Film über NS-Zeitzeugen : „Tränen habe ich rausgeschnitten“

Vier Jahre lang hat der Filmemacher Rolf Jacobson Hamburger Bürger zu ihren Erinnerungen an die Nazizeit und das Kriegsende befragt. Einen ersten Einblick in das Filmmaterial gibt es am Sonntagmittag im Metropolis-Kino.

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Eva-Maria Plattner war schon über 90, als sie dem Filmemacher Rolf Jabobson von der Nazizeit berichtete.

Eva-Maria Plattner hat die Neunzig überschritten, als Rolf Jacobson sie vor die Kamera geholt hat. Sie sitzt in einer strahlend weißen Jacke, die zu ihren weißen Haaren perfekt passt, entspannt irgendwo im Hamburger Grünen und kommt immer mehr ins Erzählen. Plattner ist eine von insgesamt 27 Zeitzeugen, die der Filmemacher in den vergangenen Jahren interviewt hat. Seine Idee: junge Leuten von heute mit den Aussagen von Zeitzeugen zu konfrontieren, die damals ebenfalls jung waren. Und damit Jacobson, der selbst das 70ste Lebensjahr erreicht hat, auch wusste, was junge Leute von heute über die Zeit des Nationalsozialismus interessiert, hat er sich Unterstützung geholt: von Schülern einer Waldorfschule im Stadtteil Bergstedt. Sie haben nicht nur einzelne, einleitende Passagen getextet und gesprochen, sondern auch mit Jacobson das Filmmaterial gesichtet.

Und da hatten sie einiges zu tun: aus gut 60 Stunden Interviewmaterial wurden am Ende vier Stunden Film auf sechs DVDs gebrannt, die kostenlos für den Geschichtsunterricht an Hamburger Schulen verteilt werden sollen. Aus diesen vier Stunden hat Jacobson nun noch einmal 90 Minuten herausdestilliert: für einen einmaligen Filmnachmittag im Metropolis-Kino, wo gewiss auch viele der beteiligten Zeitzeugen anwesend sein werden.

Wichtig war ihm bei seinen Interviews eines: „Ich wollte keine Schuldvorwürfe machen; keinesfalls untergründig sagen: ‚Wie konntet ihr nur?’“ Und wichtig war ihm auch, den Menschen nicht allzu sehr auf die Pelle zu rücken und Schmerzhaftes nur vorsichtig zu berühren. Er sagt: „Die Menschen haben ja vieles, was sie selbst an Schlimmem erlebt oder mitbekommen haben, ganz nach hinten geschoben. Und nun kommt einer wie ich und sagt: ‚Na, erzähl’ doch mal!’ Und alles kommt wieder hoch.“ Und so sagt er: „Tränen habe ich rausgeschnitten.“

Zugleich hat Jacobson darauf verzichtet, etwa Historiker aus dem Off das Erlebte wissenschaftlich einzuordnen zu lassen. Vielmehr lässt er allein seine Zeitzeugen sprechen, lässt ihnen auch ihre Erinnerungslücken. Doch zugleich verblüfft, wie genau die damals ja jungen Leute ihre Umwelt wahrgenommen haben. So wird etwa in den Interviewpassagen, in denen es um die Verfolgung der Hamburger Juden geht, sehr schnell deutlich, dass diese keinesfalls still und heimlich erfolgte, wie nach Ende der NS-Diktatur über lange Zeit behauptet wurde.

Stattdessen können die Zeitzeugen sehr präzise aus ihrem eigenen Erleben beschreiben, wie nach und nach an ihren Schulen jüdische Mitschüler verschwanden oder wie in der Nachbarschaft jüdische Geschäfte geschlossen wurden, in denen die Eltern zuvor selbstverständlich eingekauft hatten. Wie schließlich unter den Augen der untätigen Polizei am Jungfernstieg und am Großen Burstah jüdische Geschäfte geplündert wurden und die Juden anschließend den Judenstern tragen mussten, bis sie über die Moorweide abtransportiert wurden.

Spannend auch die Passagen, in denen vom unmittelbaren Kriegsende am 3. Mai 1945 und den darauf folgenden Wochen und Monaten berichtet wird. Erzählen die Zeitzeugen zunächst ausführlich von der Unsicherheit und auch Angst, die in ihren Familien herrschte, als britische Truppen über die Elbbrücken einrückten und sich überall in der Stadt verteilten („Wir wussten ja nicht, wie wir uns benehmen sollten.“), so wechseln sie schnell in den neuen Alltag. Vom Hamstern und vom Kohlenklauen wird erzählt; von den Bauern, die bereitwillig gaben oder die einem die Tür vor der Nase zuschlugen.

Kein Wort indes verliert man über die Opfer, die die zwölf Jahre der NS-Diktatur gekostet haben. Kein Thema ist, was eigentlich aus all den großen und kleinen Nazis geworden ist, die eben noch unangefochten Hamburg regiert hatten – als hätten diese sich wie in Luft aufgelöst. Und je mehr die Zeit voranschreitet, desto plauderiger wird der Ton; desto mehr werden aus ernsten Erlebnissen lustige Anekdoten, die man gerne weitererzählt.

So wird nach und nach sehr fassbar, warum so viele Jahrzehnte vergingen, bis erst im Zuge der Studentenbewegung damit begonnen wurde, die Zeit des Nationalsozialismus rückhaltlos aufzuarbeiten. Oder wie Zeitzeugin Eva-Maria Plattner ihr Erleben der Tage nach dem 3. Mai 1945 nachträglich für sich beschreibt: „Es wurde weniger über die erlebte Geschichte gesprochen, als gefragt – was machen wir nun?“

Filmvorführung: Sonntag, 3. Mai, 14 Uhr. Metropolis-Kino, Kleine Theaterstraße 10, www.metropoliskino.de

Die sechs DVDs können gegen eine Spende bei der Zeitzeugenbörse des Seniorenbüro Hamburg erworben werden: Brennerstraße 90, Tel: 040 30 39 95 -07, www.seniorenbuero-hamburg.de

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