Mümmelmannsberg : Trauer um Hinz&Künztler Valentin

Valentin wurde am Morgen des 5. Oktobers leblos auf seinem Schlafplatz in Mümmelmannsberg gefunden. Woran er gestorben ist, ist unklar. Er wurde nur 45 Jahre alt. Nachbarn planen eine Gedenkfeier.

Valentin wurde am Morgen des 5. Oktobers leblos auf seinem Schlafplatz in Mümmelmannsberg gefunden. Woran er gestorben ist, ist unklar. Er wurde nur 45 Jahre alt. Nachbarn planen eine Gedenkfeier.

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Seit dem Sommer verkaufte Valentin vor dem Penny-Markt am Steinbecker Grenzdamm in Mümmelmannsberg die Hinz&Kunzt. „Er war sehr freundlich und hatte auch was im Kopf“, erzählt Penny-Mitarbeiterin Jenny Milos, die sich häufiger mit ihm unterhalten hatte. Auch zu den Kunden hatte er offenbar ein gutes Verhältnis. Viele hätten ihm etwas zu Trinken oder zu Essen aus dem Markt mitgebracht oder ihm ein Hähnchen vom benachbarten Wienerwald-Grill spendiert, erzählt Milos. Hin und wieder habe sie ihm auch eine Suppe warmgemacht. „Er war sehr bescheiden“, sagt sie. „Wenn man ihn gefragt hat, was er haben möchte, hat er oft gesagt: Mir reicht eine Flasche Wasser.“

Penny-Mitarbeiterin Jenny Milos hat sich häufig mit Valentin unterhalten. Foto Mauricio Bustamante

Nachdem er zuvor meist in einem nahen Gebüsch übernachtet hatte, schlug Valentin sein Lager in einer Nische des benachbarten Tek Markts auf, gleich gegenüber von seinem Verkaufsplatz. Etwa zwei Wochen lang schlief er dort. Die Mitarbeiter des Marktes akzeptierten ihn und versorgten ihn mit Lebensmitteln. „Ich habe meinen Jungs gesagt: Was er braucht, das gebt ihr ihm“, sagt Inhaber Ahmet Firat. Weil er sich Sorgen um den offenkundig kranken Obdachlosen machte, habe er noch am Freitag ein Zelt für ihn bestellt. Valentin sollte, wenn er schon keine feste Unterkunft hatte, wenigstens trocken schlafen können.

Doch schon am nächsten Morgen fand Firat den Hinz&Künztler leblos auf seiner Isomatte.

Tek Markt-Inhaber Ahmet Firat fand den Obdachlosen leblos auf seiner Platte. Foto Mauricio Bustamante

„Ich kam vom Großmarkt zurück, da lag er ganz komisch da“, erzählt der Ladenbesitzer. Normalerweise habe Valentin immer auf der Seite geschlafen, eingewickelt in seine Decke. Diesmal lag er auf dem Rücken, die Hände verkrampft. Firat versuchte ihn zu wecken – vergeblich. „Ich habe sofort den Notarzt angerufen und die Polizei alarmiert“, erzählt er. „Die Sanitäter haben seine Körpertemperatur gemessen und gesagt: Es ist zu spät.“

Woran starb Valentin? Die Frage ist ungeklärt. Nach Auskunft der Polizei wies sein Leichnam keine Spuren von Fremdeinwirkung auf. Eine Obduktion ist laut Staatsanwaltschaft nicht vorgesehen. Wie Penny-Mitarbeiterin Jenny Milos berichtet, litt Valentin jedoch an mehreren Krankheiten. Er habe davon gesprochen, dass er Diabetiker sei. Offenbar war auch sein Magen angegriffen. Einmal sei er im Penny-Markt zusammengebrochen. „Er hatte einfach ein beschissenes Schicksal“, sagt Milos.

Zuletzt übernachtete Valentin in einer Nische am Tek Markt, gegenüber von seinem Verkaufsplatz. Foto Mauricio Bustamante

Schon in seinem Heimatland Moldawien hatte Valentin es nicht leicht. Nach seinem Studium – mitten im Zusammenbruch der Sowjetunion – fand er als Ingenieur für Kältetechnik keine Arbeit. Er ließ sich zum Kellner ausbilden, doch für den Job galt er nach einigen Jahren als zu alt. Nach Jahren vergeblicher Arbeitssuche zog er im Februar 2014 nach Deutschland. Im Hamburger Hafen wurden Männer zum Entladen von Containern gesucht.

Doch kurz nach seiner Ankunft geriet Valentin in die Hände von Abzockern. 200 Euro zahlte er für einen Platz im Vierbett-Zimmer, arbeiten sollte er als Selbstständiger. Zehn Tage ließ ihn sein Auftraggeber schuften, dann gab es für ihn keine Arbeit mehr. Sein Lohn deckte nicht mal die Summe, die man ihm zuvor abgeknöpft hatte. Doch bei der Polizei sagte man ihm, eine Anzeige habe keinen Sinn. Fortan schlug er sich auf der Straße durch, sammelte Essen aus Mülltonnen und Pfandflaschen. Zwei Mal suchte er Schutz im Winternotprogramm, als das Schlafen im Freien zu kalt wurde. Mit 15 anderen schlief er in einem Zimmer, holte sich Läuse und Krätze. Von da an blieb er auch im Winter draußen.

„Er gehörte ja zu uns.“– Pastor Stephan Thieme

So erzählte es Valentin im Frühjahr 2016 im Gespräch mit Hinz&Kunzt. Damals schien der Moldawe noch frohen Mutes. Er werde Deutsch lernen, ließ er – damals noch mithilfe einer Übersetzerin – wissen, was ihm offenbar auch recht gut gelang. Und er setzte sich für eine polnische Stiftung ein, die behinderte Kinder unterstützte. Doch mit den Jahren fiel es Valentin zusehends schwerer, optimistisch zu bleiben. „Manchmal war er top gepflegt“, erzählt Jenny Milos. Kurz darauf fand sie ihn zusammengekauert zwischen den Einkaufswagen wieder, sichtlich krank, aber nicht in der Lage, guten Rat zu befolgen oder die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die er dringend brauchte.

Pastor Stephan Thieme und viele andere Mümmelmannsberger wollen sich gemeinsam an Valentin erinnern. Foto Mauricio Bustamante

In Mümmelmannsberg will man ihn dennoch in guter Erinnerung behalten. Pastor Stephan Thieme, der als einer der ersten vom Tod des Hinz&Künztlers erfuhr, plant eine Gedenkfeier für Valentin. Auch der Imam im Stadtteil, Abu Ahmad Jacobi, will mitmachen. Das gemeinsame Erinnern beginnt um 14 Uhr ist im Gemeindezentrum am Harvighorster Redder 50 mit einer interreligiösen Feier. Menschen, die Valentin persönlich kannten, werden von ihm erzählen. Danach gibt es Kaffee und selbstgebackenen Kuchen und ein gemeinsames Singen. Die Initiative zum Erinnern an Valentin komme nicht nur von der Kirche, sondern von allen Mümmelmannsbergern, sagt Thieme. „Er gehörte ja zu uns.“ Auf die Unterstützung von Ahmet Firat und Jenny Milos kann er zählen, auch sie wollen für die Gedenkfeier werben. „Dann bringt das auch den Stadtteil mal wieder zusammen“, sagt Milos.

Gedenkfeier: Sonntag, 20. Oktober, ab 14 Uhr im Gemeindehaus, Harvighorster Redder 50 (gegenüber der U-Bahnhaltestelle Mümmelmannsberg)

Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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