INSP Verkäuferwoche : Paul, Portland

Paul Ortiz hat Drogen und Kriminalität hinter sich gelassen. Jetzt verdient er seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf des Straßenmagazins „Street Roots“ auf den Bürgersteigen von Portland. Das zweite Portrait im Rahmen der Verkäuferwoche des Straßenzeitungsnetzwerks INSP.

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Paul hat nicht viel, aber wenn er etwas übrig hat, teilt er gerne mit anderen.

Es ist ein eiskalter Dezembernachmittag. Paul Ortiz geht von den Imbissständen der Southwest Third Avenue und der Stark Street zurück zum Büro von „Street Roots“. Dort schaut er nach seiner Post und holt sich mehr Zeitungen. Paul macht große Schritte, trägt aber seinen Kopf weit oben, um sich einen guten Überblick über die Third Avenue zu verschaffen. Die ist voller Urlaubseinkäufer, Touristen, Straßenkinder und feuchtem, vom Wind verwehten Schutt. Paul hat ein freundliches, offenes Gesicht. Er scheint jeden zu kennen, an dem wir vorbeikommen.

Einem älteren Mann raunt er ein fröhliches „Wie geht’s?“ zu. Der lächelt einfach zurück. Paul grüßt einen Bettler, der auf einem Stück Pappe vor einem Pornokino sitzt, und einen stämmigen jungen Mann, der nur ein T-Shirt trägt. Die beiden bleiben stehen und tauschen eine Minute lang Neuigkeiten aus. Paul erklärt, was er mit dem Stapel Zeitungen vorhat. Er sagt ihm, wann die Einführungsveranstaltungen für neue Verkäufer stattfinden. Dann geht er wieder seines Wegs.

Seit vergangenem August verkauft Paul „Street Roots“. Mittlerweile ist er von seinem Platz vor den Imbissständen bei „Cameron’s Books“ nicht mehr wegzudenken. Das Geld, das er dabei verdient, gibt er für das Nötigste aus. Dazu hilft er seiner Freundin, ihre Rechnungen zu bezahlen. Seine Art die Zeitung zu verkaufen ist gleichzeitig unauffällig und sichtbar: Er hält die Magazine einfach heraus und sagt „Die beste Zeitung der Stadt, für einen Dollar“, wenn jemand vorbeikommt.

Der Schlüssel, sagt er, ist Tag für Tag am selben Platz zu stehen, so dass die Leute wissen, dass er es mit seiner Arbeit ernst meint. Alle Arten von Menschen kommen an seinem Stammplatz vorbei – manche sind eiskalt oder hochnäsig, andere bemerkenswert freundlich. Erst gestern war ein älterer Mann vorbeigekommen und hatte ihm einfach einen Fünf-Dollar-Schein in die Hand gedrückt. „Das müssen sie nicht tun“, hatte Paul überrascht gesagt. „Muss ich doch“, hatte der Mann geantwortet. „Gott hat es mir befohlen.“

INSP Verkäuferwoche

In der Verkäuferwoche des internationalen Straßenzeitungsnetzwerks INSP stellen wir jede Woche einen Verkäufer aus einem anderen Land vor. Hier geht’s zu den anderen Portraits.
Als er diese Geschichte erzählt, lächelt Paul. Er akzeptiert andere Menschen, wie sie sind. Das hat auch damit zu tun, dass er in seinem Leben auf der Straße sowohl die wohltätige als auch die grausame Seite der Menschheit kennengelernt hat. Wenn ein potenzieller Kunde ihm die kalte Schulter zeigt oder etwas Gemeines sagt, zuckt er die Schultern und geht wieder an die Arbeit. Schließlich kommt bald der nächste Kunde. Eine Sache, die ihn wurmt, ist Diebstahl – wenn jemand anderen etwas nimmt, wofür sie hart gearbeitet haben.

Das war aber nicht immer Pauls Einstellung. Er hat seine eigene Geschichte von Drogen und Kriminalität, die aber lange zurückliegt. Paul hatte in Kalifornien gelebt. Dann fand er einen halbwegs festen Job: Er reiste mit einer Kirmes durch Kalifornien und das südliche Oregon und half dabei, Buden, Bühnen und Karussells aufzubauen. Dieser Job führte ihn auch nach Salem. Dort kündigte er und ließ sich für ein paar Jahre nieder. Er heiratete, ließ sich wieder scheiden und entschied sich, nach Portland zu gehen.

Er fuhr mit dem Fahrrad das Willamette Valley hinauf. Als er das Ortsschild von Tigard sah, bog er ab. In Portland schaffte er es, ganz von den Drogen wegzukommen. Er fing an, „Street Roots“ zu verkaufen und fand so einen Weg, um Geld zu verdienen. So konnte er auch Kontakte knüpfen und fand neue Freunde. Jetzt besucht er in den Büros des Straßenmagazins auch einen Schreibkurs und nimmt sich Zeit, um Kollegen zu treffen.

Während wir zum Büro zurückgehen, wird auch klar, dass er die anderen Menschen auf der Straße kennt und sich Gedanken um sie macht. „Ich gebe was ich kann“, sagt er. „Wenn ich mehr habe als ich brauche, gibt es da draußen immer viele Menschen, denen ich damit helfen kann.“

Text und Foto: Sam Bouman (www.street-papers.org / Street Roots – USA)

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