Zehn Euro gesucht

Der Bildungsgutschein – er soll auch Kindern aus finanziell schwachen Familien erlauben, ein Instrument zu lernen oder in einem Sportverein aktiv zu sein. Doch klappt das wirklich? Die Schüler der 8a des katholischen Niels-Stensen-Gymnasiums in Harburg haben sich einmal umgehört und dazu eigene Texte geschrieben.

(aus Hinz&Kunzt 224/Oktober 2011)

Mit Tee Hip-Hop finanzieren?

Bildungsgutschein
Waren in BARMBEK unterwegs: Matthias Mucha, Kuol Bol Mawien, Annika Wittich und Victoria Kraskowski.

Tee steht auf dem Tisch. Dörte Inselmann, Mitgründerin der HipHop Academy, erklärt uns, dass dieser einen
kleinen Teil zur Finanzierung der Einrichtung beiträgt. Im Kulturzentrum Hamburg befinden wir uns, um zu schauen, was alles mit den zehn Euro, die das Bildungspaket beinhaltet, ermöglicht werden kann. Dörte Inselmann hat sich Zeit genommen, um unsere Fragen zu beantworten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die HipHop Academy zu gründen?
Wir haben einen Musikclub, den wir 2004 eröffnet haben. Da wollten ganz viele Hip-Hopper auftreten und mal trainieren. Dann haben wir gedacht, dass wir für diese Zielgruppe im Alter zwischen 13 bis 20 Jahren ein Angebot machen müssen, damit diese gefördert werden kann. Daraufhin haben wir die HipHop Academy gegründet.

Wir haben gehört, dass Sie das Bildungspaket akzeptieren. Wofür verwenden Sie denn die Bildungsgutscheine?
Für die wöchentlichen Trainings haben wir das ganze Jahr Trainings in jedem Level, und gerade für diejenigen, die das Bildungspaket erhalten können.

Wie finden Sie das Bildungspaket?
Ich bin noch ein bisschen skeptisch, ob das wirklich auch so funktioniert, dass alle Zielgruppen daran teilhaben können, ob wir als freie Träger das auch wirklich erstattet bekommen. Ich finde es auch schade, dass andere Veranstaltungen da nicht mit drin sind, denn meines Erachtens gehört es gerade auch für Kinder dazu, dass man auch mal ins Kindertheater gehen kann. Also bin ich nicht gerade überzeugt, ob das funktioniert. Ich hoffe es aber sehr. Ich finde es auch wichtig, dass jedem der Zugang ermöglicht wird.

Das heißt, man müsste jetzt nichts zahlen, aber wenn Sie diese Bildungsgutscheine haben, können Sie damit Umsatz machen.Wie funktioniert das mit den Gutscheinen?
Wir sind ja erst am Anfang und haben noch kein Geld bekommen. Wir sind dabei, das in die Wege zu leiten.

Haben Sie schon erste Erfahrungen mit dem Bildungspaket gemacht?
Wir haben uns bei diesem Projekt angemeldet und werden sehen, wie das ist und wie wir das umgestalten können, damit man es an jedem von unseren Standorten anwenden kann. Da ist noch die Frage, ob das überall so funktioniert. Es ist noch nicht ausgeschlossen und wir hoffen, dass es gelingt.

Braucht man besondere Kleidung?
Nein. Wenn man tanzt, braucht man, damit man sich gut bewegen kann, bequeme Kleidung. Ansonsten ist mehr nicht vorgeschrieben. Alles andere ist auch hier vorhanden. Man braucht nur sich und sein Talent und eine ordentliche Portion Engagement.

Wenn man jetzt nicht so viel Geld hat, die Hip-Hop-Sachen zu kaufen, bekommt man dann Rabatte in irgendwelchen Geschäften?
Es ist meistens so, dass wir die ganzen Trainings auf Stipendien aufgebaut haben. Den Hip-Hop-Club versuchen wir für jeden erschwinglich und kostenlos zu machen. Wir versuchen für jeden eine Teilhabe durch Gutscheine und Förderer zu ermöglichen.

Wie finanzieren Sie sich?
Wir bekommen Grundförderung des Staates. Das macht circa 70 Prozent der Finanzierung aus. Den Rest versuchen wir durch Stifter, Sponsoren, Eintrittsgelder und natürlich aus unserem leckeren Hip-Hop-Tee zu bekommen.

„Wir wollen niemanden ausschließen“

Vor Ort an der Staatlichen Jugendmusikschule waren (v.li.) Anna Straßberger, Lotta Nymmerga, Rabeau Cramer und Marie Pfafferptt.
Vor Ort an der Staatlichen Jugendmusikschule waren (v.li.) Anna Straßberger, Lotta Nymmerga, Rabeau Cramer und Marie Pfafferptt.

Wir hatten uns Herrn Brandt etwas anders vorgestellt – nicht so weiblich. Denn statt eines Mannes, mit dem wir eigentlich verabredet waren, beantwortet eine Frau mit dunkelbraunem Bob, Brille und netter Ausstrahlung unsere Fragen. Claudia Draser, Schulleiterin der Staatlichen Jugendmusikschule hamburg (JMS), stellt uns spontan eine halbe Stunde ihrer Arbeitszeit zur Verfügung „Ich glaube, Herr brandt wird gerade auf der Baustelle gebraucht“, sagt sie. Die Baustelle! Das aktuelle Projekt der JMS, die vor 60 Jahren, also 1951, gegründet wurde. Gebaut wird eine neue Konzerthalle, Hauptsponsor ist Michael Otto.

Soziale Projekte sind der Schulleiterin sehr wichtig. Ein gutes Beispiel dafür ist der „Jamliner“ – ein zu einem Ton- Studio, ausgebauter Linienbus, der seit elf Jahren in Stadtteile wie Jenfeld, Bill- stedt und Altona fährt, damit kinder, die nicht das nötige Geld für Musikunterricht haben, auch Musik machen können. Schon ab 10 uhr morgens steht der ‚Jamliner‘ bereit. „Die Idee ist: Wo die Kinder nicht zur Musikschule kommen können, kommt die Musikschule zu den Kindern“, sagt die 50-Jährige. Der Bus ist sehr wichtig, da der Musikunterricht hier kostenlos ist. „Mir berichten die Lehrkräfte des ‚Jamliners‘ immer wieder, dass viele eltern den Kindern, die zu ihnen kommen, im Winter nicht mal warme Klamotten kaufen können – wie sollen die da Musikunterricht bezahlen können?“, sagt Frau Draser. Ganz viele Jugendliche im ‚Jamliner‘ haben einen Migrationshintergrund, be-richtet sie uns noch.

Dieses Projekt wird zwar nicht vom Staat unterstützt, dafür aber vom Musikschulverein, vom Förder-Verein der Jugendmusikschule hamburg und vom „Nestwerk“. Vom Staat gibt es allerdings das Bildungspaket. „Von vornherein hat die Jugendmusikschule gesagt, wir sind dabei. Es ist eine gute Sache“, erklärt uns Frau Draser. Das Bildungspaket, das Januar 2011 eingeführt wurde, ist bei den Kindern noch nicht richtig angekommen, deswe- gen hat die Jugendmusikschule alle bedürftigen Familien selbst angeschrieben. Es gibt zwar schon Rückläufe, aber noch nicht genügend, um zu wissen, wie das Bildungspaket aufgenommen wird. Falls trotzdem Probleme bei der Finanzierung spezieller instrumente, wie zum beispiel der Harfe, aufkommen würden, würde die JMS an den Förderverein herantreten.

Finanzielle Probleme gibt es trotz der vielen sozialen Projekte in der Schule nicht, da sie sehr groß ist, nämlich die größte Musikschule Deutschlands. An 160 Unterrichtsorten in sieben Stadttei- len werden insgesamt 15.000 Schüler von 320 Lehrkräften unterrichtet. und der Andrang auf einen Platz ist groß. Derzeit stehen schon 12.000 Kinder auf der Warteliste. Am meisten gefragt sind Klavier und Gitarre. „Manchmal dauert das sogar sechs Jahre, bis das Kind einen Platz bekommt, und dann ist es auch manchmal kein Kind mehr“, erzählt die Schulleiterin. Manche Eltern melden ihre Kinder daher schon kurz nach der Geburt an, damit sie dann einen Unterrichtsplatz haben, wenn das Kind alt genug ist. Genug bedarf scheint es also zu geben. und dann kann man noch die jungen Pianisten und Gitarristen auf 60 bis 80 Konzerten im Jahr spielen hören. Demnächst auch in der neuen Konzerthalle mit ihren 400 Sitzplätzen – dort, wo Herr Brandt gerade nach dem Rechten schaut.

Schwerer als gedacht

Am Telefon mit dem Othmarschener Tennis Club waren (v.li.) Leonie Leßmöllmann, Max Halupczok, Lea Klingbiel, Larry Hentrich und Esther Brosien.
Am Telefon mit dem Othmarschener Tennis Club waren (v.li.) Leonie Leßmöllmann, Max Halupczok, Lea Klingbiel, Larry Hentrich und Esther Brosien.

Wir hatten nicht gedacht, dass es so schwierig ist, mit einem Sport- oder Musikverein ein Interview zu führen! Zuerst hatten wir uns eine Ballettschule ausgeguckt. Wir schrieben mehrere E-Mails, doch es kam keine Antwort. Also riefen wir dort an. Als wir uns vorgestellt hatten, wurde uns gesagt, dass wir uns etwas gedulden müssten. Nach ein paar Minuten meldete sich wieder jemand. Da wir dachten, dass es sich um jemand anderes handelt, stellten wir uns erneut vor. Doch bevor wir viel sagen konnten, wurden wir von einer barschen Stimme unterbrochen: „Jaja, ich weiß schon, wer ihr seid!“ und bevor wir überhaupt unsere erste Fragen stellen konnten, hieß es: „Nein, wir sind nicht der richtige Ansprechpartner!“ Danach war die Leitung unterbrochen. Wir waren ziemlich platt.

Also suchten wir nach anderen Vereinen. Irgendwann stießen wir auf den OTC – den Othmarscher Tennis Club. Um Zeit zu sparen, haben wir das Interview am Telefon geführt. Wir erklärten kurz, worum es ging. Hätten wir nicht unseren Willen durchgesetzt, wäre auch das Interview aufgeschoben worden und wir hätten wieder von vorn anfangen können. Als wir nach dem Bildungspaket fragten, mussten wir erst mal erklären, was das ist. Endlich ging das Interview los.

Seit wann existiert der Verein und wie viele Mitglieder hat er?

Der Verein existiert seit 1931. Wir haben ungefähr 420 Mitglieder, wovon im Jahr 50 bis 60 kommen und gehen.

Gibt es dort mehr Kinder als Erwachsene?
Wir haben ungefähr ein drittel Kinder in unserem Verein.

Machen Sie Unterschiede mit der Zahlung zwischen Kindern mit Eltern mit durchschnittlichem Einkommen und Hartz-IV- Empfängern?
Wir machen da keinen Unterschied. Wir machen allerdings unterschiede zwischen Jugendlichen, Erwachsenen und Studenten. Demnach zahlen Schüler und Studenten weniger als Erwachsene. Schüler zahlen für eine Saison – ein halbes Jahr, also das Winter- oder Sommerhalbjahr – 130 Euro.

Was braucht man für eine Ausstattung, kann man zum Beisspiel Schläger bei Ihnen billiger bekommen?
Man braucht definitiv Tennisschuhe mit glattem Profil, die Kleidung ist egal und man braucht einen Schläger und Bälle. Niemand bekommt hier etwas billiger, aber untereinander können die Mitglieder immer etwas tauschen.

Da Sie das Bildungspaket nicht führen, würden Sie es nach unserem Gespräch aufnehmen?
Ich würde mich definitiv dafür interessieren und mich genauer darüber informieren, was für Maßnahmen wir ergreifen müssen, um das Bildungspaket
einzuführen.

Fotos: Benne Ochs

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