Verkäuferportrait : Rolf, der Schweigsame

Zum Jahresabschluss stellen wir einige unserer etwa 550 Verkäufer vor. Heute können Sie die Geschichte von Rolf lesen: Der 52-Jährige verkauft Hinz&Kunzt am Jungfernstieg.

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Rolf verkauft am Jungfernstieg. (Foto: Mauricio Bustamante)

Seit Anfang April hat Rolf ein Dach über dem Kopf. Eine richtige eigene Wohnung. Für den 52-Jährigen ein großer Schritt. Mehr als zehn Jahre lebte der Hinz&Künztler auf der Straße. Immer wieder suchte er Zuflucht in Männerwohnheimen, Hotels und anderen Unterkünften der Stadt. Ansonsten schlief er alleine irgendwo auf Hamburgs Straßen. Eine eigene Wohnung war lange kein Thema für ihn. Als vor ein paar Wochen ein Wohnungsangebot für ihn eintrudelte, hat er aber doch zugeschlagen. Warum? „Wird langsam Zeit. Ich werde ja älter jetzt“, sagt Rolf.

Ich selbst kann mich nicht erinnern, wann mir Rolf das erste Mal aufgefallen ist. Mehr als zwei Jahre arbeite ich inzwischen bei Hinz&Kunzt. Rolf war schon immer da. Miteinander geredet haben wir nie. Jeden Vormittag bahnt sich der große Mann mit der etwas steifen und ungelenken Art seinen Weg zum Verkaufstresen. Er kauft ein paar Zeitungen, holt sich einen Kaffee und setzt sich auf einen der Hocker neben dem Eingang. Mit sehr aufrechter Haltung, so als wolle er gleich wieder aufspringen und gehen. Dabei ist Rolf die Ruhe in Person. Während um ihn herum geschäftiges Treiben herrscht, trinkt er seinen Kaffee und schweigt. Lediglich ein paar alteingesessene Verkäufer bekommen ein brummeliges „Hallo“ zu hören. Mehr als 20 Jahre ist Rolf jetzt bei Hinz&Kunzt. Doch irgendwann in den vergangenen Monaten kam der Umschwung. Ausschlaggebend war wohl auch der Tod unseres langjährigen Verkäufers Gerhard Kemme. Gerhard lebte bis zu seinem Tod auf der Straße. „Wenn ich auf der Straße bleibe, dann ist irgendwann Schluss“, dachte sich Rolf. „Aber ein paar Jährchen will ich noch leben.“

Rolf nahm plötzlich sein Leben in die Hand. Nach nicht einmal vier Wochen hatte er seine Papiere beisammen. Krankenversicherung. ALG-II-Antrag. Alles selbst organisiert. Und er redet. Über sich. Wenn auch zögerlich. „Ich bin ein schweigsamer Typ, hab niemanden an mich rangelassen“, sagt Rolf, um dann doch damit herauszurücken, dass er in Bremen aufwuchs, Schriftsetzer lernte. „Habe da aber keine Bekannten oder Geschwister mehr. Auch meine Eltern sind tot.“ Was lief schief ? Warum landete er auf der Straße? „Durch Alkohol“, sagt Rolf. „Wohnung verloren, keine Miete bezahlt. Das Übliche.“ Eine simple Erklärung. Aber Rolf sagt: „Hatte keinen Bock, irgendwas zu machen.“

Jetzt, mit 52 Jahren, will Rolf es noch einmal wissen. Er wird seine Wohnung selbst einrichten, einkaufen gehen und sich um den Haushalt kümmern. „Wenn du auf einmal wieder davor stehst, ist es erst ein komisches Gefühl“, sagt Rolf. „Plötzlich macht es aber klick und dann geht es auch. Wenn ich will, verstehst du, dann geht es auch.“

Rolf hat schon einmal so richtig gewollt. Das war vor sechs, sieben Jahren. Da hörte er einfach mit dem Trinken auf. Von einem Tag auf den anderen. Ohne fremde Hilfe. „Mir ging es körperlich nicht mehr so gut. Und ich dachte, wenn ich weiter trinke, dann ist es irgendwann vorbei“, sagt Rolf lakonisch, so als sei es das Einfachste von der Welt, seine Sucht hinter sich zu lassen.

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