Alarmierende Prognose : Immer mehr Wohnungslose

Ohne verstärkten Wohnungsbau wird die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland um 60 Prozent ansteigen. Diese Entwicklung prophezeit die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W). 

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Nach dem Ende des Winternotprogramm protestierten Sozialarbeiter im Mai am Hauptbahnhof für günstige Wohnungen für Obdachlose.

Einen drastischen Anstieg der Wohnungslosigkeit in Deutschland prophezeit die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W). „Wenn die wohnungs- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen nicht nachhaltig geändert werden, wird es zu einem weiteren Anstieg der Wohnungslosenzahlen um 60 Prozent auf knapp 540.000 bis zum Jahr 2018 kommen“, sagt Thomas Specht, Geschäftsführer der BAG W. Bereits im vergangenen Jahr waren etwa 335.000 Menschen wohnungslos. Nicht alle finden Zuflucht bei Bekannten oder in einer Wohnunterkunft. Insgesamt 39.000 Menschen leben nach Angaben der BAG W auf der Straße. Das ist ein Anstieg um 50 Prozent seit 2012.

Bei den Angaben der BAG W handelt es sich allerdings um Schätzungen. Denn in Deutschland gibt es keine bundeseinheitliche Zählung der Wohnungslosen. Seit Jahren prangert die BAG W diesen Missstand an. Trotzdem wagt Thomas Specht eine aktuelle Einschätzung: „Wir müssen leider davon ausgehen, dass das Wachstum der Wohnungslosigkeit zwischen 2012 und 2014 unseren früheren Prognosen entsprochen hat und die Zukunft noch düsterer aussieht.“

Das Diakonische Werk Hamburg ist angesichts der neuen Schätzungen alarmiert. „Wir gehen aktuell für Hamburg von rund 9000 Wohnungslosen aus“, sagt Gabi Brasch, zuständiger Vorstand bei der Diakonie. „Wenn wir unsere Anstrengungen nicht drastisch erhöhen, müssen wir für 2018 laut BAG-W-Prognose mit mindestens 14.400 Wohnungslosen in Hamburg rechnen. Und dies ist eine konservative Schätzung, da Hamburg als Metropole viel stärker von Wohnungslosigkeit betroffen ist als der Bundesdurchschnitt.“

Schuld an dem Anstieg der Wohnungslosigkeit sei nach Angaben der BAG W nicht vorrangig die Zuwanderung von EU-Bürgern und Asylbewerbern, sondern vielmehr eine seit Jahrzehnten verfehlte Wohnungspolitik. Weil zu wenige Sozialwohnungen gebaut werden und zahlreiche alte Sozialwohnungen aus der Preisbindungen fallen, gibt es nach Angaben der BAG W seit 2002 eine Million Sozialwohnungen weniger.

Im vergangenen Jahr hätten zudem 86.000 Menschen ihre Wohnungen verloren. Etwa 33.000 durch Zwangsräumungen und etwa 53.000 durch sogenannte „kalte“ Wohnungsverluste. Das bedeutet, dass der Mieter seine Wohnung ohne Räumungsverfahren oder noch vor der Zwangsräumung einfach aufgabe.

Diakonie Hamburg und die BAG W pochen daher auf ein Gesamtkonzept zur Bekämpfung der Wohnungsnot, das sowohl Flüchtlinge wie Wohnungslose einschließt. Gabi Brasch: „Wir müssen verhindern, dass Betroffene gegeneinander ausgespielt werden, dies gefährdet den sozialen Frieden in der Stadt. Alle Wohnungslosen, egal woher und warum, brauchen eine Wohnung und haben ein Recht darauf.“

Text und Foto: Jonas Füllner

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