Street Life Hacks : Zu chic für die Straße?

Kann man zu chic angezogen sein, um hilfsbedürftig zu sein? Hinz&Künztler Chris erklärt im Video, wieso das ein Vorurteil ist. Foto: Mauricio Bustamante

Mit provokanten Spots nimmt die Agentur Philipp und Keuntje Vorurteile und Klischees auf die Schippe. In den Hauptrollen der „Street Life Hacks“: die Hinz&Künztler Chris, Birgit und Jörg.

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Birgit ist nicht wiederzuerkennen. Normalerweise trägt die Hinz&Kunzt-Verkäuferin nur Arbeits­hose, Sweatshirt und Rucksack. Doch heute steht die 49-Jährige in einer schicken Altbauwohnung und trägt Perlenohrringe, Blazer und Make-up. Die dunklen Haare, sonst immer unter einer Mütze versteckt, sind in Form geföhnt und die Nägel rot lackiert. Ihre Verwandlung hat einen Grund: Birgit ist heute nämlich die Haupt­dar­stellerin in einem Kurzfilm.

Im Stil von Life Hacks hat die Agentur Philipp und Keuntje eine Filmreihe entwickelt. Das sind populäre Erklärvideos, die hilfreiche Tricks für den Alltag vermitteln. Die Form ist witzig, aber der Inhalt traurig. Wir hatten die Hamburger Kreativen gefragt, ob sie uns dabei helfen könnten, Vorur­teilen und Klischees zu begegnen, mit denen Obdachlose zu kämpfen haben. Ein Team um den Texter Philipp Schättler entwickelte die Idee, mit Humor statt mit dem Zeigefinger zu arbeiten. „Wir setzen ganz bewusst auf Ironie und Überspitzung“, sagt Philipp Schättler von Philipp und Keuntje. „Im Fall von Birgit wollten wir vermitteln, dass ­eigentlich ­jeder seine Wohnung verlieren kann.“

Birgit erzählt in ihrem „Street Life Hack“ in 60 Sekunden, wie schnell das gehen kann. In der ersten Szene ist noch alles gut. Birgit öffnet freudig strahlend die Tür, den Arm voll bunter Tulpen. Die Kamera folgt ihr in die lichtdurchflutete Wohnung mit dem Holzfußboden. In wenigen Sätzen wird die Idylle zerstört. „Du hast eine Beziehung? Die muss weg! Der Job? Auch weg! Dann wirst du richtig krank? Prima, schon fast geschafft!“ Ein Stapel Briefe ist zu sehen, natürlich ungeöffnet. Und da klingelt es auch schon: „Ah, die Räumung!“ In der nächsten Szene steht sie auf der Straße. In Alltagskleidung, so wie wir sie kennen. „Seht ihr? War doch gar nicht so schwer! Bis zum nächsten Mal, Bussi, Bussi!“ Das Lachen bleibt einem im Hals stecken, wenn man das Video sieht.

Jörg erklärt, wie man sich mithilfe von Pappe und Zeitungen ein Nachtlager baut. Auch hier wird der harte Alltag von Obdachlosen in überspitzter Form vermittelt: Bevor er sich in seinem Schlafsack auf dem harten Boden ausstreckt, legt er Betthupferl und Schlafbrille zurecht wie in einem ­Luxushotel. Im dritten Film verwandelt sich Chris vor der Kamera in ­einen Hipster und einen gut situierten Freizeit-Golfer. Und wieder zurück, denn zu gut angezogen verkauft man nicht gut Zeitungen. „Der ist zu chic, der braucht meine Hilfe nicht!“ ist nämlich ein verbreitetes Vorurteil, mit dem sich Obdachlose auseinandersetzen müssen. Dabei bekommen viele gute ­Kleidung geschenkt und sehen deshalb unauffällig aus.

Darf man ein ernstes Thema so anpacken?

Die „Street Life Hacks“ sind unterhaltsam und schnell geschnitten. Sie setzen gezielt alberne Elemente wie Smileys ein. Darf man ein ernstes Thema so anpacken? Wir finden schon. Und auch Birgit, Chris und Jörg waren vom ersten Moment an begeistert. Alle drei haben die Texte mitentwickelt, eigene Erfahrungen eingebracht und gekonnt improvisiert.

Platte machen? Ganz einfach? Jörg erklärt’s in seinem Clip mit viel Ironie. Foto: Filmstill

„Das war anstrengend und schön“, resümiert Jörg. Und auch bewegend, „denn mir wurde klar: ‚Das hast du alles selbst mal durchgemacht‘“. Bei dem Hinz&Künztler kamen beim Drehen einige Erinnerungen hoch. „Ich weiß, wie es ist, sein Nachtlager zu bauen. Dabei wurde ich öfter beschimpft und einmal sogar zusammengetreten!“ Eine Herausforderung war das Wetter während des Filmens. Es war sehr kalt und feucht. „Aber insofern auch realistisch“, sagt der 48-Jährige.

Und obwohl die Videos nur eine Minute lang sind, hat der Dreh durch die vielen Wiederholungen und Einstellungen einen ganzen Tag gedauert. Das war auch für das ­Filmteam ziemlich anstrengend. Hinter der Kamera stand Alexander Tempel. Der freie Fotograf und Filmemacher hat wie das Agenturteam unzählige Stunden ehrenamtlicher ­Arbeit in die Filme gesteckt. Der 38-Jährige sagt: „Ich habe viel Glück gehabt und möchte etwas davon zurückgeben.“

Birgit hatte es bei ihrem Dreh besser: Sie war in einer gut geheizten Wohnung und durfte sich auch noch mithilfe einer Stylistin ordentlich in Schale schmeißen. Das hat ihr gefallen: „Da konnte ich mal eine andere Seite zeigen.“ Hat sie die Verwandlung so sehr ­genossen, dass sie nun jeden Tag Perlenohrringe tragen möchte? „Nein, danke“, winkt die Hinz&Künztlerin ab. „Da sind mir Jeans und Turnschuhe lieber.“

„Ich möchte aufklären: Viele Leute haben nur Klischees über Obdachlose im Kopf.“– Birgit

Vorurteile gehörten auch für die 49-Jährige zum Alltag, als sie draußen geschlafen hat. „‚Die hat ­keinen Schulabschluss, nichts gelernt und säuft‘, musste ich mir ­anhören. Dabei stimmt beides nicht. Wenn ich so etwas gehört habe, wäre ich am liebsten hinterhergerannt“, sagt Birgit. Das hat sie dann doch nie getan. Deshalb war sie froh, beim Film mitmachen zu können: „Ich möchte aufklären: Viele Leute haben nur Klischees über Obdachlose im Kopf.“

Der Wohnungsverlust, den Birgit im Film erlebt, ähnelt ihrem ­eigenen. „Ich hatte einen Rechtsstreit mit meinem Vermieter, der hat mich in den Ruin getrieben. Die Anwaltskosten zusätzlich zur Miete konnte ich nicht bezahlen“, erzählt sie. „Und eine günstigere Wohnung habe ich nicht gefunden. Schließlich landete ich auf der Straße – mit nichts:. Meinen ersten Schlafsack und die Isomatte habe ich von anderen Obdachlosen geschenkt ­bekommen.“

„Wenn du 20 Mal das gleiche sagen sollst, ist das anstrengend!“– Chris

Inzwischen lebt Birgit nicht mehr auf der Straße. Auch Chris hat mittlerweile wieder eine Wohnung. Für ihn ist nach den Dreharbeiten klar: Schauspieler wird er in diesem Leben nicht mehr! „Wenn du 20 Mal das gleiche sagen sollst, ist das anstrengend!“, sagt unser Stadtführer.

Aber im Gegensatz zu Birgit hat Chris sich in seinem Film-­Outfit ­zunächst pudelwohl gefühlt. Für seine Rolle musste er seinen geliebten Kapuzenpulli gegen Hemd, Krawatte und Wolljacke ­tauschen. „Spießer-Outfit“ nennt er das. Sogar nach dem Dreh hat er den Dress anbehalten und ist damit zu einer Verabredung mit ­seiner Schwester gegangen. Die war allerdings nicht so begeistert: „Brüderchen, sieht zwar gut aus, aber passt nicht zu dir“, hat sie gesagt. Auch Chris räumt später ein: „Ich kam mir nicht vor wie ich.“ Deshalb sind wir froh, dass unser Chris jetzt wieder der Alte ist.

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Über den Autor
Sybille Arendt
Sybille Arendt
Sybille Arendt ist seit 1999 dabei - in der Öffentlichkeitsarbeit und der Redaktion.

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