Hölle und Himmel

Eine wahre Liebesgeschichte, die bei Hinz & Kunzt begann

(aus Hinz&Kunzt 120/Februar 2003)

In Werners Zimmer gibt es eine Eidechse im Terrarium, 15 Karl-May-Bände aus der Jugendzeit, Pos-ter von Doors-Sänger Jim Morrison und eine Spur Zigarettenrauch. Über der Tür hängt ein Schal vom FC St. Pauli.

In Susannes Zimmer gibt es Plakate von Macke und Kandinsky, Aktenordner aus dem Germanistik-Studium, garantiert rauchfreie Luft und einen Plüschleoparden. An der Tür hängtein afrikanisches Stofftuch.

Ziemlich unterschiedlich, diese Zimmer. Gehören aber zu einer Wohnung und zu einem Paar. Werner und Susanne haben sich gefunden. Sie haben die Masken, die man so vor sich trägt, fallen lassen und einander erkannt. Wie es sich für eine wahre Liebesgeschichte gehört, haben die beiden in Abgründe geschaut. Es ging um Leben und Tod.

Diese wahre Liebesgeschichte, die bei Hinz&Kunzt begann, wollen wir hier erzählen. Erfunden sind nur die Namen. Die haben wir geändert, für Werner. „Ich habe 27 Jahre lang harte Drogen genommen und war 13 Jahre im Gefängnis“, sagt Werner, wie andere sagen, sie hätten Dreher gelernt und dann in einem Betrieb in Bahrenfeld angefangen. Sein heutiger Chef weiß von dieser Vergangenheit, aber nicht die Lagerarbeiter und Fahrer, die Werner in der Firma unterstellt sind. Da könnte es „derbe Schwierigkeiten“ geben, meint der 50-Jährige. Vergangenheit da, Autorität weg. Deshalb wollen wir lieber vorsichtig sein.

„Am 8. April sind wir sechs Jahre zusammen“, sagt Susanne präzise. „Für mich sind wir das schon Ende März“, entgegnet Werner. Das wird nachher wieder Diskussionen geben! Wie jedes Mal, wenn der Jahrestag naht. Ob das gut geht? Ja, bei Werner und Susanne geht es schon seit fast sechs Jahren gut (oder sind es zehn Tage weniger?).

Werner, Jahrgang 1952, hat Vorsprung: Er ist 19 Jahre länger auf der Welt als seine Freundin. Andererseits, wendet sie ein, war er – zusammengerechnet – 13 Jahre im Gefängnis, abgeschnitten vom Erleben und Älterwer-den draußen. Jedenfalls sei Werner nicht der typische 50-Jährige, findet Susanne, sein Alter fühle sich eher wie Ende 30 an, und so ist der Unterschied gar nicht mehr so groß.

Im Frühjahr 1970, als in der bürgerlichen Familie Hollmann in München an die Ankunft einer Tochter noch nicht zu denken war, beendete Werner bereits seine Pinneberger Jugendzeit und feierte auf dem Kiez seinen 18. Geburtstag. Da probierte er zum ersten Mal Heroin. Es war grässlich. Zwei Tage später probierte er nochmal. Da war es gut, „zu gut“.

Die Tagesdosis von einem Gramm kostete damals 700 Mark und mehr. Das verdient man nicht mit einer Verwaltungslehre, die man auf Wunsch des Vaters und ohne Freude absolviert. Werners kriminelle Karriere beginnt. Er, der nüchtern nichts anstellen würde und eigentlich einen extremen Gerechtigkeitssinn hat, dealt und klaut. Die Mühle geht los: Knast – Therapie – Knast – Therapie, dazwischen mal eine stabile Phase, als er verheiratet ist, dann wieder Rückfall, Straftaten, Obdachlosigkeit.

Im Februar 1994 hat Werner gerade wieder eine Therapie abgebrochen und landet in der Umgebung, die ihm vertraut ist: am Hauptbahnhof. Da sieht er einen Bekannten das neu gegründete Straßenmagazin Hinz&Kunzt verkaufen. Er spricht ihn an, bekommt eine Zeitung geschenkt und fängt Feuer. Also gleich in die Bugenhagenstraße (wo Hinz&Kunzt damals saß), Verkäuferausweis und die ersten zehn Zeitungen geholt.

Es war die Boom-Zeit von Hamburgs Straßenmagazin. Traumhafte Auflagen, euphorisierende Erlöse. Werner steigt voll ein. Verkaufsplatz am Alsterhaus, Nachschub karrt er im Handwagen heran, und nicht nur einmal in der Woche bezahlen Menschen mit einem 50-Mark-Schein, ohne Wechselgeld zu verlangen. Werner findet ein Zimmer und kann seine Drogen bezahlen, was nicht schön ist, aber immer noch besser, als dafür Straftaten zu begehen. Einige Wochen später lässt er sich ins Polamidon-Programm aufnehmen und bekommt unter ärztlicher Kontrolle die Ersatzdroge.

Anderthalb Jahre später ist er clean, vorerst. Bei Hinz&Kunzt hat Werner inzwischen eine feste Stelle im Vertrieb. Aber wo bleibt Susanne? Sie kommt aus einer Familie, die zusammenhält. Sie ist aufgeschlossen, diskussionsfreudig und gewissenhaft. Ihren 18. Geburtstag feiert sie, wie auch die vorherigen und folgenden, drogenfrei.

In Hamburg beginnt Susanne mit dem Germanistik-Studium und trifft ebenfalls auf das neue Straßenmagazin: Zusammen mit einer Freundin macht sie aus den Lebensgeschichten von Hinz & Kunzt-Verkäufern eine Ausstellung. 1995 wird sie Redaktionsassistentin, als Job neben dem Studium. Endlich kreuzen sich also die Wege von Werner und Susanne. Und was passiert? Nichts. Fast zwei Jahre nichts. Beide machen ihre Arbeit. Das war’s.

Dann gerät Werner aus dem Tritt. Seine 17-jährige Tochter ist bei ihm aufgetaucht, zu der er jahrelang keinen Kontakt hatte. Er müsste erkennen, dass sie heroinabhängig ist. Werner hat sich oft genug im Spiegel gesehen, um zu wissen, was stecknadelkopfgroße Pupillen bedeuten. Aber bei seiner eigenen Tochter will er es nicht wahrnehmen. Werner wird selber rückfällig. Seinen Job bei Hinz & Kunzt gibt er auf. Redaktionsassistentin Susanne besucht ihn mit einer Kollegin: Ob er nicht doch zurückkommen wolle? Sie erinnert sich: „Das war der erste persönlichere Kontakt.“ Wieder Funkstille. Drei Monate später, kurz nach Weihnachten 1996, hat sie „einen seltsamen Spruch“ auf dem Anrufbeantworter, von Werner wohl als Einladung gemeint. „Da war ich breit“, sagt Werner im Rückblick. Bei Susanne schlägt der Notruf ein. Sie will dem ehemaligen Verkäufer helfen.

Sie besucht den abgemagerten Mann, bei dem das Heroin offen auf dem Tisch liegt, einmal, zweimal, mehrmals. „Die starken Gefühle, die sich dann entwickelten, hatte ich so nicht erwartet“, erzählt sie. Werners Mitbewohner merkt es eher als die beiden selbst: Werner und Susanne werden ein Paar – zu ihrer eigenen Überraschung.

Als Werner wieder Polamidon nimmt – ein erster Schritt weg vom Heroin – lockt sie ihn mit Kaffee, Brötchen und guten Worten aus dem Bett, damit er bis 11 Uhr in der Ambulanz ist. Nach zwei Monaten, an seinem 45. Geburtstag, trifft Werner eine Entscheidung: Er wird entziehen. Besorgt sich einen Entgiftungsplatz, reduziert innerhalb von zehn Tagen, in irrsinnigem Tempo, das Polamidon. Die Kontaktsperre zu Susanne weiß er zu umgehen: Als therapieerfahrener Klient macht er den Ärzten klar, wie sinnvoll die Gründung einer Jogging-Gruppe sei. Das bedeutet Ausgang – und die Möglichkeit, zu telefonieren.

Es ist Werners letzte Entgiftung. Er wird selbst dann nicht rückfällig, als im Jahr darauf seine Tochter stirbt, die von den Drogen nicht mehr losgekommen ist. „Darauf bin ich heute noch stolz“, sagt Werner. „Es war der tiefste Punkt“, sagt Susanne.

Gemeinsam geht es aufwärts. Werner findet Arbeit und lernt, dass er gegenüber einer Frau nicht immer seinen Kopf durchsetzen kann und muss. Er gibt, geschwächt durch einen kleinen Rausch, sogar ihrem Drängen nach und lässt sich die langen Haare schneiden. Susanne beendet ihr Studium und ihren Job bei Hinz & Kunzt und findet Arbeit im Multimedia-Bereich. Die beiden ziehen zusammen und richten sich in einer Altbauwohnung in Altona ein.

Schöner als in Susannes Worten lässt sich die Geschichte dieses Paares eigentlich nicht zusammenfassen: „Er hat mich so gepackt, dass ich ihn nicht mehr losgelassen habe.“

Detlev Brockes

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