Obdachlose Frauen : „Viele Frauen sind so müde, dass sie nicht kämpfen können.“

Andrea Hniopek leitet den Fachbereich Existenzsicherung der Caritas in Hamburg und ist zuständig für das Containerprojekt für obdachlose Frauen neben der HAW Hamburg. Foto: Mauricio Bustamante

Was bedeutet Obdachlosigkeit für Frauen – insbesondere in der Pandemie? Die Leiterin des Hamburger Containerprojekts für Frauen, Andrea Hniopek, im Interview.

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Hinz&Kunzt: Frau Hniopek, wie sichtbar ist weibliche Obdachlosigkeit?

Andrea Hniopek: Ehrliche Antwort? Wir wissen es nicht. Vielleicht gehen wir durch die Stadt und begegnen ganz vielen obdachlosen Frauen, aber unsere Schere im Kopf sorgt dafür, dass wir sie nicht wahrnehmen. Weil wir ein anderes, männliches Bild von Obdachlosen haben. Dabei ist etwa jede vierte Obdachlose eine Frau. Im öffentlichen Raum sind sie weniger sichtbar, weil sie sich anders verhalten als Männer, die häufig in Gruppen zusammenstehen und trinken. Obdachlose Frauen fallen häufig höchstens durch psychische Auffälligkeiten auf, etwa wenn sie Einkaufswagen vor sich herschieben.

Muss mehr über weibliche Obdachlosigkeit gesprochen werden?

Es muss grundsätzlich über Geschlechtergerechtigkeit gesprochen werden – und über Schutzräume. Wir brauchen Räume, die so ausgestaltet sind, dass jede und jeder Schutz darin findet. Es gibt auch viele schutzbedürftige Männer. Und dennoch gibt es etwas, was beim Thema Obdachlosigkeit typisch weiblich ist. Typisch weiblich ist, dass fast jede obdachlose Frau Gewalt erfahren hat, meist sexualisierte Gewalt. Wirklich: fast jede. Das ist etwas, was sie von obdachlosen Männern unterscheidet.

Was macht das mit den betroffenen Frauen?

Viele von ihnen sind schwer traumatisiert und erleben sich ohnmächtig. Das gilt sicher nicht für alle Frauen aber eben doch für viele, die solche Erfahrungen gemacht haben.

Gibt es weitere Unterschiede?

Obdachlose Frauen haben viel öfter als Männer Kinder. Deshalb braucht es Orte, an denen Frauen mit Kindern sein können. Es gibt auch viele Transfrauen, die ebenfalls einen Schutzraum brauchen. Unser Hilfesystem müsste grundsätzlich viel stärker darauf schauen, wie wir Orte schaffen, an denen Menschen mit ihren Bedürfnissen sein können. Und das unabhängig von der Frage nach dem Geschlecht.

Wo müsste in Hamburg konkret angesetzt werden, um die Situation für obdachlose Frauen zu verbessern?

Es kann hier nur um Wohnraum gehen. Das Containerprojekt für Frauen, das ich leite, ist eigentlich nicht menschenrechtskonform. Das muss man klar sagen. Die Frauen haben keinen Nutzungsvertrag, könnten permanent rausgeschmissen werden, wenn sie sich nicht an Hausregeln halten. Das ist eine Form von struktureller Ungerechtigkeit, die nicht hinzunehmen ist. Ein niedrigschwelliges Containerprojekt mit zehn Plätzen ist zwar gut. Aber grundsätzlich brauchen die Frauen regulären Wohnraum. Das muss das Ziel sein.

Wie sollte ein solcher Wohnraum in der Praxis aussehen?

Es muss diesen Raum einfach geben und darf nicht einer sein, um den ich kämpfen muss! Viele Frauen sind so müde, dass sie nicht kämpfen können. Wenn sie sich eine Wohnung auf diesem Markt erst erkämpfen müssen, haben sie keine Chance, weil sie die Kraft dafür nicht haben. Das ist neben verfehlter Wohnungsbaupolitik eine Ursache dafür, dass viele noch keine Wohnung haben. Es braucht also erstmal die Ressource Wohnraum, mit einem eigenen abgesicherten Mietvertrag – dann kann man schauen, was noch verändert werden muss. Wohnen ist ein Menschenrecht! Ob man das nun Housing First nennt oder anders, das ist mir total egal. Die Leute sollen einfach eine Wohnung bekommen.

Sie leiten das Containerprojekt für Frauen, eine Kooperation mit der Hochschule für angewandte Wissenschaften. Was sind momentan die drängendsten Probleme Ihrer Klientinnen?

Es geht ums schiere Überleben. Viele der Frauen bei uns im Containerprojekt haben keine Einkünfte und es geht schlicht und ergreifend um die Fragen: Wie komme ich an Kohle? Wie komme ich an etwas zu essen? Wie komme ich an die Dinge, die ich brauche? Irgendwie müssen sich diese Frauen Einkommen verschaffen. Ein Klassiker bei Männern ist, Hinz&Kunzt zu verkaufen, das ist bei Frauen weniger der Fall. Viele gehen der Prostitution nach oder sammeln Flaschen oder haben irgendwelche Männer, die sie aushalten. Und das alles geht durch Corona gerade nicht. Sie sind permanent davon abhängig, dass wir ihnen eine Stulle geben. Dadurch erleben sich die Frauen selbst immer hilfloser.

Heute ist Internationaler Frauentag. Sehen sie einen solchen Tag auch als Gelegenheit, auf die Situation von obdachlosen Frauen aufmerksam zu machen?

Ein großes Thema, das mich an solchen Tagen bewegt, ist Gewalt. Hamburg hat noch viel zu tun für obdachlose Frauen und für alle Obdachlosen. Es geht darum, alle Menschen auf der Straße vor Gewalt zu schützen, alle Frauen, Männer und auch die Menschen anderer Geschlechter.

Autor:in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit September 2019 Volontär in der Hinz&Kunzt-Redaktion.

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