Flaschensammler : „Hauptsache, man hängt nicht in der Wohnung rum“

Über Jahre hat Sebastian J. Moser für seine Doktorarbeit Pfandsammler bei ihrer Arbeit begleitet und beobachtet. Seine Ergebnisse: Die Sammler sind nicht nur arm, sie leiden zudem an Einsamkeit. Und mit dem Pfandsammeln bringen sie Struktur in ihr Leben.

(aus Hinz&Kunzt 259/September 2014)

Abends verlässt Thomas seine Wohnung, um Pfandflaschen zu sammeln. Der 46-Jährige bezieht Hartz IV. Mit dem Sammeln verdient er sich etwas dazu: ein echter „Knochenjob“. Aber immerhin „hängt man nicht in der Wohnung rum“. Das erzählte er dem Soziologen Sebastian J. Moser im Gespräch für dessen Doktorarbeit über Pfandsammler.

Moser wollte spüren, ob Sammeln wirklich so anstrengend ist: Einen halben Tag lang, in jeder Hand eine Plastiktüte voller Glasflaschen, lief der Soziologe durch die Innenstadt. „Am Ende habe ich mir gedacht: Das ist ja richtig schwer“, erinnert sich der 34-Jährige.

Ein Job, bei dem einem alle zusehen: Pfandflaschen sammeln.
Ein Job, bei dem einem alle zusehen: Pfandflaschen sammeln.

Durch eigenes Erleben hat Moser versucht, seinem Forschungsthema Pfandsammeln nahezukommen. Ansonsten basiert seine Arbeit auf Beobachtungen und Gesprächen mit Pfandsammlern, die Moser über Jahre aufgezeichnet hat. Dabei hätte er anfänglich Schwierigkeiten gehabt, überhaupt Kontakt zu den Sammlern aufzunehmen. Das kann auch an seinem Auftreten gelegen haben. „Lange Haare, Bart, und zu der Zeit habe ich immer einen schwarzen Mantel getragen“, sagt Moser und schmunzelt. „Das hat sicher nicht immer geholfen.“ Trotzdem ist er über die Jahre mit zahlreichen Sammlern ins Gespräch gekommen. Moser kommt dabei zu dem Schluss, dass nicht nur aus finanziellen Gründen Pfand gesammelt wird.

Vielmehr leiden Pfandsammler an Einsamkeit. Mosers zentrale Annahme, die er mit seiner Untersuchung bestätigt sieht. „Es gibt unter den Sammlern Menschen, die es finanziell nicht nötig haben, Pfand zu sammeln“, führt Moser aus. Ihr Problem sei die soziale Vereinsamung.

Durch das Pfandsammeln erhoffen sich die Menschen wieder Wertschätzung, glaubt Moser. Das Pfandsammeln kann als Ersatzarbeit verstanden werden. In unserer Gesellschaft zähle nur derjenige, der eine Lohnarbeit hat, so Moser. Und wer arbeitslos ist oder bei der Arbeit keine Erfüllung finde, der greife eben zu anderen Mitteln. Durch ihre Arbeit wollen sich Pfand­sammler wieder der Gesellschaft zugehörig fühlen. Denn sie erhalten nicht nur einen „Lohn“. Vor allem strukturiert die Tätigkeit ihren Alltag, der ihnen sonst unter den Händen zerrinnt. Und nicht zu vergessen: Beim Sammeln verlassen die Menschen wieder ihre ­eigenen vier Wände.

„Die Hand in den Müll zu stecken, ist nicht das Problem.“

Wie Moser so intensiv die Tätigkeit der Pfandsammler als Arbeit tituliert, klingt es manchmal verharmlosend. Aber den Vorwurf der Schönmalerei will der Soziologe nicht durchgehen lassen. Selbstverständlich sei die zunehmende Armut in Deutschland ein Pro-blem. Dass heutzutage Pfandsammler zum Stadtbild gehören, sei eine der Folgen. In ihrer Not würde aber den Armen auch das Pfandsammeln nicht wirklich weiterhelfen. Moser hat errechnet, dass ein Sammler gerade einmal 100 bis 150 Euro im Monat erwirtschaftet. Das Bild des gut verdienenden Pfandsammlers hält er für einen Mythos.

Soziologe Sebastian J. Moser
Soziologe Sebastian J. Moser

Dass sich die Sammler schämen, ist für den Soziologen ein weiteres, weit verbreitetes Vorurteil. Deswegen kritisiert Moser auch Kampagnen wie „Pfand gehört daneben“. „Das Problem dieser Menschen ist, wenn überhaupt, dass sie keine Sozialkontakte haben“, da ist sich Moser sicher. „Die Hand in den Müll zu stecken, ist nicht das Problem“, sagt er bestimmt. Berührungsängste hatte vielmehr Sebastian J. Moser. Einfach die Leute ansprechen, sie bei ihrer Arbeit zu unterbrechen, das sei ihm anfänglich dann doch schwergefallen. Wenn jedoch einmal das Eis gebrochen war, dann habe er sich zum Beispiel mit Sammlern wie Thomas zusammengesetzt und über Privates geredet.

„Einige Menschen sind mir richtig ans Herz gewachsen“, sagt Moser rückblickend. Die Gelegenheit für einen weiteren Talk hat der Soziologe am 17. September mit dem Hinz&Künztler Torsten Meiners. Dann werden sich Forscher und Sammler über das Pfandsammeln austauschen.

Text: Jonas Füllner
Fotos: Mara Klein, Mauricio Bustamante

Sebastian J. Moser: Pfandsammler. Erkundungen einer urbanen Sozialfigur. Hamburger Edition 2014. 269 Seiten, 22 Euro.

Sebastian J. Moser und Hinz&Künztler Torsten Meiners im Gespräch über „Pfandsammler – Menschen in der Großstadt“. Moderiert von Berthold Vogel. Die Veranstaltung findet statt in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und Hinz&Kunzt. Mi, 17.9., 19 Uhr, Hamburger Institut für Sozialforschung, Mittelweg 36, Eintritt frei

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