Auszeichnung : Verdienstorden für Carlo von Tiedemann

Das Herz am rechten Fleck: Carlo von Tiedemann 2017 im Gespräch mit Hinz&Kunzt-Stadtführer Chris. Foto: Mauricio Bustamante

Große Ehre für Carlo von Tiedemann. Er wurde in Kiel mit dem Verdienstorden der Bundesrebublik Deutschland ausgezeichnet. 2017 hat sich der Moderator mit unserem Stadtführer Chris zum „Gipfelgespräch“ getroffen, das wir an dieser Stelle dokumentieren.

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Es ist eine ganz besondere Ehre für den NDR-Moderator. Am Dienstag überreichte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Geehrt wird Carlo für sein langjähriges soziales Engagement. Er ist Schirmherr der Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose Menschen (TAS) der Diakonie in Norderstedt. Außerdem engagiert er sich im Verein „Quickborn Hilft“ und ist Botschafter des Kinder-Hospizes „Sternbrücke“.

Als wir Carlo 2017 vom großen Wunsch unseres Stadtführers Chris berichteten, mit ihm über Sucht zu sprechen, sagte der sofort zu – obwohl er eigentlich nicht mehr öffentlich über das Thema redet. Hinz&Kunzt-Redakteur Ulrich Jonas traf die beiden zum „Gipfelgespräch“.

Hinz&Kunzt: Carlo, du willst öffentlich nicht mehr über
Sucht sprechen. Warum?

CARLO VON TIEDEMANN: Das Thema gehört zu meiner Akte, ich bereue das sehr. Aber ich war vier Jahre meines Lebens absolut neben der Spur – mit Kokain, Alkohol und allem Drum und Dran –, es ist passiert. Ich habe damals unheimlich viel zerstört, und ich bin sehr dankbar, dass ich alles schadlos überstanden habe.

Gibt es keine Momente des Verlangens, der Sehnsucht nach diesen Drogen mehr?

CARLO: Nein. Weil ich weiß: Am Ende bist du immer Verlierer.

Chris, wann hast du dich das letzte Mal mit deinen Süchten beschäftigt?

CHRIS: Ich beschäftige mich ständig mit ihnen. Ich schlafe zum Beispiel nicht gut, nie.
Immer ist diese Unruhe im Körper. Entweder vom Alkohol oder weil ich ans Spielen denke. Ich werde nachts vom Wackeln meines Körpers wach. Oder ich bekomme das Wackeln im Halbschlaf mit, will aufhören damit und wackle trotzdem.

Wie bist du ein Süchtiger geworden?

CHRIS: Als ich zwölf war, habe ich angefangen die Schule zu schwänzen, bin stattdessen in der Fischfabrik arbeiten gegangen. Ich bin im Heim groß geworden, da hat das niemanden groß interessiert. So hatte ich bald zu viel Geld in der Hand. Im Karstadt-Restaurant standen zwei Daddelautomaten, die haben mich irgendwie eingefangen. Mit 16 fing dann noch das Saufen an …

Wie war es bei dir, Carlo?

CARLO: Ich war glücklich verheiratet, hatte eine Tochter, eine große Show im ZDF und eine Karriere vor Augen – und bin von heute auf morgen abgeglitten. Das war Mitte der 1980er-Jahre. Ich ging eines Tages in ein Bordell und lernte dort ein Mädel kennen. Und dachte, völlig irrsinnig: „Das ist sie!“

Gut gelaunt trotz des ernsten Themas: Carlo und Chris beim Gipfelgespräch. Foto: Mauricio Bustamante

Du hast dich verliebt.

CARLO: Ohne Ende! Erst im Nachhinein wurde mir klar: Es war sexuelle Abhängigkeit, nichts anderes. Aber über diese Prostituierte bin ich auf Drogen gekommen und habe dann aus Liebe weitergemacht. Sie war schwer auf Heroin, was ich Gott sei Dank nicht angefasst habe. Aber mit Kokain geht es auch ganz schnell …

Was ist der Reiz von Kokain, von Alkohol?

CARLO: Das sind reine Betäubungsrituale. Du vergisst.

Was wolltest du denn vergessen?

CARLO: Keine Ahnung. Vielleicht war es eine Form von Hilflosigkeit. Vielleicht auch der falsche Traum von totaler Erfüllung, mit diesem Mädel ins Bett zu gehen. Ich habe auch 30 Jahre danach keine überzeugende Erklärung.

Was bringen dir der Alkohol und das Spielen, Chris?

CHRIS: Du bist in den Momenten weggetreten. Du denkst nicht mehr an deine Probleme, du betrügst dich selbst.

Könnt ihr das Gefühl des Rausches beschreiben?

CHRIS: Das ist wie guter Sex. Nur halt im Kopf.

CARLO: Wenn du Kokain nimmst, bist du der König der Welt. Du hast vor nichts mehr
Angst, du bist der Stärkste, der Größte, der Geilste – ein Teufelszeug. Und anschließend, wenn du runterkommst, kotzt dich alles an.

„In der einen Hälfte des Kopfes sitzt der Teufel, in der anderen der liebe Gott.“– Chris

Gehört Kontrollverlust zum Glücksgefühl dazu?

CHRIS: Ja. Ich weiß zwar: Das ist scheiße, was ich gerade mache. Aber in dem Moment schaltet dein Gehirn aus. Ich sag mal: In der einen Hälfte des Kopfes sitzt der Teufel, in der anderen der liebe Gott. Und dann ist die Frage: Wer gewinnt? In meinem Leben gewinnt leider meist der Teufel …

CARLO: Chris, ich bewundere Menschen wie dich. Du bist ein Kämpfer! Du überlebst mit solch einer Tapferkeit in diesem schweren Leben, das nötigt mir so viel Respekt ab.

CHRIS: Respekt habe ich auch – vor dir!

CARLO: Vor mir brauchst du keinen Respekt zu haben. Höchstens weil ich es geschafft habe. Aber du sitzt hier und hast offene Augen und wir reden: Das ist doch schon ein Riesengewinn! Ich hoffe, du hast eines Tages die Stärke, die ich hatte.

CHRIS: Deshalb bin ich ja auf dich gekommen, Carlo, weil ich dich fragen will: „Wie hast du es geschafft? Was ist bei dir im Kopf passiert?“

CARLO: Es hört sich so theatralisch an. Aber es war ein Moment, in dem ich dachte: „Wenn dieses Gramm Kokain verbraucht ist, soll es zu Ende sein!“ Ich habe von jetzt auf gleich aufgehört – und hatte keinerlei Entzugserscheinungen. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ich habe auch keine Hilfe suchen müssen, weil ich ganz früh begriffen habe, dass wir Menschen eine Grundstärke in uns tragen: Wir werden mit 100 Prozent Kraft geboren, und wenn wir irgendwann sterben, haben wir vielleicht 70 Prozent dieser Kraft aufgebraucht und 30 Prozent bleiben übrig. Ich habe die 100 Prozent angezapft, die mir der liebe Gott gegeben hat, weil ich ein kraftvoller Mensch und ein Kämpfer bin. Und du bist das auch, Chris, sonst würdest du hier nicht sitzen.

Du hast viele Jahre komplett auf Spielen und Alkohol verzichtet, Chris.

CHRIS: Ja, wegen meiner Beziehung, meiner Ute.

Du hast Ute kennengelernt und aufgehört?

CHRIS: Ich habe gedacht: „Wenn du die Frau haben willst, musst du was tun!“ Die kam ja aus einem ganz normalen, bürgerlichen Leben. Nach drei bis vier Monaten habe ich statt Wodka nur noch ab und zu ein Bier getrunken, und gespielt habe ich gar nicht mehr.

Wie schwer war das für dich?

CHRIS: Gar nicht schwer! Von dem Tag an, an dem ich mit ihr zusammen war, habe ich ans Zocken gar nicht mehr gedacht. Das ging fast zehn Jahre so – bis Ute an Krebs erkrankte und nach langer, schwerer Krankheit in meinen Armen verstarb. Danach ging es bei mir wieder rapide bergab …

Es gibt viele Tage, an denen du es schaffst, auf Alkohol und Spielen zu verzichten.

CHRIS: Ja, wenn ich eine Struktur, eine Aufgabe habe. Wenn ich weiß, morgen mache ich eine Stadtführung oder berichte Schülern aus meinem Leben, stürze ich heute sicher nicht ab.

Wie könnte dir der endgültige Ausstieg gelingen?

CHRIS: Mit einer Beziehung. Oder mit einer Traumatherapie, wie unser Sozialarbeiter meint. Aber da traue ich mich nicht ran.

CARLO: Beziehungen sind alles. Meine heutige Frau hat mir damals das Leben gerettet, durch ihre Liebe und durch die Gelegenheit für mich, ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebe. Letztlich habe ich auch wegen ihr aufgehört.

CHRIS: Du hast Respekt vor diesem Menschen, und dann macht es „Klick“ im Kopf …

CARLO: Ich verstehe dich so gut, Chris. Deswegen wünsche ich dir von Herzen ein Mädel. Das klappt! Was wichtig ist: Ich hätte all das nicht geschafft ohne den Glauben in mir. Der liebe Gott hat mir so oft geholfen! Ein Leben ohne Gott ist für mich deshalb ein Leben, das verschenkt ist.

CHRIS: Darum beneide ich dich. Ich habe es jahrelang versucht, aber es klappt nicht mit dem Glauben. Dass es nach dem Tod irgendwas gibt, daran glaube ich schon. Aber dass der liebe Gott da im Himmel rumturnt …

CARLO: Das muss man akzeptieren.

Habt vielen Dank für eure Offenheit!

Autor*in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit September 2019 Volontär in der Hinz&Kunzt-Redaktion.
Ulrich Jonas
Ulrich Jonas
Freier Journalist und Hinz&Kunzt-Autor aus Leidenschaft, schreibt seit vielen Jahren über Armutslöhne, Ausbeuter und Ideen für eine solidarische Gesellschaft.

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