Leichte Sprache :
„Man soll die Kinder sehen“

Reilo, Reili (vorne, Hand in Hand) und ihre Freund:innen stehen füreinander ein. Illustration: Josefine Taape

Die Hamburgerin Shlica Weiß hat ein Buch für Kinder geschrieben.
Das Buch heißt „Reilo und Reili“.
Das Buch handelt von Sinti und Roma.
Kinder-Bücher über Sinti und Roma gibt es sehr wenige.
Besonders an dem Buch ist aber noch etwas Anderes.

Wer sind Sinti und Roma?

Sinti und Roma sind eine kleine Gruppe Menschen in Deutschland.
Sie leben schon sehr lange in Deutschland und Europa.
Sie haben eine eigene Sprache und Kultur.
Ein Mann ist ein Sinto und eine Frau eine Sinteza.
Oder ein Rom und eine Romni.
Zusammen sind sie Sintezzi und Romnja.
In diesem Text werden sie gemeinsam Sinti:zzi und Rom:nja genannt.

Ein lebendiges Buch für Kinder

Auf einer Doppel-Seite sieht man fröhliche Menschen.
Die Menschen haben viel Spaß.
Sie halten sich an den Händen oder legen ihre Arme umeinander.
Manche Menschen klatschen zur Musik.
Auch das Kind im Rollstuhl klatscht.
Sie tragen bunte Sommer-Kleidung.

Die Menschen haben verschiedene Haut-Farben.
Sie tanzen zu zweit oder zu dritt miteinander.
Sie tanzen zwischen Lichter-Ketten und Wimpel-Ketten.
Daneben steht der Satz:
„Alle tanzen anders,
aber gemeinsam macht es am meisten Spaß.“
Das ist eine Seite aus dem Kinder-Buch
„Gemeinsam sind wir stark:
Reilo und Reili – zwei Sinti-Kinder“.
Die Seite ist so fröhlich,
dass man selbst gerne mittanzen möchte.

Ein Buch gegen Anti-Ziganismus

Shlica Weiß aus Hamburg hat die Geschichte geschrieben.
Sie wählt ihre Worte sehr genau.
Sie spricht sehr genau und klar.
Zum Beispiel sagt sie:
„Anti-Ziganismus ist immer in unserem Leben.“
Anti-Ziganismus bedeutet:
Die Menschen werden schlecht behandelt,
weil sie Sinti:zze oder Rom:nja sind.

Shlica Weiß ist Sinteza.
Sie ist 50 Jahre alt.
Sie kennt viele Erfahrungen mit Anti-Ziganismus.
Sie muss so etwas als Sinteza immer wieder befürchten.
Wir haben mit Shlica mehr als eine Stunde gesprochen.
Shlica erzählt nur wenige schlechte Erfahrungen.
Manche Dinge spricht sie nur kurz an.
Gerade deshalb wirken diese besonders stark.
Und dann sind da die bunten und fröhlichen Bilder im Kinder-Buch.
Dort fühlen sich alle Menschen willkommen.

Shlica erzählt über Anti-Ziganismus.
Anti-Ziganismus kann überall im Alltag passieren.
Zum Beispiel beim Einkaufen.
Oder bei der Suche nach einer Wohnung.
Oder bei der Suche nach einer Arbeit.
Manchmal dürfen Sinti:zze und Rom:nja nicht in eine Bar.
Dann sagt jemand vielleicht schnell:
„Geschlossene Gesellschaft.“
Er oder sie meint damit:
„Wir wollen euch hier nicht.“

Es gibt sehr viele Vorurteile über Sinti:zze und Rom:nja.
Fernsehen und Zeitungen erzählen wenig über Sinti:zze und Rom:nja.

Oft erzählen sie dann auch noch schlechte Dinge.

Shlica Weiß möchte das ändern.
Darum hat sie das Buch geschrieben.
In ihrem Buch spielen Sinti-Kinder die Haupt-Rolle.
In dem Buch gibt es keinen Anti-Ziganismus.
Das ist anders als im echten Leben.

Viele 100 Jahre in Deutschland

Anti-Ziganismus gibt es schon sehr lange.
Sinti:zze und Rom:nja leben schon sehr lange in Deutschland.
Vor etwa 600 Jahren kamen Sinti:zze hierher,
Rom:nja kamen etwa 200 Jahre später.
Heute leben etwa 150.000 Sinti:zze und Rom:nja in Deutschland.
Ganz genau weiß das aber niemand.
Denn in Deutschland zählt niemand,
zu welcher Gruppe die Menschen gehören.

Aber man zählt die Fälle von Anti-Ziganismus.
Und es gibt immer mehr Fälle.
Im Jahr 2025 gab es über 2000 Fälle.
Das sagt die „Melde- und Informations-Stelle Anti-Ziganismus“.
Diese Stelle sammelt alle Fälle von Anti-Ziganismus.
Letztes Jahr gab es über 200 Fälle mehr als im Jahr 2024.
Wahrscheinlich gibt es aber noch viel mehr Fälle.
Denn die „Melde- und Informations-Stelle Anti-Ziganismus“ erfährt nicht alles.

Besonders schlimm ist:
Bei jedem dritten Fall sind Kinder und Jugendliche betroffen.
Junge Sinti:zze und Rom:nja erleben Anti-Ziganismus oft in der Schule.
Oft lehnen Lehrer:innen oder die Schul-Leiter:innen die Kinder ab.
Shlica Weiß kennt diese Zahlen.
Sie sagt:
„Unsere Kinder erfahren schon früh Anti-Ziganismus.
Sie werden auf dem Spielplatz beleidigt,
auch in der Kita oder in der Schule.“

Shlica Weiß ist Sozial-Pädagogin.
Sie kennt die Probleme der Kinder sehr genau.
Sie sagt:
„Was unsere Kinder in der Schule tun,
wird oft schlechter bewertet oder nicht beachtet.“
Die Kinder werden auch oft als Problem-Kinder gesehen.
Das bleibt dann ihr ganzes Leben so.

Die guten Dinge zeigen

Kann Shlica Beispiele nennen oder eigene Erfahrungen?
Sie möchte solche Erfahrungen bewusst nicht sagen.
Sie weiß:
Wenn man Beleidigungen und schlechte Vorurteile wiederholt,
werden sie immer weiter verbreitet.
Die Menschen hören die Beleidigungen dann immer wieder.
So bleiben die schlechten Vorurteile in den Köpfen der Menschen.
Genau das möchte Shlica Weiß aber nicht tun.
Und auch dieser Text möchte das nicht tun.

Shlica Weiß möchte anders gegen Anti-Ziganismus kämpfen.
Sie sagt:
„Ich will die guten Dinge zeigen.“
Die Menschen sollen mehr gute Dinge über Sinti:zze und Rom:nja kennen.
Dann gehen alte Vorurteile auch aus den Köpfen.

Den Kampf gegen Anti-Ziganismus zeigen

Man muss aber natürlich auch
über die Geschichte von Sinti:zze und Rom:nja sprechen.
Etwa 500.000 Sinti:zze und Rom:nja sind zwischen 1933 und 1945 gestorben.
Die National-Sozialisten haben die Menschen in Lagern getötet.
Die National-Sozialisten haben sie auch zu schwerster Arbeit gezwungen.
Sehr viele Menschen sind so gestorben.
Man nennt den Mord an so vielen Menschen auch „Holocaust“.

Auch die Groß-Eltern von Shlica Weiß waren in einem Lager.
Ihre Groß-Eltern hießen Egon und Lajana Mettbach.
Im Jahr 1940 wurden sie vom Hannoverschen Bahnhof
in ein Arbeits-Lager und Vernichtungs-Lager gebracht.
Aber sie haben überlebt.

Shlica Weiß sagt:

„Ich bin die Enkelin von Holocaust-Überlebenden.
Ich trage diese Opfer-Geschichte in mir.“
Und sie trägt noch etwas anderes in sich.
Sie trägt auch den Kampf von Sinti:zze und Rom:nja in sich.
Sinti:zze und Rom:nja haben immer wieder gegen Unterdrückung gekämpft.
Sie kämpfen auch heute noch gegen Anti-Ziganismus.
Shlica Weiß möchte weniger über die Opfer-Geschichte sprechen.
Sie möchte den Kampf gegen Anti-Ziganismus zeigen.

Es gibt nämlich auch eine gute Entwicklung.
Immer mehr junge Sinti:zze und Rom:nja studieren.
Sie sprechen ohne Angst über ihre Herkunft.
Immer mehr Menschen sprechen auch über Anti-Ziganismus.
Das gibt anderen den Mut,
dass sie auch darüber sprechen können.
So werden Sinti:zze und Rom:nja sichtbarer.
Das bedeutet:
Sie sind ein Teil der ganzen Gesellschaft.

Eine einfache Geschichte

In Kinder-Büchern waren Sinti:zze und Rom:nja lange unsichtbar.
Shlica Weiß erzählt von ihrer Kindheit.
Damals gab es Sinti:zze und Rom:nja nur selten in Kinder-Büchern.
Viele Jahre später hatte Shlica Weiß eigene Kinder.
Auch ihre Kinder hatten nur wenige Kinder-Bücher
über Sinti:zze und Rom:nja.
Dann hatte Shlica Weiß die Idee:
Sie wollte selbst ein Kinder-Buch schreiben.
Sie sagt:

„Das ist das Buch,
das ich mir für meine Kinder und mich gewünscht hätte.“

Das Buch erzählt eine einfache Geschichte.
Reilo, Reili und ihre Freund:innen sehen,
wie ein neuer Junge aus ihrer Straße geärgert wird.
Die Kinder helfen dem Jungen,
sie setzen sich für ihn ein.

Besonders an dem Buch ist aber gar nicht die Geschichte.
Wirklich besonders ist:
Sinti-Kinder sind die Haupt-Figuren und Held:innen.
Die Haupt-Figuren heißen nämlich Reilo und Reili.
Die Namen sind auch im Titel von dem Buch.
Reilo und Reili sind ganz normale Sinti-Namen.

Das Buch erzählt gar nicht viel über ihre Kultur.
Aber einige Wörter sind fett gedruckt.
Diese Wörter werden am Ende des Buches erklärt.

Dort gibt es eine Wort-Liste.
Die Wort-Liste heißt:
„Was ich über Sinti und Roma weiß“.

In der Wort-Liste stehen viele Informationen.
Zum Beispiel:
Kunst und Musik sind in der Kultur wichtig.
Es gibt viele bekannte Sinti- und Roma-Musiker:innen.
Einige Musiker:innen waren für die Jazz-Musik sehr wichtig.
Die Wort-Liste erklärt auch ein Spiel.
Das Spiel heißt „Fünf Steine“.
Viele Sinti-Kinder spielen dieses Spiel gerne.
Außerdem kann man lernen,
wie man „Guten Tag“ in der Sprache Romnes sagt.
Das ist die Sprache der Sinti:zzi und Rom:nja.

Sprache und sichtbare Kinder

Romnes nennt man auch Romanes oder Sintitikes.
Romnes kommt von der alten indischen Sprache Sanskrit.
Sanskrit ist eine der ältesten Sprachen der Welt.
Romnes hat man oft nur gesprochen.
Die Menschen haben die Sprache nicht aufgeschrieben.
Heute sprechen Sinti:zze und Rom:nja auf der ganzen Welt Romnes.

Es gibt viele verschiedene Arten von Romnes.
Shlica Weiß wollte die Sprache mit in ihr Buch nehmen.
Sie sagt:
„Nicht nur Haut-Farben werden in Deutschland anders bewertet.
Auch Sprachen werden unterschiedlich bewertet.
Viele Menschen finden Englisch oder Französisch sehr gut.
Aber die Sprachen von Kindern mit Einwanderungs-Geschichte
gelten nicht als gute Sprachen.“

Nicht alle Held:innen im Buch sind Sinti:zze oder Rom:nja.
Es gibt auch andere Kinder als Haupt-Figuren.
Ein Kind stottert.
Ein anderes Kind sitzt im Rollstuhl.
Shlica Weiß sagt:
„Mein Buch ist nicht nur gegen Anti-Ziganismus.
Mein Buch ist gegen jede Art,
wie Menschen schlechter behandelt werden.
Zum Beispiel wegen der Haut-Farbe.
Oder wegen einer Behinderung.“
Shlica Weiß möchte,
dass alle Kinder sichtbar sind.
Auch Kinder, die man sonst oft nicht als Teil der Gesellschaft sieht.

Informationen zum Buch

„Gemeinsam sind wir stark : Reilo und Reili – zwei Sinti-Kinder“, Shlica Weiß,
illustriert von Josefine Taape, erschienen im Gratitude Verlag, ab 6 Jahren, 18 Euro

Übersetzung in leichte Sprache: Grone barrierefrei

Artikel aus der Ausgabe:

Ab in den Süden

Im Schwerpunkt: Ein Reisebericht. Wie viel mediterranes Flair findet man in der Region rund um die ,norddeutschen Alpen‘ (Harburger Berge)? Die Redaktion hat sich auf die Räder geschwungen. Und: Der Hamburger Senat und die Bundesregierung haben einschneidende Sparmaßnahmen angekündigt. Wir zeigen auf, welche Folgen diese Pläne haben werden. Außerdem haben wir mit Menschen gesprochen, die mit Suchterkrankung ein selbstbestimmtes Leben führen.

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Autor:in
Deborah Weber
Deborah Weber
Deborah Weber studierte Datenjournalismus in Leipzig und Florenz. Inzwischen arbeitet sie als freie Journalistin in Hamburg. Seit 2025 schreibt sie für Hinz&Kunzt.

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