Verkäuferin aus Vancouver : Charlize erzählt von ihrer Geschlechtsumwandlung

Charlize Gordon verkauft die kanadische Straßenzeitung „Megaphone“. In ihrem Buch „Accidental Me“ beschreibt sie die Zeit ihrer Geschlechtsumwandlung, während der sie in Obdachlosenunterkünften und Sozialwohnungen in Vancouver lebte. Ein Auszug.

CharlizeGordon_BrandonGaukelAuf der Highschool war Kfz-Technik mein Hauptfach und ich war gut darin. Nach der Schule arbeitete ich in einer Autolackiererei und sammelte Erfahrungen, die meine Leidenschaft noch verstärkten. In einer Tankstelle arbeitete ich auch.  In diesen frühen Jahren meines Lebens habe ich viele Dinge gemacht, die mir gefallen haben; ich habe ein bisschen Geld verdient und hatte eine gute Zeit. Dann war das vorbei.

Der Spaß endete 1988, als ich meinen guten Freund Jimmy verlor und ungefähr zur gleichen Zeit dann noch drei weitere Freunde. Ich hatte das Gefühl, diesen Ort verlassen zu müssen, und wollte nach Vancouver zurückkehren, weil ich hörte, dass es dort Arbeit gäbe. Ich war vor vielen Jahren dort gewesen – es war nicht besonders lang her, und ich sagte zu Mom: „Ich komme wieder“, aber ich bin nie wieder nach Hause zurückgekehrt. Vielleicht tue ich das eines Tages, wenn ich dazu in der Lage bin.

Nun sitze ich hier und erinnere mich an diese Tage, sie sind schon so lange her, und doch scheint es mir, als wäre es erst gestern gewesen. Ich war 24 Jahre nicht mehr zu Hause. Die vergangenen sechs Jahre habe ich in Downtown Eastside gelebt. Während meines Übergangs von Mann zu Frau habe ich immer das Downtown Eastside Women’s Centre besucht. Dort habe ich eine Menge guter Leute getroffen, die mir geholfen haben, diese schwierige Phase zu überstehen. Ich sage schwierig, weil viele meiner „Freunde“ die Veränderung nicht akzeptieren konnten, aber es gab ebenso viele, die das konnten. Mir scheint, die Welt verändert sich zum Besseren, jeden Tag ein wenig mehr.

Ich wohnte an einem Ort im Osten Vancouvers, der Unity Housing hieß und von der Portland Hotel Society geleitet wurde, als ich mein Coming-Out hatte und den Leuten sagte, dass ich damit leben würde – dass ich den Rest meines Lebens als Frau führen würde. Zunächst war das für die meisten Leute okay, aber dann wurde ich darum gebeten auszuziehen, nachdem die anderen Mieter darüber abgestimmt hatten. Ich musste gehen. Ich kam bei einem christlichen Schwulenpaar in Metrotown unter. Ich trat sogar der Kirche bei und sang im Chor.

Im Allgemeinen wurde ich überall akzeptiert, aber auf der Straße wurde ich manchmal beleidigt oder man hat mir Schimpfwörter nachgerufen. Es kam auch vor, dass ich von denselben ignoranten Männern körperlich angegriffen und mit Tritten und Schlägen attackiert wurde. Ich nehme das nicht persönlich, weil sie keine Ahnung haben, was ich durchmache. Die meisten kennen mich nicht und wollen mich auch nicht kennenlernen, aber zum Glück gibt es Menschen, die ihr Bestes geben, damit ich mich willkommen fühle. Im ersten Jahr, in dem ich der Rainbow Community Church angehörte, nahm ich an der jährlichen Schwulenparade teil und stand singend und feiernd auf einem Umzugswagen. Ich hatte so viel Spaß dabei!

banner-vendor-weekAußerdem fing ich als freiwilliger Helfer bei DTES (Downtown Eastside) an. Mein erster Einsatz fand im Lagerhaus von Quest Foods statt, wo ich Umschläge befüllte. Zu gleichen Zeit arbeitete ich ehrenamtlich für die Hilfsorganisation Gathering Place im Süden Vancouvers. Ich fing an, die Gastown Vocational School und eine Transgender-Gruppe in der Three Bridges Clinic zu besuchen. In der Gruppe erhielt ich emotionale Unterstützung und Hilfe bei meiner Geschlechtsangleichung. Drei Jahre vorher war diagnostiziert worden, dass ich manisch-depressiv sei, und als ich zu einer neuen Ärztin kam, half sie mir, meine Ängste zu überwinden, aber die Anfälle traten wieder auf, nachdem ich aus meiner Wohnung ausgeschlossen wurde und wieder obdachlos war. Ich verlor alles und musste noch einmal ganz von vorne anfangen.

Ein Obdachlosenheim für Frauen, das Powell Place hieß, nahm mich für vier Monate auf. Dort verhalf man mir zu der Wohnung, in der ich jetzt lebe. Seit ich hier eingezogen bin, hat sich eine Menge geändert. Es scheint so lange her zu sein, und dabei war es erst gestern.  Ich habe mich über das UBC Learning Centre in Vancouver  im Frauenzentrum für Geisteswissenschaften und Kreatives Schreiben eingetragen. Ich habe mich in der Schule wirklich willkommen gefühlt, es hat mir dort gefallen. Am besten hat mir der Anfängerkurs im kreativen Schreiben gefallen, weil ich mich dort beim Schreiben kreativ ausleben konnte. Ich habe schon immer gern geschrieben und schon oft in meinem Leben Geschichten und Gedichte verfasst – für mich selbst oder für jemand anderes. Ich liebe es, etwas aus nichts als Worten zu erschaffen.

Charlize verkauft die Straßenzeitung Megaphone im Einkaufszetrum Denman Place und an der Burrard SkyTrain Station in Vancouver.

Übersetzung: Sonja Häußler
Foto: Brandon Gaukel
Mit freundlicher Genehmigung des INSP News Service / Megaphone

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