Kennedybrücke : Von einer Vertreibung, die nie stattfand

Ein Blick aus der S-Bahn kurz vor der Einfahrt in den Hauptbahnhof genügt, um zu erkennen, dass Obdachlose neben der Kennedybrücke leben. Sechs Zelte und ein Grill stehen dort. Auf der Wiese daneben kein Leergut, kein Abfall, kein alter Hausrat. Die „Kennedys“ gelten als die Spießer unter den Obdachlosen. Ihre „Platte“ ist praktisch immer sauber. So läuft das seit Jahren. Probleme mit der Obdachlosen-Gruppe gab es so gut wie nie.

Kurz vor dem Viertelfinale der Europameisterschaft drohte den Obdachlosen an der Kennedybrücke die Räumung.

Anfang Juli dann die große Überraschung: Ein Polizeibeamter drückte dem obdachlosen Pärchen Rolf und Emma einen Räumungsbescheid in die Hand. Rolf war völlig entgeistert. „Wir haben doch niemanden belästigt“, erzählte er im Gespräch mit Hinz&Kunzt. „Wo sollen wir denn jetzt hin?“

Seit Dezember wartet er mit seiner Freundin auf einen Platz in der Öffentlichen Unterbringung. Damals hatten sie die Fachstelle aufgesucht und sich obdachlos gemeldet.

Wie konnte es zur Räumung kommen? Wir fragten nach: beim Bezirksamt, bei der Polizei. Man zeigte sich überrascht. Die Obdachlosen zu vertreiben, sei nie beabsichtigt gewesen, hieß es einen Tag später aus dem Bezirk. Hatten sich Rolf und Emma die Räumung etwa ausgedacht?

Nein. Wenige Stunden vor der anberaumten Räumung klärte die Polizei den „Fehler“ endlich auf. Ein Beamter habe „eigenmächtig“ gehandelt. Ob böse Absicht oder Unerfahrenheit? Es wird sein Geheimnis bleiben. Rolf, Emma und den anderen Obdachlosen an der Kennedybrücke hat er auf alle Fälle einen gehörigen Schreck eingejagt.

Text und Foto: Jonas Füllner

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