßen entdeckt worden. Als Kind. Im Gefängnis. Sein Vater war nämlich der Direktor, und die Gefangenen suchten noch Mitspieler in ihrem Theater. Der kleine Edgar war ideal, zumindest vor seinem Stimmbruch. Auf Frauenrollen war er abonniert. Und genoss es. Hauptsächlich, weil er sich mal so richtig hervortun konnte. Denn ihn nervte, dass er bei seinen älteren Brüdern keine Anerkennung fand.

„Immer wurde ich den Kleinen zugeschlagen.“ Komik und Imitation, das merkte das Kind schnell, „sind Waffen und gleichzeitig Eintrittskarten in die Welt der Älteren“. So schnell fuhr dem Jungen, seit er mit den Großen auf der Bühne stand, jedenfalls „keiner mehr übers Maul“. Bis für Frank Kienitz das Gleiche galt, dauerte es ein Weilchen. Er ging also ins Schauspielhaus und fragte nach der Rolle. Einen Riesen sollte er spielen, ausgerechnet, neben Zwergen und Verkrüppelten, in einer Inszenierung von „Kasimir und Karoline“. Und was er nie geglaubt hätte: „Es machte mir wahnsinnig Spaß.“ Auf einmal war es ihm egal, das zu spielen, worunter er sein Leben lang gelitten hatte. Das lag wohl am Regisseur, glaubt er. „Der hat mir nahegebracht: Warum sollte ich seltsamer oder unnormaler sein als andere?“

Ja, warum eigentlich? Früher, da hatte ihn seine Größe allerdings klein gemacht. Ließ ihn in Deckung gehen vor anderen Menschen. Am liebsten hätte er sich in ein Mauseloch verkrochen. Seine Eltern, beide auch sehr groß, konnten ihm nicht helfen, im Gegenteil. Ihre Devise: bloß nicht auffallen. Einmal, da wagte er den Ausbruch, nahm an einem Wettbewerb teil und ließ sich zum größten Mann küren. Aber die Eltern freuten sich nicht über seinen Sieg, waren regelrecht sauer. Dabei hatte sich Frank so nach diesem Sieg gesehnt. Einmal jedenfalls wollte er belohnt und anerkannt werden. War wohl wieder nichts. Und so blieb er erst mal in seinem Gefängnis.

„Gefängnis“ – Edgar Selge lässt das Wort auf der Zunge zergehen. „Das ist ein Grundgefühl, das ich nicht mehr loswerde.“ Allein die Vorstellung, in einem Raum zu sitzen, der keine Türklinken hat, mit „schwedischen Gardinen“ vor den Fenstern. „Ich wusste als Kind schon, was es heißt, wenn die Tür zugeschlossen wird und man nicht mehr rauskommt.“ Frank Kienitz hat sein Gefängnis inzwischen verlassen, weitgehend jedenfalls. Ausgerechnet der Riese in „Kasimir und Karoline“ hat ihm das ermöglicht. Inzwischen hat er noch andere kleine Rollen gespielt. Einen Vorzeitmenschen beispielsweise, seine erste Sprechrolle.

„Wir brauchen keinen Fortschritt“, sagt Kienitz – das waren seine Worte im Stück, allerdings auch seine einzigen. Der Diener im „Menschenfeind“ ist für ihn tatsächlich ein Fortschritt. Mehrere Sätze muss er sprechen – und das auch noch in einem Stück, mit dessen Protagonisten er sich total identifiziert. Edgar Selge, sagt er, spreche ihm als Mensch und Rolle direkt aus der Seele.

Selge schätzt den großen Mann ebenso: „Er hat etwas Kostbares, was einem als Berufsschauspieler unter der eigenen Rauheit und Professionalität manchmal verloren geht.“

Besonders liebt Frank Kienitz den Satz: „Ich will erkannt und unterschieden sein.“ Das fordert Menschenfeind Alceste nicht nur von seiner Celimène, sondern auch vom Rest der Welt. Frank Kienitz kann diese Worte auswendig, mindestens so gut wie seinen eigenen Text. Auch Edgar Selge liebt das Stück. „Der Egoismus und der Wunsch nach besonderer Beachtung schlagen irgendwann in jeder Gesellschaft durch und bedrohen jede Gemeinschaft“, ist eine seiner Interpretationen. „Dem entkommt man nicht.“

Zum Schluss wünscht sich Alceste in die Wüste. Aber dieser Wunsch bleibt Illusion. „Es gibt keinen Wunsch, der außerhalb der Gesellschaft erfüllbar wäre“, sagt Selge. „Wir müssen miteinander zurechtkommen.“

Diesen in sich widersprüchlichen Alceste dem Publikum nahezubringen, das versucht er bei jeder Vorstellung aufs Neue. Das ist ja der Reiz beim Theater: „Eine gute Premiere heißt noch gar nichts“, sagt er. „Bei jeder Vorstellung muss man die Zuschauer erwischen.“ In diesem Stück ist der Anfang für ihn die Hürde. „Den würde ich am liebsten zweimal hintereinander spielen.“ Dann dieses Glück, die Entspannung, wenn der Funke übergesprungen und der Schlussapplaus aus vollem Herzen kommt. „Ich spüre, ob die Zuschauer einem die Gedanken schon von der Stirn ablesen.“

Der Schlussapplaus ist auch der große Moment von Frank Kienitz, dem Statisten. „Wenn die Zuschauer klatschen, habe ich das Gefühl, dass ein Teil davon mir gilt.“ Nach der Vorstellung entschwindet Edgar Selge wieder – bis zum nächsten Mal. Er probt in Frankfurt die „Frankfurter Verlobung“. In dem Stück spielt er einen Alt-68er, und Joschka Fischer kommt zumindest indirekt auch vor. Was bei Frank Kienitz als nächstes auf dem Spielplan steht, ist ungewiss. Er hofft, dass er bald wieder ein Angebot bekommt. Klar ist nur, dass er demnächst wieder bei „Kasimir und Karoline“ in Zürich und Berlin dabei ist. Das Drama bleibt sowieso für immer sein Lieblingstück. „Ich brauche den Namen des Stückes nur zu hören, dann kribbelts im Bauch“, sagt er. „Das ist wie mit der ersten Liebe, die vergisst man nie.“

Birgit Müller

Kahlschlag bei Azubis

Behörde will Plätze für benachteiligte Jugendliche kappen

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

Ausbildungsplätze sind rar. Doch die Behörde für Bildung und Sport will die Zahl außerbetrieblicher Lehrstellen in der Jugendberufshilfe drastisch abbauen. Bis 2006 sollen etwa die Hälfte der derzeit 400 Plätze gestrichen werden. Außerdem plant die Behörde, die Zuwendungen pro Ausbildungsplatz um mehr als ein Drittel zu kürzen. Stattdessen will die Stadt vermehrt berufsvorbereitende Maßnahmen fördern, die maximal zwei Jahre dauern und kostengünstiger sind. Auch so genannte „Ausbildungskooperativen“, bei denen Jugendliche in Betrieben des ersten Arbeitsmarktes betreut werden, sollen ausgeweitet werden.

Stark betroffen von der Umstellung sind die „autonomen jugendwerkstätten hamburg“ (ajw). Sie bieten Ausbildungsplätze für sozial benachteiligte Jugendliche, denen der Schulabschluss fehlt, die eine Drogenkarriere hinter sich haben oder deren Eltern Alkoholiker sind. Solche Jugendlichen haben meist keine Chance auf eine Lehrstelle in gewöhnlichen Betrieben – und sie brauchen Unterstützung. Bei den ajw steht deshalb neben einer qualitativ guten Ausbildung auch die soziale Festigung der Jugendlichen im Vordergrund.

In den kleinen, familiär gehaltenen Werkstätten kümmern sich jeweils zwei Handwerker und ein Pädagoge um sie. 100 Ausbildungsplätze bieten die ajw an – noch. Dem Plan der Behörde zufolge sollen in drei Jahren nur noch 50 übrig sein. Die anderen 50 werden voraussichtlich in berufsvorbereitende Maßnahmen umgewandelt.

„Wenn die Pläne umgesetzt werden, verdient die Jugendberufshilfe ihren Namen nicht mehr“, empört sich ajw-Geschäftsführerin Gisela Wald. Eine Stabilisierung der Jugendlichen innerhalb von drei Jahren werde nicht mehr möglich sein, da der Betreuungsschlüssel durch die Kürzungen dras-tisch verschlechtert werde. „Wir werden wahrscheinlich fünf unserer acht Werkstätten schließen müssen“, so Wald.

Der Leiter des Amtes für Berufliche Bildung und Weiterbildung, Achim Meyer auf der Heyde, begründet die Kürzungen mit der „angespannten ökonomischen Lage“. Die Umschichtungen zielten auf eine stärkere Betriebsnähe, wie es auch die Hartz-Kommission angeregt habe, so der Leiter. „Außerdem werden durch die Umschichtungen 230 Jugendliche mehr gefördert als bisher“, so Meyer auf der Heyde.

In den Ohren von Gisela Wald klingt das zynisch. Viele der Auszubildenden bei den ajw hätten bereits berufsvorbereitende Maßnahmen hinter sich, sagt die Geschäftsführerin. „Sie sind bei uns, weil sie auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Ausbildungsplatz bekommen haben.“ Sie fürchtet, dass diese Jugendlichen vollständig aus dem Hilfesystem herausfallen könnten. „Die Folgekosten für die Gemeinschaft“, so Wald, „sind höher als die für die Jugendberufshilfe.“

Philipp Ratfisch

Man kann nichts verändern? Von wegen!

Fünf Beispiele, wie gemeinnützige Arbeit und Spaß zusammenpassen

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

Es ist ein verregneter Samstagnachmittag, als das Telefon klingelt. Martin G. (20) nimmt ab, und am anderen Ende meldet sich ein junges Mädchen, das von ihren besten Freunden verraten wurde. Martin macht bei „Jugendliche beraten Jugendliche“ mit, einem Projekt des Jugendseelsorgetelefons.

Jeden Samstag beraten jeweils zwei Jugendliche die Anrufenden. „Die Probleme lassen sich natürlich nicht so schnell aus dem Weg räumen. Aber es ist schon ein großer und wichtiger Schritt, über seine Sorgen zu sprechen“, erläutert Martin. „Manche Jugendliche haben absolut niemanden zum Reden, dann sind wir da!“

Bevor sich die Jugendlichen als verständnisvolle Zuhörer bewähren dürfen, müssen sie eine 13-stündige Ausbildung absolvieren. „Durch Rollenspiele und Gruppenarbeiten bereiten wir uns auf den Job vor“, so Martin. Er ist schon länger dabei und fühlt sich immer wieder „gut, anderen helfen zu können“. Praktisch ist die Beratung für ihn auch deshalb, weil er später einen Pädagogenberuf ausüben möchte.

Das Projekt ist eine Light-Version ehrenamtlicher Arbeit, denn die Jugendlichen beraten lediglich einmal im Monat. Doch deswegen ist es nicht minder bemerkenswert. „Man gewinnt ungeheuer an Erfahrung und lernt nach manchen Gesprächen für sein eigenes Leben dazu“, findet Martin.

Für das Leben anderer setzt sich die amüsante Truppe der ,,Blutigen Vampire“ vom Jugendrotkreuz (JRK) ein. Auf Großveranstaltungen erkennt man die vierköpfige Gruppe leicht an der roten JRK-Sanitäter-Jacke. Hin und wieder kommt es dort zu Einsätzen, oder es stehen Seminare und Schulungen an. Da passiert es schon mal, dass sie sich am Samstagmorgen um acht Uhr treffen oder ein ganzes Wochenende mit dem JRK unterwegs sind. Ansonsten treffen sie sich jeden Dienstag zur Gruppenbesprechung.

Doch „nur Arbeit ist das bei uns natürlich nicht, oft ist es witzig und entspannt“, erzählt Torge Meister (19). Das sei einer der Gründe, warum er sich als Sanitäter engagiere. Außerdem sei es faszinierend zu lernen, wie man Menschen in Notsituationen helfen kann. „Ich will Leute kennen lernen, Neues ausprobieren und einfach in einer Gruppe mitwirken“, fasst Hülya (16), die aufgeweckteste der Truppe, ihre Motivation zusammen. „Bei uns kommt noch hinzu, dass wir durch die Arbeit hier nicht zum Bund müssen“, spricht Torge für sich und seinen Bruder Arne (16). Stolz sind die 16- bis 19-Jährigen auf die viertägige „Kinderstadt“ im vergangenen Jahr, bei der sie mit anderen DRKlern Berufe vorstellten.

Ebenso auf die Wettkämpfe, die regelmäßig stattfinden. „Einmal wurden wir sogar Zweiter!“, erzählt Gruppenleiterin Jennifer Trojack (17). In den Wettkämpfen, die regional, bundesweit und international stattfinden, geht es um Erste Hilfe, aber auch um das Schminken von Wunden und Brüchen. „Das ist eine besondere Aufgabe unserer Gruppe, deshalb der Name ‚Die blutigen Vampire‘“, erklärt Jennifer.

Zwar in keiner gemeinnützigen Organistation, aber trotzdem engagiert sind Robert und Martin. Sie sind Teil einer Gruppe, die im Autonomen Jugendhaus (AJH) in Bargteheide Angebote für Jugendliche macht. Die Filmabende, Essensausgaben, Partys oder auch politischen Vor- träge werden von Jugendlichen organisiert – ohne Hilfe der Stadt. Martin Trautvetter (22), schon seit acht Jahren beim AJH, erklärt: ,,Wir geben keine Richtung vor. Bei uns wird alles gemixt, Jugendliche mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen, Kultur und die Musik.“ Dieses Konzept geht auf, denn schon seit 18 Jahren kommen Jugendliche ins AJH.

Robert (18) sieht sein Engagement als selbstverständlich an: ,,Wenn man was erreichen will, dann muss man eben auch aktiv sein.“ Er und seine Mitstreiter sind nicht hauptsächlich an ihrem eigenen Vergnügen interessiert, sondern wollen Jugendlichen etwas bieten. Die politische Jugendgruppe BASTA!, die sich regelmäßig im AJH trifft, nimmt an Antikriegs- oder Antifaschismus-Demonstrationen teil oder lädt Redner ein, jetzt etwa zwei Flüchtlinge aus Afghanistan.

Allerdings soll das leerstehende Haus, das die Jugendlichen gemütlich eingerichtet haben, nun einem Neubaugebiet weichen. Eine angemessene Alternative gibt es noch nicht. „Wir wissen, dass wir selber aktiv werden müssen, wenn wir etwas finden wollen. Mit größeren Räumlichkeiten könnten wir noch viel mehr machen“, sagt Martin.

Eine etwas andere Jugendarbeit leistet der Jugendarbeiter-Kreis (JAK) aus Hamm vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die Mitglieder haben es sich zur Aufgabe gemacht, Friedensarbeit zu leisten und sich um Kriegsgräber zu kümmern, die als Mahnmal für die Ewigkeit gedacht sind und somit Pflege benötigen. „Der Grabpflege dienen Workcamps für Jugendliche“, erzählt Christian (23), ein langjähriger JAKler. Sie finden in vielen Ländern statt. „Ein paar Stunden am Tag wird geschuftet, dafür ist der Preis gering.

Abends sind Party oder Kultur angesagt!“, sagt Leif Langberg (25). Wenn die Jugendlichen nicht gerade in Camps mitwirken, unterstützen sie den „Erwachsenen“-Volksbund, veranstalten Bildungsseminare im In- und Ausland oder gestalten Feiern.

„Man lernt viele Länder kennen und findet Freunde auf der ganzen Welt. Das motiviert weiterzumachen!“, freut sich Patrick Neubauer (17), und Borislav Dinav (25) ergänzt: „Es ist toll, Wissen zu vermitteln, Neues zu lernen und sich gleichzeitig für den Frieden einzusetzen.“

Auch Lisa Reichmann (15) befand sich unter hunderten Jugendlichen aus aller Welt: Bei einem einwöchigen Camp während des Urwald-Gipfels in Den Haag kämpfte sie für den Erhalt des Urwaldes – eine Aktion von Greenpeace. Das selbstbewusste Mädchen ist dort schon seit anderthalb Jahren in einer Jugend-Arbeitsgemeinschaft. ,,Mir ist es wichtig, dass ich mich für die Zukunft einsetze, bevor es zu spät ist, denn so, wie es ist, kann es nicht weitergehen.“ Aus diesem Grund setzt sie sich mit Informationsveranstaltungen, Demonstrationen oder Mahnwachen für den Umweltschutz ein. „Vom Nichtstun ändert sich eben nichts und vom ewigen Motzen schon gar nicht.“ Besonders am Herzen liegen ihr Energie- und Klimathemen. Wichtig ist ihr, dass sie nicht nur protestiert, sondern auch sinnvolle Gegenvorschläge anbieten kann. Aus diesem Grund wird auch eine neue internationale Jugendkampagne gestartet, die „Solargeneration“.

Trotz des Engagements ist Lisa enttäuscht über die geringe Teilnahme anderer Jugendlicher. Dass sich in Deutschland nur rund 400 Jugendliche bei Greenpeace engagieren, führt sie auf den geringen Informationsstand, aber auch auf die falsche Prioritätensetzung vieler zurück. ,,Die Leute müssen aufgerüttelt werden. Man muss nicht andere über die eigene Zukunft entscheiden lassen, wenn man durch aktive Beteiligung etwas retten kann. Je mehr sich engagieren, desto mächtiger ist man!“

Imke Bredehöft und Jana Kischkat

Schafe, Seebären, 1000 Steine

Die drei ungewöhnlichsten Dienststellen für Zividienst und das Freiwillige Soziale Jahr

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

Es ist heiß an Bord, wahnsinnig heiß. Der Boden in dem kleinen, in gelb und braun gehaltenen Raucherzimmer scheint leicht schräg zu sein. An der Wand hängt eine vergilbte Weltkarte. Die Sowjetunion ist zu sehen, Deutschland ist noch geteilt. Die umlaufenden, mit khakifarbenem Stoff überzogenen Couchen sind durchgesessen. Auf dem niedrigen Tisch liegt ein abgegriffenes Backgammon-Spiel. Annika Kämling zeigt den vereinzelt hereinkommenden russischen Seeleuten eine Broschüre vom Hamburger Seemannsclub „Duckdalben“ und beantwortet geduldig die in schlechtem Englisch vorgetragenen Fragen.

Es ist ihr erster Schiffsbesuch an diesem Tag. Der etwas schäbig aussehende russische Öltanker hatte gleich ihre Neugier geweckt. Ob man im Seemannsclub Telefonkarten kaufen könne oder wie dort der Wechselkurs des Dollars sei, fragen die Matrosen. Einer bietet an, uns das Schiff zu zeigen. Unsere Fotografin Sonja und ich folgen gespannt. Mehr als eine halbe Stunde später, nachdem wir – kindlich begeistert – durch die Kombüse und den Maschinenraum bis hoch zur Brücke geführt worden sind, kommen schließlich fünf Seeleute mit in den Kleinbus, der uns zum „Duckdalben“ bringt.

Die persönliche Entscheidung für den Zivildienst und ganz besonders für ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr hängt stark von der Attraktivität der Dienststelle ab. Wirklich ungewöhnliche, fast schon exotische Dienststellen sind selbst in Hamburg schwer zu finden. Aber es gibt sie.

Annika hat die Entscheidung, beim „International Seamen’s Club Duckdalben“ ihr Soziales Jahr zu machen, nicht bereut. Im Gegenteil: „Ich würde am liebsten mein ganzes Leben dort arbeiten“, sagt das Mädchen mit den roten Haaren voller Überzeugung. Seeleute aller Nationen, vor allem Filipinos, Chinesen, Inder und Ägypter, nutzen die kurze Zeit ihres Hafenaufenthalts, um im Seemannsclub zu entspannen.

Die Besucher erwartet ein breit gefächertes Angebot an Freizeitmöglichkeiten: vom obligatorischen Clubraum mit Bier- und Kaffeetresen über Tischtennis, Billard und Kicker, Möglichkeiten zum weltweiten Telefonieren bis hin zur internationalen Bibliothek und einem multireligiösen Andachtsraum ist fast alles dabei. Das Schönste an ihrer Arbeit sei, sagt Annika, sich mit so vielen unterschiedlichen Menschen austauschen zu können und die unterschiedlichen Meinungen über das Leben mitzubekommen. Vier Heiratsanträge von gestandenen Seebären hat die 20-Jährige auch schon erhalten: „Aber die fahren in den nächsten Hafen und erzählen dem erstbesten Mädchen das gleiche.“

Szenenwechsel. Johannes Schley steht mit einem Eimer voll Futter mitten auf einer grünen Wiese. Umringt von Dörthe, Mollie und Maxi. Insgesamt sind es acht Schafe, präzise gesagt acht rauwollige Pommersche Landschafe, die sich noch etwas scheu um ihre morgendliche Essensration drängeln. Johannes wollte seinen Zivildienst auf jeden Fall draußen verbringen. Die wenigen Zivildienststellen im Umweltschutz waren bereits vergeben, und so entschied er sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) beim Umweltzentrum Karlshöhe. Zu seinen Schützlingen gehören neben den Schafen noch zwei Ziegen, 17 Hühner und zwei Gänse. Im März kommen dann noch ein paar Lämmer dazu, wahrscheinlich sechs. „Und die Ziege ist auch schon ganz eckig“, zeigt Johannes.

Man müsse sich dreckig machen können, dürfe keine Angst vor Tieren haben, gerne mit Kindern arbeiten und eine Vorliebe fürs Handwerkliche haben. Dies sind die wichtigsten Voraussetzungen für seine Arbeit, meint Johannes. Im Sommer macht er pro Woche drei bis vier Führungen für Kinder. „Das sind immer mehr als 20 kleine Männchen. Auf die muss man gut eingehen können“, sagt er. Kardieren, Filzen, Weben, Spinnen und Färben der eigenen Schafswolle sind typische Beschäftigungen, die der FÖJler zusammen mit Schulklassen macht. Sich selbst hat er bereits einen stilechten Schäferhut gefilzt. Bis zum Ende seiner Dienstzeit will er eine komplette Schäfergarderobe für sich geschneidert haben.

Zurück in die Stadt. Erst nachts um 1.30 Uhr Feierabend zu haben, ist für Sasha Hoferichter nichts Ungewöhnliches. Den Freitagabend verbringt er meist auf Rockkonzerten, bei Breakdance-Acts oder Hip-Hop-Jams – und das beruflich. Sasha ist Zivildienstleistender beim Jugendmusikzentrum „Trockendock“, das zum Verein „Lass 1000 Steine rollen!“ gehört. Wir finden Sasha hinterm Tresen des hauseigenen Cafés. An der Wand hängt unübersehbar der Hinweis, dass kein Alkohol ausgeschenkt wird. „Rock statt Drogen“ ist das Motto von „Lass tausend Steine rollen!“, und der Erfolg des Projekts zeigt, dass sich junge Leute durchaus darauf einlassen. Das Trockendock bietet den 15- bis 25-jährigen Besuchern neben den regelmäßigen Veranstaltungen Übungsräume für Bands, günstigen Unterricht an diversen Instrumenten und offene Angebote wie DJ-Training oder Freestyle-Rap.

Für Sasha, der selber Gitarre spielt, ist die Zivi-Stelle ein Glücksgriff. Durch den Austausch mit den jungen Musikern und – in seiner Freizeit – die Beteiligung in den unterschiedlichsten Bands entwickele er sich musikalisch ständig fort. „Ich spiele jetzt auch Schlagzeug in einer Band“, erzählt er begeistert, „und das bringt einen natürlich voran, wenn man mal was ganz anderes macht.“ Gerade habe er auch bei einer Reggae-Formation mitgespielt und damit in ein Genre hineingeschnuppert, das ihm vorher unbekannt war.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man sich auf höchst unterschiedliche Art sozial engagieren kann. Eins haben die drei Stellen dennoch gemeinsam: Sie brauchen alle noch einen Nachfolger. Schade, dass man nicht gleich alle drei nacheinander machen kann…

Jan-Malte Ambs