Fanny Dethloff : „Spiritualität hilft mir, es auszuhalten“

Nach zwölf Jahren verlässt die Flüchtlingspastorin der Nordkirche, Fanny Dethloff, zum 1. August ihren Posten. Am Donnerstagabend verabschiedete sie Landesbischof Gerhard Ulrich im Rahmen eines Gottesdienstes. Im Gespräch mit Hinz&Kunzt blickt sie zufrieden auf das zurück, was sie erreicht hat.

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„Ich bin in vielen Feldern vorangestiefelt“, sagt Fanny Dethloff. „Manchmal war es ungemütlich.“

Bevor Fanny Dethloff 2004 ihre Arbeit als Flüchtlingspastorin bei der Nordkirche begann, waren alle Bürowände im Diakonischen Werk steingrau, mausgrau oder eierschalenfarben. Dethloff verpasste den Wänden in ihrem kleinen Büro gleich zu Beginn einen papayagelben Anstrich.  „Das war auf dem Flur eine kleine Revolution“, findet sie. „Ich habe das durchgesetzt, weil bei uns sehr viele Menschen rein kommen, die graue Räume aus Behörden kennen.“ Ihr Büro sollte aber keine behördliche Kälte, sondern Freundlichkeit und Heimeligkeit ausstrahlen, wenn hilfesuchende Flüchtlinge zu Besuch kamen. Inzwischen, sagt sie, seien längst nicht mehr alle Räume bei der Diakonie in Grautönen gestrichen. Die Freundlichkeit hat sich auch farblich durchgesetzt.

Es war eine schwierige Zeit, in der Dethloff ihren Job angetreten hatte. In Hamburg war gerade der Rechtspopulist Ronald Schill in die Regierung gewählt worden. „Ich kam, als der komplette Abbau der Flüchtlingsarbeit begann.“ Eine Zeit, in der sie Netzwerke knüpfen musste. 2005 initiierte sie den „Hamburger Einspruch“ mit, eine von vielen Organisationen, Wissenschaftlern und Prominenten getragene Protestnote gegen die „hanseatische Politik der Entrechtung und Ausgrenzung von Flüchtlingen“, wie es hieß. „Das war toll“, erinnert sie sich. „Da stand wirklich die Stadt auf.“

Gerne denkt die heute 55-Jährige an ihre Erfolge zurück. 2005 hat sie als Erste Gedenkgottesdienste für die toten Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen gehalten. „Ich finde es beeindruckend, dass solche Gottesdienste inzwischen in allen europäischen Kirchen gefeiert werden“, kann sie neun Jahre später sagen. Neben der politischen Arbeit ist ihr auch diese Art der Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht wichtig: „Man ist oft ohnmächtig, aber wir haben mit unserem Christentum ein gutes Stück widerständige Spiritualität. Das hilft, selbst im Dunkeln das Licht weiter zu tragen.“ Gerade, wenn sie auch mal nicht helfen kann: „Die Spiritualität hilft mir, es auszuhalten, wenn ein Flüchtling anfängt zu weinen.“

Für Dethloff war ihr Job immer gelebtes Christentum: „Keine Arbeit ist so direkt aus der Bibel ableitbar wie der Schutz für Flüchtlinge. Die Bibel ist ein Buch der Migration!“ Im Neuen Testament hat Matthäus zum Beispiel den „Gesegneten“ vor dem „Weltgericht“ zu Gute gehalten: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ Für Dethloff eine klare Botschaft: „Wir haben die, die ankommen, gastfreundlich zu behandeln!“ In den Synoden der Kirche sei das inzwischen verstanden worden. „Ich bin sehr stolz auf meine Kirche“, sagt Dethloff.

Ein bisschen schreibt sie sich die Entwicklung auch auf die eignen Fahnen: „Ich bin in vielen Feldern vorangestiefelt. Manchmal war es ungemütlich.“ Und manchmal tat es auch weh: Dann, wenn sie eine Abschiebung trotz aller Bemühungen nicht verhindern konnte, zum Beispiel. Es lief nicht immer alles glatt in den zwölf Jahren. „Ich habe selbstverständlich auch Fehler gemacht“, sagt Dethloff. „Das gehört zum Menschsein dazu.“

Der letzte große Kampf, den sie als Flüchtlingspastorin ausgefochten hat, war der um die Lampedusa-Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr nach Hamburg kamen und seitdem für ein Bleiberecht streiten. Die Nordkirche hat sich lange Zeit für ihre Rechte eingesetzt und sich dabei gerade in der Politik sicher nicht nur Freunde gemacht. Aber der Pastorin hat es Freude bereitet, auch weil sie so viel unbürokratische Unterstützung aus der Bevölkerung bekommen hat. Und sie ist zuversichtlich, dass viele der Afrikaner am Ende werden bleiben dürfen – auch wenn sie die Flüchtlingspolitik mit den unzähligen Toten auf dem Mittelmeer nach wie vor für „europäischen Wahnsinn“ hält, für den auch Hamburg Verantwortung trage: „Das sind unsere Außengrenzen!“

Jetzt geht die Flüchtlingspastorin also. Ist sie nach zwölf Jahren im Amt und einem Jahr Engagement für die Lampedusa-Flüchtlinge am Ende ihrer Kräfte? Das bestreitet sie vehement: „Ich bin nicht ausgebrannt!“ Aber sie will in ihrem Berufsleben noch einmal etwas anderes machen und wird eine Stelle als Krankenhausseelsorgerin antreten.

Außerdem verlässt sie ihren Posten zu einem Zeitpunkt, an dem sie sicher sein kann, dass viele andere in der Kirche das Engagement für Flüchtlinge fortsetzen werden. Voller Begeisterung erzählt sie, wie Pastoren auch vom platten Land bei ihr anrufen, ihr Unverständnis über die Flüchtlingspolitik kund tun und auch praktische Solidarität leisten wollen. Die Bereitschaft, Kirchenasyle einzurichten, sei so groß wie nie zuvor. „Ich gehe genau da, wo ich sagen kann: Es hat auch der Letzte in der Kirche die Bibel begriffen.“ Der richtige Moment, den Job an den Nagel zu hängen und sich guten Gewissens neuen Aufgaben zuzuwenden. „Da kann man nur sagen: Vielen Dank! Und dann geht man.“

Text: Benjamin Laufer
Foto: Dimitrij Leltschuk

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