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Höllisch laut

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2003: Hinz&Kunzt-Ausgaben 119 – 130, Archiv, Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003

Über das Leben an einem lärmenden Ort mit dem himmlischen Namen Sternbrücke

Ruhe, vielleicht sogar Stille gibt es hier nie. Selbst in den scheinbar einsamsten Nächten, wenn ein paar wenige Stunden lang mal keine grollend-quietschenden S-Bahnen über die zum Greifen nahe Brücke poltern und die Stadt anderswo tief schläft, schlägt an diesem Ort das Herz der Metropole weiterhin spürbar, wenn auch langsamer als sonst.

Güterzüge krachen noch frühmorgens über die Schienen, und auch darunter queren jetzt Autos die Kreuzung, von irgendwoher kommen immer welche, sagt Paulo. „Dann noch die vielen Pistengänger“, junge Leute, die vor allem in warmen Sommernächten der stickigen Luft in den angesagten Clubs und Kneipen ringsum entfliehen und draußen weiterfeiern. Himmlisch und friedlich klingt nur der Name dieses Ortes – Sternbrückenkreuzung, weil anliegende Straßen und die diagonal querende Hochbahntrasse sternförmig ausstrahlen. Irdisch lärmend hingegen das tägliche Leben drumherum.

[BILD=#sternbruecke][/BILD]Paulo Fontes, der 31-jährige Portugiese, zeigt durch das Fenster der geschlossenen Balkontür. Von links die nächste S-Bahn, schon von weitem hörbar, und wenn sie jetzt donnernd ganz knapp an der Hausfront vorbeirauscht, erstirbt im Zimmer jegliches Geräusch, selbst das aus dem auf größte Lautstärke gestellten Fernseher. Im paarminütlichen Takt gleich danach die nächste Bahn, zwischendurch ein ICE und all die anderen Fern- oder Güterzüge. „Für mich“, sagt Fontes, „ist das Alltag.“ Seit 30 Jahren, also fast sein ganzes Leben lang, wohnt er in dem Haus an der Altonaer Max-Brauer-Allee 225, Ecke Stresemannstraße.

Die Sternbrücke – kaum ein anderer Ort in Hamburg, der deutlicher Symbol sein könnte für das Aufeinandertreffen von Mensch und Maschine, für Leben und Leiden in der Stadt. 48.000 Autos queren täglich die Kreuzung, darüber passieren 506 S-Bahnen sowie 310 Fern- oder Nahverkehrszüge und 30 Güterzüge die Brücke. Als im Sommer vor zwölf Jahren, nur ein paar hundert Meter entfernt, auf der Stresemannstraße ein neunjähriges Mädchen von einem Laster überrollt wurde und starb, erzwangen Anwohner die Einrichtung von Busspuren – und damit auch eine deutliche Verringerung des Verkehrs.

Inzwischen ist „die Strese“ wieder vierspurig, vier Spuren pausenloser Kriechverkehr von früh bis in die Nacht. Schon der Bau der Sternbrücke versinnbildlichte die aufkommenden Gegensätze einer industrialisierten Welt. Anfangs kreuzten sich dort die Wege von Bahnen, Kutschen und Menschen noch ebenerdig. Als 1893 mit dem Neubau des Altonaer Bahnhofs begonnen wurde – Gottlieb Daimler hatte sieben Jahre zuvor gerade das erste mit einem Benzinmotor betriebene Auto vorgestellt –, wurde sogleich auch die Höherlegung der gesamten Bahnlinie zwischen Altona und dem Hauptbahnhof beschlossen. 1894 wurden zunächst die Unterbauten der Sternbrücke fertig gestellt, seit 1925 wird der stählerne Überbau in seiner jetzigen Form genutzt, anfangs den Zeiten entsprechend noch mit nur mäßiger Frequenz.

Heute? „Der Lärm“, sagt der Portugiese Paulo, „macht mich manchmal ganz irre.“ Dann sitzt er in seiner Wohnung, und in den seltenen Minuten, in denen mal keine Züge an den Fenstern vorbeipoltern, versucht er, ein Gefühl der Ruhe aufkommen zu lassen. „Dabei stört mich dann schon allein, wenn andere Leute sich hier im Raum unterhalten.“ Und sofort darauf wieder das nächste donnernde Grollen einer Bahn, „auf der einen Seite fährt sie rein ins Ohr“, beschreibt Paulo, „dann dreht sich das Ding einmal im Hirn und kommt aus dem anderen Ohr wieder raus. So muss der Lärm in einem Bergwerk sein, wenn tausend Menschen Steine klopfen.“

Eine Frage liegt nahe, darf sie auch gestellt werden? Na klar, antwortet Paulo, „das war die Wohnung meiner Eltern. Auch jetzt, wo meine Mutter tot ist, hänge ich an diesem Zuhause.“ Und dann zeigt er auf den Riss in der Wand vom Wohnzimmer, entstanden, so sagt er, durch die ständigen Erschütterungen: „Vielleicht müssen wir, meine Schwester und ich, irgendwann doch hier ausziehen. Aber wo findet man schon eine ähnlich große Wohnung für eine vergleichbare Miete?“ Ganz günstig ist das hier, sagt der arbeitslose Kurierfahrer, jeden Monat 300 Euro kalt an die Sprinkenhof für knapp 80 Quadratmeter.

Die Brücke nimmt, die Brücke gibt. Während die Anwohner vor allem unter Lärm und Abgasen zu leiden haben, versucht Hasan Sarioglu sein Glück im Gemäuer direkt unter der Bahnlinie. Seit vier Jahren betreibt der 31-jährige Türke dort den Kiosk. Während er nun unter den Gleisen arbeitet, stand er früher einige Jahre lang auch oben drauf. Sarioglu war für die Bundesbahn im Einsatz, um Nahtstellen am Schienennetz glatt zu schleifen, „aber nicht hier, vor allem in Harburg“.

Jetzt hat er vor ein paar Wochen von der Bahn auch noch den Imbiss nebenan zusätzlich gepachtet. Dessen voriger Betreiber, ein Asiat, habe „immer nur Reis verkauft“, sagt Sarioglu, er selbst lässt dort jetzt Döner drehen. Die Sternbrücke – eine gute Ecke, um Geschäfte zu machen? Man müsse günstig anbieten, erklärt der türkische Geschäftsmann, „hier leben viele Menschen ohne Arbeit und mit wenig Geld.“

Mitten im Verkaufsraum hat er etliche Kisten Bier gestapelt, „Stände Pilsener“, die Flasche für 60 Cent. „Holsten kommt da nicht mit“, klagt Sarioglu, „da muss ich den halben Liter für 95 Cent verkaufen.“ Das billige Bier hingegen laufe recht ordentlich, und wie zum Beweis betritt ein polnischer Punk den Kiosk, mit 60 abgezählten Cent in der Hand. Zusammen mit seiner streng blond gefärbten Freundin putzt er unter der Brücke die Frontscheiben vor der Ampel wartender Autos. Ganz gut, sagt der Punk später draußen auf der Straße, prima Bier, aber sonst – keine Zeit zum Reden, „wir müssen leider arbeiten.“

Gearbeitet wird auch anderswo rings um die Sternbrücke, 20 Läden und Geschäfte gruppieren sich an der Kreuzung. Zumeist sind es Kneipen und Musikclubs, ein Tattoo-Laden und zwei Kioske, dazu ein paar Imbisse unterschiedlicher Küche. „Früher gab es hier mehr Fachgeschäfte“, sagt Henry Rappee, der seit 18 Jahren den Grill-Imbiss betreibt, „im jetzigen Döner war mal ein Friseur, daneben im Kiosk ein Fotogeschäft.“ Von der Vergangenheit zeugen noch ein Käseladen und ein Blumengeschäft, die Apotheke oder das Antiquitätengeschäft gegenüber.

Noch schnell ein letzter Besuch bei Paulo, also zurück über die Kreuzung. Er will uns seinen Garten zeigen, ein Stück Land zwischen Haus und Kreuzung direkt unter der Brücke. Vor allem portugiesischer Grünkohl wächst dort jetzt, und auch auf die drei kleinen Apfelbäume auf der kleinen Wiese ist er ganz stolz. Das Gemüse, erzählt Paulo, musst du fünfmal waschen, mindestens, das Wasser wird zunächst richtig schwarz. „Gesund ist das wohl nicht“, sagt Paulo, „aber was ist heute schon noch gesund?“

Peter Brandhorst

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