Esther Bejarano : „Wir müssen kämpfen, für Frieden und Freiheit!“

Esther Bejarano in ihrer Hamburger Wohnung. Foto: Dmitrij Leltschuk

Vor 80 Jahren setzen Nazis im ganzen Land Synagogen in Brand. Esther Bejarano hat Auschwitz überlebt – und kämpft bis heute mit beeindruckender Energie gegen alte und neue Nazis. 

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Esther hätte daran zerbrechen können. Sie ist gerade mal 16 Jahre alt, als sie 1943 ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt wird. Dort sieht sie, wie Mit­gefangene in den Stromzaun laufen, lebens­müde angesichts der Qualen im Konzentrationslager. Doch die Nazis konnten Esther Bejarano, die damals noch Loewy hieß, nicht brechen. Sie wollte unbedingt überleben, erzählt sie 75 Jahre später in ihrer Hamburger Wohnung. „Wir müssen uns an diesen furchtbaren Nazis rächen“, habe sie damals gesagt. Und das motiviert sie bis heute.

Am 15. Mai 2018 steht sie am Kaiser-Friedrich-Ufer in Eimsbüttel, an dem Ort, an dem 1933 die Bücher von Erich Kästner, Thomas Mann und Karl Marx brannten. Vor Schülern des Kaifu-Gymnasiums hält sie eine Rede anlässlich des Jahrestages der Bücherverbrennung. Schon zum 17. Mal macht sie das. Aber auch mit 93 klingt Esther noch so entschlossen wie eh und je: „Wir müssen kämpfen, für Frieden und Freiheit!“, ruft sie den Schülern zu. Nach der Bücherverbrennung hätten auch Menschen gebrannt, sagt sie. An die Verbrechen der Nazis müsse man deswegen immer wieder erinnern. Das ist Esthers Art der Rache.

„Auschwitz kann man nicht vergessen.“– Esther Bejarano

„Ich weiß, wovon ich rede“, sagt sie ins Mikrofon. Allerdings: Als Esther im Viehwaggon nach Auschwitz deportiert wurde, hatten die Nazis ihre jüdischen Eltern und ihre Schwester Ruth bereits ermordet. Sie selbst überlebt die Hölle im Konzentrationslager nur knapp. Wohl weil sie im Mädchenorchester des KZs Akkordeon spielte, verschonten die Nazis sie. Und weil ihre Großmutter Christin war, wurde sie nach einem ­guten halben Jahr in Auschwitz in ein Lager nach Ravensbrück verlegt, in dem sie Zwangsarbeit für Siemens leisten musste.

Redakteur Benjamin Laufer traf Esther in ihrem Wohn­zimmer. Foto: Dmitrij Leltschuk

Sie hat diese Geschichte schon so oft erzählt. Auch den Schülern und Schülerinnen des Kaifu-Gymnasiums liest sie sie von einem Zettel vor. Es klingt nüchtern, fast routiniert, wie ­Esther von Auschwitz spricht.

Aber Routine hat sie nicht, erzählt sie einen Tag später in ihrem Wohnzimmer. „Das ist immer ein Wiedererleben.“ Jedes Mal kommt das Grauen wieder hoch, auch wenn man es ihr vielleicht nicht ansieht. „Es ist immer hier drin“, sagt Esther und zeigt mit dem Finger auf ­ihre Schläfe. „Das geht nicht mehr raus, das kann man nicht vergessen.“

Esther rächt sich mit Konzerten und Interviews an den Nazis

Weil sie Auschwitz nicht vergessen kann, kann sie auch nicht aufhören, es den Nazis heimzuzahlen. Esthers Terminkalender lässt ihr manchmal kaum Luft zum Atmen. „Ist das alles furchtbar!“, sagt sie am Telefon, als wir uns verabreden. Sie meint das allerdings auch ironisch: Später muss sie herzlich über ihre Formulierung lachen.

Aber natürlich ist auch was dran: Esther Bejarano gibt Konzerte in Trier, Bad Münstereifel und Altenholz, spricht trotz dicker Erkältung auf einer Kundgebung am Hamburger Stadthaus und gibt zwischendrin immer wieder Interviews. Anstrengender als früher ist es, räumt sie ein. „Aber es geht mir gut ­damit, und es hilft mir auch.“

Es sich einfach in ihrem Garten gutgehen zu lassen, das wäre nichts für Esther. „Wenn ich unterwegs bin und ganz viele Leute kennenlerne, die sich freuen, dass ich komme, dann ist das doch eine wunderbare Sache.“

Im Herbst ging sie auf Jubiläumstour durch ganz Deutschland. Seit zehn Jahren steht sie schon mit den Rappern der Microphone Mafia aus Köln auf der Bühne, einem Moslem mit türkischen Eltern und einem Christ mit italienischen. Zusammen mit der Jüdin Esther und deren Sohn Joram singen sie antifaschistische und jiddische Lieder. Gelebte Interkulturalität! „Die beiden Rapper habe ich eingeenkelt“, sagt ­Esther und kichert. „Wir verstehen uns wunderbar, es ist sehr schön.“

„Wenn ich dann auf der Bühne bin, dann ist alles weg.“– Esther Bejarano

Sogar in Kuba waren sie schon auf Tour, wie der Bildband „Live in Kuba“ (Verlag Wiljo Heinen) und bald auch ein Dokumentarfilm eindrucksvoll belegen. Als die Combo im Februar im Hamburger Museum der Arbeit auftrat, kamen 700 Menschen: Ausverkauft! Vor dem Auftritt war Esther ganz schön erschöpft, das kommt schon mal vor. Das eigentlich schon für diesen Abend geplante Interview mit Hinz&Kunzt fällt aus.

Auf der Bühne dann jedoch keine Spur von Müdigkeit. Esther strahlt, flachst mit dem einge­enkelten Rapper Kutlu Yurtseven und reißt die Hände beim Singen in die Höhe. Hier ist ­Esther Bejarano in ihrem Element. „Wenn ich dann auf der Bühne bin, dann ist alles weg“, erklärt sie später. Beim Partisanenlied „Bella Ciao!“ singt dann auch das Publikum mit. Und am Ende jedes Auftritts singt Esther ihr Lieblingslied: „Wir leben trotzdem!“. Auch das gehört zu ihrer Rache an den Nazis.

„Moderne und musikalische Erinnerungsarbeit“, nennt die Band ihre Auftritte. Esther Bejarano tut fast alles dafür, dass sich das Grauen von Auschwitz nicht wiederholt. Und trotz alledem muss sie seit einigen Jahren mit ansehen, wie Rechte in Deutschland immer mehr Macht erlangen, wie sich unsere Gesellschaft wieder Schritt für Schritt nach rechts bewegt. „Das macht mir Angst“, sagt sie. „Die ganze Entwicklung ist doch entsetzlich!“

Den Rechtsruck findet Esther „entsetzlich“

Der Ausruf „Wehret den Anfängen“ sei längst überholt, sagt sie. „Wir sind nicht mehr am Anfang, wir sind mittendrin!“ Mittendrin in der Zeit, nach der wir später vielleicht mal gefragt werden: „Und was habt ihr damals gemacht, als die Rechten wieder mächtig wurden?“ Für Esther Bejarano ist die Sache klar: „Man muss auf die Straße gehen!“ Sie selbst könne das nicht mehr, aber „die jungen Leute“ hätten die Pflicht dazu: „Man darf nicht schweigen!“

„Die Gefangenen haben zusammengehalten. Da­rum glaube ich immer noch an die Menschen.“– Esther Bejarano

Ihren Mut verliert sie trotz Rechtsruck nicht. „Ich verzweifle nicht daran“, sagt Esther. Trotz Auschwitz, sogar wegen Auschwitz: Sie habe dort nämlich nicht nur Schlechtes erlebt. „Die Gefangenen haben zusammengehalten“, sagt sie. „Da­rum glaube ich immer noch an die Menschen.“

Aus diesem Glauben schöpft sie Kraft. Schließlich will sie 100 Jahre alt werden. „Ich habe ja noch einiges zu tun“, sagt sie und meint das auch so. Sogar für die Zeit nach ihrem Tod sorgt sie vor: Gibt Interviews, hält Reden, arbeitet an Dokumentationen. Damit ihre Geschichte nicht vergessen wird.

Neulich, als sie vor einer Schulklasse gesprochen hat, kam eine Schülerin auf Esther Bejarano zu. „Machen Sie sich keine Sorgen“, hat sie zu Esther gesagt. „Wir werden ihre Geschichte weitererzählen.“ Esthers Rache geht weiter.

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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