40 Jahre Herz As : „Wir sind sehr viel internationaler geworden“

Wohnungslose im Herz As, Anfang der 1980er. Repro: Beatrice Blank

Im „Herz As“ finden Wohnungslose seit 40 Jahren Rückzugsmöglichkeiten, Verpflegung und Unterstützung. Im Interview erklärt Leiter Andreas Bischke, wie sich die Arbeit verändert hat.

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Hinz&Kunzt: Herr Bischke, Sie selbst sind seit 21 Jahren beim Herz As mit dabei. Was hat sich am auffälligsten gewandelt?

Andreas Bischke: Mit dem Umzug 2004 in unser neues Gebäude in der Norderstraße konnten wir uns ganz anders entwickeln, den Standard deutlich verbessern. Zum Beispiel mit einen besseren Hygienebereich und auch einer neuen Küche – alles andere vorher war ja ein Provisorium. Generell sind es nach wie vor Menschen in prekären Lebenssituationen, die das Herz As aufsuchen – aber diese „Lebenssituationen“ haben sich geändert. In der Besucher:innen-Struktur sind wir sehr viel internationaler geworden. Durch die EU-Erweiterung sind zum einen sehr viele gescheiterte Arbeitsmigrant:innen hier zu uns gekommen, und aus anderen EU-Ländern kommen auch viele Geflüchtete mit einem Aufenthaltstitel aus sicheren Drittstaaten zu uns.

„Seit es das Herz As gibt, fahren wir an und über der Kapazitätsgrenze.“

Sind es denn auch mehr Menschen geworden, die zu ihnen kommen?

Seit es das Herz As gibt, fahren wir an und über der Kapazitätsgrenze. Es ist also nicht mehr geworden, aber anders. Man hätte ja auch hoffen können, dass es weniger Obdachlose gibt durch die verschiedenen politischen Reformen, die es ja auch gegeben hat – aber im Endeffekt ist es in etwa so geblieben.

Inwieweit hat das letzte Jahr mit der Pandemie Ihre Arbeit beeinflusst bzw. verändert?

Ganz stark! Wir mussten von heute auf morgen unsere Türen schließen und haben dann versucht, möglichst viele unserer Angebote sozusagen durch die Tür aufrecht zu erhalten, bis wir mit eingeschränkter Platzzahl wieder öffnen durften. Dann haben wir 22 zusätzliche Container hier um die Ecke bewerkstelligt bekommen für unsere Arbeit, durch Spendengelder und in Zusammenarbeit mit der „Karin und Walter Blüchert-Gedächtnisstiftung“.

Vom Hafen ins Münzviertel

Ursprünglich befand sich das Herz As auf dem heutigen Gelände des Verlags Gruner und Jahr. Das Hamburg Journal des NDR hat einen sehenswerten Beitrag über die Gründung 1981 gebracht. Sie können das Video in der ARD Mediathek ansehen.

Können Sie im Moment schon wieder normal öffnen?

Wir haben immer noch unser eigenes Hygienekonzept zum Schutz unserer Mitarbeiter:innen und der Gäste und arbeiten weiterhin auf Distanz und mit Masken. Es gab auch ein Impfangebot im Haus, aber es sind nicht alle unsere Besucher:innen geimpft. Im Durchschnitt haben wir im Moment etwa 260 Kontakte täglich. Laut Kennzahlen haben wir Platz für 110 Gäste im Haus, im Moment dürfen maximal 16 bis 18 gleichzeitig drin sein. Die temporären Container bieten Platz für weitere 40 Personen. Aber mit dieser Fläche können wir nicht langfristig planen. Auch die zwei zusätzlichen Vollzeit-Mitarbeiter:innen, die wir während der Pandemie einstellen durften, werden wir nach der Pandemie nicht halten können. Dann werden wir mit dem Herz As wieder unseren Normalbetrieb fahren. Standard sind bei uns dreieinhalb Sozialarbeiter:innenstellen, mich inklusive, und eine halbe Stelle Verwaltungskraft.

Was ist in Ihrer Arbeit aktuell die größte Herausforderung?

Es wird immer schwieriger, Perspektiven aufzubauen für die Menschen, die ohne Leistungsanspruch in Hamburg sind. Und natürlich auch das Maske tragen und Abstand halten – das ist ja völlig konträr zu unserem Herzblut. Wir sind ja hier eigentlich bekannt für unser familiäres Miteinander. Die Freundlichkeit, die Nähe, die gute Kommunikation, die man sonst hat – das alles ist natürlich hinter einer Maske viel schwieriger und macht es uns auch schwieriger, das nötige Vertrauen aufzubauen.

„Ich bin stolz auf die vielen Obdachlosen, die sich hier bei uns seit Jahren ehrenamtlich mit engagieren.

Auf welches Ihrer Angebote im Herz As sind Sie besonders stolz?

Der Bedarf ist eigentlich bei allen unseren Angeboten durchgehend hoch. Aber stolz bin ich auf die vielen Obdachlosen, die sich hier bei uns seit Jahren ehrenamtlich mit engagieren. Ohne die würde es ja gar nicht gehen, beispielsweise im Küchenbereich. Wir sind für viele Heimat geworden. Dass wir das hinbekommen haben trotz der vielen Probleme, die diese Menschen mit sich tragen, das finde ich richtig gut.

Sie haben einen Wunsch an die Stadt Hamburg frei – was wünschen Sie sich?

(lacht) Wünschen würde ich mir, dass wir überflüssig wären! Dass man sich als Wohnungsloser eben nicht erst über Jahre abmühen muss, sondern dass gleich geholfen wird. Dass wir einem Menschen, der seine Wohnung verliert, sofort eine andere Bleibe zur Verfügung stellen können – unter dem Tenor „Housing first“. Und danach erst wird geschaut, was mit ihm los ist und wie man ihm helfen kann, um ihn wieder zurückzuführen in ein normales Leben. Aber da das eine Illusion ist, wünsche ich mir, dass unser Projekt weiter gut ausgebaut und ausgestattet wird.

Autor:in
Jochen Harberg
Seit über 40 Jahren im Traumberuf schreibender Journalist, arbeitete festangestellt u. a. für Stern und Welt am Sonntag. Seit 2019 mit großer Freude im Team von Hinz&Kunzt.

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