Umweltzerstörung : Nomaden am Rande Europas

Zweieinhalb Wochen lebte Fotograf Dmitrij Leltschuk zusammen mit einer Familie von Rentierzüchtern in den Weiten der russischen Arktis. Seine eindrucksvollen Bilder sind jetzt im Museum der Arbeit zu sehen. Sie zeigen das traditionelle Leben dieser Menschen, das durch Umweltzerstörung bedroht ist.

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Rund drei Tage lagern die Komi an einem Standort. Danach haben die Rentiere die Tundra in der Umgebung abgeweidet und die Züchter ziehen weiter.

Es ist nicht einfach, die Komi-Ischemzen aufzuspüren. Das Volk von Rentierzüchtern lebt in den Weiten der russischen Arktis. Dort, wo längst keine Straßen mehr hinführen und nur noch karge Tundra den Boden bedeckt.

Zu den Komi finden nur Hubschrauber. Vorausgesetzt, Regen und Wind spielen mit – und der Pilot weiß, wo eine Familie gerade ihre Spitzjurte, den Tschum, aufgeschlagen hat. Denn die Komi leben nomadisch, verdienen ihr Geld allein mit dem Fleisch, den Fellen und Geweihen ihrer rund 3000 Tiere zählenden Herden. Sie ziehen ständig weiter; immer dann, wenn die Rentiere die karge Vegetation im Umkreis abgeweidet haben.

Fotograf Dmitrij Leltschuk ist trotzdem in den äußersten Nordosten Europas gereist. In der Tasche den Plan, das traditionelle Leben der Komi zu dokumentieren – mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Ein Vorhaben, für das der gebürtige Weißrusse 2014 den Greenpeace Foto Award gewann. Denn die Rentierzüchter sind in ihrer Existenz bedroht. Der Grund: Im Boden der Tundra lagern reiche Erdölvorkommen – ein Schatz, den Russland heben will.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace prangert seit Jahren die häufigen Ölunfälle in der Region an und macht auf die Deponierung von Ölschlamm und Industrieschrott in der Natur aufmerksam. „Überall wird nach Erdöl gebohrt“, bestätigt Dmitrij Leltschuk. Ist eine Bohrung abgeschlossen, bleibt der Müll in der Landschaft zurück. Er bleibt offen liegen, sodass sich die Rentiere daran verletzen und verenden, oder er wird oberflächlich mit Sand zugeschüttet. In der Tundra ist der Boden im Sommer nass und federnd. Beim Gehen sackt man mit dem Stiefel ein, erzählt der Fotograf. Zieht man ihn heraus, müssten Wasser und Schlamm an ihm kleben. Doch an vielen Stellen bleibe Erdöl am Schuh zurück. Noch schlimmer sei Masut, eine schwarze, zähflüssige Masse, die bei der Erdölverarbeitung übrig bleibt. Sie bedeckt den Boden und verseucht Flüsse und Seen, aus denen Mensch und Tier trinken. So wird die Einsamkeit der dünn besiedelten Region zu ihrem Fluch: Wo keiner hinschaut, gibt es keine Klagen.

Umso wichtiger sind die Bilder von Dmitrij Leltschuk, die jetzt in der Ausstellung „Bis zum letzten Tropfen“ im Museum der Arbeit zu sehen sind. Zweieinhalb Wochen lang lebte und arbeitete der 40-Jährige zusammen mit einer Hirtenfamilie. Entstanden sind Fotos, die die direkten Auswirkungen der Umweltsünden auf das Leben der Komi sichtbar machen. Sie zeigen aber auch ihre Genügsamkeit, die harte körperliche Arbeit bei Wind und Wetter und ihre große Gastfreundschaft.

„Das Essen war prächtig!“, schwärmt Leltschuk. Da es keinen Kühlschrank gibt, stehen die von den Frauen zubereiteten Mahlzeiten rund um die Uhr auf dem Tisch. Die Männer kümmern sich um die Rentiere, sind stundenlang unterwegs zu deren Weiden, um zu impfen, zu schlachten oder die Geweihe für den Verkauf nach China zu „ernten“. Zusammen mit den sieben Familienmitgliedern schlief Leltschuk im engen Tschum. Nachts bekam er Felle zum Zudecken und tagsüber schwere Kleidung von den Komi, da seine Hightech-Ausrüstung dem rauen Klima nicht standhielt. Alle zwei bis drei Tage half der Fotograf, den Tschum auf 20 Rentierschlitten zu verladen – die Familie zog weiter zu neuen Weidegründen.

Die schwere körperliche Arbeit, die Weite des Landes und das Leben im Einklang mit der Natur haben ihm gut getan, so Dmitrij Leltschuk. Was ist wichtig im Leben, was nicht? „Das tiefe Gespür dafür trägt eigentlich jeder in sich.“ Wieder darauf zu hören, lerne man bei den Komi-Ischemzen. Auch wenn der Lernprozess manchmal gewöhnungsbedürftig sei: Eines Tages fragte Dmitrij, welche Strecke heute zur Herde zurückzulegen sei. Nur drei Kilometer sollten es sein. Nach stundenlanger Schlittenfahrt stöhnte der erschöpfte Fotograf: „Das sollen drei Kilometer gewesen sein?“ Die Antwort: „Es waren eben drei komische Kilometer.“

Text: Annette Woywode
Foto: Dmitrij Leltschuk

Bis zum letzten Tropfen – Der Greenpeace Photo Award, Ausstellung im Museum der Arbeit bis zum 24.7., Gezeigt werden Bilder der drei Preisträger Dmitrij Leltschuk, Manuel Bauer und Uwe H. Martin, Wiesendamm 3, Mo, 13–21 Uhr, Di–Sa, 10–17 Uhr, So und feiertags 10–18 Uhr, 7,50/4,50 Euro, unter 18 Jahre frei

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