Wintercafé für Wohnungslose : Aus lauter Lust am Helfen

#DankeHamburg
Im provisorischen Café sitzen Obdachlose und Menschen mit Wohnung an einem Tisch. Foto: Mauricio Bustamante

Sieben Tage lang organisiert der Verein Clubkinder in der Schanze ein Wintercafé für Wohnungslose. Die Hilfsbereitschaft aus der Nachbarschaft ist riesig. 

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„Willkommen“ steht in neun Sprachen mit Kreide an die Wand gemalt, mit roten Herzen davor. Auf dem Tresen davor stehen Muffins, Kuchen, Obst, diverse Kannen mit warmen Getränken und vieles mehr. Und alles ist gratis. Im Wintercafé für Wohnungslose, das der Verein Clubkinder in dieser Woche in einem Lokal in der Schanze eingerichtet hat, sollen die Gäste sich wohlfühlen.

Das Wintercafé ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie einfach helfen sein kann. „Ich habe nur eine E-Mail geschrieben“, sagt Initiatorin Gülay Ulas bescheiden. Während des Dauerfrosts in der vergangenen Woche entstand die Idee, den leeren Raum der „Hamburger Botschaft“ tagsüber als Aufenthaltsort für Wohnungslose zu nutzen. Die Resonanz auf Gülays E-Mail war riesig: Hunderte haben über Facebook ihre Hilfe angeboten, Sachspenden und Know How beigesteuert. Mit nur wenigen Tagen Vorlauf eröffnete das Wintercafé zum ersten Mal am Montag, von 11 bis 15 Uhr. „Das ist total verrückt alles“, sagt Gülay.

Niemand muss alleine sitzen

Bislang sind erst wenige Wohnungslose ins Café gekommen, noch hat sich das Angebot nicht richtig rumgesprochen. Während des Interviews kommt ein Gast ins Café, schaut sich vorsichtig um und setzt sich alleine an einen Tisch. Doch alleine muss hier niemand sitzen: „Komm doch zu uns rüber“, ruft einer aus der heute achtköpfigen Helfergruppe und bietet dem Mann einen Platz an. Der Wohnungslose ist kaum zwei Minuten hier und schon Teil eines herzlichen Gesprächs. „Wir wollen auch den Austausch mit unseren Gästen haben“, sagt Gülay.

Der Wohnungslose Wolfgang im Gespräch mit Helferin Mina Tekaat. Foto: Mauricio Bustamante

Der Mann heißt Wolfgang und übernachtet im städtischen Winternotprogramm im Schaarsteinweg. Die Notunterkunft muss er jeden Morgen verlassen, wie alle anderen darf er erst ab 17 Uhr wieder ins Warme. „Ich gehe von einer Aufnahmestelle in die nächste“, schildert er seinen Alltag. „Sonntag hat fast alles zu, das ist ein Problem.“

Das Wintercafé ist auch ein stiller Protest dagegen, dass das Winternotprogramm tagsüber geschlossen ist und dass vielen Obdachlosen aus Osteuropa von der Stadt für die kalten Nächte nur eine Wärmestube ohne Betten angeboten wird. „Das ist menschenunwürdig“, sagt Gülay. „Lebensrettend, aber mehr auch nicht.“

Stiller Protest gegen den Umgang mit Obdachlosen

Eigentlich wollte Dominik Bloh aus Protest gegen den Umgang der Stadt mit Obdachlosen während der Kältewelle vor dem Rathaus schlafen. Früher hat er selbst auf der Straße gelebt, inzwischen ein Buch darüber geschrieben. „Es bringt ja niemandem was, wenn du auch noch frierst“, hat Freundin Gülay seinen Plänen entgegnet. Gemeinsam brüteten sie den Plan für das Wintercafé aus. „Protestieren hilft den Menschen nicht direkt“, sagt Dominik. „Das hier schon.“

Sie wollen nicht akzeptieren, wie viele Obdachlose in Hamburg behandelt werden. „Ich sehe das nicht ein“, sagt Gülay. Wichtig ist ihr, nicht nur zu kritisieren, sondern die Dinge im Zweifelsfall selber in die Hand zu nehmen. „Wir kriegen das anders hin, dann eben mit Nachbarschaftshilfe.“

Im Wintercafé ist reger Betrieb. Immer wieder bringen Leute aus der Nachbarschaft Sachspenden vorbei. So wie Thomas Peters, der zwei große Tüten mit Kleidung dabei hat, die er in seiner Firma gesammelt hat. Seit Montag war er jeden Tag hier. „Ich will die Sachen von da holen, wo sie niemand braucht und dorthin bringen, wo sie Menschen helfen“, sagt er. Seine Spenden werden in die Kleiderkammer im ersten Stock gebracht, wo es inzwischen eine große Sammlung an Kleidung, Schuhen, Decken und Schlafsäcken gibt. „Die Gäste können alles, was sie brauchen, mitnehmen“, sagt Gülay.

Neue Schuhe für Wolfgang

Der Wohnungslose Wolfgang verlässt das Wintercafé mit einem Lächeln im Gesicht – und in neuen Schuhen: Ein paar neuwertige Timberland-Stiefel, die jemand gespendet hatte, fanden in ihm einen neuen Besitzer. „Wir wollen den Menschen am Ende auch geholfen haben“, sagt Gülay. Der 62-Jährige will auf jeden Fall wiederkommen.

„Wir wollen den Menschen am Ende auch geholfen haben.“– Gülay Ulas

Noch bis Sonntag hat er die Gelegenheit dazu. Am Wochenende kommen Frisöre ins Wintercafé und bieten kostenlose Haarschnitte für die Wohnungslosen an, das Johanniter Mobil gewährleistet medizinische Versorgung, die Bergedorfer Engel verteilen Sachspenden und Sozialarbeiter bieten eine Beratung an. Alles ehrenamtlich.

Vielleicht macht das Wintercafé nach dieser Woche sogar noch weiter. Gülay Ulas kann sich vorstellen, in wechselnden Locations vorrübergehende Cafés zu eröffnen. Dafür bräuchten sie eigentlich nur noch die Räume, sagt Gülay: „Die Lust zu helfen ist da.“

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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