Billstedter Siedlung : Sonnenland wird 50 Jahre alt

Lange war die Siedlung Sonnenland berühmt-berüchtigt für Jugendterror und Polizeipatrouillen. Auch wenn hier nach wie vor nicht alles eitel Sonnenschein ist, hat sich die Lage mittlerweile verbessert. Und am 23. August feiert die Siedlung ihr 50-jähriges Jubiläum.

Etwa 3200 Menschen leben im Sonnenland in vielstöckigen Häusern aus den 1960er-Jahren.
Etwa 3200 Menschen leben im Sonnenland in vielstöckigen Häusern aus den 1960er-Jahren.

Etwas länger als fünf Jahre ist es her, dass das Sonnenland mit kriminellen Banden, jugendlichen Intensivtätern und einer eigens für die Straße im Stadtteil Billstedt gegründeten sogenannten SoKo Schlagzeilen gemacht hat. Ein paar Tage lang berichtete die Hamburger Presse über das Problemquartier. Die Mopo schrieb von einer „40-köpfigen Jugendgang“, die „das Viertel terrorisiert. Das Abendblatt bezeichnete die Siedlung als „dunkle Ecke“. Schon damals widersprachen die Sonnenländer. „Das Sonnenland ist kein Hort des Terrors, sagte Anatol Herold, Vorsitzender des Stadtteilprojekts Sonnenland damals im Gespräch mit Hinz&Kunzt. Das Stadtteilprojekt war seit Jahren die einzige Anlaufstelle für die Jugendlichen der Siedlung und hatte 2009 hart zu kämpfen, weil der Bezirk die finanzielle Hilfe stark gekürzt hatte. 30.000 Euro gab es damals für acht Monate Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Stadtteil. Viel zu wenig, um die jungen Sonnenländer dauerhaft von der Straße zu holen. Dass sich da mancher womöglich von anderen Strukturen angezogen fühlte… Ausschließen kann und will das jedenfalls keiner.

Berüchtigte Siedlung im Stadtteil Billstedt: die Straße Sonnenland
Berüchtigte Siedlung im Stadtteil Billstedt: die Straße Sonnenland

Aber auch in der Rückschau will Herolds Kollege Jürgen Wolff von einem Bandenwesen nichts wissen. „Es gab und gibt einzelne Jugendliche, die mit der Polizei zu tun haben. Damals mögen Mitglieder von Banden aus anderen Vierteln hier auch gezielt den ein oder anderen angesprochen haben. Aber Gangs haben wir hier nie gehabt.“

Beim Besuch im Sommer 2014 merkt man: Es hat sich etwas getan. Die Siedlung hat so eine Art Zentrum bekommen. Jahrzehnte hat es hier keinen Treffpunkt gegeben, keinen Ort, wo die Sonnenländer sich begegneten, nachdem das kleine Einkaufszentrum schon in den 1980er-Jahren abgerissen worden war. „Wir haben hier keinen Marktplatz oder so“, sagt Jürgen Wolff. Jetzt gibt es immerhin an der Straßenecke eine Möglichkeit, sich zu treffen. Dort ist seit Spätsommer 2009 das Seniorendomizil Kursana ansässig, gleich daneben die Arztpraxis und daneben wiederum die Bäckerei Caglar.

Jürgen Wolff vom Stadtteilprojekt Sonnenland
Jürgen Wolff vom Stadtteilprojekt Sonnenland

„Von den Leuten hört man, dass es hier in den letzten Jahren ruhiger geworden ist“, sagt Jürgen Wolff. Er ist selbst im Sonnenland aufgewachsen. Jetzt lebt er auf St. Pauli, arbeitet dort im Westen Hamburgs als Freelancer und steckt den Großteil seiner Freizeit ins Stadtteilprojekt im östlichen Billstedt Es liegt ihm am Herzen, es zu erhalten, sagt er, „weil die Mitarbeiter hier mich in meiner Jugend sehr geprägt haben“. Als es vor sieben Jahren losging mit der Kürzung der finanziellen Förderungen, haben er und ein paar andere aus seiner damaligen Clique das Projekt übernommen. Bis heute arbeiten die meisten hier für wenig oder gar kein Geld: Es gibt keinen einzigen Festangestellten, nur elf Honorarkräfte und ungefähr 25 freiwillige Helfer. Mit Auslagen für sie und dem Unterhalt des Gebäudes, ist das aktuelle Budget von 80.000 Euro jährlich ausgereizt. Die Angebote für Kinder und Jugendliche versuchen Wolff und seine Mitstreiter aus Spenden zu bestreiten.

Jürgen Wolff sieht große Herausforderungen auf das Sonnenland, seine Bewohner und die sozialen Einrichtungen wie das Stadtteilprojekt zukommen. „Die Bewohnerschaft verändert sich“, sagt er. „Und das wird in den kommenden Jahren noch stärker werden.“

Vor 50 Jahren war die Siedlung Sonnenland entstanden. Noch immer leben hier Menschen, die damals, 1964, in die Neubauten eingezogen sind. Sie haben hier ihre Kinder großgezogen, Enkel auch. Viele sind hier, die wollten so lange gar nicht bleiben. „Letztens“, erzählt Wolff, „wurde ein Nachbar von der Saga geehrt, weil er seit 25 Jahren Mieter ist. Da hat er gerufen: ,25 Jahre? Nach zwei Jahren wollte ich hier wieder weg sein!‘“ Doch trotz des Rufs als berüchtigte Siedlung im ohnehin schon berüchtigten Billstedt: Das Sonnenland ist vielen ein Zuhause, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen. Man kennt sich – noch. „Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll: Die alten Sonnenländer sterben aus“, sagt Jürgen Wolff. Die, die nachkommen, stammen aus allen möglichen Ländern. „Es findet ein Generationenwechsel statt und auch ein Kulturwechsel“, sagt Wolff. Die Herausforderung, die sich im und für das Sonnenland daraus ergibt: „Wir müssen Nachbarschaft schaffen. Das Viertel braucht das. Und das ist kein Selbstläufer.“ Gespannt blickt Wolff gen Rathaus, zum Senat und auf dessen Vorhaben vom „Aufbau Ost“. „Mal sehen, was die hier verändern und die Gegend hier aufwerten wollen.“

Einziger Treffpunkt ist die Straßenecke mit dem Haupteingang zum Seniorendomizil, Arztpraxis und einer Bäckerei. Die gehört damit zu den „sozialen Akteuren“.
Einziger Treffpunkt ist die Straßenecke mit dem Haupteingang zum Seniorendomizil, Arztpraxis und einer Bäckerei. Die gehört damit zu den „sozialen Akteuren“.

Konkreter sind andere Pläne: Alte und junge, eingesessene und neue Sonnenländer, alle wollen als nächstes zum 50. Geburtstag der Siedlung zusammen feiern. Es steigt ein großes Nachbarschaftsfest mit Spielen, Musik und Leckereien. Auf die Beine gestellt haben das gemeinsam mit Jürgen Wolff und seinen Kollegen vom Stadtteilprojekt die Saga, der hier fast alle Wohnungen gehören, das Kursana-Domizil, das Team vom Spielhaus, die AWO und die Bäckerei Caglar. „Es ist das erste Mal seit Langem, das alle sozialen Akteure zusammen etwas organisieren.“

Das freut Jürgen Wolff besonders, weil er glaubt, dass alle zusammen viel fürs Viertel erreichen können. Denn auch wenn es damals vielleicht schlimmer klang als es wirklich war: „Hier im Sonnenland lebt man nicht auf der Sonnenseite“, sagt Wolff. Er schätzt, dass 60 Prozent der Kinder aus Familien kommen, die von Sozialleistungen leben. Viele hätten einen Migrationshintergrund. Die meisten seien im Bereich Bildung benachteiligt. Um den Sonnenlandkindern bessere Startchancen zu verschaffen, will sich das Stadtteilprojekt künftig vor allem der außerschulischen Bildung von Jugendlichen widmen. Die Angebote für die jüngeren Kinder werden eingeschränkt – der Bedarf ist seit der Ausweitung der Ganztagsschulen nicht mehr so hoch. Für Teenager und junge Erwachsene soll es musische und künstlerische Projekte geben. Eine Filmemacherin wurde schon an Bord geholt. Sie stellt ihr Equipment zur Verfügung und dreht mit den Jugendlichen Videoclips.

Ehrgeizige Vorhaben sind es, von denen Jürgen Wolff erzählt. Es wird Rückschläge geben und nicht alle werden mitmachen, das weiß er. Aber es sind alles andere als Wolkenschlösser, die er im Sonnenland bauen will.

Text und Fotos: Beatrice Blank

50 Jahre Sonnenland: Nachbarschaftsfest, Sa, 23.8., 11–22 Uhr mit Bühnenprogramm, Essen, trinken, Livemusik und Spielen. Bewohner aller Stadtteile sind ausdrücklich eingeladen. Dieser Artikel ist auf Anregung von Hinz&Künztler Erich Heeder entstanden. Unser Artikel von 2009 zum Nachlesen im Archiv: Sorgenkind Sonnenland

Diskutieren Sie mit uns!

Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, besuchen Sie uns auf unserer Facebook-Seite oder schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@hinzundkunzt.de.