Obdachlose am Nobistor : „Zuhause müssen wir hungern“

Seit Wochen leben obdachlose Familien aus Osteuropa mit kleinen Kindern am Nobistor in Zelten und Autos. Die Diakonie fürchtet, der Bezirk könnte die Platte räumen lassen. Hinz&Kunzt fordert eine öffentliche Unterkunft für die Zuwanderer.

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Diese Zelte am Nobistor rufen das Bezirksamt Altona auf den Plan.

Am Nobistor, an der Grenze von St. Pauli nach Altona, reihen sich seit Wochen Autos mit rumänischen und bulgarischen Kennzeichen. Die Fenster sind verhangen, nachts schlafen darin obdachlose Zuwanderer. Einige haben im benachbarten Park auch Zelte aufgebaut. Beobachter wollen bis zu 60 Menschen gezählt haben, Hinz&Kunzt konnte bei mehreren Besuchen jeweils zwischen 20 und 30 Osteuropäer zählen. Darunter auch schwangere Frauen und kleine Kinder. Beschwerden aus der Nachbarschaft würden sich häufen, heißt es aus dem Bezirksamt Altona.

Viele hier erzählen die gleiche Geschichte: Aus ihrem Heimatland sind sie ausgewandert, weil sie keine Arbeit hatten und für sich und ihre Familie keine Perspektive sahen. In Deutschland hofften sie auf beides, deswegen sind sie hier. Sie verstehen nicht, wieso viele Deutsche denken, sie wollten den Sozialstaat ausnutzen. „Wir wollen doch nur arbeiten“, sagt einer. Aber richtige Arbeit finden nur wenige, und wenn doch, dann würden sie häufig um den Lohn geprellt. Deswegen gehen die meisten Flaschen sammeln, Autofenster putzen oder betteln. Kostenloses Essen bekommen die Familien in der Alimaus am Nobistor, einer kirchlichen Hilfeeinrichtung. Ihre Situation beschreibt ein junger Rom so: „In Deutschland sind wir arm, aber Zuhause müssen wir hungern.“

„Wie kann es sein, dass eine der reichsten Städte Deutschlands es zulässt, dass Familien mit Kindern in Zelten leben müssen?“, fragt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. „Warum stellt die Stadt den Familien keine Unterkunft zur Verfügung?“ Die Antwort darauf verbirgt sich in der Rechtsauffassung der Hamburger Behörden: Demnach haben Zuwanderer aus Osteuropa hier keinen Anspruch auf staatliche Hilfen, wenn sie in Deutschland noch nicht gearbeitet haben. Das ist aber umstritten. Die gegenteilige Auffassung vertritt die Diakonie: „Wir gehen davon aus, dass für Arbeitssuchende in der Regel ein Sozialrechtsanspruch besteht“, sagt Dirk Hauer vom Diakonischen Werk. Wer Recht hat, wird der Europäische Gerichtshof demnächst entscheiden. Bis dahin will die Stadt Hilfen für die Osteuropäer weiter ablehnen. Die Diakonie fordert, jeden Einzelfall genau zu prüfen. Hauer jedoch ist pessimistisch: „Hamburg ist da ganz stur.“

Stephan Karrenbauer pocht darauf, dass den Familien eine Unterkunft zur Verfügung gestellt wird. „Unerträglich“ findet er insbesondere, dass die Behörden es hinnehmen, dass Kinder draußen schlafen müssen. Ihnen müsste auch der Schulbesuch in Hamburg ermöglicht werden. Auch Gabi Brasch vom Diakonievorstand sagt: „Familiengerechte Unterbringung ist das Gebot der Stunde.“ Keine Lösung sei es allerdings, die Migranten vom Nobistor zu vertreiben. Karrenbauer: „Das bedeutet nur, dass sie einige Kilometer weiter ziehen.“

Diese Einsicht gibt es eigentlich auch im Bezirk Altona, wie eine Sprecherin noch am Dienstag sagte. Derzeit würden alle Bezirke besprechen, wie mit den obdachlosen Zuwanderern aus Osteuropa sinnvoll umgegangen werden könne. „Verlagerung ist keine Lösung“, sagte Bezirksamtssprecherin Kerstin Godenschwege. Eine öffentliche Unterbringung käme jedoch auch nicht Frage, zumal das Jugendamt keine Kindeswohlgefährdung sehe. Die Situation sei allerdings „langfristig nicht haltbar“. Am Mittwoch dann hatte die Diakonie offenbar Erkenntnisse darüber, dass im Bezirksamt die Räumung des Geländes vorbereitet wird. Aufklärung will der Bezirk hier scheinbar nicht leisten: Die Pressestelle ist seit Mittwochnachmittag nicht zu erreichen – und die zuständige Sozialdezernentin wollte sich gegenüber Hinz&Kunzt nicht dazu äußern. Sie wiederum verwies auf die Pressestelle.

Text und Foto: Benjamin Laufer

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