Traditionen an Heiligabend : Weihnachten ist ein Stück Heimat

Etwa 500 Menschen aus 16 Nationen verkaufen Hinz&Kunzt. Fast alle sind Christen. Doch die Traditionen an Heiligabend sind unterschiedlich. Wir haben uns umgehört und dabei ein paar Rezepte zusammengetragen.

(aus Hinz&Kunzt 262/Dezember 2014)

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Nico, 34, verkauft vor Lidl im Hübbesweg in Hamburg-Hamm

Panettone

Nico, 34, verkauft vor Lidl im Hübbesweg in Hamburg-Hamm.

Als Kind verbrachte Hinz&Künztler Nico den Heiligabend immer im Haus seines Onkels. „Wir sind vier Familien, etwa 20 Menschen“, sagt der Sarde, der in der Nähe der Hauptstadt Cagliari aufwuchs. „Der Onkel hatte neben dem Weinkeller einen echten Holzkohleofen.“ Dort schmorten die -Väter den Schweine- oder Lammbraten, die Frauen bereiteten in der Küche Salate und die Pasta zu. „Das war schon sehr traditionell“, sagt Nico. Die Kinder waren am liebsten bei der Großmutter. Sie war für das süße Gebäck zuständig. „Und natürlich gab es immer Panettone, einen Früchtekuchen in Kuppelform“, schwärmt der 34-Jährige. Später gingen die Eltern zur Mitternachtsmesse. Die Bescherung war erst am nächsten Morgen. „Wir Kinder sind immer früh aufgewacht“, sagt Nico. „Aber auspacken durften wir erst, wenn die Eltern aufgestanden waren.“ Heiligabend wird Nico, der in einer Unterkunft für Wohnungslose lebt, in Hamburg verbringen. „Ich treffe mich wieder mit einigen Mitbewohnern und dann wird lecker gekocht“, sagt er. „Das wird bestimmt nett. Nur einen Holzkohleofen haben wir leider nicht.“ •

Zutaten und Zubereitung:  Aus 400 g Mehl, 1 Pck. Trockenhefe,
100 g Zucker, Salz, 1 TL Zitronenabrieb, Mark einer Vanilleschote, 100 g Butterflöckchen, 6 Eigelb und 125 ml lauwarmem Wasser einen geschmeidigen Teig kneten. Abgedeckt an einem warmen Ort mind. 30 min gehen lassen. 50 g kandierte Früchte und 100 g Korinthen untermengen. Einen Topf mit ca. 18 cm Durchmesser und etwa 20 cm Höhe einfetten, Innenseite mit Backpapier auskleiden. Teig einfüllen und 30 min gehen lassen. Bei 175 °C erst 20 min backen, mit geschmolzener Butter einpinseln und in 30 min fertig backen.

Hamburger Braune Kuchen

Gerhard, 66, verkauft vor SportScheck in der Mönckebergstraße.

„Am 24. Dezember ging mein Vater morgens immer mit mir in den Hafen“, erinnert sich Hinz&Künztler Gerhard. Der Weg zu den Frachtern war in den 1950er-Jahren noch frei zugänglich. „Mein Vater hat die Menschen auf den Schiffen angeschnackt und um Bananen und andere Südfrüchte gebeten“, erzählt Gerhard, „für Obstsalat.“ Die Wohnung seiner Eltern an der Straße Passierzettel auf der Veddel war klein. „Ich saß mit meiner Schwester im Bad, und wir haben darauf gewartet, dass meine Mutter mit dem Glöckchen läutete“, sagt Gerhard. „Und dann standen da unter dem Weihnachtsbaum die bunten Teller mit Nüssen und diesen wunderbaren Braunen Kuchen“, erinnert sich Gerhard, der mit Nachnamen Kemme heißt – passend zu seinem Lieblingsgebäck. Denn in Hamburg firmiert das vor allem in Norddeutschland und Skandinavien beliebte Kaffeegebäck unter dem Namen Kemm’sche Kuchen. Nach der Bescherung und den Keksen gab es abends im Hause Kemme stets ein Lieblingsessen der Kinder: Kartoffelsalat mit Würstchen. •

Zutaten und Zubereitung: 250 g Mehl, 5 g Pottasche, 5 g Hirschhornsalz, 1 TL Zimt, 1/2 TL Salz, Mark einer Vanilleschote und den Abrieb von 1/2 Zitrone vermengen. 200 g Zuckerrübensirup mit
40 g Schmalz erwärmen und alles zu einem glatten Teig verarbeiten.
Mindestens 2 Stunden ruhen lassen. Auf Backpapier dünn ausrollen und zu Vierecken schneiden. Bei 200 °C für 10 min backen.
Mit Wasser bestreichen und mit Mandeln dekorieren. 

Linzer Augen

Klaus, 48, verkauft vor Karstadt in der Mönckebergstraße.

Weiße Weihnachten waren für Hinz&Künztler Klaus in seiner Jugend die Regel. „Ich kannte das gar nicht anders“, erinnert sich der Oberösterreicher. „An Heiligabend sind wir Kinder morgens durch den tiefen Schnee zur Messe gestapft.“ Seine Mutter, die Klaus und seine Geschwister alleine großzog, bereitete derweil das Essen zu. „Zurück in der warmen Stube gab es Gabelbissen“, erzählt der 48-Jährige. Das sind in Aspik eingelegte Gemüse, Heringsfilets und Wurststücke. Einen dicken Braten gab es erst abends nach der Bescherung. Trotzdem schlugen sich die Kinder schon mittags den Magen voll – mit „Linzer Augen“, sagt „Ösi“ und lächelt selig. Das mit Johannisbeermarmelade gefüllte Mandelgebäck ist eine Spezialität der Landeshauptstadt. Seine Heimat hat Klaus vor Jahren verlassen. Inzwischen fühlt er sich in Hamburg zu Hause. Und Weihnachten verbringt der Ex-Obdachlose seit einigen Jahren wieder im trauten Familienkreis – hier in Hamburg, mit seiner Freundin und deren beiden Kindern. •

Zutaten und Zubereitung: Aus 300 g Mehl, 200 g Butter, 1 Pck. Vanillezucker, 2 Eigelb, 100 g gem. Mandeln, etwas Zimt und dem Abrieb von 1/2 Zitrone Mürbeteig kneten und 30 min im Kühlschrank ruhen lassen. Ausrollen, mit Ausstecher oder Glas Kreise ausstechen. In die Hälfte der Kreise je 3 Löcher stechen (Oberseite), z. B. mit einem Senftuben-Deckel. Kreise bei 180 °C 10 min backen. Je eine Ober- und Unterseite mit 1 TL Lieblingsmarmelade zusammenkleben. Mit Puderzucker bestreuen. 

Dresdner Christstollen

Silvia, 55, arbeitet bei Hinz&Kunzt als Reinigungskraft und am Kaffeetresen.

„Ich kann mich nicht beschweren“, sagt Silvia, die 1959 in einem kleinen Dorf bei Gotha in Thüringen das Licht der Welt erblickte. „Es gab eigentlich alles. Auch Südfrüchte.“ Später sei in der DDR alles schwieriger geworden. „Als ich meinen Sohn in den 80ern großzog, gab es gar nichts mehr“, sagt die 55-Jährige. „Aber meine Geschwister und ich hatten es noch gut.“ Wohl auch deswegen hat Silvia nur gute Erinnerungen an Heiligabend. Morgens schmückten die Kinder mit der Mutter den Weihnachtsbaum. „Das hat mir immer viel Spaß gemacht“, sagt Silvia, die im Jahr 2000 ihrem Freund nach Hamburg folgte. Nach der Trennung verlor sie ihre Wohnung – und kam zu Hinz&Kunzt. Weihnachten verbringt sie mit ihrem „neuen“ Freund. „An Heiligabend gibt es Kartoffelsalat mit Bockwurst – und Christstollen“, sagt Silvia, „so wie ihn meine Mutter gemacht hat.“ •

Zutaten und Zubereitung: 175 g Rosinen mit Apfelsaft bedecken, über Nacht einweichen lassen. In 450 g Mehl 1 Würfel Hefe zerbröseln. Mit je 1 TL Zucker und Salz und 50 ml lauwarmer Milch verkneten. 60 min an warmem Ort gehen lassen. 85 g Zucker, 125 g gem. Mandeln, 75 ml Milch und je 75 g Zitronat und Orangeat untermischen. 150 g Butter und 75 g Butterschmalz zerlassen und unterkneten. 30 min gehen lassen. Teig zur Rolle formen und auf ein Blech mit Backpapier legen. 30 min gehen lassen. 60 min bei 200 °C backen. Noch warm mehrmals mit flüssiger Butter bestreichen und mit Puderzucker bestreuen.

Sarmale Romanesti

Vasile und Cristina verkaufen in der Hamburger Straße in Buchholz und vor Rewe Kirchenhang in Harburg.

Vasile und Cristina sind vor vier Jahren aus einem Dorf in Rumänien nach Hamburg gekommen, weil sie keine Arbeit hatten. Jetzt verkaufen sie Hinz&Kunzt. „Das hilft uns sehr“, sagt Vasile, der die Hoffnung auf Arbeit noch nicht aufgegeben hat. „Ich bin jung, ich kann anpacken“, sagt der 31-Jährige. Zwei Kinder hat das Paar. „Mein Junge geht bereits zur Schule“, sagt Cristina stolz und fügt lachend an: „Er spricht schon besser Deutsch als ich.“ Vor einem Jahr waren die Kinder noch in Rumänien bei den Großeltern. „Jetzt endlich feiern wir Weihnachten zusammen“, sagt die 28-Jährige. „Wie früher.“ Als Kinder zogen Vasile und Cristina immer am Abend vor Heiligabend auf der Jagd nach Süßem um die Häuser. ­Eine rumänische Tradition, ähnlich dem Rummelpottlaufen, die ihre fünf und neun Jahre alten Kinder in Hamburg nicht erleben werden. „Aber dafür koche ich rumänisch: Sarmale Romanesti“, sagt Cristina. Denn Weihnachten ohne die in Kohl eingelegten Hackröllchen wäre kein richtiges Weihnachtsfest, meint Cristina. •

Zutaten und Zubereitung (8 Personen): 1 kg Schweinehack mit 2
gewürfelten Zwiebeln anbraten, mit Salz, Pfeffer, Majoran würzen. 110 g Reis bissfest kochen. Fleisch und Reis vermengen und in 16 Blätter eines eingelegten Kohlkopfes (aus türkischem Lebensmittelladen) wickeln. Rest des Kohls fein schneiden. 150 g Speck anbraten, 100 g Tomatenmark, 3 Lorbeerblätter, Kohlstreifen dazugeben. Kohlrollen darauf schichten. Mit Brühe bedecken, 30 min schmoren.

Kuciukai

Audrius, 32, verkauft vor Aldi Buchenkamp in Volksdorf

Vor vier Jahren kam Audrius aus Vilnius nach Hamburg. „Ich habe viel auf dem Bau gearbeitet“, sagt der 32-Jährige. „Aber es ist schwerer geworden, Arbeit zu finden.“ Trotzdem will er bleiben – und weitersuchen. Wenn man den Litauer auf Heiligabend anspricht, strahlen seine Augen. „Es ist immer ein schönes Fest mit der ganzen Familie.“ Im katholischen Litauen ähneln viele Traditionen den deutschen: Es gibt Christmetten, Tannenbäume und die Familie singt Weihnachtslieder. Völlig anders gestalten die Litauer allerdings das abendliche Essen. Ungewöhnlich ist bereits der Tischschmuck. Auf eine Tischdecke aus Leinen wird Heu gestreut. Das soll die Geburt Jesu symbolisieren, erklärt Audrius. In Anlehnung an die zwölf Apostel serviert man zwölf unterschiedliche Speisen. „Aber kein Fleisch, nur Hering“, sagt Audrius. Die Adventszeit ist
traditionell eine Fastenzeit. „Einen Braten gibt es erst am ersten Weihnachtstag.“ Zu Weihnachten will er für seine Freunde backen: Kuciukai, Hefeteilchen, die man in eine Mohnmilch tunkt. „Das gehört für mich einfach dazu.“ •

Zutaten und Zubereitung: 500 g Mehl, 200 ml Milch, 4 EL
Pflanzenöl, 20 g Hefe und 50 g Zucker in 200 ml lauwarmer Milch auflösen. Mit 250 g Mehl verkneten, 60 min ruhen lassen. Mit 4 EL Öl, 2 EL Mohn und weiteren 250 g Mehl zu einem geschmeidigen Teig verkneten. 30 min ruhen lassen. Zu 1 cm dicken Rollen formen und in Stücke schneiden. Bei 160 °C goldbraun backen.

Text: Jonas Füllner
Foto: Mauricio Bustamante

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