Leichte Sprache : Kein Ausweg

Eine junge Hamburgerin kämpft um einen Pass,
damit sie endlich ganz normal leben kann.

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Abmeldung via Link in der Fußzeile der Mails. Infos zum Datenschutz.

Rahma ist ein Mädchen aus Hamburg.
Sie ist hier in Hamburg geboren und ist fast 17 Jahre alt.

Alle Eltern wünschen sich ein Kind wie Rahma.
Rahma ist freundlich und klug.
Sie hat nie die Schule geschwänzt.
Sie nimmt auch keine Drogen.
Rahma hat Ziele für ihr Leben.

Rahma geht in die „Höhere Handels-Schule“.
Dort lernt sie Sachen für eine Arbeit im Büro.
Rahma möchte vielleicht „Immobilien-Maklerin“ werden.
Eine Immobilien-Maklerin oder ein Immobilien-Makler
verkauft und vermietet Häuser und Wohnungen.

Rahma weiß genau,
warum sie diesen Beruf lernen will.
Sie sagt:
„Ich brauche Abwechslung bei der Arbeit.
Und es macht mir Spaß,
wenn ich anderen Menschen etwas Tolles verkaufen kann.“
Rahma lächelt,
wenn sie über ihre Ideen für ihren Beruf redet.

Rahmas Problem

Aber Rahma hat ein großes Problem.
Und das Problem wird immer größer für sie:
Rahma hat noch nie in ihrem Leben
einen Ausweis oder Pass gehabt.
Aber warum ist das so?
Das ist eine lange und schwierige Geschichte.

Rahmas Eltern sind Geflüchtete.
Die Familie lebt schon viele Jahre in Hamburg.
Rahma ist in Hamburg geboren.
Trotzdem hat Rahma keine Aufenthalts-Papiere.
Das heißt für Rahma:
Sie muss alle paar Monate zur Ausländer-Behörde gehen.
Dort bekommt sie jedes Mal eine neue „Duldung“.
Duldung heißt:
Rahma darf erstmal in Deutschland bleiben,
aber nur für eine kurze Zeit.
Wie lang Rahma bleiben darf,
steht auf einem Papier.

Rahma braucht alle 3 bis 6 Monate eine neue Duldung.
Dann muss Rahma wieder zur Ausländer-Behörde.
Rahma weiß aber nie,
ob sie eine neue Duldung bekommt.
Die Ausländer-Behörde kann ganz plötzlich sagen:
Du darfst nicht mehr in Hamburg leben.
Du musst raus aus Deutschland.

Rahma kann keine Pläne für ihre Zukunft machen.
Wer gibt ihr eine Ausbildung,
wenn sie in drei Monaten Deutschland verlassen muss?
Rahma sagt:
„Das ist sehr schwer für mich.
Ich habe nie etwas falsch gemacht.
Trotzdem habe ich so viele Probleme,
weil ich immer nur eine Duldung bekomme.“

Rahma lächelt nicht mehr,
wenn sie über ihre Probleme redet.

Rahma kann viele Dinge nicht machen,
die für andere Jugendliche ganz normal sind.
Zum Beispiel:

ein Bank-Konto aufmachen.
in ein anderes Land in den Urlaub fahren.
einen Führerschein machen.

Für diese Dinge braucht man einen Ausweis.
Rahma hat aber keinen Ausweis.
Rahma hat nur eine Duldung.

Rahma spricht nur mit wenigen Menschen über ihre Probleme.
Manchmal wollen ihre Freundinnen etwas mit ihr unternehmen.
Rahma kann dann aber nicht immer mitmachen,
weil sie dafür einen Ausweis braucht.
Deshalb muss Rahma oft „nein“ sagen.
Rahma denkt sich dann eine Ausrede aus.
Oder sie spricht über ihr Problem.
Dann muss sie lange und viel erklären.

Rahmas Geschichte

Rahmas Mutter kommt aus dem Land Inguschetien.
Inguschetien spricht man so: „Ingu-sche-zi-en“.
Das Land Inguschetien gehört zu dem russischen Staaten-Bund
und liegt im Kaukasus.
Der Kaukasus ist ein Gebirge zwischen Europa und Asien.

In Inguschetien gab es vor vielen Jahren Krieg.
Der erste Mann von Rahmas Mutter starb im Krieg.

Damals ist Rahmas Mutter nach Hamburg geflüchtet.
Sie hat die Kinder aus der ersten Ehe mit nach Hamburg genommen.
Das sind Rahmas Halb-Geschwister.
Rahmas Mutter hat dann mit ihren Kindern
in einem  Geflüchteten-Heim in Hamburg gewohnt.
Rahmas Vater ist auch ein Flüchtling.
Er kommt aus dem Land Irak.
Er hat auch in dem Geflüchteten-Heim in Hamburg gewohnt.
Dort haben die beiden sich kennen gelernt und sich verliebt.
Rahma wird 2005 im Hamburger Stadt-Teil Volksdorf geboren.

Rahma ist 5 Jahre alt,
als ihre Eltern sich trennen.
Alle Kinder bleiben bei der Mutter in Hamburg.

Der lange Weg zum Pass

Rahmas Mutter hatte lange Zeit keinen Pass.
Nach 16 Jahren hat sie dann endlich einen Pass bekommen.
Rahmas Mutter muss dafür nach Russland fahren.
Die Ausländer-Behörde hat ihr dabei geholfen.
Das war eine sehr gefährliche Reise.

Rahmas Mutter hat jetzt einen russischen Pass.
Rahmas Halb-Geschwister haben auch einen russischen Pass.
Sie sind jetzt sicher in Deutschland und dürfen bleiben.

Rahma hat aber immer noch kein Aufenthalts-Recht in Deutschland.
Denn Rahma hat keinen Ausweis.
Keinen deutschen Ausweis.
Keinen russischen Ausweis.
Keinen irakischen Ausweis.

In vielen Ländern auf der Welt bekommt ein Kind
ganz leicht die Staats-Angehörigkeit und einen Pass.

Das Kind muss nur in dem Land geboren sein und dort leben.
In Deutschland ist das anders:
Ein Kind bekommt nur einen deutschen Pass,
wenn die Eltern auch einen deutschen Pass haben.

Und weil Rahmas Eltern keine deutschen Pässe haben,
hat sie auch keinen Pass.
Und keine Sicherheit.
Nur eine Duldung.

Kann wirklich niemand helfen?

Rahma leitet zwei Kindergruppen in der Geflüchteten-Unterkunft,
Das macht sie,
wenn sie aus der Schule nach Hause kommt.
Für das Aufenthalts-Recht ist das aber egal.
Ihre Halb-Geschwister arbeiten und studieren.
Rahmas Mutter hat in einem Hotel sauber gemacht,
um Geld für die Familie zu verdienen.
Wegen Corona hat Rahmas Mutter diese Arbeit im Hotel verloren.
Sie macht jetzt eine Umschulung als Betreuerin für alte Menschen.
Rahmas Mutter will schnell wieder Geld verdienen.

Rahmas Familie ist also eine ganz normale Hamburger Familie.
Die Ausländer-Behörde sagt aber,
sie kann Rahma ohne Pass nicht helfen.

Rahma hat nach einem russischen Pass gefragt.
Der russische Staaten-Bund sagt aber,
dass sie nur dann einen Pass bekommt,
wenn sie einen anderen Pass oder Ausweis hat.
Rahma hat nur eine deutsche Geburts-Urkunde
und die Geschichte der Flucht von Ihrer Mutter und von Ihrem Vater.
Das reicht aber nicht.

Rahma hat deshalb ihren Vater um Hilfe gefragt.
Ihr Vater kommt aus dem Land Irak.
Rahma wollte mit ihrem Vater in die Botschaft von dem Land Irak.
Sie wollte dort nach einem irakischen Pass fragen.
Aber ihr Vater will ihr nicht helfen.
Er lebt schon lange nicht mehr mit Rahmas Familie zusammen.
Sie haben wenig Kontakt.

Rahma ist traurig,
weil sie ihren Vater so selten sieht.
Niemand versteht,
warum der Vater Rahma nicht helfen will.
Sie ist doch seine Tochter.

Rahma und das Behörden-Deutsch

Mit ihrer großen Halb-Schwester geht Rahma im Juni 2022
zu der „Öffentlichen Rechts-Auskunft“ in Hamburg.
Das ist eine besondere Beratungs-Stelle von der Stadt Hamburg.
Die Beratungs-Stelle ist für alle Menschen,
die kein Geld für teure Anwälte haben.

Die Öffentliche Rechts-Auskunft sagt zu Rahma,
dass sie verschiedene Wege probieren soll.
Sie soll am besten viele Wege zur gleichen Zeit probieren.

Der erste Weg ist:
Rahma beantragt eine Aufenthalts-Erlaubnis für Deutschland.
Für eine Aufenthalts-Erlaubnis in Deutschland
braucht Rahma einen Pass aus einem anderen Land.
Rahma sagt der Behörde,
dass sie keinen Pass hat und auch keinen Pass so leicht bekommen kann.
Rahma hofft jetzt,
dass die Ausländer-Behörde für sie eine Ausnahme macht.

Der zweite Weg ist:
Rahma beantragt einen deutschen Reisepass für Ausländerinnen und Ausländer.

Der dritte Weg ist:
Rahna will an das Familien-Gericht schreiben.
Weil sie noch nicht 18 ist,
haben ihre beide Eltern noch das Sorge-Recht für sie.
Sorge-Recht heißt:
Auch wenn der Vater sich nicht richtig um Rahma kümmert,
ist er auch für seine Tochter verantwortlich.
Das Familien-Gericht kann ihm aber das Sorge-Recht wegnehmen.
Dann ist nur noch die Mutter für Rahma verantwortlich.
Dann kann die Mutter mit Rahma zur irakischen Botschaft gehen
und den irakischen Pass beantragen.

Es gibt aber noch einen Weg:
Rahma kann auch vor Gericht gehen und klagen.
Das will Rahma aber nur machen,
wenn alle anderen Wege nicht geklappt haben.

Alles dauert immer sehr lange

Rahma und ihre Familie haben zum Glück Hilfe.
Norbert Broock arbeitet beim Jugend-Migrations-Dienst in Wandsbek.
Dort kümmert sich Norbert Broock um geflüchtete Jugendliche.
Norbert Broock kennt die Familie von Rahma schon viele Jahre.

Er sagt,
dass in der Ausländer-Behörde alles immer sehr lange dauert.
Die Ausländer-Behörde braucht oft viele Monate,
bis sie eine Antwort schicken.

Rahma und ihre Familie hoffen,
dass die deutsche Regierung bald Gesetze ändert.

Norbert Boock sagt:
„So wie es jetzt ist, ist es nicht gut.
Viele junge Menschen haben keine guten Chancen im Leben.
Für viele Kinder von Geflüchteten ist es schwer einen Pass zu bekommen.
Sogar wenn sie hier geboren sind.
Die Regierung muss Menschen wie Rahma helfen.“
Norbert Boock hat auch eine Idee,
wie diese Hilfe sein soll.
Der Staat muss sagen:
„Du bist seit 10 oder 20 Jahren in Deutschland.
Du bekommst jetzt einen Ausweis oder einen Pass.
Dann kannst du ganz normal in Deutschland leben.“

Info:

In Hamburg gibt es viele Menschen wie Rahma.
Mehr als 3.000 Menschen haben keine Aufenthalts-Erlaubnis.
In ganz Deutschland sind es noch viel mehr Menschen.
Diese Menschen bekommen alle paar Monate eine neue Duldung.
Sie dürfen zwar in Deutschland bleiben,
sonst ist aber alles unsicher.
Manchmal geht das viele Jahre lang so.
Das nennt man dann auch „Ketten-Duldung“.
Ketten-Duldung heißt:
Eine Duldung wird immer wieder verlängert.

Wenn ein Mensch eine Duldung in Deutschland bekommt,
dann hat er kein Bleibe-Recht.
Der Mensch muss dann alle 1 bis 6 Monate
zur Ausländer-Behörde gehen für eine neue Duldung.

Das Problem ist oft,
dass ein Mensch keinen Pass hat.
Viele Kinder von Geflüchteten bekommen das Problem von ihren Eltern „vererbt“.
Das heißt:
Wenn ein Pass für die Eltern ein Problem ist,
ist der Pass für die Kinder auch oft ein Problem.
Wie bei Rahma.

Die neue Bundes-Regierung will jetzt ein besseres Gesetz machen.
Die neue Bundes-Regierung will,
dass gut integrierte Menschen mit einer Duldung ein Bleibe-Recht bekommen.
Das Bleibe-Recht soll für Menschen sein,
die schon lange in Deutschland wohnen.

Für wie viele Menschen das neue Gesetz gut ist,
weiß noch niemand.
Aber viele Menschen haben Hoffnung bekommen.
Die Menschen haben gesehen,
wie Deutschland Geflüchteten aus der Ukraine hilft.
Die Ukrainer und Ukrainerinnen haben sofort die gleichen Rechte
wie anerkannte Asyl-Bewerberinnen oder Asyl-Bewerber.
Die Geflüchteten können also sofort arbeiten und Geld bekommen.

Übersetzung in Leichte Sprache: Capito Hamburg

Autor:in
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas schreibt seit vielen Jahren für Hinz&Kunzt - seit Anfang des Jahres als angestellter Redakteur.

Weitere Artikel zum Thema