Filmpremiere : Unter deutschen Dächern

Was passiert mit einem Dorf, wenn der Landkreis dort Flüchtlinge unterbringen will? Die Doku „Willkommen auf Deutsch“ der Hamburger Filmemacher Carsten Rau und Hauke Wendler begleitet Flüchtlinge bei ihrer Suche nach einer neuen Heimat in der Harburger Provinz

willkommenaufdeutsch
Glück gehabt: Larisa wohnt mit ihrer Familie nicht in einem Containerdorf, sondern in einer Wohnung.

Auf der Spüle liegt kein Krümel. Alles glänzt blitzsauber. Die 21-jährige Larisa reibt trotzdem noch einmal  mit dem Lappen über die blanke Fläche. Die Wohnung ist der ganze Stolz der jungen Tschetschenin, die gemeinsam mit ihren fünf jüngeren Geschwistern und der Mutter geflohen ist. Seit Sommer 2013 ist Tespe ihre neue Heimat, rund 4000 Einwohner klein, Landkreis Harburg. Sie leben im Obergeschoss, unten sind weitere Flüchtlinge untergebracht – alles ungewöhnlich großzügig für eine Flüchtlingsunterkunft. Das Haus beherbergte einst die Sparkasse, vor dem Fenster hängen noch die Lamellenvorhänge.

Die beiden Hamburger Dokumentarfilmer Carsten Rau und Hauke Wendler haben die Familie fast ein Jahr lang begleitet. Sie drehten in den ersten, nahezu euphorischen Monaten. Sie erlebten, wie aus Hoffnung Angst wurde und Larisas Mutter mit einem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus kam. Und: Sie trafen Menschen wie die 80-jährige Ingeborg Neupert – eine Nachbarin, die spontan Hilfe anbot, den Kindern Deutsch beibrachte und als Ersatz-Oma fast täglich vor Ort war, als auch Larisa vor Überlastung zusammenklappte. „An Ingeborg Neupert zeigt sich, dass man nicht gleich die Welt retten muss, sondern es auch ganz niedrigschwellig gehen kann“, sagt Rau.

Er und Wendler drehen seit zehn Jahren Filme über Migration, viele ihrer Reportagen laufen im NDR. In ihrem preisgekrönten Film „Wadim“ (2011) zeichnen sie das kurze Leben eines Asylbewerbers nach, der nach der Abschiebung aus Deutschland Suizid begeht.

In „Willkommen auf Deutsch“ erweitern sie ihren Blick: Neben den Flüchtlingen kommen auch Mitarbeiter der Verwaltung zu Wort, die nicht mehr wissen, wo sie Platz für die Flüchtlinge finden sollen. Und jene, die sie nicht als Nachbarn haben wollen. Wie Hartmut Prahm, der eine Bürgerinitiative gründet und verhindern will, dass 53 Flüchtlinge in sein Dorf Appel (415 Einwohner) ziehen. „Da wird teilweise unterstellt, dass, wenn Asylbewerber kommen,  die Mädchen im Dorf nicht mehr sicher sind. Harte Klopper“, sagt Wendler.

Dennoch war es ihm und Rau wichtig, sich allen Beteiligten „offen und fair“ zu nähern: „Unser Job ist es, abzubilden, was da ist.“ Die Frage, die sie dabei antrieb: Wie wollen wir in Deutschland leben mit den neuen Nachbarn? Dass man optimistisch das Kino verlässt, ist das große Verdienst der Filmemacher.

 12. 3. Kinostart. Am 17. und 30.3. Diskussion mit Regisseur Hauke Wendler. Mehr Infos: www.willkommen-auf-deutsch.de

Text: Simone Deckner

1 Kommentar zu “Unter deutschen Dächern

  1. Großartige Dokumentation – Hat mich sehr berührt – Den Asylbewerbern wünsche ich eine gute Zukunft in Deutschland !
    Deutschland hat im dritten Reich fürchterliche Verbrechen begangen und es würde uns Deutschen gut zu Gesichte stehen vor uns und der Welt Gutes zu tun – Deutschland das Land der Dichter und Denker vielleicht auch noch der Menschlichkeit.
    Ein wunderbarer Gedanke.
    Ich danke Ihnen für diese Dokumentation
    Karl-Friedrich Becker, Kaiserslautern

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