Bischöfin Kirsten Fehrs : „Seenotrettung gehört zu unserer DNA“

Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs (rechts) im Gespräch mit Hinz&Kunzt-Chefredakteurin Birgit Müller. Foto: Andreas Hornoff

Bischöfin Kirsten Fehrs (Nordkirche) im Gespräch über Tote im Mittelmeer, Umgang mit Flüchtlingen und private Seenotretter.

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Im Mittelmeer ertrinken Menschen, weil europäische Regierungen private Seenotrettung blockieren. Da wird richtig eine moralische Grenze überschritten. Das alles fanden wir in der Redaktion so unerträglich, dass wir die Rettung von Flüchtlingen im August zum Titelthema gemacht haben: „Lasst bitte nicht noch mehr ertrinken!“

Auch Kirsten Fehrs, die Bischöfin der Nordkirche, hat klar Stellung bezogen. „Gerade wir in Hamburg wissen doch um die Gefahren des Meeres“, hatte sie neulich gesagt. Ich hatte Redebedarf – und habe sie deswegen in der Bischofskanzlei besucht.

Seenotrettung sei für uns nicht nur Völkerrecht, „sondern auch Herzensangelegenheit“, sagte sie. „Egal ob wir religiös sind oder nicht – das gehört quasi zu unserer DNA.“ Sie ist sich sicher: „Jeder Seemann würde, selbst wenn er kritisch zur Flüchtlingspolitik steht, Schiffbrüchige retten wollen.“

Politisch schwierig ist: Es geht nicht nur um die Erstrettung der Schiffbrüchigen, sondern auch darum, wie es mit ihnen danach weitergehen soll. Das war auch das Thema bei den Flüchtlingen auf der Lifeline. „Es ist ein Gebot der Humanität und der Nächstenliebe, diese Männer, Frauen und Kinder nicht ihrem Elend zu überlassen“, sagte sie, als dem Kapitän des privaten Rettungsschiff im Juni verboten wurde, mit geretteten Flüchtlingen an Bord in einem italienischen Hafen anzulegen und weiter Menschenleben zu retten. Dem Mann wird derzeit sogar der Prozess gemacht! Irgendwie alles eine verstörende Entwicklung.

In der August-Ausgabe

Für die August-Ausgabe unseres Magazins sprachen wir auch mit dem Verband Deutscher Reeder und einem Seemannsdiakon. Für sie ist – wie auch für uns – Seenotrettung selbstverständlich. Wieso, erklären sie im Heft. Zum Inhalt.

Kirsten Fehrs hatte deshalb an die Stadt appelliert, Flüchtlinge von der Lifeline aufzunehmen. „Das hätte für Hamburg vielleicht 20 bis 50 Menschen bedeutet.“ Zumal Berlin, Schleswig-Holstein, Frankreich und Spanien auch Menschen aufnehmen wollten. „Aber es fehlte das Signal des Bundesinnenministers.“

Äußerungen von Horst Seehofer und Markus Söder – den Christsozialen aus Bayern – machen auch ihr zu schaffen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der sich unverhohlen darüber freut, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Flüchtlinge abgeschoben wurden. Söder, der erst nach heftiger Kritik das Wort „Asyltourismus“ nicht mehr verwenden will. „Das ist eine Verrohung der Sprache, die den Respekt fehlen lässt“, sagt die Bischöfin dazu. Sie mahnt: „Wir leben in einer Demokratie und dürfen und sollen unterschiedliche Positionen vertreten, aber eine Grundkultur des Gesprächs muss erhalten bleiben.“

Erschreckend findet sie, wenn Menschen nicht merken, „dass Ironie und Zynismus überhaupt nicht zu einer Situation wie der im Mittelmeer passen, wo es um Menschenleben geht.“ Gerade als Christen „müssen wir uns ganz deutlich gegen diese Unsensibilität in der Sprache stellen“. Das gelte natürlich für jeden, aber erst recht für Menschen, die wichtige öffentliche Funktionen erfüllten und einer Partei angehören, die ein C im Namen führten.

Private Seenotretter kriminalisieren? „Das geht gar nicht!“

Die Unsensibilität in der Sprache ist schlimm, dazu gehört aber die Diskussion darüber, ob man überhaupt Flüchtlinge retten soll. Nicht diskutierbar für Kirsten Fehrs: „Das Sterben von Tausenden von Menschen vor unseren Augen – das ist doch kaum auszuhalten, dabei nur zuzusehen!“ sagt sie. So gehe es vielen Menschen.

„Einige haben deshalb gesagt: ‚Ich will selbst vor Ort den Menschen helfen.‘“ Diese privaten Seenotretter jetzt zu kriminalisieren, „das geht gar nicht“, findet Kirsten Fehrs. „Für die Rettung gibt es oft nur ein kleines Zeitfenster, wenn man das nicht nutzt, sind wieder Menschen ertrunken.“ Zumal die Schiffe der privaten Helfer besser zur Rettung geeignet sind als große Handelsschiffe mit hohen Bordwänden.

„Die derzeitige Abschottungspolitik sehe ich mit Sorge.“– Kirsten Fehrs

Politisch setzt sie sich für die gerechte Verteilung von Flüchtlingen innerhalb Europas ein. „Die derzeitige Abschottungspolitik sehe ich mit Sorge: Immer nur die Grenze zu markieren, immer nur als Land damit beschäftigt zu sein, wie man die Leute wegbringt oder abhält, anstatt zu überlegen, wie man die Flüchtlingssituation bewältigen kann.“

Man dürfe nicht alles Italien, Malta, Spanien und Griechenland überlassen. „Auch Länder, die keine EU-Außengrenzen haben und deshalb in einer Komfortzone leben, müssen mehr Verantwortung übernehmen. Das wird uns als EU schon nicht ans Hungertuch bringen, wenn die Verantwortung geteilt wird.“

Damit spricht sie mir aus dem Herzen.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Birgit Müller
Birgit Müller hat 1993 Hinz&Kunzt mitgegründet. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.

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