Wohngemeinschaften für Wohnungslose : Glückspilze im Hinz&Kunzt-Haus

Dennis, Marco und Marcel in ihrem neuen Wohnzimmer. Foto: Mauricio Bustamante

Sie haben auf der Straße geschlafen, in Notunterkünften oder im Hotel: Jetzt sind die Menschen in die Wohnungen über unseren Büroräumen eingezogen. Manche können ihr Glück immer noch nicht fassen.

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24 Menschen finden im neuen Hinz&Kunzt-Haus in Wohngemeinschaften ein Zuhause, auch eine Familienwohnung gehört dazu. Für einige der neuen Mieter:innen hatte Hinz&Kunzt zuvor Monteurszimmer in Farmsen angemietet, um sie von der Straße zu holen. Bewusst wurden die Wohnungen aufwendig gestaltet und liebevoll möbliert. Das Ziel: Menschen, die Jahre in Obdachlosigkeit, auf dem Sofa bei Bekannten oder in Unterkünften verbracht haben, mit einem „gemachten Bett“ zu empfangen. Alle Bewohner:innen haben ein eigenes Zimmer, Küche und Wohnzimmer teilen sich die WGs. Ausgesucht wurden sie vom Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter:innen-Team, die Mietverträge sind unbefristet. Einige stellen wir hier vor.

„Ich habe meinen Jackpot bekommen“

Dennis muss über sich selbst lachen: „Ich wusste nicht, wie die Kabelaufwicklung vom Staubsauger funktioniert. Ist so lange her, dass ich gesaugt habe.“ Nach den ersten Nächten in seiner neuen WG kann sich der 46-Jährige nun um Hausarbeit kümmern. Außerdem hat er sich ausgeschlafen. „Das tat gut.“ Dennis sieht tatsächlich erholt aus, wie nach einem Urlaub. ­Sogar eine neue Frisur hat der zarte Mann sich zugelegt: Das lange Deckhaar und die ausrasierten Seiten stehen ihm gut.

Dennis kam schon 1996 zu Hinz&Kunzt. Anfang 20 war er damals und drogenkrank. Seine Mutter war gestorben, als er 14 Jahre alt war. Daran hatte er schwer zu tragen. „Ich nahm die Drogen zum Vergessen“, sagt er. Lange lebt Dennis auf der Straße, auch nachdem er sich zur Substitution entschlossen hatte. Oft sah er mitgenommen aus.

Jetzt findet er: „Ich habe meinen Jackpot bekommen.“ Glücklich machen den Hinz&Künztler im neuen Zuhause auch einige Alltagshelfer, die das Leben leichter machen. „Wir haben ­einen Geschirrspüler, so was Geiles, damit hätte ich nie im Leben gerechnet.“ Für ihn ist ein Leben in der Gemeinschaft ideal. „Alleine fällt mir die Decke auf den Kopf.“ Auf das Zusammenleben ist er gespannt. „Man wird Kompromisse eingehen müssen.“ Aber es werde schon klappen, da ist er sich ­sicher: „Wir sind eine Familie.“

„Ich wurde so lebensmüde“

Marcos Sohn starb, als er erst wenige Monate alt war. Der Kleine war schwerstbehindert, seine letzten Tage verbrachte er im Hospiz. Das war vor zehn Jahren. „Ich wurde so müde, lebensmüde“, erzählt der Hinz&Kunzt-Verkäufer. „Es ging mit mir bergab: Drogen und Alkohol.“ Trotzdem arbeitet Marco viel, im Lager und als Produktionshelfer. Er will seinen Kummer ­wegarbeiten. „Irgendwann konnte ich nicht mehr.“ Er verlässt Lübeck Richtung Hamburg, wo der 45-Jährige geboren wurde. „Ich ging zu Fuß, den Elbe-Lübeck-Kanal entlang, mehrere Tage lang. Ich hatte kein Geld und wollte nicht schwarzfahren.“

Marco am Fenster seiner neuen Wohnung. Foto: Mauricio Bustamante

In Hamburg wird es nicht besser: Wegen schwerer Depressionen in Verbindung mit Alkohol und Drogen landet Marco als Notfall im UKE, dann in einer Unterkunft in Burgwedel. „Wir waren zu zweit im Zimmer. Das war nicht gut. Ich bin wieder abgestürzt, ich habe mich gehen lassen.“ Marco pendelt zwischen Psychiatrie und Platte. 2018 ist er wieder auf der Straße, macht Platte in Mümmelmannsberg. Aber er trifft eine Entscheidung: Schluss mit Drogen. „Seitdem bin ich clean. Ich gehe aber ganz offen mit meiner Vergangenheit um.“

Ein Hinz&Künztler empfiehlt ihm den Verkauf des Magazins. „Das ­gefiel mir besser als Schnorren“, sagt Marco. So lernt er Hinz&Kunzt-Sozial­arbeiter Jonas Gengnagel kennen. Der bringt ihn zunächst im Hotel unter, anschließend in einem Monteurszimmer in Farmsen. „Als Jonas mich fragte, ob ich in eine WG ziehen mag, war ich gleich begeistert. Alleine wohnen möchte ich nicht so gern.“

Zwei Nächte hat er nun im eigenen Zimmer geschlafen. Glücklich lächelt er unter seiner Mütze hervor. „Ich bin überwältigt von der ­Wohnung“, sagt Marco. „Das Bett ist richtig toll, ich habe einen Fernseher und ein ­eigenes Bad. Das heißt, ich kann mich in Ruhe fertig machen.“

„Endlich wieder einen Raum für mich allein“

Marcel ist ein gut gelaunter Typ: breites Lächeln, Zuversicht im Blick. Erstaunlich, wenn man seine Füße anschaut. Sie stecken in schweren orthopädischen Schuhen. Nach einem Arbeitsunfall musste er acht Operationen durchstehen und hat seitdem permanent Schmerzen. Im Alltag nutzt der 53-jährige Hinz&Künztler deshalb häufig einen Rollstuhl. Über das neue WG-Zimmer freut er sich riesig. „Unglaublich, ich kann gar nichts sagen. Und mein Deutsch ist auch nicht gut genug.“

Marcel stammt aus Rumänien, war aber seit 20 Jahren nicht mehr dort. In Hamburg lebte er in der städtischen Notunterkunft Pik As und in einem Wohnheim. Zu Hinz&Kunzt kam er im Dezember 2020. Sozialarbeiter Jonas Gengnagel schlug ihm das Wohnen im WG-Zimmer vor. Marcel ist begeistert. „Das ist unglaublich. Endlich wieder ein Raum für mich allein.“ Dort kann er sich in Ruhe auf seine Deutschprüfung vorbereiten, Filme schauen und mit den anderen das WG-Leben genießen. Was ihm noch fehlt? „Blumen im Zimmer.“

In Marcos Zimmer fehlen nur noch Blumen. Foto: Mauricio Bustamante

„Wir müssen Tacheles reden“

Fred hatte gleich etwas auszusetzen an seinem Zimmer. „Das Bett war verkehrt aufgebaut“, sagt der 56-Jährige. Dann grinst er. War wohl doch nicht so wichtig. „Ich bin froh, hier zu sein”, sagt er, nun ernst. „Alleine zu wohnen war noch nie meins. Da fällt mir die Decke auf den Kopf.“

Alleine hat der Hinz&Künztler auch vorher nicht gewohnt. Die vergangenen beiden Jahre lebte er mit einem anderen Verkäufer, der ebenfalls Fred heißt, in einem von Hinz&Kunzt angemieteten Zimmer. Da sich die beiden Freds gut verstehen, war klar, dass sie unbedingt gemeinsam in eine WG ziehen wollten. „Wir teilen uns auch hier das Bad, sind wir ja gewohnt“, sagt Fred. „Außerdem vertraue ich ihm und weiß: Hier kommt nichts weg.“

Fred ist sozusagen ein alter Hase bei Hinz&Kunzt. Als er vor 24 Jahren dazukam, schlief er noch unter der Kennedybrücke. Immer wieder jobbte er, aber nie konstant. Seit Anfang des Jahres hat er wieder Arbeit, diesmal eine richtige, unbefristete. Weil er durch Hinz&Kunzt in Farmsen vorübergehend ein Zimmer hatte, traute er sich das überhaupt erst zu: Fred arbeitet beim Hinz&Kunzt-Kooperationsprojekt BrotRetter in Rothenburgsort. „Das ist eine tolle Arbeit, macht mir richtig Spaß“, sagt er.

Für das Zusammenleben in der WG hat er schon klare Vorstellungen: „Die Küche muss sofort nach Benutzung gereinigt werden. Und wir brauchen einen Putzplan“, findet Fred. Geklärt werden müssten die Regeln aber in Gesprächen mit der ganzen WG. „Wir müssen Tacheles reden.“ Aber das werde schon funktionieren. „Das wird lustig. Und ich freue mich schon auf den nächsten Sommer. Da können wir dann auf dem Balkon grillen.“

Sein „schönes großes Bett“ hat Fred übrigens gedreht, sodass er sich damit wohlfühlt.

„Nicht 08/15“    

„Jetzt habe ich endlich meine Ruhe“, sagt Fred. „Und ich habe einen Fernseher, der muss im Hintergrund laufen, dann kann ich besser schlafen.“ Der 57-Jährige wurde von seinem Namensvetter in die WG gelockt. 20 Jahre seines Lebens hat er Platte gemacht. „Deshalb brauche ich auch Geräusche, um gut schlafen zu können.“

Fred und Fred in ihrer neuen Küche. Foto: Mauricio Bustamante

Fred hatte zuerst seine Familie verloren, dann den Halt und schließlich die Wohnung. 1999 kam der gelernte Schweißer nach Hamburg. Seit 2001 hält er sich mit dem Verkauf von Hinz&Kunzt über Wasser. Geld vom Staat will er nicht, obwohl er da-rauf Anspruch hätte. Seine Miete verdient er seit Jahren an seinem Stammplatz in -Ahrensburg. Falls das eines Tages nicht mehr geht? „Dann würde ich einen Antrag beim Amt stellen“, grummelt Fred. Das -könne schon irgendwann passieren. „Wir sind ja keine 20 mehr!“

Aktuell beschäftigt ihn mehr, wie es in der WG laufen wird. „Mit was für Charakteren lebe ich wohl zusammen?“ Immerhin haben sie schon eine Skatrunde beisammen. Seinen Namensvetter kennt er ja auch gut. Der hatte ihn davon überzeugt, den Schutz der eigenen vier Wände zu suchen. Freds Zimmer liegt in der obersten Etage im vierten Stock. Deshalb gibt es dort besonders hohe -Decken, die haben eine unregelmäßige Form. „Das ist schön, wenn ich hochschaue. Nicht 08/15.“

„Wir sind Glückspilze“

„Ich finde keine Worte, es ist so schön hier“, sagt Dorel. Der 37-Jährige hebt die Hände über den Kopf: Er drückt so seine Begeisterung aus, da es sprachlich nicht geht. Deutsch spricht der Hinz&Kunzt-Verkäufer noch nicht fließend, deshalb bittet er Sozialarbeiterin Irina Mortoiu um Übersetzung. Der Rumäne ist mit seiner Familie in die helle Dachgeschosswohnung gezogen. Die 34-jährige Loredana und die drei Kinder im Alter von 10 Monaten bis 13 Jahren sitzen neben Dorel auf dem Sofa und sehen glücklich aus.

Die vergangenen Jahre hat die Familie als Hölle erlebt: Zu fünft lebten sie in zwei Zimmern in einer Unterkunft. „Wir waren nicht sicher“, sagt Dorel. „Die Kinder konnten sich nicht frei bewegen, es wurden regelmäßig Sachen von oben runtergeworfen.“ Immer sei es laut und schmutzig gewesen. Dazu undichte Fenster und nachts Brände vor dem Haus. Beschwerden hätten nicht geholfen. „Wir wurden nicht wie Menschen behandelt.“

Schon vor Jahren war das Paar mit der jüngsten Tochter nach Hamburg gekommen. „Es gab in Rumänien keine Arbeit für mich“, sagt Dorel. „Ich konnte meine Familie nicht ernähren.“ Da Dorels Cousin bereits in Deutschland war, kam die junge Familie hinterher – in der Hoffnung auf Arbeit.

Heute hat Dorel einen Job als Reinigungskraft und verkauft Hinz&Kunzt in Schwarzenbek, seit nunmehr acht Jahren. Seine Kund:innen freuen sich mit ihm über die neue Wohnung. Er selbst kann es immer noch nicht fassen. ­Ungläubig schüttelt er den Kopf und lächelt: „Wir sind Glückspilze.“

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor:in
Sybille Arendt
Sybille Arendt
Sybille Arendt ist seit 1999 dabei - in der Öffentlichkeitsarbeit und der Redaktion.

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