Leichte Sprache :
„Sie wollen es nicht leicht und einfach“

Lehrer Hedi Bouden möchte, dass seine Schüler:innen gut mitmachen. Er selbst steckt aber auch viel Energie in die Theaterarbeit. Foto: Dmitrij Leltschuk

Ein Lehrer in Wilhelmsburg macht mit seinen Schüler:innen
Theater über schwierige Themen:
die Shoah und das Zusammenleben von vielen Religionen.
Die Schüler:innen spielen sich selbst und lernen voneinander.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Vorwort
In diesem Text stehen ein paar schwierige Wörter.
Diese Wörter möchten wir kurz erklären.

Die Shoah:
Das Wort kommt aus der hebräischen Sprache.
Es bedeutet „das große Unglück“.
Die Shoah ist der Name für die Ermordung
von mehr als 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens.
Die deutschen Nazis haben das von 1941 bis 1945 getan.
Dieses besondere Verbrechen nennt man auch: Holocaust.

Auschwitz:
Auschwitz ist eine Stadt in dem Land Polen.
Sie heißt in der polnischen Sprache: Oświęcim.
Dort haben die Nazis drei sehr große Konzentrations-Lager
und viele kleinere Lager gebaut.
Sie haben viel mehr als 1 Million Menschen in Auschwitz ermordet.
Die meisten waren Menschen jüdischen Glaubens.
Heute sind die Lager bei Auschwitz eine Gedenk-Stätte
und ein großer Friedhof.

Konzentrations-Lager:
Ein Konzentrations-Lager ist ein sehr schlimmes Gefängnis.
Die Nazis haben von 1933 bis 1945 über 1000 Lager gebaut.
Die Nazis haben in den Lagern sehr viele Menschen eingesperrt.
Die Menschen haben dort schwer arbeiten müssen.
Viele sind dort von der Arbeit oder an Hunger gestorben.
Es gab auch Lager,
in denen die Nazis die Menschen sofort ermordet haben.
Die Lager heißen Vernichtungs-Lager.
Bei Auschwitz stand das größte Vernichtungs-Lager.

Eine Theater-Probe
Es ist Nachmittag im Helmut-Schmidt-Gymnasium in Wilhelmsburg.
Der Lehrer Hedi Bouden leitet die Theater-Gruppe der Schule.
Die Schüler:innen proben im Theater-Raum.
Sie tragen alle schwarze Kleidung und sitzen an ihren Plätzen.
Manche lesen eigene Texte vor.
Etwas Klavier-Musik spielt dazu.
Die Schülerin Christiana Yogvop aus der 11. Klasse ist jetzt dran.
Sie liest ihren Text mit klarer, fester Stimme:

„Die Tour durch Auschwitz dauerte 8 Stunden.
Am Anfang wollte ich viel wissen.
Aber nach 8 Stunden war ich müde.
Ich habe mich gefragt:
Darf ich hier an diesem Ort müde sein?“

Dann spricht die Schülerin Rajoua Mamadou aus der 10. Klasse.
Sie und ihre Gruppe waren auch in Auschwitz.
Sie haben eine Schul-Klasse mit einem Lehrer gesehen:
„Alle haben vor dem Schild Arbeit macht frei gestanden.
Das Schild ist über dem Eingang in das Lager,
wo so viele Menschen ermordet wurden.
Die ganze Klasse hat gelacht und Fotos gemacht.
Und auch der Lehrer!
So ein tolles Vorbild, nicht wahr?“
Ihre letzten Worte klingen sehr wütend.
Ihr Lehrer Hedi Bouden gibt Rajoua still ein Zeichen,
dass er ihre Sätze sehr gut findet.

Die Schüler:innen in der Theater-Gruppe sind im Frühjahr
nach Auschwitz gefahren.
Sie sprechen hier über das,
was sie auf der Fahrt und in Auschwitz erlebt haben.
Hedi Bouden sagt,
dass die Schüler:innen selbst nach Auschwitz fahren wollten.
Sie arbeiten in ihren Klassen schon länger zu deutscher Geschichte
und der Erinnerung an die Geschichte.
Deshalb wollten sie zusammen nach Auschwitz fahren.
Das Konzentrations-Lager dort steht ganz besonders
für das Verbrechen des Holocaust.

Die deutsche Geschichte ist für die meisten Schüler:innen fremd.
Aber das ist für sie ganz egal.
„Wir wachsen in Deutschland auf und leben hier.
Wir sprechen die Sprache der Mörder und Täter.
Also sollten wir auch über die Geschichte von Deutschland mehr wissen.
Denn dann versteht man das Land besser.“

Ein Blick zurück
Der Februar ist kalt in der polnischen Stadt Oświęcim.
Auf Deutsch heißt die Stadt Auschwitz.
Hedi Bouden und 12 Schüler:innen stehen
in dem alten Konzentrations-Lager Auschwitz.
Sie sind schon einige Stunden durch das Lager gegangen.
Jetzt sind viele sehr müde.
Alle hören aber genau zu,
was die Leiterin von dem Museum sagt.
„Habt ihr noch Kraft?“,
fragt Hedi Bouden die Schüler:innen.
„Mir ist kalt und die Füße tun weh“,
sagt Solina Halimi aus der 10. Klasse.
Aber sie möchte sich nicht beschweren.
Sie sind hierhergekommen,
weil sie über das Lager lernen wollen.
Die anderen finden das auch.

Die ganze Gruppe macht die große Tour durch das Lager.
Viele andere Gruppen machen die Tour an 2 Tagen.
Die Jugendlichen aus Wilhelmsburg machen die Tour an einem Tag.
„Sie wollten es selbst so“,
sagt Hedi Bouden.
„Sie wollen es nicht leicht und einfach.
Sie gehen sehr ernsthaft an die Aufgabe
und wollen viel sehen und wissen.“

Die Jugendlichen sind hier in Auschwitz eine besondere Gruppe,
weil sie eine Einwandungs-Geschichte haben.
Das heißt:
Ihre Eltern oder Groß-Eltern sind aus einem anderen Land.
Viele haben einen muslimischen Glauben.
Und sie sind natürlich genauso auch Deutsche.
Das ist schon in Deutschland oft schwierig für die Jugendlichen.
In Auschwitz ist vieles noch einmal schwerer und traurig.
Hedi Bouden hilft den Jugendlichen so gut er kann.

Saachi Khattar aus der 11. Klasse weint plötzlich sehr stark.
Sie hat die Haare von den ermordeten Menschen gesehen.
Die Nazis haben damals den Menschen alle Haare abgeschnitten.
Danach haben sie die Menschen sofort ermordet.
Die Haare sind heute in einem Raum von dem Museum in Auschwitz.
Die vielen Haare zeigen das große Verbrechen der Nazis.
Saachis Eltern gehören zu den Sikh aus dem Land Indien.
Die Sikh haben auch oft ein sehr schweres Leben gehabt.
Viele Sikh sind ermordet worden oder sind geflohen.
Haare sind für die Sikh ganz besonders wichtig.
Saachi sagt später,
dass sie die vielen Haare ganz schlimm und traurig findet.
Die Haare sind bis heute nicht bei den Menschen begraben.
Das kann sie nicht verstehen und nicht aushalten.

Hedi Bouden sagt,
dass die Jugendlichen oft weinen.
„Die Shoah und die deutsche Schuld ist ein sehr schwieriges Thema,
besonders für diese jungen Menschen.
In Deutschland hören sie immer wieder,
dass sie keine richtigen Deutschen sind.
Was also hat deutsche Geschichte mit ihnen zu tun?
Aber viele Jugendliche kommen aus Familien,
die selbst aus anderen Ländern geflohen sind.
Ihre Familien und Freunde hat man dort auch bedroht,
weil sie den falschen Glauben hatten.
Die Jugendlichen sehen in den Verbrechen von Auschwitz
auch die Geschichte ihrer eigenen Familie wieder.

Selbstbewusst sein
Viele Schüler:innen mit Einwanderungs-Geschichte
sind auf dem Helmut-Schmidt-Gymnasium in Wilhelmsburg.
Deshalb arbeitet Hedi Bouden heute an dieser Schule.
Er ist heute Lehrer und 40 Jahre alt.
Seine Eltern sind aus dem Land Tunesien gekommen.
Er kennt das Gefühl,
wenn man ausgeschlossen und nicht ernst genommen wird.
Einige Lehrer haben ihm gesagt,
dass er nicht an einer Universität lernen sollte.
Sie haben gedacht,
dass er das nicht kann.
Heute will Hedi Bouden den Jugendlichen Mut machen.
Seine Schüler:innen sollen selbstbewusst sein.
Dafür wird er alles tun.

Die Schüler:innen lieben ihren Lehrer.
Saachi Khattar traf Hedi Bouden zum ersten Mal in der 8. Klasse.
Sie fand sofort toll,
wie freundlich, hilfsbereit und aufmerksam er war.
Sie wollte dann auf jeden Fall in seine Theater-Gruppe.
Christiana Yogvop sagt,
dass Herr Bouden ganz anders als viele Lehrer:innen ist.
„Er fragt, wer wir sind.
Er fragt auch, was bei uns los ist und uns interessiert.
Wir können mit jedem Problem zu ihm kommen.
Er verlangt viel von uns,
aber er steckt auch sehr viel Kraft in alles.“

Die Theater-Gruppe
Ganz wichtig ist für Hedi Bouden die Theater-Gruppe.
Es geht ihm immer um große Themen.
Die Schüler:innen sollen gegen Vorurteile kämpfen lernen.
Sie sollen politisch denken lernen:
„Was heißt es,
dass ich deutsch bin?
Viele Deutsche denken,
die Jugendlichen sind gar nicht deutsch.
Man grenzt sie oft aus wegen ihrer Herkunft,
ihrem Aussehen oder Namen.“

Das Theater-Stück war im Frühjahr 2017 das Stück:
„Kein Deutscher Land“.
In dem Stück geht es um 3 Jugendliche,
die immer strenger und wütender auf die Welt sehen.
Die Jugendlichen werden radikal,
sie finden dann auch Gewalt gegen andere Menschen gut.
Viele Leute im Stadtteil haben über das Stück geredet.
Es gab auch Workshops und Gespräche mit Zuschauern.
Das Stück hat auch Preise und viel Lob bekommen.
Hedi Bouden und seine Theater-Gruppe haben das Stück
sogar in dem Land Israel gespielt.
Dort haben sie Yad Vashem besucht,
das ist eine wichtige Gedenk-Stätte für die Shoah in Israel.
Sie haben auch mit jungen Leuten aus Israel gearbeitet.
Sie haben zusammen 2 neue Theater-Stücke gemacht.

Hedi Bouden ist oft nach Israel gereist.
In Wilhelmsburg hat er Workshops gemacht,
mit israelischen und arabischen Jugendlichen.
Sie haben einen Film über die Workshops gemacht.
Der Film zeigt,
wie die Jugendlichen aus Deutschland und Israel sich erst nicht mögen.
Sie streiten sich miteinander und mit Hedi Bouden.
Aber sie können den Streit durch das Theater beenden.

Die Familie von Duygu Çelebi ist vor langer Zeit
aus der Türkei nach Deutschland gekommen.
Duygu ist Muslimin und trägt ein Kopf-Tuch.
Sie geht inzwischen auf die Universität.
Doch ihren Lehrer mag sie so sehr,
dass sie immer bei den Workshops von Hedi Bouden mitmacht.
Duygu war als Schülerin mit nach Israel gefahren.
Am Anfang wusste sie nicht,
wie die jüdischen Menschen in Israel ihr Kopf-Tuch finden.
„Manche in unserer Gruppe waren unsicher.
Aber diese Treffen sind doch wichtig.
So können wir Vorurteile abbauen.“

Duygu lernt manchmal für die Universität
bei den Theater-Proben an ihrer alten Schule.
Sie ist auch mit nach Auschwitz gefahren.
Heute steht sie wieder auf der Bühne und spielt Theater.
Die Theater-Gruppe arbeitet das ganze Jahr an einem neuen Stück.
Es heißt: „Architecture of Hope“,
das ist Englisch und bedeutet „Architektur der Hoffnung“.
In dem Stück geht es um die Reise nach Auschwitz.
Im September kommen wieder junge Leute aus Israel nach Hamburg.
Dann soll es wieder Workshops geben.
Es wird auch Theater-Aufführungen geben.
Hedi Bouden sagt über sein Theater-Stück:
„In allen Stücken geht es darum,
dass man ein anderer Mensch ist.
Diese anderen Menschen haben eine andere Geschichte
und sie glauben an andere Dinge.
So kann man selbst einen anderen Blick auf die Menschen lernen.
In Wilhelmsburg leben sehr viele verschiedene Menschen.
Wilhelmsburg ist ein sehr guter Ort,
an dem man einen anderen Blick auf Menschen lernt.“

Theater-Aufführungen
Das Theater-Stück „Architecture of Hope“
kann man im September sehen.
Die Tage und die Uhrzeit werden auf dieser Webseite stehen:
https://architectureofhope.jimdofree.com/events

Übersetzung in leichte Sprache: capito Hamburg

Autor:in
Yasemin Ergin
freie Journalistin

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