Hinz&Kunzt-Ausgabe 315

Knast für Kapitänin?

Was Hinz&Künztler über den ersten Artikel des Grundgesetzes denken, lesen Sie in unserer Mai-Ausgabe. Außerdem: Wieso die Seenotretterin Pia Klemp bald in Italien vor Gericht steht und wie ein Hafenlotse auf Hamburg blickt.

Mit dem Tanker auf der Elbe zu Hause

Detlef Maiwald ist Binnenschiffer auf der Elbe. Ein Mann, der mit der Zeit geht und viel Geld in die Zukunft auf dem Wasser investiert

(aus Hinz&Kunzt 183/Mai 2008)

Für 4,5 Millionen Euro hat sich Detlef Maiwald ein hochmodernes Binnenschiff bauen lassen. Die TMS Cascade ist einer der ersten Doppelhüllentanker im Hamburger Hafen – und das Zuhause der Familie Maiwald.

Die Männer im Strom

Der harte Job der Binnenschiffer – Bordbesuch auf dem Schubschiff „Ronja“

(aus Hinz&Kunzt 140/Oktober 2004)

Etwa 150 Binnenschiffer sind im Hamburger Hafen unterwegs. Lange Arbeitszeiten, karge Bezahlung – ein harter Job. Hinz & Kunzt hat sich an Bord umgehört.

Hafen: Im Namen des Herrn unterwegs

Die Seemannsmission hilft Seeleuten an Bord und an Land

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Wenn Kurt Robert Drobnik mit seinem Wagen durch den Hafen brettert und Autofahrer als Idioten oder Schlimmeres beschimpft, kann man kaum glauben, dass dieser Mann im Namen des Herrn unterwegs ist. Der 59-Jährige ist Seemannspastor. Etwa 5000 Schiffe hat er in den vergangenen Jahren besucht.

Morgens um sieben Uhr startet seine Tour. Die beste Chance, gesprächsbereite Seeleute anzutreffen, ist beim Frühstück. Dass viele Menschen an Bord ein Gespräch brauchen, davon ist der ehemalige Militärpfarrer überzeugt. Schließlich werden auf See doppelt so viele Selbstmorde verübt wie an Land. „Das Leben auf einem Schiff ist wie ein Leben im Gefängnis, auch wenn einen niemand dazu gezwungen hat“, sagt Drobnik. „Immer dieselben Menschen, immer zusammengepfercht.“ Zudem sind die Liegezeiten heutzutage so kurz, dass die Männer kaum noch von Bord kommen. „Da ist nichts mit Seemannsromantik, Land und Leute kennen lernen. Die meisten sind nur deshalb an Bord, weil sie Geld verdienen müssen.“

Das erste Schiff an diesem Morgen ist ein Containerriese. Der erste Offizier, ein Japaner, ist noch ziemlich jung und ganz irritiert über den Besuch. Der Seemannspastor muss sogar seinen Ausweis zücken, bevor er ins Innere des Schiffs vordringen darf. „Das ist mir ja noch nie passiert“, brummt Drobnik. Neuer Ärger wartet in der Mann-schaftsmesse. Die paar Seeleute, die gerade frei haben, stehen um einen Mann herum, der Geld in der Hand hält. Das sieht im ersten Moment aus wie ein Glücksspiel. Da ist der Pastor völlig uninteressant.

Drobnik schimpft vor sich hin und macht auf dem Absatz kehrt. „Der verkauft Telefonkarten“, sagt Drobnik genervt. Und das zu horrenden Preisen. „Ich hätte denen die Karte drei bis vier Dollar billiger geben können.“ Telefonieren spielt an Bord eine zentrale Rolle – es ist die beste Verbindung in die Heimat und zur Familie, die die meisten ein halbes bis ein ganzes Jahr nicht sehen.

Heimweh und Einsamkeit sind denn auch die häufigsten Probleme, die die Männer an Bord haben. Aber auch schwere Schicksalsschläge müssen sie normalerweise allein bewältigen und sind dann froh, einen Menschen zu haben, dem sie ihr Herz ausschütten können.

Wie etwa der philippinische Koch auf dem nächsten Containerschiff. Er sitzt in der Messe und trinkt einen Abschiedskaffee mit einem Freund und Kollegen. Der wird heute von Bord gehen, der Koch bleibt noch ein paar Monate. Traurig sieht er aus, und Kurt Robert Drobnik sieht ihm gleich an, dass ihn nicht nur der Abschied von seinem Kollegen schmerzt.

Zeit ist knapp an Bord, deshalb kommt er gleich zur Sache. Ob er verheiratet sei und Kinder habe, will er wissen. Stolz erzählt der Mann von seinen drei Kindern, aber sein Blick ist verhangen. „Er ist Witwer“, assistiert der Freund. Stockend erzählt der Koch, dass seine Frau vor drei Jahren gestorben sei. Drobnik nickt – und erzählt von sich. Seine erste Frau ist bei einem Autounfall gestorben. Mit den Toten könne man aber auch nach dem Tod im Gespräch bleiben, durch das Gebet.

Der Koch hängt an den Lippen des Pastors. Jeder im Raum spürt: Das ist sein Thema. „Du musst wieder eine neue Frau in dein Leben lassen“, hilft Drobnik. „Deine Kinder brauchen wieder eine Mutter.“ Schuldgefühle dürfe er nicht haben. „Ihr wart verheiratet, bis dass der Tod euch scheidet – und er hat euch geschieden.“ Mit Sicherheit sei seine Frau nicht böse darüber – im Gegenteil.

Der Koch nickt, lächelt. Drobnik macht noch einen kernigen Witz. Die Seeleute lachen. Der Abschied ist herzlich.

Doch Drobnik kann auch anders. Vor einiger Zeit traf er einen ägyptischen Seemann. Er spürte gleich, mit dem stimmt etwas nicht. „Er redete wirr, ich hatte den Eindruck, dass er selbstmordgefährdet ist.“ Mit keinem Wort kam er auf die Probleme des Mannes zu sprechen. Im Gegenteil. Er vermied jeden Tiefgang. Stattdessen sprach er mit ihm über die ägyptische Hochkultur. Der Mann wurde immer stolzer. „Ich verstärkte ihn positiv“, sagt er fachmännisch. „Ich wollte nur, dass er bis Alexandria nicht über Bord springt. Mehr konnte ich für ihn nicht tun.“ Er informierte auch den Kapitän nicht. „Warum? Dann halten alle den Seemann für eine Pflaume – und er verliert auch noch seinen Job.“

Freundliche Begrüßung auf dem nächsten Schiff. Der italienische Offizier begleitet den Pastor sogar in die Messe. Auf dem Weg dorthin spricht Drobnik ein paar Philippinos an. Keiner kennt den Seemannsclub, der nur ein paar Meter entfernt ist, keiner war bislang von Bord, obwohl der Frachter schon zwei Tage da ist. Die Messe ist leer, der Offizier lässt extra einen Seemann kommen. Der grinst zwar, aber eher aus Verlegenheit. Sprechen will er eigentlich nicht. Auch er war noch nicht von Bord. „Keine Zeit, keine Zeit“, sagt er leise.

Drobnik vermutet, dass er keine Interna ausplaudern soll. Beispielsweise, dass hier nicht tarifgerecht bezahlt wird oder sonstige Dinge an Bord schief laufen. Ob er in solchen Fällen die Gewerkschaft einschalte? „Auf keinen Fall, dann bekommen die an Bord ja erst recht Ärger.“

Mitleid ist seine Sache nicht. Er will, dass es den Seeleuten durch seinen Besuch besser geht, dass sie fähig sind, weiterzumachen – nicht mehr und nicht weniger. Schließlich musste er das selbst schmerzhaft lernen, nicht erst beim Tod seiner ersten Frau. Mit 17 Jahren hatte er einen schweren Unfall, bei dem er sein Bein verlor. Nicht Mitlied half ihm damals, sondern Härte. Als er beim ersten Mal mit Krücken hinfiel und sich verzweifelt ins Bett verkriechen wollte, herrschte ihn der Pfleger an: „Du machst sofort einen neuen Versuch oder ich trete dir in den Hintern.“ Drobnik machte also weiter…

Zur Seemannsmission, deren Geschäftsführer der Pastor heute ist, gehört auch eine Unterkunft am Krayenkamp, gegenüber vom Michel. „Mutter“ des Hauses ist die 54-jähige Gisela Weber. Sie kümmert sich zum Beispiel darum, wenn Abu Bakari, ein Stammgast, verzweifelt ist. Seit 1982 fährt der Ghanaer auf deutschen Schiffen, seit Jahren für dieselbe Reederei. Wie jedes Jahr musterte er im Dezember ab und bekam ein Schreiben, dass er im April wieder dazusein habe.

Das war er auch, aber die Reederei brauchte ihn nicht und stellte ihm auch die Bescheinigung nicht aus, mit der er Arbeitslosengeld hätte beantragen können. Jetzt wartet Bakari im Seemannsheim und hofft, dass andere ihm mal was abgeben, wenn sie kochen. Die Seemannsmission stundet ihm die Miete.

Abu Bakari ist nicht der einzige, der in der Mission darauf wartet, endlich wieder an Bord gehen zu dürfen. Der Chilene Juan etwa ist 30 Jahre lang bei derselben deutschen Reederei gefahren. Auch er ist extra wieder nach Hamburg gekommen, weil er wieder anheuern sollte. Keiner hatte es für nötig gehalten, dem Maschinisten zu sagen, dass sein Schiff inzwischen ausgeflaggt wurde und er jetzt von einem billigeren Mann aus China ersetzt wird.

Für mindestens ein Drittel der Bewohner ist der Traum von der Seefahrt endgültig ausgeträumt. Sie sind zu alt, zu teuer, nicht fit genug für die moderne Seefahrt oder haben Alkoholprobleme. Viele von ihnen sind durch die Seefahrt völlig entwurzelt. Ihr Zuhause ist inzwischen das Seemannsheim geworden. Und hier können sie auch für immer vor Anker gehen. Dafür hat die Seemannsmission gesorgt.

Tatort Hafen

Der Zöllner Volker Biermann über die „Schwarze Gang“ und Rauschgift-Schmuggler

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Eine Sommernacht. Niemand beachtet das kleine Motorboot, das sich dem kolumbianischen Frachter im Hafen nähert. Lautlos gleitet ein Taucher ins Wasser. Er weiß, was er sucht: einen anderthalb Kubikmeter großen Kasten, der an der Außenhaut des Schiffes montiert ist. Einige Zeit später taucht der Mann im Neoprenanzug auf – mit dem Kasten. Jetzt wird es hektisch an Bord.

Der Komplize hievt die Beute an Deck. Das Sportboot verschwindet wieder in der Nacht. An Land werden die Männer den Kasten aufschweißen und rund 60 Kilogramm Marihuana bergen. Die Schmuggler sind über alle Berge, aber der Zollbeamte Volker Biermann und seine Kollegen von der Schwarzen Gang stehen nicht mit leeren Händen da. Offensichtlich wurden die Männer gestört. Denn später finden die Rauschgiftfahnder den Neoprenanzug und die aufgeflexte Kiste. Eindeutige Hinweise auf die Arbeitsmethoden der Schmuggler. Und was die Tricks der Rauschgiftmafia angeht, kommt den Fahndern noch ein Zufall zu Hilfe: Ein Seemann hat ausgepackt.

Was nur selten geschieht. Wer sich mit dem organisierten Verbrechen einlässt, weiß, dass er besser schweigt. „Wer auspackt, ist dran“, sagt Biermann. Wer den Mund hält, kann sich halbwegs sicher sein, dass seine Kinder weiter unbehelligt zur Schule gehen dürfen und der Familie kein Härchen gekrümmt wird.

Früher suchte der 52-Jährige in den Seezollhäfen nach Schnaps, Zigaretten und sonstigen verbotenen Waren. „Man kann sich vorstellen, dass wir im Hafen nicht gerade beliebt waren“, sagt er. Dann allerdings wurde das Drogenproblem immer größer. 1986 wurde eine zusätzliche Abteilung, die „Rauschgiftgang“, gegründet. Einsatzgebiet ist der Freihafen. Bevor Volker Biermann beim Zoll anfing, fuhr er 14 Jahre lang zur See. Angefangen hat er als Schiffsjunge, später dann sein Kapitänspatent gemacht. Biermann ist übrigens kein Einzelfall: Fast alle 15 Kollegen in seiner Gang sind Seeleute. Ist ja auch sinnvoll: „Wir kennen uns an Bord der Schiffe aus und wissen, wo man etwas verstecken kann.“

Immer wieder finden die Beamten Päckchen in Luken oder im Maschinenraum. Wobei die Suche im Maschinenraum durch den Geruch von Schmieröl deutlich erschwert wird. Der Einsatz von Spürhunden ist dabei fast unmöglich. „Da verlieren die Hunde die Witterung“, sagt Biermann. Häufig wird der Stoff im Laderaum unter den Holzgrätings versteckt, eine Art Holzfußboden mit Hohlraum, damit die Luft zirkulieren kann. „Dort fanden wir oft auch so genannte Schmuggelwesten“, erzählt Biermann. Das sind Westen mit Taschen im Futter, sodass Pakete unauffällig transportiert werden können. Besonders beliebt ist das im Winter. Wer mit einer solchen Weste bei Schichtwechsel mit dem Pulk den Hafen verlässt, hat beste Chancen, nicht erwischt zu werden.

Meistens ist nur einer aus der Mannschaft in den Schmuggel verwickelt, so die Erfahrung der „Schwarzen Gang“. Wenn Biermann von diesen Männern spricht, schwingt Mitgefühl in seiner Stimme. „Ich bin so lange zur See gefahren und weiß, wie arm die Menschen in den betreffenden Ländern sind, so ohne jede Perspektive.“ Deswegen seien sie auch anfällig, wenn sie ein Angebot bekämen: Rund 3000 Dollar bekommen die Schmuggler oft für ihren ersten Job. Dass sie danach nie wieder aussteigen können und für immer in den Händen der Mafia sind, ist ihnen meistens nicht klar. „Das Schlimme ist, dass wir immer nur die Kleinen erwischen“, sagt Biermann. „Und die Großen lässt man laufen.“

Neuerdings wird auch der Seekasten gerne als Versteck genutzt, eine Öffnung in der Außenhaut, wo das Kühlwasser für die Maschine angesogen wird, oder der Schlingerkiel (eine Art Stabilisator) des Schiffes: „Da können wir nichts machen, da müssen wir Polizeitaucher anfordern.“ Oder die Drogenpakete werden nicht im Hafen, sondern schon irgendwo auf der Elbe außenbords geworfen. Gut verpackt und beispielsweise an einen leeren Bohnerwachska-nister gebunden, der als Auftrieb fungiert. Ein Motorboot nimmt die Fracht auf, und die Schmuggler lagern die Ware in Erddepots im Alten Land. „Klappe zu, Grasnarbe drauf, und keiner kann etwas erkennen.“

Die Suche nach den Drogen ist wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Biermann „nervt es, dass die Schnaps- und Zigarettengang zwei bis drei Mal in der Woche fündig wird“ – und seine Gang alle zwei bis drei Monate mal einen Coup landet. Immerhin ist seit 1996 auch eine Containerprüfanlage im Einsatz. Mit der kann ein ganzer Container geröntgt werden. „Ein geschultes Auge kann durch diese Technik die Ladung identifizieren und Abweichungen von den Zollpapieren feststellen“, sagt Biermann.

Nicht immer haben die Beamten so viel Glück wie neulich. Die Schwarze Gang hatte einen Tipp bekommen. Auf einem bestimmten Schiff sollte Rauschgift zu finden sein. Und dann fuhr ein schwarzer Mercedes in den Freihafen, und ein elegant gekleideter Mann fragte, ob ein bestimmter Container – der just an Bord besagten Schiffes stand – schon da sei. „Es fragen zwar viele Spediteure nach ihren Containern, aber diesen Mann kannte keiner.“

Ein Mitarbeiter in der Umschlagsfirma verständigte die Schwarze Gang. Vorsichtshalber hatte er sich auch gleich die Autonummer seines Besuchers gemerkt. „Wenn es um Rauschgift geht, hält der ganze Hafen zusammen wie eine Familie. Das ist völlig anders als früher in der Schnaps- und Zigarettengang“, sagt Biermann. „Denn jeder Schauermann, jeder Festmacher, jeder Schlepperfahrer und jeder Hafenarbeiter hat Kinder – und jeder von denen hat ein großes Interesse daran, dass wir auftreten“, sagt Volker Biermann. „Auch wenn wir selten erfolgreich sind, so zeigen wir doch Flagge.“

Birgit Müller