Nr. 2: Hausbesuch statt RĂ€umung

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstagsforderungen

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Darum geht es:

Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung, Tod eines Familienangehörigen: Es gibt viele GrĂŒnde dafĂŒr, im Leben plötzlich aus der Bahn geworfen zu werden. Dann ist auf einmal nichts mehr wichtig – auch nicht die monatliche MietĂŒberweisung. Gut 2500 Hamburger werden Jahr fĂŒr Jahr aus ihren Wohnungen gerĂ€umt, zumeist weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen (können). Sie landen in stĂ€dtischen NotunterkĂŒnften – oder auf der Straße.

Die Situation in Hamburg:

Zwar richtete die Stadt Anfang der neunziger Jahre „Bezirksstellen zur Wohnungssicherung“ ein, die den Betroffenen schnell helfen und so ZwangsrĂ€umungen verhindern sollen – etwa durch Schuldnerberatung, befristete MietĂŒbernahme oder Verhandlungen mit dem Vermieter. Doch sind die rund 40 Mitarbeiter der sieben Bezirksstellen hoffnungslos ĂŒberlastet. 6000 bis 7000 neue RĂ€umungsklagen zĂ€hlen die Hamburger Gerichte jedes Jahr.

Eine Bezirksstellen-Mitarbeiterin kommentiert ihre Arbeitssituation: „Hausbesuche machen wir nur selten. KĂŒndigungen reiche ich ungelesen an die SozialĂ€mter weiter. Wir reagieren erst, wenn eine Klage eingereicht wird – aus KapazitĂ€tsgrĂŒnden.“ Schon vor anderthalb Jahren rĂ€umte die zustĂ€ndige Referentin der Sozialbehörde ein: „Das Personal reicht nicht aus.“

PrĂ€vention sei wichtig, sagte dann Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) zum Amtsantritt und versprach mehr Geld fĂŒr die RĂ€umungs-Verhinderer. Auf neue Mitarbeiter warten die Bezirksstellen aber bis heute vergeblich. Im Gegenteil, die Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert: „Wir haben kein GeschĂ€ftszimmer mehr. Deshalb können wir Termine nicht mehr schnell vergeben“, so die Bezirksstellen-Mitarbeiterin frustriert.

Die Folgekosten dieser Politik sind hoch: Zwischen 2500 und 5000 Euro jĂ€hrlich zahlt die Stadt fĂŒr die Unterbringung eines wohnungslosen Menschen. Rund 3000 Hamburger (ohne FlĂŒchtlinge) leben in den stĂ€dtischen NotunterkĂŒnften, viele von ihnen seit Jahren. Und: Je lĂ€nger sie dort leben, desto schwieriger gestaltet sich der Weg zurĂŒck in eigene vier WĂ€nde. Nur jeder zehnte Bewohner einer Notunterkunft, so der Senat, habe vergangenes Jahr den Sprung zurĂŒck in die Wohnung geschafft. Tendenz: sinkend.

Wie andere es besser machen:

„ZwangsrĂ€umungen? So etwas gibt es bei uns nicht mehr“, sagt Peter Reiss, Leiter der Fachstelle fĂŒr WohnungsnotfĂ€lle in Duisburg. In der 535.000-Einwohner-Stadt haben die Behörden schon lange begriffen, dass Vorbeugung nicht nur viel besser, sondern auch viel billiger ist als Nichtstun: mindestens zehn Mal billiger, hat der gelernte Bankkaufmann und Sozialarbeiter Reiss ausgerechnet. Mehrere Millionen Euro habe die Stadt auf diese Weise gespart.

„Hausbesuch statt RĂ€umung“ lautet die Devise in Duisburg, und die wirkt. „Wir bekommen sofort Wind davon, wenn jemand Schwierigkeiten hat“, erklĂ€rt einer der 45 Fachstellen-Mitarbeiter das ebenso einfache wie einleuchtende Erfolgsrezept: schnelle, umfassende und unbĂŒrokratische Hilfe fĂŒr die Mieter in Not. „Im Haushalt hast du ganz andere Chancen, an die Menschen ranzukommen“, so der Duisburger „Akuthelfer“. Ergebnis der PrĂ€ventionspolitik: Nur noch knapp 100 statt frĂŒher 2500 Menschen leben in stĂ€dtischen NotunterkĂŒnften. Das Vorzeige-Modell wird inzwischen von vielen StĂ€dten nachgeahmt.

Die Zukunft:

Hamburg bastelt seit Jahren erfolglos an einer „Neustrukturierung des Hilfesystems“. Senat, Bezirke, Wohnungswirtschaft und Parteien finden einfach keinen gemeinsamen Nenner. Es geht vor allem ums Geld: Wer soll die prĂ€ventive Sozialarbeit bezahlen, der Senat oder die Bezirke? Und wie lassen sich die Wohnungsunternehmen in die Pflicht nehmen, damit sie wieder mehr Wohnungen an Sozialschwache vermieten?

Die internen Papiere hören sich gut an und könnten aus Duisburger Feder stammen: „Die PrĂ€vention soll ĂŒber die Fachstellen so verstĂ€rkt werden, dass KĂŒndigungen und RĂ€umungsverfahren durch die Vermieter zum frĂŒhestmöglichen Zeitpunkt abgewendet werden, um einen drohenden Wohnungsverlust zu verhindern“, heißt es in einem der vielen KonzeptentwĂŒrfe, die ĂŒber die Behördenschreibtische gewandert sind. Ein fertiger Entwurf soll nun den Bezirken vorliegen, der muss dann mit den ÄnderungswĂŒnschen durch den Senat. „Richtigen Dissens gibt es nicht mehr“, sagt die Sprecherin der Sozialbehörde. „Es geht nur noch um Details – und um die Frage der Finanzierbarkeit.“ Sie hofft im Sommer Ergebnisse vorstellen zu können. Aber versprechen kann sie das nicht.

So sollte es laufen:

– Mehr Mitarbeiter in den Fachstellen, damit das „FrĂŒhwarnsystem“ funktioniert.

– Hausbesuche mĂŒssen die Regel sein und nicht die Ausnahme.

– Die Mitarbeiter der Fachstellen mĂŒssen eigenstĂ€ndig mit den Vermietern verhandeln dĂŒrfen und dafĂŒr eigene Etats bekommen.

– Die Fachstellen mĂŒssen Zugriff auf freie Wohnungen haben.

– Keine ZwangsrĂ€umung ohne vorherigen Schlichtungsversuch.

Ulrich Jonas

Hafen: Das Container-Dorf

Wie aus Altenwerder ein Terminal wurde

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Manchmal kann Steve Kalinowski es gar nicht fassen, dass sein Traum so schnell in ErfĂŒllung gegangen ist. Fahrer einer dieser ContainerbrĂŒcken wollte der ehemalige Dachdecker werden. Und jetzt sitzt der 22-jĂ€hrige Berliner hoch oben in seinem glĂ€sernen HĂ€uschen und ĂŒberblickt das modernste Containerterminal der Welt: Altenwerder. Dass in dieser SandwĂŒste einst ein Dorf stand, kann sich der Neu-Hamburger gar nicht vorstellen. Wie auch: Von Altenwerder steht nur noch die Kirche.

„Altenwerder?“, schnaubt Heinz Oestmann. „FĂŒr mich heißt das nur noch Sandhausen, alles SpĂŒlflĂ€che und Beton.“ Keinen Fuß mehr will der Fischer auf den Boden seiner einstigen Heimat setzen. „Damit habe ich abgeschlossen“, behauptet der 53-JĂ€hrige, der inzwischen im Nachbarort Finkenwerder lebt.

Dabei gehörte der Fischer zu den letzten 35 Bewohnern, die sich weigerten, dem Terminal zu weichen. Schließlich lebte seine Familie seit Generationen auf der Elbinsel. Um genau zu sein, seit 1740. Damals waren zwei Vorfahren im Ruderboot von Blankenese nach Altenwerder geflohen, um dem MilitĂ€rdienst zu entgehen. Absolutes Ödland fanden sie vor.

„Die wenigen Bewohner lebten wie auf einer Hallig.“ Wie die meisten anderen auch wurden die Oestmanns Fischer – im Winter mussten sie mit Schlitten ĂŒbers Eis zum Festland, wo sie auf dem Hopfenmarkt den Fang verkauften. Es war ein karges Leben. Keiner der Oestmanns wurde jemals wohlhabend oder gar reich.

Das Altenwerder, das Heinz Oestmann, Fischer in der achten Generation, kennen lernte, sah anders aus. In den fĂŒnfziger Jahren erlebte das Dorf seine BlĂŒtezeit: 2500 Einwohner lebten hier, die meisten arbeiteten im Hafen oder hatten etwas mit Schifffahrt zu tun. Auch bei den Oestmanns gings bergauf. Vater Oestmann hatte sich von Verwandten Geld geliehen und den Bau eines Fischkutters in Auftrag gegeben. „Die ‚Nordstern‘ und ich haben das gleiche Baujahr“, sagt Heinz Oestmann, der immer noch auf dem selben Kutter fĂ€hrt.

„Der Einschnitt kam, als ich elf Jahre alt war“, sagt Heinz Oestmann. 1961 beschloss die BĂŒrgerschaft, Altenwerder zum Hafenerweiterungsgebiet zu erklĂ€ren. Die Folge: Bauverbot im Dorf – und der Plan, die Bewohner umzusiedeln. Richtig ernst wurde es allerdings erst 1973: Da beschloss die BĂŒrgerschaft einstimmig und binnen weniger Minuten die endgĂŒltige RĂ€umung des Dorfes. Den Bewohnern flatterte ein Brief ins Haus: die Aufforderung, ihre HĂ€user an die Sadt zu verkaufen. Alle zwei Wochen rĂŒckten Bagger an und rissen ein Haus ab.

Bis dahin hatte sich Oestmann „keinen Kopf“ gemacht. „Wer zur See fĂ€hrt, hat sowieso zwei Zuhause“, sagt er. „Eins an Land und eins an Bord.“ Sein Vater war gestorben, und er hatte mit 20 Jahren den Betrieb ĂŒbernommen. „Richtig weh“ tat es erst, als er herausbekam, dass seine Mutter das Elternhaus verkauft hatte. „Hinter meinem RĂŒcken!“ FĂŒnf Jahre lang redete der Fischer kein Wort mehr mit ihr.

Die Familie blieb zwar zur Miete in ihrem Haus wohnen, aber der Abschied rĂŒckte spĂŒrbar nĂ€her. Immer mehr Bewohner verkauften ihr Anwesen. Die Natur eroberte sich das Land zurĂŒck. „Altenwerder wurde immer schöner, ein richtiger Ökopark“, erinnert sich Oestmann – und die verbleibenden Bewohner rĂŒckten immer enger zusammen. Noch mehr als er selbst hing seine Frau Renate an dem Dorf. „Hier kannte jeder jeden, wir gehörten einfach zusammen“, sagt der Fischer. Aber er wollte nicht nur aus SentimentalitĂ€t bleiben. Er hatte Existenzangst. „Ich hatte kein Geld, um woanders neu anzufangen. Ich sah einfach keine Perspektive.“

Und er fand es „völlig unsinnig“, dass Menschen Containerterminals weichen sollten. Terminals, auf denen erklĂ€rtermaßen mehr Boxen umgeschlagen, aber weniger Menschen arbeiten sollten. Genau das empörte auch andere. Hafen ja, war die Devise, aber nicht auf Kosten der Menschen. Altenwerder wurde fĂŒr viele ein Symbol fĂŒr Freiheit und SolidaritĂ€t, vielleicht Ă€hnlich wie Bambule und die BauwagenplĂ€tze heute.

Der Kampf dauerte Jahrzehnte. FĂŒr die Oestmanns bis 1997. Da gab es nur noch eine Handvoll Bewohner, alle bekannt durch Funk und Fernsehen. Beinahe schien es so, als wĂŒrde sich die Stadt an ihnen die ZĂ€hne ausbeißen. Das Leben im Dorf brach immer mehr zusammen. An manchen Tagen waren sogar die Telefonleitungen tot. Alles hielten die letzten Mohikaner aus. Scheinbar jedenfalls. Letztendlich haben alle aufgegeben.

Bei Oestmann waren es ausgerechnet zwei BĂ€ume, die seinen Kampfgeist gebrochen haben. Eines Tages rĂŒckten artenarbeiter an und fĂ€llten zwei Kastanien in der Nachbarschaft. „Da war fĂŒr mich Schluss“, sagt Oestmann. Denn an diesen BĂ€umen hing der Fischer mehr, als ihm je bewusst war. „Als Kinder haben wir hier Kastanien gesammelt. Ich dachte: Wenn die jetzt schon so etwas Schönes abholzen, dann will ich hier auch nicht mehr leben.“

Er tat etwas Ungeheuerliches, fast das Gleiche, wofĂŒr er mit seiner Mutter jahrelang nicht mehr gesprochen hatte. Im Januar 1997 schrieb er heimlich an Wirtschaftssenator Erhard Rittershaus einen kurzen Brief: Er solle ihm ein Angebot machen. Schon ein paar Tage spĂ€ter fuhr der Senator in seiner Limousine vor, etwas Ă€ngstlich, so schien es Oestmann, ob ihn nicht doch SchlĂ€ge statt GesprĂ€che erwarteten. Aber Oestmann wars ernst. „Ich wollte nur, dass sie mir zu einem bezahlbaren Preis ein GrundstĂŒck anbieten, auf dem ich neu anfangen kann.“ Ritterhaus, so erinnert sich Oestmann, soll platt gewesen sein. „Wie, das ist alles, was sie wollen?“, soll er gesagt haben. Die Verhandlungen gingen zu beider Zufriedenheit aus. Renate Oestmann war allerdings ziemlich sauer auf ihren Mann. Zumindest im ersten Moment. „Wir beschlossen, in Finkenwerder ein Fischrestaurant zu eröffnen – in dieser Idee ging sie völlig auf.“

Ein Happy End hat es trotzdem nicht gegeben. Ein Jahr nach der Eröffnung starb Renate Oestmann an Krebs. Die Freunde von damals hat der Fischer so gut wie nie wieder gesehen. Vielleicht nahm jeder dem anderen ĂŒbel, wie und wann er verkauft und die Insel mitsamt dem Traum von der Freiheit aufgegeben hat.

Wenn das modernste Terminal der Welt in Altenwerden ganz fertig ist, wird es 14 BrĂŒcken fĂŒr Containerriesen geben – bisher sind es sieben – und eine fĂŒr Feederschiffe, sagt Steve Kalinowski und setzt sich wieder in sein FĂŒhrerhĂ€uschen. Eigentlich könnte er jetzt eine ruhige Kugel schieben und „nur“ ĂŒberwachen, wie seine BrĂŒcke die Arbeit erledigt. Aber wie die meisten hier will er ein „richtiger“ Hafenarbeiter sein. Wenigstens eine der beiden „Katzen“ – so werden die ContainerkrĂ€ne genannt – will er selbst bedienen. Regelrecht langweilig findet es Kalinowski, wenn die Katze den Container automatisch hochhebt und eine vorgesehene Bahn in einer vorgesehenen Zeit absolviert. Man spĂŒrt seine Begeisterung, wenn er seinen Job erklĂ€rt: „Ich picke den Container an – und lass ihn fliegen“.

Birgit MĂŒller

Tagebuch eines Seitenwechsels

„Kurzweilig, spannend, schockierend“: Was Beiersdorf-Manager Volker Holle in einer Woche bei Hinz & Kunzt erlebte

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Warum ich mir Hinz & Kunzt ausgesucht habe? Die Zeitung war mir – wie vielen in Hamburg – natĂŒrlich ein Begriff. Mit dem Problem Obdachlosigkeit hatte ich mich allerdings bisher nicht nĂ€her beschĂ€ftigt. FĂŒr mich war „der Obdachlose“ ein Mensch, der es nicht schafft, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und etwas daraus zu machen.

Montag: Mein erster Tag bei Hinz & Kunzt. Ein ungewöhnlicher Arbeitstag, es fĂ€ngt schon damit an, dass Anzug und Krawatte im Schrank bleiben, ich halte Pullover und Jeans fĂŒr angebracht. Auch der Wagen bleibt zu Hause. Ich fahre nach langer Zeit mal wieder mit Bahn und Bus. Stephan Karrenbauer, So-zialarbeiter und mein „Betreuer“ fĂŒr die nĂ€chsten fĂŒnf Tage, zeigt mir die RĂ€ume. Kleine BĂŒros, Computer der vorvorletzten Generation, spartanische Möblierung – Welten von meinem Arbeitsambiente entfernt.

9 Uhr: Die ersten VerkĂ€ufer kommen herein. Eigentlich hatte ich erwartet, kritisch beĂ€ugt zu werden, aber ganz im Gegenteil: Ich werde gleich angesprochen. Diese Direktheit, aber auch die Bereitschaft, auf meine Fragen einzugehen, erlebe ich in den nĂ€chsten Tagen stĂ€ndig. Die Möglichkeit zu reden, vom eigenen Leben zu berichten, scheint fĂŒr viele sehr wichtig zu sein. Ebenso, wie hier eine Anlaufstelle fĂŒr Probleme zu haben, seien es Schwierigkeiten im Umgang mit Behörden, Vermietern oder Rechtsstreitigkeiten.

11.45 Uhr: VerkĂ€uferversammlung. Ich wundere mich ĂŒber die friedliche AtmosphĂ€re, die ĂŒbrigens in der gesamten Woche zu spĂŒren ist. Allerdings wird auch sehr strikt auf die Einhaltung der Hausordnung geachtet (z.B. Alkoholverbot). Die Redaktion stellt die neue Ausgabe vor. Kritik wird laut, weil die MĂ€rz-Ausgabe vor Monatsende vergriffen war und nicht nachgedruckt wurde. Dadurch konnten einige VerkĂ€ufer zwei Tage lang nicht verkaufen. FĂŒr viele, die tĂ€glich kommen und nur kleine Mengen verkaufen – gerade so viel, dass sie mit dem Geld ĂŒber die Runden kommen – ist ein Tag ohne Zeitung hart. Ich erfahre aber auch die Schwierigkeit, die Auflage genau planen zu können. Ein Nachdruck in geringer Auflage ist ĂŒberproportional teuer und wird durch den Verkaufserlös nicht gedeckt.

12 Uhr: Die Zeitungsausgabe beginnt. Geduldig stehen die VerkĂ€ufer am Tresen Schlange, bis sie dran sind. Ein elektrischer GeldzĂ€hler und ein computergestĂŒtzes Erfassungssystem erleichtern die Arbeit. Ich setze mich an einen der Tische und komme ins GesprĂ€ch mit R. Er hat sich 50 Exemplare geholt, steht immer an der Paul-Roosen-Straße. Wie vielen anderen, hat das Projekt ihm geholfen: R. hat mittlerweile eine Unterkunft. Er verkauft immer so viel, um genug Geld fĂŒr Schnaps und Zigaretten zu haben.

„Ganz anders als mein Bild vom Obdachlosen“

Dass VerkĂ€ufer auch aus der AlkoholabhĂ€ngigkeit aussteigen, ist wohl, zumindest kurzfristig gesehen, die Ausnahme. Der Verkauf zwingt aber dazu, seltener zu trinken, da VerkĂ€ufer nicht alkoholisiert sein dĂŒrfen, sonst wird ihnen der Ausweis entzogen. Auf dem Heimweg stelle ich fest, dass ich meine Umgebung genauer als bisher betrachte. Vielleicht entdecke ich ja schon bald bekannte Gesichter.

Dienstag: Heute findet mein erster Einsatz „vor Ort“ statt. Ich begleite Elke, 37, zu ihrem Standplatz. Sie ist gelernte VerkĂ€uferin, hat zusĂ€tzlich eine sozialpĂ€dagogische Ausbildung und kommt aus gut situiertem Elternhaus. Sie hat schon frĂŒh mit Alkohol angefangen. Kurz nacheinander verlor sie Wohnung und Arbeit und lebte dann auf der Straße. UnterstĂŒtzung vom Sozialamt möchte sie nicht, weil dann ihre Eltern zahlen mĂŒssten. Mittlerweile hat sie eine kleine Wohnung – und sie hat aufgehört zu trinken. Sie trĂ€umt davon, irgendwann mal wieder im sozialen Bereich arbeiten zu können. Sie strahlt Zuversicht und eine positive Lebenseinstellung aus und passt so gar nicht in mein Bild vom typischen Obdachlosen.

Ich stehe drei Stunden mit ihr auf ihrem Platz, einer zugigen Verbindung zwischen U-Bahn und Einkaufspassage. Trotz warmer Jacke wird mir kalt, der RĂŒcken fĂ€ngt langsam an zu schmerzen. Es muss hart sein, den ganzen Tag auf einer Stelle zu verbringen. Einige Leute bleiben stehen und unterhalten sich mit ihr, Stammkunden, die sie zum Teil seit Jahren kennt. Im Laufe der Zeit ergeben sich sogar Freundschaften, erzĂ€hlt Elke. Viele dieser Stammkunden sind Ă€ltere Frauen, auch das hatte ich nicht erwartet. Ich verstehe, wie wichtig es fĂŒr viele VerkĂ€ufer ist, durch den Verkauf der Zeitung eine RegelmĂ€ĂŸigkeit in die Woche zu bringen, so etwas wie eine richtige BerufstĂ€tigkeit eben.

19.30 Uhr: Ich fahre mit dem Mitternachtsbus mit. Es geht ĂŒber die Reeperbahn zur Roten Flora bis zur Mönckebergstraße. Aber auch einzelne Schlafstellen werden aufgesucht. Bei unserer Ankunft strömen aus allen Richtungen Obdachlose herbei. Besonders beliebt sind heißer Kakao mit viel Zucker und sĂŒĂŸe Backwaren. Junkies haben, so erzĂ€hlen die Ehrenamtlichen, einen besonders hohen Bedarf an Kohlenhydraten und decken diesen durch Zucker. Das passt zu meinen Beobachtungen, dass kaum ein Obdachloser ein halbwegs gesundes Gebiss hat. Einigen Obdachlosen merkt man die Dankbarkeit an, andere sind eher fordernd und meckernd.

FĂŒr mich hat diese Fahrt den Charakter einen alternativen Standrundfahrt. Mir war vorher nicht bekannt, wie viele Obdachlose es in Hamburg gibt und wo sie sich nachts aufhalten. Die Funktion des Busses sehe ich zwiespĂ€ltig. Ich finde, der Bus erfĂŒllt eher eine Service-Funktion und schwĂ€cht damit die Eigenverantwortung. Auf der anderen Seite wird aber dem Obdachlosen menschliche WĂ€rme vermittelt – fĂŒr viele vielleicht der wichtigste Aspekt.

„Den Mitternachtsbus sehe ich zwiespĂ€ltig“

Mittwoch: Am Nachmittag besuchen wir das Wohnprojekt Wartenau, wo fĂŒr Hinz & KĂŒnztler ĂŒbergangsweise Zimmer zur VerfĂŒgung stehen, bis der Betroffene eine feste Bleibe gefunden hat. In einem kleinen Zimmer liegt M., Mitte 60, in seinem Bett. Er ist seit Anfang an bei Hinz & Kunzt, kann jetzt aber nicht mehr verkaufen, ist ans Bett gefesselt und wird von einem Pflegedienst betreut. Der Fernseher lĂ€uft die ganze Zeit und ist sein einziger Kontakt zur Außenwelt.

Donnerstag: Zum ersten Mal sehe ich das Landessozialamt in der Kaiser-Wilhelm-Straße, das fĂŒr Obdachlose zustĂ€ndig ist, von innen. Vor dem Eingang steht eine Gruppe mit Bierflaschen in der Hand. Wartezeiten von vier bis fĂŒnf Stunden sind nicht ungewöhnlich. Der Warteraum ist voll besetzt. Auffallend, dass die dort Wartenden sich nicht unterhalten, sondern nur resigniert vor sich hin starren. Kein Aufbegehren, nichts. Die meisten haben sich wohl in ihr Schicksal ergeben.

SpĂ€ter treffe ich Herbert, Mitte 50, gelernter Dachdecker, der es bis zum eigenen Bauunternehmen brachte und damit Erfolg, Geld, eine große Wohnung – also eigentlich alles hatte. Dann kam von einem auf den anderen Tag der Sturz ins Bodenlose. Sein Kompagnon verschwand mit den Firmengeldern, seine LebensgefĂ€hrtin, mit der er 22 Jahre zusammen war, verließ ihn. Eine EnttĂ€uschung, die tief sitzt und ihm noch heute anzumerken ist. Immerhin hat er inzwischen wieder eine kleine Wohnung in Altona. Er erzĂ€hlt mir von seinen AlbtrĂ€umen in der ersten Zeit. Er trĂ€umte, man habe ihm seine Tasche gestohlen – fĂŒr einen Obdachlosen wohl das Schlimmste, was passieren kann, wenn der Rest von dem, was man ĂŒberhaupt noch hat, abhanden kommt.

Herbert passt auch ĂŒberhaupt nicht in mein Bild vom Obdachlosen. Genauso wenig wie JĂŒrgen vom Vertrieb. Mit ihm fahre ich zum AK Altona. Im Krankenhaus besuchen wir Peter, 32. Er liegt mit GeschwĂŒren an den Beinen im Bett und wĂŒrde am liebsten schnell dort abhauen. Er ist schwer alkoholkrank und braucht Medikamente, um die Entzugsschmerzen auszuhalten. Wir ĂŒberbringen GrĂŒĂŸe, Tabak und SĂŒĂŸigkeiten. Er freut sich sichtlich, etwas „von draußen“ zu erfahren.

Freitag: Mein letzter Tag. Es ist schon in StĂŒck Berufsalltag fĂŒr mich geworden, jeden Morgen hierher zu kommen und mittlerweile vertraute Gesichter zu sehen – ich könnte es durchaus noch lĂ€nger aushalten. Mein ResĂŒmee des „Seitenwechsels“: sehr kurzweilig, sehr spannend, manchmal schockierend, oft frustrierend. Das zielorientierte Problemlösen klappt in der Regel hier nicht. Die Messlatte fĂŒr Erfolge orientiert sich eher an den kleinen, machbaren Schritten. Und dann gibt es immer einzelne Lichtblicke: Menschen, die es geschafft haben, Arbeit zu bekommen, ihre Schulden abzubauen und ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

FĂŒr mich persönlich hat die Woche eine Art Bewusstseinserweiterung gebracht. Ich habe die schockierende Erkenntnis gewonnen, dass Obdachlosigkeit eigentlich jeden treffen kann und dass es den typischen Obdachlosen nicht gibt: zu unterschiedlich sind die Menschen und ihre Geschichten.

Volker Holle, 39, ist studierter Pharmazeut und QualitĂ€tsmanager fĂŒr medizinische Produkte bei Beiersdorf.

Seitenwechsel fĂŒr Manager
Vermittelt von der Patriotischen Gesellschaft hospitieren Manager jeweils eine Woche in sozialen Einrichtungen. „Seitenwechsel“ startete im Oktober 2000. Seitdem haben 145 FĂŒhrungskrĂ€fte aus 32 Hamburger Unternehmen teilgenommen. Informationen: www.seitenwechsel.com

Tatort Hafen

Der Zöllner Volker Biermann ĂŒber die „Schwarze Gang“ und Rauschgift-Schmuggler

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Eine Sommernacht. Niemand beachtet das kleine Motorboot, das sich dem kolumbianischen Frachter im Hafen nĂ€hert. Lautlos gleitet ein Taucher ins Wasser. Er weiß, was er sucht: einen anderthalb Kubikmeter großen Kasten, der an der Außenhaut des Schiffes montiert ist. Einige Zeit spĂ€ter taucht der Mann im Neoprenanzug auf – mit dem Kasten. Jetzt wird es hektisch an Bord.

Der Komplize hievt die Beute an Deck. Das Sportboot verschwindet wieder in der Nacht. An Land werden die MĂ€nner den Kasten aufschweißen und rund 60 Kilogramm Marihuana bergen. Die Schmuggler sind ĂŒber alle Berge, aber der Zollbeamte Volker Biermann und seine Kollegen von der Schwarzen Gang stehen nicht mit leeren HĂ€nden da. Offensichtlich wurden die MĂ€nner gestört. Denn spĂ€ter finden die Rauschgiftfahnder den Neoprenanzug und die aufgeflexte Kiste. Eindeutige Hinweise auf die Arbeitsmethoden der Schmuggler. Und was die Tricks der Rauschgiftmafia angeht, kommt den Fahndern noch ein Zufall zu Hilfe: Ein Seemann hat ausgepackt.

Was nur selten geschieht. Wer sich mit dem organisierten Verbrechen einlĂ€sst, weiß, dass er besser schweigt. „Wer auspackt, ist dran“, sagt Biermann. Wer den Mund hĂ€lt, kann sich halbwegs sicher sein, dass seine Kinder weiter unbehelligt zur Schule gehen dĂŒrfen und der Familie kein HĂ€rchen gekrĂŒmmt wird.

FrĂŒher suchte der 52-JĂ€hrige in den SeezollhĂ€fen nach Schnaps, Zigaretten und sonstigen verbotenen Waren. „Man kann sich vorstellen, dass wir im Hafen nicht gerade beliebt waren“, sagt er. Dann allerdings wurde das Drogenproblem immer grĂ¶ĂŸer. 1986 wurde eine zusĂ€tzliche Abteilung, die „Rauschgiftgang“, gegrĂŒndet. Einsatzgebiet ist der Freihafen. Bevor Volker Biermann beim Zoll anfing, fuhr er 14 Jahre lang zur See. Angefangen hat er als Schiffsjunge, spĂ€ter dann sein KapitĂ€nspatent gemacht. Biermann ist ĂŒbrigens kein Einzelfall: Fast alle 15 Kollegen in seiner Gang sind Seeleute. Ist ja auch sinnvoll: „Wir kennen uns an Bord der Schiffe aus und wissen, wo man etwas verstecken kann.“

Immer wieder finden die Beamten PĂ€ckchen in Luken oder im Maschinenraum. Wobei die Suche im Maschinenraum durch den Geruch von Schmieröl deutlich erschwert wird. Der Einsatz von SpĂŒrhunden ist dabei fast unmöglich. „Da verlieren die Hunde die Witterung“, sagt Biermann. HĂ€ufig wird der Stoff im Laderaum unter den HolzgrĂ€tings versteckt, eine Art Holzfußboden mit Hohlraum, damit die Luft zirkulieren kann. „Dort fanden wir oft auch so genannte Schmuggelwesten“, erzĂ€hlt Biermann. Das sind Westen mit Taschen im Futter, sodass Pakete unauffĂ€llig transportiert werden können. Besonders beliebt ist das im Winter. Wer mit einer solchen Weste bei Schichtwechsel mit dem Pulk den Hafen verlĂ€sst, hat beste Chancen, nicht erwischt zu werden.

Meistens ist nur einer aus der Mannschaft in den Schmuggel verwickelt, so die Erfahrung der „Schwarzen Gang“. Wenn Biermann von diesen MĂ€nnern spricht, schwingt MitgefĂŒhl in seiner Stimme. „Ich bin so lange zur See gefahren und weiß, wie arm die Menschen in den betreffenden LĂ€ndern sind, so ohne jede Perspektive.“ Deswegen seien sie auch anfĂ€llig, wenn sie ein Angebot bekĂ€men: Rund 3000 Dollar bekommen die Schmuggler oft fĂŒr ihren ersten Job. Dass sie danach nie wieder aussteigen können und fĂŒr immer in den HĂ€nden der Mafia sind, ist ihnen meistens nicht klar. „Das Schlimme ist, dass wir immer nur die Kleinen erwischen“, sagt Biermann. „Und die Großen lĂ€sst man laufen.“

Neuerdings wird auch der Seekasten gerne als Versteck genutzt, eine Öffnung in der Außenhaut, wo das KĂŒhlwasser fĂŒr die Maschine angesogen wird, oder der Schlingerkiel (eine Art Stabilisator) des Schiffes: „Da können wir nichts machen, da mĂŒssen wir Polizeitaucher anfordern.“ Oder die Drogenpakete werden nicht im Hafen, sondern schon irgendwo auf der Elbe außenbords geworfen. Gut verpackt und beispielsweise an einen leeren Bohnerwachska-nister gebunden, der als Auftrieb fungiert. Ein Motorboot nimmt die Fracht auf, und die Schmuggler lagern die Ware in Erddepots im Alten Land. „Klappe zu, Grasnarbe drauf, und keiner kann etwas erkennen.“

Die Suche nach den Drogen ist wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Biermann „nervt es, dass die Schnaps- und Zigarettengang zwei bis drei Mal in der Woche fĂŒndig wird“ – und seine Gang alle zwei bis drei Monate mal einen Coup landet. Immerhin ist seit 1996 auch eine ContainerprĂŒfanlage im Einsatz. Mit der kann ein ganzer Container geröntgt werden. „Ein geschultes Auge kann durch diese Technik die Ladung identifizieren und Abweichungen von den Zollpapieren feststellen“, sagt Biermann.

Nicht immer haben die Beamten so viel GlĂŒck wie neulich. Die Schwarze Gang hatte einen Tipp bekommen. Auf einem bestimmten Schiff sollte Rauschgift zu finden sein. Und dann fuhr ein schwarzer Mercedes in den Freihafen, und ein elegant gekleideter Mann fragte, ob ein bestimmter Container – der just an Bord besagten Schiffes stand – schon da sei. „Es fragen zwar viele Spediteure nach ihren Containern, aber diesen Mann kannte keiner.“

Ein Mitarbeiter in der Umschlagsfirma verstĂ€ndigte die Schwarze Gang. Vorsichtshalber hatte er sich auch gleich die Autonummer seines Besuchers gemerkt. „Wenn es um Rauschgift geht, hĂ€lt der ganze Hafen zusammen wie eine Familie. Das ist völlig anders als frĂŒher in der Schnaps- und Zigarettengang“, sagt Biermann. „Denn jeder Schauermann, jeder Festmacher, jeder Schlepperfahrer und jeder Hafenarbeiter hat Kinder – und jeder von denen hat ein großes Interesse daran, dass wir auftreten“, sagt Volker Biermann. „Auch wenn wir selten erfolgreich sind, so zeigen wir doch Flagge.“

Birgit MĂŒller

Vom Leichten und Schweren

Der Schauspieler Peter Franke ĂŒber „Die Jungs mit dem TĂŒdelband“ und den Abschied von den Hamburger Kammerspielen

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

„Das waren brilliante Entertainer: Frech, ein bisschen obszön, ein bisschen politisch, haben die beiden als ,Fietje und Thetje‘ ihr Publikum mit Liedern und Sketchen unterhalten, ohne es je zu verraten.“ Voller Hochachtung, geradezu schwĂ€rmerisch spricht der Schauspieler Peter Franke ĂŒber seine Kollegen, die GebrĂŒder Wolf. Mit ihrer bodenstĂ€ndig-lokalpatriotischen Revue „Rund um die Alster“ feierten sie ab 1911 internationale Erfolge, in Hamburg besaßen sie das Operettenhaus an der Reeperbahn und zwei weitere Theater. Bis 1933. Dann verhĂ€ngten die Nazis Auftrittsverbot. Die Theater wurden enteignet. Flucht, Exil, Vergessen. Übrig blieb ein Lied: An der Eck steht nen Jung mit nem TĂŒdelband.

Das kennt noch heute fast jeder Hamburger, „aber die allermeisten denken, es sei von Heidi Kabel“, bemerkt Peter Franke trocken. Ihm selbst, 62-jĂ€hriger leidenschaftlicher Wahlhanseat, war es ja auch nicht anders ergangen, bis er vor ein paar Jahren gemeinsam mit Regisseur Ulrich Waller den Filmemacher Jens Huckeriede traf. Der wusste, dass ein gewisser Ludwig Isaac, KĂŒnstlername Wolf, das Lied vom TĂŒdelband geschrieben und 1917 erstmals gemeinsam mit seinem Bruder Leopold im Hamburger BiebercafĂ© vorgetragen hatte.

Zwei von dreizehn Kindern eines Fleischers aus der Neustadt seien die beiden gewesen. Ludwig, der unbedingt als SĂ€nger Karriere machen wollte, begann auf RummelplĂ€tzen, ĂŒberredete dann seine BrĂŒder Leopold und James, als „Trio Wolf“ aufzutreten. 1906 wird daraus ein Duo, weil James in der Bismarckstraße einen Zeitungskiosk eröffnet. 1926 stirbt Leopold an einem Herzinfarkt, sein Sohn James ĂŒbernimmt von nun an seinen Part bei den GebrĂŒdern Wolf.

Der Filmemacher hatte geforscht, erzĂ€hlte, wie das Publikum den beiden „plietschen Hamburger Jungs“ in den zwanziger Jahren zu FĂŒĂŸen lag – und wie sie kaum zehn Jahre spĂ€ter als Juden verfolgt wurden. Die Lieder, die sie berĂŒhmt gemacht haben, dĂŒrfen sie unter den Nazis nicht mehr singen – sie seien zu hamburgisch fĂŒr ein jĂŒdisches Gesangsduo.

„Je mehr wir erfuhren, umso klarer war fĂŒr uns, dass wir diese Geschichte auf die BĂŒhne bringen mĂŒssen“ erinnert sich Peter Franke. Mit UnterstĂŒtzung von Jens Huckeriede und dem Museum fĂŒr Hamburgische Geschichte spĂŒrten sie den in aller Welt verstreuten Nachlass der GebrĂŒder Wolf auf, stöberten durch Briefe, TagebĂŒcher, NotenblĂ€tter und Programmzettel.

Im Januar 2002 war es dann soweit: UrauffĂŒhrung der GebrĂŒder-Wolf-Story „Die Jungs mit dem TĂŒdelband“. Buch und Regie Ulrich Waller, auf der BĂŒhne zwei Stunden lang Gerhard Garbers und Peter Franke. Als Fietje und Thetje singen sie die Gassenhauer der GebrĂŒder Wolf, natĂŒrlich das TĂŒdelband, „Mariechen mein Viehchen“ oder „Snuten und Poten“, das sich auf ein einstiges Hamburger Traditionsgericht aus Schweinepfoten und Schnauzen mit Sauerkraut bezieht, ĂŒber das Peter Franke tapfer sagt, man könne es wirklich essen.

Doch zwischen diesen Döntjes und Spottversen, den Kalauern und dem Klamauk wird er immer wieder ernst. Ganz beilĂ€ufig erzĂ€hlen Fietje und Thetje dann ĂŒber James Wolf, den Kioskbesitzer, der 1943 mit seiner Frau in Theresienstadt ermordet wurde. Sie erinnern an den talentierten SĂ€nger Ludwig, der, mit einer Nicht-JĂŒdin verheiratet, in den HĂŒtten der Neustadt untertauchte. Und an James, den JĂŒngeren, dem es gelingt, mit seinem Bruder Donat nach Shanghai zu fliehen und von dort nach San Francisco. Donats Frau und die Kinder schaffen es nicht mehr, sie werden von den Nazis nach Riga deportiert und 1941 ermordet.

„Dieses Wechselbad ist fĂŒr uns auf der BĂŒhne eine Herausforderung, aber vor allem fĂŒrs Publikum“, sagt Peter Franke. „Aber das Faszinierende ist: Es funktioniert! Die Leute haben geweint, und am Ende fast 20 Minuten geklatscht.“ Nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen StĂ€dten, in denen das StĂŒck zu sehen war, habe er jedes Mal diese Erfahrung gemacht, dass man den Zuschauern eben sehr wohl so etwas zumuten könne. FĂŒr ihn, den ein Journalist treffend als „Rampentiger“ bezeichnet hat, ist das eine große BestĂ€tigung und eine kleine Genugtuung.

Schon als Kind im Internat hat er kleine StĂŒcke geschrieben und aufgefĂŒhrt, spĂ€ter spielte er sich aus Kneipen- und Kellertheatern auf die großen StaatsbĂŒhnen und hat dabei immer an „offensives Theater“ geglaubt. „Manche Schauspieler haben regelrecht Angst vor den Zuschauern, aber ich wollte mich immer ans Publikum ranspielen“, resĂŒmiert er. Deshalb liebt er Dario Fo, dessen StĂŒcke er fĂŒrs deutschsprachige Theater entdeckte, mehr als die psychologisierenden Figuren eines Strindberg.

Mit dieser Vorliebe fĂŒrs Direkte, manchmal Derbe, fĂŒr „das Leichte, das so schwer ist, wenn man es ernst nimmt“, eckte er bei manchem bedeutenden Regisseur an. Schließlich fĂŒhlte er sich im Stadttheater nicht mehr recht zu Hause und verließ 1994 das Thalia-Ensemble. „Es gab zu wenig Kontakt zum Publikum, aber auch untereinander. Ein gleichberechtigtes Miteinander, wo man sich auch mal gegenseitig kritisiert und das fĂŒr mich Theater ausmacht, war in so einem Großbetrieb gar nicht mehr möglich“, meint er heute.

Diese NĂ€he, die er braucht wie den Wind zum Segeln, fand er in kleineren Privattheatern wie den Kammerspielen wieder. Er hofft, sie in Zukunft auch im St.-Pauli-Theater zu finden, „da, wo diese Art von Unterhaltung ja schließlich ihre Wurzeln hat“. Und natĂŒrlich hat er sie immer gehabt bei den Liederabenden in seiner Ottenser Stammkneipe: „Da bekommt man sofort mit, wer wann lacht, und weiß, jetzt hat man gepatzt – oder man war gut.“ Eine Erfahrung, die ihm die GebrĂŒder Wolf sicher bestĂ€tigt hĂ€tten. Deshalb ehrt es sie ebenso wie Gerhard Garbers und Peter Franke, wenn das Publikum bei der Zugabe den Refrain vom Jung mit nem TĂŒdelband mitsingt – singt, und nicht grölt.

Wo MĂ€nner malochen

Obdachlose bauen ein Containerdorf

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Sanft gleitet der glĂ€serne Aufzug in die Höhe. Das blitzblanke High-Tech-GerĂ€t, mit dem die FahrgĂ€ste dem Bahnsteig der U-Bahn Hamburger Straße entgegenschweben, wirkt wie von einem anderen Stern, so unvermittelt wĂ€chst es direkt neben einer BrachflĂ€che aus Sand und Schutt aus dem Boden. 250.000 Euro hat das Ding gekostet – mehr als das Containerdorf fĂŒr Obdachlose, das auf der BrachflĂ€che entstehen soll.

Eine Handvoll MĂ€nner in verbeulten Jeans und Turnschuhen schlurft dort umher, manche tragen Rauschebart, andere ein KĂ€ppi gegen die Sonne auf dem Kopf. Alle haben Werkzeug in der Hand. Dazwischen wuselt ein kleiner, strubbeliger Hund hin und her – und wieder zurĂŒck zu einem ebenfalls strubbeligen, weißhaarigen Mann. Das ist Michael Struck, 54, Herrchen von Strolchi und Sozialarbeiter bei Neue Wohnung, einer gemeinnĂŒtzigen GmbH der Wohnungslosenhilfe, die schon in Altona erfolgreich ein Container-Projekt fĂŒr Obdachlose betreibt.

Strucki – wie ihn hier alle nennen – hat seinen Arbeitsplatz auf das stĂ€dtische GelĂ€nde hinter dem frisch renovierten U-Bahnhof Ham-burger Straße verlegt. Hier bauen er und Kollegen gemeinsam mit Obdachlosen und Ex-Obdachlosen das neue Containerdorf auf. 17 Menschen sollen sich dort nach Monaten auf Platte wieder an ein Dach ĂŒber dem Kopf gewöhnen können.

„Das hier ist der FeldherrenhĂŒgel“, sagt Struck grinsend und zeigt auf den klapprigen Tisch mitten auf dem rund 1200 Quadratmeter großen Platz. Darauf liegt – von Steinen am Wegfliegen gehindert – der Dorf-Grundriss. Elf weiße Wohn-Container mit Fenstern und bunten TĂŒren stehen schon, dazwischen jeweils ein Container, in dem Nasszellen entstehen.

„Hier hab ich was zu tun“

Gerade mischt Kurt, der bei Neue Wohnung in Altona wohnt, mit einer Maurerkelle Zement in einer Schubkarre an. Die Fundamente fĂŒr die letzte Container-Reihe mĂŒssen gegossen werden. „Wir lernen ja aus unseren Fehlern“, sagt Michael Struck. „In Altona haben wir die Dinger einfach in den Sand gesteckt, und nach dem ersten Regen haben die Bewohner die TĂŒren nicht mehr aufgekriegt.“

Fehler sollen in Barmbek nicht passieren, und so messen Bernd Weber, Angestellter bei Neue Wohnung, und der Architekt Ulrich Fahr akribisch die AbstĂ€nde fĂŒr die letzte Container-Reihe aus. „Herr Weber, hast du genug Band?“, ruft Fahr quer ĂŒber den Platz. „Zieh mal bisschen strammer, was ist das fĂŒr ein Schlabberkram!“ – da reißt auch schon die Leine. Die Prozedur beginnt von vorn.

Der Ton ist ruppig-freundschaftlich, jeder wird geduzt. „Mich nennen sie nur noch Moosi“, sagt Olaf und lacht, „seit ich die MoosbĂ€nder zwischen die Container geklebt habe“. Mit 64-Jahren ist er der Älteste auf der Baustelle. Olaf wohnt im Wohnprojekt fĂŒr Obdachlose Wartenau, aber „hier hab ich wenigstens was zu tun“. Hinz & KĂŒnztler Kalle, der gerade Bauschutt und MĂŒll in einen blauen Sack stopft, pflichtet ihm bei. Auch er wohnt derzeit bei Neue Wohnung in Altona, „aber bevor ich da rumhĂ€nge, pack’ ich lieber hier mit an.“ Ehrenamtlich, versteht sich.

NatĂŒrlich wĂ€re der Bau des Dorfes schneller erledigt, wenn nur Firmen beschĂ€ftigt wĂŒrden. „Aber das Geld haben wir nicht“, sagt Struck, „und die MĂ€nner haben Lust zu helfen.“ Harte Verhandlungen um das GrundstĂŒck und der strenge Winter verzögerten lange den Beginn der Baumaßnahmen. Jetzt wird ordentlich rangeknufft. Und wann ist das Dorf fertig? „Es ist fertig, wenn es fertig ist“, so Struck. „Aber wir beeilen uns“, sagt er schnell, „wir brauchen die ÜbernachtungsplĂ€tze ja sehr dringend.“ Schließlich hatte Senatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) nach ihrem Amtsantritt im September 2001 die Finanzierung von 60 Einzel-ÜbernachtungsplĂ€tzen in dezentraler Lage versprochen. Seither ist nichts passiert.

Kaffeepause. Pausen sind wichtig, besonders fĂŒr Leute wie Kurt. Vor zwei Jahren erkrankte der muskulöse Mann schwer. „Ich kĂ€mpfe immer noch“, so der einstige Bergmann und zeigt auf eine lange Narbe am Hals, „die Arbeit macht Spaß, aber ist ganz schön schwer“. „Du solltest dir lieber mal einen Hut aufsetzen, oder willst du eine braune Glatze bekommen?“, necken die anderen, die nicht wollen, dass er sich ĂŒberanstrengt. Und dann: „Wer hat denn den Kaffee gekocht? Der ist ja ungenießbar!“

Einen ordentlichen Kaffee gibt es bei Uwes Imbiss. Uwe thront in seiner Holzbaracke, die direkt an das Neue Wohnung-GrundstĂŒck angrenzt, streicht ĂŒber seine SchĂŒrze und sagt: „Alle waren dagegen, dass das Containerdorf hierher kommt. Ich auch.“ Man hatte schlechte Erfahrungen mit Obdachlosen gemacht, die in den öffentlichen Toiletten der U-Bahn gehaust hatten. Dann sei der Bahnhof renoviert worden, und alle waren froh, dass die Obdachlosen verschwanden.

Inzwischen ist Uwe dem Projekt gegenĂŒber positiver eingestellt. Bei runden Tischen erklĂ€rte Michael Struck den Nachbarn das Konzept der Neuen Wohnung. Dass es einen Nachtdienst geben werde, der vor allem im Sommer fĂŒr Ruhe sorgt. Dass sich ein Sozialarbeiter um die Leute kĂŒmmert und sie bei Alkoholproblemen oder Schulden an nahe gelegene Beratungsstellen fĂŒr allein stehende Wohnungslose vermittelt. Dass die Container hĂŒbsche DĂ€cher bekommen und das GelĂ€nde begrĂŒnt werden soll. „Das hört sich alles ganz vernĂŒnftig an“, meint Uwe. „Und wenn’s gut lĂ€uft, warum nicht.“

„Das Eis ist gebrochen“

Kaum zurĂŒck auf der Baustelle, serviert Olaf einen großen Becher heißen Kaffee. „Uwe hat uns aufgezogen, wir wĂŒrden wohl keinen Kaffee kochen können“, sagt er und lacht. Die Kommunikation zwischen den neuen Nachbarn funktioniert offenbar. Mit anderen ist das schwieriger: Gerade verlĂ€sst ein braun gebrannter Mann aus der Wohngegend das GrundstĂŒck mit den Worten: „Die gehören doch alle ins Lager.“ „Manche Menschen werden sich durch nichts ĂŒberzeugen lassen“, schnaubt Struck.

Doch der Lichtblick folgt schon Minuten spĂ€ter: Herr Rademann aus dem Wohnhaus nebenan schaut vorbei. „Begeistert bin ich nicht, dass die Container hierher kommen“, gibt er zu, „aber wir wollen mal abwarten.“ Rademanns FĂŒĂŸe stecken in grĂŒnen Gummistiefeln, er arbeitet im Garten und braucht Sand. Den borgt er sich jetzt bei Neue Wohnung, und die geben gern. „Da ist das Eis doch gebrochen, wenn sich jemand etwas borgt“, freut sich Michael Struck.

Inzwischen brennt die Mittagssonne vom Himmel. Die MĂ€nner haben die Jacken ausgezogen und keine Zeit mehr fĂŒr GesprĂ€che. „Wolln’ uns mal wieder ins ArbeitsgetĂŒmmel stĂŒrzen“, sagt Olaf. „Aber du kannst ja mal wieder vorbeikommen“ – sprichts und schultert die Schaufel.

Annette Bitter

ZurĂŒck auf die Straße

Ende des Winternotprogramms

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Das Winternotprogramm ist vorbei. Kirchencontainer, Wohnschiffe und Notquartiere in Fachhochschulen schließen ihre TĂŒren. FĂŒr hunderte von Obdachlosen heißt es jetzt: ZurĂŒck auf die Straße. Denn selten zuvor schienen die Aussichten auf eine eigene Wohnung so schlecht zu sein wie in diesem Jahr.

„Es sieht ganz dĂŒster aus. Die großen Wohnungsgeber strĂ€uben sich immer hĂ€ufiger, SozialhilfeempfĂ€nger aufzunehmen“, sagt Sigrid Hochdörfer vom Verein „Trotzdem“, der Haftentlassenen hilft, eine Wohnung zu finden. „Wahrscheinlich denken die, wer den ganzen Tag zuhause hockt, der randaliert schnell mal. Und die Saga ist ja zur Zeit auf einem totalen Sanierungskurs.“ Da passen Problemmieter wie ehemalige Obdachlose, Haftentlassene und SozialhilfeempfĂ€nger nicht mehr ins Bild.

Das Integrationsprojekt unterhĂ€lt 30 Übergangswohnungen fĂŒr Haftentlassene und schaffte es bislang noch, zwischen 67 und 70 Prozent der Ex-Knackies in eigene feste Wohnungen zu vermitteln. „Aber es wird immer schwieriger“, sagt Sigrid Hochdörfer. Im zweiten Halbjahr 2000 fanden noch 19 MĂ€nner mit Hilfe des Vereins eine eigene Wohnung, 2001 waren es nur elf. Zahlen fĂŒr das vergangene Jahr liegen noch nicht vor.

Ähnliche Erfahrungen macht auch das Bodelschwingh-Haus, eine stationĂ€re Einrichtung des Diakonischen Werkes, in der 70 MĂ€nner vorĂŒbergehend wohnen können: Die MĂ€nner wĂŒrden im Schnitt zwei bis drei Monate lĂ€nger im Bodelschwingh-Haus wohnen. Einfach deshalb, weil sie trotz großer Anstrengung keine eigene Wohnung finden. Dieser Trend verschĂ€rfe sich in den kommenden Monaten noch, weil das Winternotprogramm ausgelaufen sei. Dann werden die etwa 215 MĂ€nner und Frauen, die den Winter ĂŒber in zusĂ€tzlich eingerichteten NotunterkĂŒnften hausten, zusĂ€tzlich auf den Wohnungsmarkt drĂ€ngen.

Doch den Beratungsstellen bleibt oft nichts anderes ĂŒbrig als die Leute an Notlösungen wie das Pik As zu vermitteln. Der Traum von der eigenen Wohnung bleibt fĂŒr viele ein frommer Wunsch. Denn die Vermittlungszahlen der sieben Beratungsstellen fĂŒr Personen mit Wohnungsproblemen sprechen eine deutliche Sprache: Konnten die Sozialarbeiter vor fĂŒnf Jahren noch 40 Prozent der Wohnungslosen bei der Saga oder der Gesellschaft fĂŒr Bauen und Wohnen GWG unterbringen, waren es im Jahr 2001 nur noch 20 Prozent.

Besonders dramatisch macht sich die Weigerung der stadteigenen Wohnungsunternehmen in der Beratungsstelle Billstedt bemerkbar. Dort nahmen Saga und GWG im Jahre 1998 fast 90 Prozent aller Menschen auf, die die Beratungsstelle der Caritas in Billstedt und Bergedorf vermittelt hatte. Im Jahr 2001 waren es nur noch acht Prozent. FĂŒr das vergangene und das laufende Jahr erwarten die Sozialarbeiter vor Ort keine Besserung. Und das, obwohl die beiden Wohnungsunternehmen mit insgesamt 134.000 Wohnungen nicht nur wirtschaftlichen GrundsĂ€tzen, sondern auch sozialen Aspekten verpflichtet sind.

Da hilft es auch wenig, dass die Organisatoren des Winternotprogramms zumindest keinen Anstieg der Obdachlosenzahlen bemerkt haben: „Die Zahl der Obdachlosen, die im Winternotprogramm Schutz vor der KĂ€lte suchten, ist ungefĂ€hr gleich geblieben“, sagt Kay Ingwersen, Sprecher von pflegen & wohnen. Insgesamt wurden auf dem Wohnschiff „Bibby Altona“ in NeumĂŒhlen vom 1. November 2002 bis Anfang April dieses Jahres 12.400 Übernachtungen gezĂ€hlt. „Das sind 3100 Übernachtungen weniger als im Vorjahr“, so Ingwersen. DafĂŒr seien im gleichen Zeitraum wesentlich mehr Obdachlose ins Pik As gezogen. „Dort sind wir eigentlich stĂ€ndig mit Überlast gefahren“, sagt Ingwersen. Obwohl das Pik As eigentlich nur 190 SchlafplĂ€tze bereitstelle, seien bis zu 245 MĂ€nner pro Nacht dort gewesen. Das Haus sei im Schnitt zu 125 Prozent ĂŒberbelegt gewesen.

Warum in diesem Winter mehr obdachlose MĂ€nner ins Pik As gingen, könne er nur vermuten. Im Vorjahreszeitraum zĂ€hlten die Mitarbeiter von pflegen & wohnen auf dem damaligen Wohnschiff „Bibby Challenge“ immerhin noch 15.500 Übernachtungen. „Ein Grund könnte sein, dass die ‚Bibby Challenge‘ damals einen großen Schlafsaal hatte, der sehr beliebt war“, so Ingwersen. „Es gab dort insgesamt mehr Platz fĂŒr den Einzelnen.“ Doch auch das könnte ein Grund fĂŒr sinkende Zahlen sein, wird in der Szene vermutet: In den vergangenen Jahren hĂ€tten DrĂŒckerkolonnen das Winternotprogramm der Wohnschiffe missbraucht, um ihre Mitarbeiter kostenlos unterzubringen. In diesem Jahr mĂŒssen die MĂ€nner auf dem Wohnschiff ihre Ausweise vorzeigen. Es sollen nur noch wirkliche Obdachlose an Bord. Selbst zum Ende des Programms im April seien die Belegzahlen noch immer sehr hoch gewesen. „Das liegt“, so Ingwersen, „auf jeden Fall an dem langen Winter, den wir dieses Jahr hatten.“

Zu einer anderen Bilanz kommen dagegen die Mitarbeiter der TagesaufenthaltsstĂ€tte Bundesstraße, die die ContainerplĂ€tze vermittelt hat: „Der Andrang war riesig“, sagt Mitarbeiterin Rika Klauzsch. „Am Anfang standen die MĂ€nner bis auf die Straße hinaus Schlange. Wir haben absolut steigende Zahlen und hĂ€tten noch mehr KapazitĂ€ten gebraucht. Sowohl beim Winternotprogramm als auch bei der Essensausgabe: Zum ersten Male haben wir ĂŒber das Jahr gesehen mehr als 20.000 Essen ausgegeben.“

Auch Peter LĂŒhr, der Leiter der Beratungsstelle fĂŒr Haftentlassene in der Kaiser-Wilhelm-Straße, sieht wenig Anlass zu Optimismus: In Hamburg werden tĂ€glich fĂŒnf Strafgefangene aus der Haft entlassen, die keine Wohnung haben, so Peter LĂŒhr. Die Chancen fĂŒr diese MĂ€nner, in absehbarer Zeit in eine eigene Wohnung zu kommen, hĂ€tten sich drastisch verschlechtert. „Die Stadt gibt gern Menschen zu uns in die Haftanstalten ab“, sagt Peter LĂŒhr, „aber wieder nehmen will sie sie nicht.“

Petra Neumann

„Innendrin ein Verlierer“

Wie der verurteilte Mörder Iwan Kirr sein Leben Ànderte

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Wenn Iwan Kirr etwas zu seiner Jugend einfĂ€llt, dann ein bestimmtes Wort. „TotalitĂ€r. Ich wuchs in einer totalitĂ€ren Familie und in einem totalitiĂ€ren Regime auf“, sagt der 36-jĂ€hrige RumĂ€niendeutsche. Er sagt das nicht als Entschuldigung, er will seiner Geschichte auf den Grund gehen. Einer Geschichte von Ohnmacht und Wut, Gewalt und Hass.

Als Kind war er Opfer, als Erwachsener wurde er TĂ€ter. Erst Jahre nach seiner Verurteilung als Mörder entwickelte er Scham und Schuldbewusstsein und ĂŒberwand seine immer lauernden Aggressionen. Kirr, der seit 1988 in Hamburg im GefĂ€ngnis sitzt, wurde sogar MitbegrĂŒnder von „Gefangene helfen Jugendlichen“, einem Projekt zur GewaltprĂ€vention.

Ein Außenseiter war Iwan Kirr schon immer. In RumĂ€nien galten die Deutschen als suspekt. Der Vater, fĂŒr den Jungen unerreichbar und unberechenbar, schwor die Familie darauf ein, kein Sterbenswörtchen von GesprĂ€chen nach außen dringen zu lassen. Schon eine harmlose Frage von Iwan an seinen Vater, etwa „Warum triffst du dich mit diesem Mann?“, genĂŒgte, und sein Vater rastete aus und verprĂŒgelte ihn. Das Ergebnis: „Ich hatte kaum Kontakt zu anderen.“

Andere Kinder wurden fĂŒr ihn zu einer stĂ€ndigen Bedrohung. „Ich fĂŒhlte mich immer angegriffen oder verspottet.“ In ihm brodelte es, stĂ€ndig stand er unter Spannung, ein GefĂŒhl zwischen Ohnmacht und wilder Aggression. Schon damals griff er zu dem einzigen Mittel, das er kannte: Wer ihn blöd anguckte, wurde vertrimmt.

Die einzigen Freunde, die er hatte, waren die Pferde. „Ich spielte ihnen auf der Flöte etwas vor und sprach mit ihnen.“ Mit zwölf Jahren gewann er die rumĂ€nischen Jugendmeisterschaften im Dressur- und Springreiten. Und schon als Jugendlicher ritt er Pferde zu. In gewisser Weise identifizierte er sich mit den Tieren. Als DeutschstĂ€mmiger, so glaubt er, bekam er zum Zureiten sowieso die schwĂ€chsten Tiere. „Ich versuchte, das Beste aus ihnen herauszuholen.“ So wie aus sich. Aber zwischen den Pferden und ihm herrschte nicht nur reine Liebe. „Ich habe es genossen, dass sie von mir abhĂ€ngig waren und mir bedingungslos gehorchten.“ Die Kehrseite, trotz aller Siege: „Ich fĂŒhlte mich klein und mickrig.“

Als Iwan 15 war, beschloss der Vater zu fliehen – mit ihm. Die Mutter und die Großmutter sollten spĂ€ter nachkommen. Die Ankunft im Westen war fĂŒr ihn ein Schock. Die Trennung von der Mutter, die Uniformierten an der Grenze, die falschen Papiere, die Odyssee von Lager zu Lager. „Und diese Farben!“ Iwan glaubte, noch nie so viel Buntes gesehen zu haben. „Ich kam aus einer grauen Welt“, sagt er. Und jetzt: Alles war zu haben – sofern man Geld hatte. Auch er wollte etwas vom großen Kuchen abhaben.

Aber vorerst musste er malochen ohne Ende: „Wir mussten Mutti zurĂŒckkaufen.“ Denn umsonst wollte RumĂ€nien die Hausfrau nicht gehen lassen. Wer dran glauben musste, waren ausgerechnet Pferde. Iwan ritt Pferde zu; zehn, elf bewegte er am Tag. Aber nicht so, wie er es gewohnt war: Er barrte sie, das heißt, er trieb sie mit Gewalt kurzfristig zu Höchstleistungen an, so dass sie sich gut verkaufen ließen.

„Wir TĂŒrsteher waren die Könige der Nacht“

Apropos harte Hand: Iwan fĂŒrchtete sie, nĂ€mlich die des Vaters, suchte sie aber gleichzeitig. Mit 18 ging er zur Fremdenlegion. Bedingungsloser Gehorsam und der Wille zum Töten wurden antrainiert. Hier konnte Iwan seine Aggressionen legal ausleben. Nach einem Jahr desertierte er zwar, aber nicht wegen der Gewalt in der Legion. „Ich wollte leben wie andere junge Menschen, lachen, ausgehen – und nicht immer gedrillt werden.“

In Hamburg, wo seine Mutter lebte, unternahm er noch einmal einen Anlauf, Abitur zu machen. Aber es ging nicht: „Alles wurde ausdiskutiert, ich war es gewohnt, Sachen zu pauken. Diesem Unterricht war ich nicht gewachsen.“ Und: „Nach der Fremdenlegion konnte ich mit dem pubertĂ€ren GeplĂ€nkel meiner MitschĂŒler nichts anfangen.“

Es war kein Zufall, dass Iwan Kirr in die TĂŒrsteherszene geriet. Denn hier fand er alles, was er suchte: Er hatte Macht, Menschen nach Belieben einzulassen – oder ihnen den Zutritt zu verwehren. Frauen bewunderten ihn, MĂ€nner hatten Angst vor ihm. „Wir TĂŒrsteher“, sagt Kirr, „waren die Könige der Nacht.“ Aber das genĂŒgte trotzdem nicht: „Innendrin fĂŒhlte ich mich wie ein Verlierer. StĂ€ndig hatte ich das GefĂŒhl, dass sich alle ĂŒber mich lustig machen.

Kirr fĂŒhlte sich völlig im Recht, jedem, der ihn „irgendwie“ Ă€rgerte, „eine reinzuhauen“. Immer tiefer geriet er in die kriminelle Szene, SchlĂ€gereien waren fĂŒr ihn normal, und manchmal trieb er auch Schutzgelder ein.

Eines Tages wurde ein Freund beleidigt. Kirr rastete aus, sah nur noch rot. „Ich hatte das GefĂŒhl, der Mann verhöhnt nicht meinen Freund, sondern mich.“ Er packte zu, wie er es bei der Fremdenlegion an Strohpuppen geĂŒbt hatte, der Mann war tot – innerhalb von Sekunden. Nichts, rein gar nichts empfand er nach dem Mord, keine Schuld, kein Entsetzen. „FĂŒr mich war der Krieg ausgebrochen – so wie in der Fremdenlegion.“

Im GefĂ€ngnis fand sich Kirr blendend zurecht: Hier gilt das Recht des StĂ€rkeren, und zu denen gehörte er allemal. Dann geriet sein Weltbild plötzlich aus den Fugen. Eine Freundin, die wĂ€hrend der ganzen Jahre zu ihm gehalten hatte, fragte ihn eines Tages: „Was ist damals eigentlich passiert?“ Diese an sich simple Frage war ein Schock fĂŒr ihn. „Zum ersten Mal empfand ich so etwas wie Scham und Schmerz.“

Das war 1996, sechs Jahre nach seiner Inhaftierung. Seitdem ist Iwan auf der Suche nach sich selbst. Er fing sogar eine Therapie an, was im Knast oft verpönt ist, etwas fĂŒr angebliche „Weicheier“. Dabei ist das Gegenteil der Fall. „So hart habe ich noch nie gearbeitet“, sagt Iwan. Immer wieder musste er sich und seine Taten in Frage stellen – und langsam lernen, die Verantwortung dafĂŒr zu tragen. „Alleine hĂ€tte ich es nie geschafft“, sagt er und meint damit natĂŒrlich seine Freundin, die heute seine LebensgefĂ€hrtin ist, aber auch seinen Therapeuten Horst Uherek. Beide hielten unbeirrt zu ihm.

Wer ihn von frĂŒher kennt, glaubt einen anderen Menschen vor sich zu haben: offen, freundlich, liebevoll. Die unterschwellige Aggression, sonst immer spĂŒrbar, ist weg. Aber Iwan, der sich inzwischen im offenen Vollzug auf das Leben draußen vorbereitet, ist auf der Hut vor sich selbst. „Manchmal, da spĂŒre ich sie noch, die Aggressionen“, sagt er. Aber sie ĂŒberfallen ihn nicht mehr. Alle inneren Alarmanlagen gehen dann an. Und er weiß, wie er sich „runterschrauben“ kann. „Wenn mich jetzt ein Autofahrer Ă€rgert, sage ich mir: Mensch, der hat einen schlechten Tag, vielleicht ist er wirklich ein Idiot. Na und, hat doch nichts mit mir zu tun.“

Neustart: KopfĂŒber in ein anderes Leben

Drei Geschichten ĂŒber einen Neubeginn

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Alles auf Sieg

„Es geht um den Erfolg“, sagt Torwart Heinz MĂŒller, „wer auf dem Platz sportlich erfolgreich ist, der verdient irgendwann auch gutes Geld.“ Wenn der 24-jĂ€hrige Fußballprofi von seinem Neustart beim Zweitligisten FC St. Pauli spricht, dann versucht er zunĂ€chst, GefĂŒhle zu unterdrĂŒcken. So sei halt das Business, sagt der Torwart.

In der Winterpause war er vom Bundesligisten Arminia Bielefeld an das Millerntor gewechselt zum scheinbar hoffnungslos abgeschlagenen Tabellenletzten der 2. Liga. In Bielefeld saß er nur auf der Bank oder TribĂŒne. „Bei Pauli habe ich die Chance zu beweisen, was ich kann.“ Deshalb, so MĂŒller, sei es fĂŒr ihn keine Frage und eine rational begrĂŒndete Entscheidung gewesen, den Wechsel zu wagen. Obwohl manche Beobachter befĂŒrchteten, auch mit dem neuen sportlichen Umfeld gebe es fĂŒr ihn keinerlei Aussicht auf Erfolg.

Dass die Mannschaft in der RĂŒckserie zunĂ€chst hoffnungsvoll begonnen hatte, galt unter anderem als Erfolg des neuen Torwarts. Mittlerweile steckt das Team nach dem glĂŒcklichen Neustart wieder tief in der sportlichen Krise. Der Abstieg ist nahe – trotz der Leistung des Keepers. Die Fans und die Presse haben ihn schnell in ihr Herz geschlossen. Und der Torwart sagt: „Das war schon richtig, diese VerĂ€nderung zu wagen.“ Bis auf weiteres: Zumindest der Start ist geglĂŒckt.

Im Leben privat oder beruflich neu zu starten, mag von außen betrachtet manchmal wie ein dramatischer Schritt erscheinen. Das Eintauchen in Neues soll helfen, eine zunehmend als untragbar empfundene Last zu ĂŒberwinden. „Man muss im Leben sehen, dass man durchkommt, darf nicht den Glauben an sich selbst verlieren“, sagt Torwart MĂŒller nĂŒchtern. Und: „Gerade als junger Spieler wird man oft einfach ins kalte Wasser geworfen.“ Das, so meint er, sei auch ein großer Reiz an der neuen Aufgabe beim FC St. Pauli – gemeinsam dafĂŒr kĂ€mpfen, nicht unterzugehen.

Ein Neustart also fĂŒr ihn ausschließlich unter sportlichen Gesichtspunkten? Nein, antwortet der junge Profi, „das ist Stress vor allem fĂŒr die Seele.“ Seine Freundin ist vorerst in Bielefeld geblieben, beendet dort ihre Ausbildung, und in Hamburg hat er privat noch keine neuen Freunde. „Ich spiele Fußball“, sagt MĂŒller, „und im Fußball gibt es keine Freunde, das ist hartes GeschĂ€ft.“ Heute bist du der König, fĂŒgt er noch hinzu, und vielleicht schon morgen bloß noch der Depp. Im Augenblick gehört ihm die Krone.

Annette Bitter

Die große Freiheit

„Das ist super, bombig, klasse!“, freut sich Kai. Der 30-jĂ€hrige Hinz & Kunzt-VerkĂ€ufer ist vor zwei Wochen in seine neue Wohnung gezogen. Ein Zimmer, KĂŒche, Balkon – fĂŒr ihn allein. Als Neustart will er das Ende seiner Wohnungslosigkeit zwar nicht verstanden wissen. „Ich werde wohl nicht die nĂ€chsten 20 Jahre darĂŒber reden.“ Aber klar, der Gegensatz zu seiner Einzelzelle im Knast, zum Leben auf Platte und zu seiner letzten Unterkunft in einem Hotel am Nobistor ist gigantisch.

„In meiner Wohnung habe ich meine Ruhe. Hier gibts keine Kakerlaken. Ich kann aufs Klo gehen, ohne Angst, mir irgendwas wegzuholen. Ich hab ’ne KĂŒche, in der ich mir jeden Tag was koche, und es ist mein Ding, ob die sauber ist oder nicht.“ Die Wohnung hat eine große Fensterfront, sagt Kai, da kommt viel Licht rein, so dass er sich nicht eingesperrt fĂŒhlt. Einen tollen Nachbarn habe er außerdem.

Einen echten Neustart plant Kai trotzdem – und mit der Wohnung ist der Grundstein fĂŒr sein Vorhaben gelegt: „Wenn du 30 bist, fĂ€ngst du was Richtiges an mit deinem Leben, habe ich mir geschworen.“ Nun ist es soweit. Beim Berufsinformationszentrum war er schon. Jetzt will er sein Fachabitur SozialpĂ€dagogik machen. Ein Jahr wird er dafĂŒr brauchen und danach – man kann ja schon mal trĂ€umen – vielleicht SozialpĂ€dagogik studieren. „In so ’nem Berberheim ist es immer laut, da kommt man nicht mal zum Pennen“, sagt Kai. „Wie soll man da arbeiten oder lernen?“

Kai meint, dass er schon lange sein Abitur hĂ€tte machen können, und auch sein Studium hĂ€tten ihm die Eltern finanziert. „Ich bin nĂ€mlich ein verdammtes Bonzenbalg“, sagt er und grinst. Aber dann war ihm das Kiffen wichtiger als Schule oder Uni. „Jetzt will ich mir was Neues aufbauen“, sagt er ernst. Und damit nichts dazwischenkommt, soll kein Foto von ihm in der Zeitung erscheinen. „Es mĂŒssen ja nicht gleich alle wissen, was der neue Typ da in der Wohnung fĂŒr ’ne Geschichte hat.“

Annette Bitter

Ende eines Traums

„Noch nie war ich den Wurzeln der Unterhaltungskultur so nah“, sagt Ulrich Waller ĂŒber seinen Neustart als kĂŒnstlerischer Leiter des St. Pauli Theaters. Es werde es keine „Kammerspiele im Exil“ geben, sondern einen eigenen, „dem Ort angemessenen Umgang mit den Formen des Unterhaltungs- und Volkstheaters“. Gerade weil rund um die Reeperbahn so viel geboten wird, wolle er mit anspruchsvollen eigenen Produktionen ein neues Publikum „auf die Meile fĂŒhren und verfĂŒhren“.

Das klingt euphorisch und lĂ€sst fast vergessen, dass Waller die Kammerspiele nicht freiwillig verließ. Doch, da sei auch Wehmut, schließlich seien die Kammerspiele „ein Traum“ gewesen. „Man lĂ€sst dieses Haus mit seiner 85-jĂ€hrigen Tradition zurĂŒck und weiß es nicht wirklich in guten HĂ€nden.“

Da ist noch immer die Wut zu hören, die ihn wohl auch zu seinem Neustart getrieben hat. Denn der kampferprobte Theatermann ist kein Typ fĂŒr Dauerklagen. Seine EinschĂ€tzung, „dass man sich auch zu Tode verhandeln könne“, sieht er dadurch bestĂ€tigt, dass selbst der kompromissbereite Dominique Horwitz am Ende aufgegeben habe. Da versucht Waller doch lieber auf seine Weise zu retten, was zu retten ist. Die Menschen, die zum Erfolg der Kammerspiele beigetragen haben, sollen möglichst auch auf St. Pauli eine neue Heimat finden: „Ich werde versuchen, meine Familie mitzunehmen!“

UngemĂŒtlich findet er vor allem die finanzielle Unsicherheit seiner neuen Arbeit. Anders als die Kammerspiele muss das St. Pauli Theater bisher ohne Subventionen auskommen. So gesehen, ist das Wasser sehr kalt, in das er springt. „Da kann man nur hoffen, dass man schnell wieder spĂŒrt, dass man schwimmen kann!“, sagt er tapfer und gibt dann selbst vor, an was er sich zukĂŒnftig wird messen lassen: „Wenn es Thomas Collien und mir gelingt, auch das St. Pauli Theater zu einem charismatischen Ort zu machen, das wĂ€re mein grĂ¶ĂŸtes GlĂŒck.“

Sigrun Matthiesen

Neustart: Wir haben einen Traum

Vieles neu bei Hinz & Kunzt

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Uwes Traum: Einmal Helgoland

Wenn diese Zeitung erscheint, bin ich noch gar nicht 60. Aber ich werde es am 22. April. Große GeburtstagswĂŒnsche habe ich nicht, habe ich nie gehabt. Wer sollte mir schon groß was schenken? Aber einen Traum hat ja wohl jeder. Meiner ist, nein war: eine Schiffsreise nach Helgoland. Ich habe die Lange Anna im Fernsehen gesehen und diese bunten, kleinen HĂ€user, ich nenne sie die „Papageiensiedlung“.

Als mir die Redaktion von den Fotos erzĂ€hlte und mich nach meinem Traum fragte, da wusste ich erst gar nichts – und dann fiel es mir wieder ein: Helgoland. Ich hatte nie daran gedacht, mal wirklich dahin zu kommen. Immer fehlte das Geld. Ich war frĂŒher ja auch noch spielsĂŒchtig. Als die mir dann sagten, dass wir wirklich und wahrhaftig nach Helgoland fahren, habe ich, das muss ich ehrlich sagen, fast geweint. Das war ein richtiger Schock. Ich nach Helgoland – und nicht alleine, sondern mit den beiden Fotografen Martin und Mauricio, ein richtiger Ausflug also.

Morgens um 8 Uhr holten sie mich ab. Meine erste Schiffsreise – das war wahnsinnig. Wir hatten gutes Wetter, die Sonne schien, ich war richtig aufgeregt. Die Lange Anna und die netten HĂ€user in Natur zu sehen, das war umwerfend. Martin und Mauricio haben mich ganz schön gescheucht: berg-auf, bergab. So hab ich auf jeden Fall viel gesehen. Nachts um 22 Uhr war ich wieder zu Hause. Ich fiel nur so ins Bett und war sofort weg. Also, ohne zu lĂŒgen, das war der schönste Tag, seit ich bei Hinz & Kunzt bin – und das ist schon lange, mehr als neun Jahre.

Uwe Dierks, 59 Jahre

Das neue Gesicht

Haben Sie’s gemerkt? Hinz & Kunzt hat ein neues Gesicht. Und damit meinen wir nicht nur unseren VerkĂ€ufer Uwe, der auf der Titelseite prangt und der schon immer davon trĂ€umte, einmal nach Helgoland zu fahren.

Wir werden in diesem Jahr zehn Jahre alt und fragen uns, was aus unserem eigenen Traum eigentlich geworden ist. Dem Traum, so vielen Obdachlosen wie möglich eine sinnvolle Aufgabe zu geben. Ihnen den Weg zurĂŒck in die Gesellschaft zu ebnen und gegen soziale KĂ€lte in dieser Stadt anzugehen. Vieles ist uns gelungen, manche MissstĂ€nde mĂŒssen wir wieder und wieder benennen. Deshalb haben wir zehn Geburtstags-WĂŒnsche, die wir von diesem Heft an jeden Monat an die Öffentlichkeit richten. Der erste Wunsch: mehr Krankenbetten fĂŒr Obdachlose.

Bei unserer Arbeit stehen Obdach- und Wohnungslose im Vordergrund. Deshalb haben wir uns gefragt: Warum bringen wir sie nicht aufs Titelblatt? Die Hinz & Kunzt-VerkĂ€ufer sind unsere Promis. Sie sind ĂŒberall prĂ€sent, tragen zum besonderen Bild der Stadt bei. Daraus entstand die Idee, unsere VerkĂ€ufer mal nicht als Obdachlose zu zeigen, sondern sie nach ihren TrĂ€umen zu fragen und diese fotografisch umzusetzen. Dass sich mancher Traum sogar verwirklichen lĂ€sst, daran hatten wir zunĂ€chst gar nicht gedacht


Mit dem Titelbild-Konzept geht auch unser verĂ€ndertes Layout an den Start, kreiiert vom neuen Layouter Martin Kath: grĂ¶ĂŸere Fotos, aufgerĂ€umtere Seiten, ĂŒbersichtlichere Heftstruktur. Bei so viel Neuem lag es nahe, den Schwerpunkt dieser Hinz & Kunzt-Ausgabe unter das Motto „Neustart“ zu stellen.

Neu ist auch die Dart-Reportage. Die Reporter werfen mit geschlossenen Augen einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Dort, wo er stecken bleibt, muss der Schreiber eine Geschichte suchen. Die ersten Reportagen schreiben ĂŒbrigens Journalistik-Studenten, unter Leitung von Dr. Rudolf Großkopff (ehemals Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt).

Schon mal was von der Kunzt-Kommission gehört? In dieser Kommission „sitzen“ Literaten, Musiker, Kinder, Sportler und Hinz & KĂŒnztler, die abwechselnd kleine Kulturkolumnen schreiben. In diesem Heft empfiehlt Jurai, das Zoologische Museum zu besuchen, Schriftstellerin Tina Uebel rĂ€t zur LektĂŒre des „MĂ€dchenbuches“ von Sven Amtsberg, und Ex-Box-Champion JĂŒrgen Blin stellt junge Boxer vor, deren Namen man sich dringend merken muss


TatkrĂ€ftig unterstĂŒtzen Hamburger Krimi-Autoren Hinz & Kunzt: Sie schenken uns Kurzgeschichten. Darunter sogar Erstveröffentlichungen – wie die von Gunter Gerlach.

Sie merken: Uns hat dieser Neustart wahnsinnig Spaß gemacht. Jetzt kommt’s nur noch darauf an, dass Sie ihn genauso spannend finden.

Birgit MĂŒller