Ladenfestival : Sonnenschein über Wilhelmsburg

Festivals gibt es viele: Literaturfestivals und Filmfestivals und natürlich Musikfestivals. Aber ein Ladenfestival? Wer ein solches in den nächsten Wochen erleben will, sollte nach Wilhelmsburg fahren.

(aus Hinz&Kunzt 271/September 2015)

ladenfestival-wilhelmsburg
Große Pläne: Esther Rühe, Anna Kessel und Nurcan Solak beleben ein leeres SONNENSTUDIO mit fairer und hochwertiger Mode.

Die Efeupflanzen aus Plastik bleiben natürlich. Auch der Regenbogen aus Rillenpappe über der Eingangstür, weil selbst gemacht. Und das Schild muss hängen bleiben: „Bitte nicht in den Kabinen rauchen.“ „Die hätten hier geraucht, während sie auf der Sonnenbank lagen?“, fragt Verena Mutz. Ja, hätten sie. Eine andere Generation, eine andere Zeit.

Doch nun steht das Sonnenstudio in der Fährstraße 71 in Wilhelmsburg seit Längerem leer. Und Verena Mutz organisiert das Festival „popup – Das Ladenfestival in Wilhelmsburg“, damit sich das ändert. Denn trotz vieler neuer Gebäude und neuer Bewohner, fehlt es be- sonders im Reiherstiegviertel an Geschäften. Dabei gibt es viel lokales Potenzial – das sich nun zeigen wird.

Mit dabei sind Anna Kessel und Esther Rühe von „Kunstkinder-mag.de“, einem Slow-Fashion-Blog, der für faire Mode wirbt – im Gegensatz zur schnelllebigen Billigmode der Modeketten. Sie haben wiederum zwei Modemacherinnen eingeladen, die bei einer kleinen Näherei in Polen nähen lassen. Und mit dabei ist Nurcan Solak, die Hochzeits- und Festtagsmode schneidert und expandieren will – wo sonst, als in ihrem Stadtteil Wilhelmsburg.

Aus einer anderen Sparte kommt Jens Block: Er will Pilze züchten – auf Kaffeesatz. „Kaffee wird sehr energieintensiv produziert und hierher geschifft, und dann nutzen wir vielleicht ein Prozent dieses wunderbaren Rohstoffes.“ Er sucht Unterstützer, gerne auch Geldgeber. Und wird dafür sein Pilzlabor im Festivalzentrum in der Veringstraße gegenüber vom Stübenplatz errichten, in den Räumen des ehemaligen Metropol- kinos, eines von fünf Kinos, die das Viertel mal hatte. Das wiederum Ladenbesitzer Kenan Kaya zur Verfügung stellt, der auch eine Schlachterei in der Fährstraße führt. Warum macht er mit? Weil ihm als Geschäftsmann an der Belebung des Stadtteils liegt.

„Hier im Stadtteil werden noch nicht die Mieten verlangt wie in der Schanze oder in Ottensen“, sagt Block noch. Wobei 1800 Euro Kaltmiete für die 180 Quadratmeter des ehemaligen Studios auch kein Schnäppchen mehr wären. Aber erst mal muss alles vorbereitet werden, damit sich die sieben ehemaligen Kabinen mit Ständen und Regalen füllen können.

Und die kleine Gruppe läuft durcheinander, schaut und plant. Nurcan Solak hat Tochter und Mann mitgebracht, die überschlagen, was man an Farbe braucht, um das schäbige Gelb von den Wänden zu vertreiben. Und eins noch: Die Rückwände der Kabinen müssen weg. Denn dahinter verbergen sich bodentiefe Fensterscheiben. Und dann – der Scherz sei erlaubt – wird endlich die Wilhelmsburger Sonne das Innere des ehemaligen Sonnenstudios erhellen.

Foto: Dmitrij Leltschuk
Text: Frank Keil

„popup – Das Ladenfestival in Wilhelmsburg“: bis 4. Oktober. Das Programm findet sich unter www.popupwilhelmsburg.de

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.