Wochenrückblick : Zu wenig Platz für Flüchtlinge

Die Debatte um neue Unterkünfte für Flüchtlinge in Hamburg spitzt sich zu. Und auch anderswo sind Städte mit ihrer Aufgabe, die Menschen unterzubringen, überfordert. Gute Ideen kommen aus der Zivilgesellschaft – aber das reicht nicht.

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So soll es nicht wieder werden: Flüchtlingsunterkunft in der Berzeliusstraße, 1990.

Streit in Billstedt

Jetzt wird es ungemütlich. Gegen die Pläne der Sozialbehörde, im Stadtteil Billbrook 600 dringend benötigte neue Unterkunftsplätze für Flüchtlinge zu schaffen, laufen Politiker vieler Parteien sturm. Die CDU befürchtet laut Hamburger Abendblatt ein „Mega-Ghetto“, die Grünen eine „Problemunterkunft“, die FDP wirft der Behörde Dilletantismus vor. Tatsächlich ist die geplante Unterkunft problematisch. Allein so viele Menschen in einer Einrichtung unterzubringen – noch dazu in einem abgeschiedenen Industriegebiet – , ist eigentlich unwürdig. Dass dort in der Nachbarschaft dann insgesamt 1400 Asylbewerber leben werden, macht es ganz sicher nicht besser. Wir würden uns kleinere Unterkünfte verteilt auf verschiedene Standorte wünschen. Gerne auch in anderen Stadtteilen, auch mal in Blankenese oder Sasel. Trotzdem gibt es keinen Grund dafür, die Flüchtlinge sinngemäß als „Müll“ zu bezeichnen. Denn das tut CDU-Politiker David Erkalp, wenn er im Abendblatt sagt: „Die Stadt benutzt Billstedt als Mülleimer.“

Klar ist, dass die Geschichte sich nicht wiederholen darf: In den 80er und 90er Jahren war in der Berzeliusstraße schon einmal eine Unterkunft für Flüchtlinge und Obdachlose. Und die Zustände dort waren katastrophal! Spiegel Online bezeichnete die damalige Einrichtung gar als „Endlager für die Verlierer der Wohlstandsgesellschaft“. Aber nur, weil es an dieser Stelle einmal schlimm war, muss es nicht wieder schlimm werden. „Anders als in den 80er- und 90er-Jahren sehen die Planungen eine weitläufige, sozialverträgliche Anordnung der Unterkünfte auf dem Gelände sowie einen verbesserten Betreuungsschlüssel vor“, heißt es aus der Sozialbehörde. Ihre Standortwahl passt zur Aussage von Senator Scheele (SPD), dass er gerade alles nimmt, was er kriegen kann – weil die Platznot so groß ist. Hoffen wir, dass es in der Berzeliusstraße gut geht.

Der lange Weg zur Unterkunft

Wie kompliziert es für die Sozialbehörde sein kann, eine neue Flüchtlingsunterkunft zu errichten, hat das Hamburger Abendblatt in einer lesenswerten Geschichte ausführlich geschildert. Von Mai 2013 bis Juni 2014 hat es von der Idee bis zur Eröffnung der Unterkunft in der Rahlstedter Straße in Wandsbek gedauert. Rebellierende Nachbarn, Bodengutachten und Bürokratie standen den eigentlich dringend benötigten Plätzen im Weg, wie die Autoren Volker ter Haseborg und Christian Unger detailliert nachzeichnen. Unsere Leseempfehlung der Woche!

Ein Haus für Lampedusas

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Ganz praktische Hilfe für Flüchtlinge will eine Künstlergruppe auf Kampnagel leisten: Sie hat auf dem Theatergelände das Kulturzentrum Rote Flora aus Holz nachgebaut. Nun soll das 100 Quadratmeter große Gebäude winterfest gemacht werden, damit darin Lampedusa-Flüchtlinge übernachten können. „Verglichen mit üblichen Containerunterkünften ist dieser Bau immer noch ein unglaublicher Luxus“, sagte Künstlerin Móka Farkas der taz. Damit das Projekt umgesetzt werden kann, sammeln die Künstler Spenden. Für die Flüchtlinge kann das Holzhaus natürlich nur eine Notlösung sein. Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhardt spricht trotzdem von einem „vorbildhaften utopischen Entwurf“, „der für diese und andere Städte interessant sein könnte“.

Zu wenig Platz auch in Bayern

Vielleicht ja auch für München. Denn nicht nur in Hamburg haben die Behörden verschlafen, rechtzeitig neue Unterkünfte für die zahlreichen Flüchtlinge zu bauen, die gerade nach Deutschland kommen. Nach einem Bericht der tz wollte die Stadt München das eigentlich schon seit 2011 tun, doch die bayerische Landesregierung lehnte ab. Das Ergebnis: Die Münchner Erstaufnahmeeinrichtung ist heillos überfüllt. Knapp 2000 Menschen leben dort derzeit, obwohl eigentlich nur Platz für 1400 ist. Was für eine Zahl! Inzwischen regt sich dort Unmut unter den Nachbarn und auch Neonazis machen Stimmung gegen die Flüchtlinge. Hoffentlich schaffen die Bayerischen Behörden es schnell, eine Lösung für das hausgemachte Problem zu finden.

Text: Benjamin Laufer
Foto: ActionPress/Nibor

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