Gastkommentar Roma : „Und die Polizei schaut weg“

Keine Flüchtlingsgruppe wird so ablehnend betrachtet wie die Roma, die aus Südosteuropa zu uns kommen. Sind sie „nur“ Wirtschaftsflüchtlinge oder werden sie verfolgt? Ein Kommentar des in Belgrad lebenden Südosteuropa-Korrespondenten Dirk Auer.

(aus Hinz&Kunzt 271/September 2015)

Dirk Auer ist Auslandkorrespondent in Belgrad.
Dirk Auer ist Auslandkorrespondent in Belgrad.

Für die Bewohner der serbischen Hauptstadt Belgrad ist es ein gewohnter Anblick: Müllsammler, die mit ihren selbst gebastelten Karren durch die Straßen ziehen und in den Containern nach Verwertbarem suchen – nach Wertstoffen wie Plastikflaschen, Pappe und Metall. Für ein Kilo Altpapier bekommt man fünf Cent, und weil sich damit keine Familie ernähren lässt, werden auch Essensreste nie liegen gelassen. Als Belgrader weiß man, wo die meisten dieser Menschen leben: In einer der etwa 100 informellen Romasiedlungen, die eigentlich nur als Slums bezeichnet werden können. Hier gibt es kein fließendes Wasser, als Behausung dienen zusammengezimmerte Hütten aus Wellblech, Pappe oder Holzresten. Wenn es regnet, verwandelt sich alles in eine Schlammwüste.

Die Siedlungen sind nur der deutlichste Ausdruck dafür: Es sind vor allem Roma, die unter der ohnehin schon schwierigen wirtschaftlichen Situation der Balkanländer leiden. Die Arbeitslosigkeit in Serbien liegt bei fast 30 Prozent, unter den Roma ist sie schätzungsweise doppelt so hoch. Und keine Arbeit zu haben, bedeutet in Serbien arm zu sein, sehr arm, weil auch die Sozialhilfe nicht annähernd zum Überleben reicht.

Aber nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, auch bei Bildung, Wohnen, Justiz und Gesundheit: In all diesen Bereichen werden Roma Menschenrechtsorganisationen zufolge diskriminiert. Romakinder werden in Sonderschulen abgeschoben, sie erhalten aufgrund ihrer Hautfarbe nur sehr schwer eine normale Wohnung, haben nur eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung. Und werden sie Opfer rechtsextremistischer Angriffe, schaut die Polizei weg.

Nicht anders ist die Situation in Mazedonien. Auch hier leben die Bewohner der Romasiedlungen bei einer Arbeitslosigkeit von 70 Prozent oft unter dem Existenzminimum. Die Lebenserwartung liegt zehn Jahre unter der der Gesamtbevölkerung, die Kindersterblichkeit ist mehr als doppelt so hoch. Eine Studie hat kürzlich festgestellt, dass über zwei Drittel der Roma nicht in der Lage waren, sich dringend notwendige Medikamente zu kaufen.

Die Bundesregierung sagt: Das alles könne für die Betroffenen zwar eine erhebliche Härte darstellen, hätte aber keine asylrechtliche Bedeutung – kurz: die Roma auf dem Balkan seien zwar benachteiligt, würden aber nicht verfolgt. Dagegen halten Flüchtlingsorganisationen: Jeweils für sich mögen Diskriminierung und soziale Ausgrenzung zwar keine Verfolgung darstellen. In ihrem Zusammenwirken könne es aber im Einzelfall sehr wohl zu einer existenzbedrohenden Situation kommen, die eine Flucht rechtfertigt.

So ist es etwa auch kein Zufall, dass vor allem vor Wintereinbruch die Asylanträge aus den Balkanländern nach oben schnellen. Denn dann wird die Lage der Roma besonders prekär. Die Zahl der möglichen Gelegenheitsjobs auf dem Bau oder in der Landwirtschaft nimmt ab, und mit den sinkenden Temperaturen zieht nach und nach die Kälte durch die Ritzen der Hütten. Die primitiven Öfen kapitulieren, in den Ba-racken wird es eiskalt, die Krankheiten nehmen zu. Doch für die Medikamente fehlt das Geld. Die Frage, ob dies dann eine lebensbedrohliche Situation darstellt, werden die Betroffenen naturgemäß anders beantworten als die Bundesregierung.

Text: Dirk Auer

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