Nachtasyl auf dem Gebetsteppich

Flüchtlingen, die auf dem Weg nach Skandinavien in Hamburg Station machen, bietet die Al-Nour Moschee eine sichere Zuflucht für eine Nacht. Für die Gemeinde ist das selbstverständlich – und ein Kraftakt, der nur durch Spenden möglich wird.

(aus Hinz&Kunzt 275/Januar 2016)

Die ersten Gäste der Nacht schlafen schon. Ihre Schuhe haben sie ins Regal gestellt, ihre Kleider unter den Wolldecken anbehalten. Es riecht nach Schweiß und abgestandenem Atem. Einer schnarcht, einige husten, Neonlicht scheint grell von der niedrigen Decke. Aber der Teppich im Gebetsraum ist weich und sauber. Und hier ist noch Platz, rund 300 Menschen können dazukommen. Die Nacht in der Al-Nour Moschee hat gerade erst begonnen.

Steckdosen – danach fragen die Flüchtlinge zuerst, erzählt Abdellah Benhammou. Nacht für Nacht nimmt der breitschultrige Mann aus Marokko die Durchreisenden in Empfang, die von Helfern vom Hauptbahnhof zur Moschee begleitet werden. Alle wollen ihr Handy aufladen. Doch es gibt nur noch zwei Steckdosen, die funktionieren. „Das ist dieser Hochbetrieb: rein, raus, rein, raus. Der Flüchtlingsbeauftragte der Al-Nour Gemeinde hat sich daran gewöhnt, oft nur das Nötigste geben zu können: Wasser zum Waschen, Trinken und Essen und einen Schlafplatz auf dem Teppich.

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Nasratullah (Dritter von rechts) und seine Gruppe aus Afghanistan übernachten in der Moschee, betreut vom Flüchtlings beauftragten Abdellah Benhammou (vorn rechts).

Die meisten, die in der Moschee in St. Georg stranden, kommen aus Syrien oder Afghanistan, sagt der 48-Jährige. Auf dem Weg nach Skandinavien ist Hamburg für sie eine Zwischenstation. Seit rund drei Monaten sind es meist junge Männer. Die flüchtenden Familien seien weniger geworden: „Das sind jetzt die Nachzügler – Jugendliche, die eigentlich in der Heimat bleiben wollten.“ Die meisten sind Muslime, aber auch Christen oder Menschen ohne Glauben finden in der Moschee Schutz. Der Flüchtlingsbeauftragte sieht es pragmatisch: „Wir bieten einen Raum zum Schlafen.“ Für eine Nacht, manchmal zwei. Dann geht die Flucht weiter.

Wohin? Nasratullah zuckt die Schultern. Seine Augen sind rot vor Müdigkeit. Nasratullah ist 22 Jahre alt, verheiratet, Vater von drei Kindern. Und ehemaliger Soldat in der afghanischen Armee. „Special force“, sagt er. Er legt Wert darauf, dass die Deutschen verstehen, was das heißt: Die Spezialeinheiten kämpfen an der Seite der NATO-Truppen gegen die Taliban. Auch sein Bruder und sein Vater waren dabei. Auf seinem Handy zeigt er Fotos von ihnen in Uniform. Alle drei lächeln. Trotzdem ist Nasratullah jetzt kein Soldat mehr. Er will nie wieder kämpfen, sagt er auf Farsi. Sein Wegbegleiter Sharif, der fünf Sprachen spricht, übersetzt: „Stell dir vor, die Taliban holen sich meinen Cousin. Ich bin in der Armee. Dann muss ich auf ihn schießen.“

Deshalb ist Nasratullah geflohen, gemeinsam mit anderen, die mit ihm in der Al-Nour Moschee übernachten. Zwei Monate lang waren sie unterwegs: über Iran, Türkei, Bulgarien, Serbien, Kroatien, Österreich nach Deutschland. „Vom Iran in die Türkei sind wir drei Tage und drei Nächte gelaufen“, erzählt Sharif. „Von der Türkei nach Bulgarien fünf Tage und fünf Nächte durch die Berge.“ In Bulgarien sei es am schlimmsten gewesen. „Sie lassen Hunde auf dich los, nehmen dein Geld und dein Telefon, einfach alles.“ Nasratullah hat sein Telefon noch. Auf einem Foto auf dem Handy hält er seine beiden Söhne und seine Tochter im Arm. Seit zwei Monaten hat er sie nicht mehr gesprochen.

Auf der Reise vom Unerträglichen ins Ungewisse ist die Al-Nour Moschee ein Rastplatz geworden. Jede Information kann entscheidend sein für den weiteren Weg, Erlebnisse, Erkenntnisse und Halbwissen werden weitergegeben. Alle haben mehr Fragen als Antworten, auch Abdellah Benhammou kann nicht allen weiterhelfen. Während die Männer aus Afghanistan erzählen, spricht er mit einem syrischen Paar. Die Kinder der beiden sind auf der Flucht verschollen, nun gibt es einen Hoffnungsschimmer: Auf Facebook fanden sie ein Video aus Italien, in dem sie ihren Sohn zu erkennen glauben. „Wollt ihr wirklich dahin fahren?“, fragt Abdellah Benhammou. Geld haben sie nicht, auch die Gemeinde kann ihnen keines geben. Doch die Eltern sind fest entschlossen. „Zu 80 Prozent Wahrscheinlichkeit ist er es“, sagt der Vater.

Ob die beiden tatsächlich abreisen, bekommt der Flüchtlingsbeauftragte nicht mehr mit. Seit die Moschee jede Nacht rund 400 Menschen beherbergt, wechseln sich die Helfer ab. Etwa fünf Gemeindemitglieder pro Schicht kümmern sich um die Flüchtenden. Alle tun das ehrenamtlich, sagt Abdellah Benhammou. Unterstützt wird die Moschee von Familien, die Spenden sammeln und Essen kochen, und von den umliegenden Restaurants. Zudem hat der Paritätische Wohlfahrtsverband eine Mülltonne bereitgestellt, die täglich geleert wird. Sachspenden machen die Hilfe erst möglich, sagt der Flüchtlingsbeauftragte.

„Mosque is safe“, sagt Sharif. Die Moschee ist sicher. „Es ist einfach ein Ort, an dem man sich wohlfühlt“, meint Abdellah Benhammou. „Moscheen waren immer Zufluchtsorte.“ Dennoch muss er dafür sorgen, dass der Gebetsraum pünktlich um 6.39 Uhr wieder als solcher genutzt werden kann. Helfer wecken die Schlafenden in den ersten Reihen, damit sie sich vor dem Frühgebet waschen oder zumindest einen schmalen Korridor frei machen für die Gemeindemitglieder. Bis 9 Uhr können die Flüchtenden weiterschlafen, bevor sie aufbrechen zur nächsten Etappe. Danach rückt die letzte Schicht der Helfer mit Staubsauger und Raumspray an und lüftet die Räume. „Dann arbeiten wir daran, dass die Moschee wieder zu einer Moschee wird.“

Text: Annabel Trautwein
Foto: Dmitrij Leltschuk

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