Momentaufnahme : „Schiffe sind mein zweites Zuhause“

Ion, 50, verkauft Hinz&Kunzt vor Edeka in der Osterstraße.

(aus Hinz&Kunzt 273/Februar 2015)

Ion
Die Trennung von seiner Frau hat den gelernten Schiffsmaschinisten Ion aus der Bahn geworfen.

Seit Mitte Dezember ist Ion stolzer Besitzer eines Gabelstaplerscheins. Beim Jobcenter habe er sich um die Weiterbildung bemüht, erzählt der Hinz&Künztler. Nach langem Bitten und Betteln erhielt er den Zuschlag. Eine Festanstellung hat der gebürtige Rumäne aber noch nicht gefunden. „Ich bin fit und ich habe viele Qualifikationen“, sagt Ion, der im vergangenen Jahr 50 Jahre alt wurde.

Und dann erzählt er von seinem Traum: „Ich will zurück aufs Wasser. Schiffe sind mein zweites Zuhause“, sagt der gelernte Maschinist. Viele viele Jahre hat er in der Binnenschifffahrt gearbeitet und auf Booten gelebt und geschlafen. „Ich kenne alle Flüsse. Rhein, Mosel, Donau, Oder und viele andere“, „Schiffe sind mein zweites Zuhause“, sagt Ion und strahlt dabei über das ganze Gesicht.

Es waren gute Jahre damals für ihn: Die Arbeit machte Spaß und Ion war glücklich verliebt. 1992 wurde dann auch sein Sohn geboren. Nur beruflich wurde es allmählich schwieriger. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wechselten Schiffe häufig ihren Besitzer. Und längst nicht alle Reedereien, bei denen Ion landete, hatten eine weiße Weste. So musste er, der vor allem Benzin verschiffte, sogar das serbische Regime von Slobodan Miloševic beliefern. Damals durchbrachen russische Unternehmen gezielt das verhängte Embargo. Aus seinen Erzählungen kann man heraushören, dass er die Fahrten längst nicht mehr freiwillig antrat. „Mir wurde gedroht, in meinem Beruf war damals viel Mafia dabei“, sagt er.

Richtig schlimm wurde es 1997 in der Ukraine. Sein Schiff wurde festgesetzt. „Aus politischen Gründen“, sagt Ion. Die Mannschaft machte sich aus dem Staub. Ion blieb ein Jahr und drei Monate alleine auf dem Boot. „Ich konnte das Schiff ja nicht alleinelassen“, sagt Ion. Ob er Angst gehabt habe? Ion schüttelt fast gleichgültig den Kopf. Geschockt war der kräftig gebaute Mann erst, als er nach Hause zurückkehrte. Seine Frau hatte zwischenzeitlich einen anderen Mann kennengelernt. Ion ließ sich scheiden.

Damals suchte er sich erstmals Arbeit bei einer deutschen Reederei. Er fing an, die Sprache zu lernen und kehrte nur noch selten zurück in die Heimat. Wegen des Sohnes hätten er und seine Ex-Frau aber noch einmal zusammengefunden, sagt Ion. Ein Fehler, da ist er sich inzwischen sicher. Denn vor drei Jahren zerbrach die Beziehung endgültig. „Meine Psyche hat das nicht mehr verkraftet“, sagt Ion leise und blickt verstohlen auf den Boden. Zudem stand er plötzlich ohne Geld da. Denn seinen Verdienst hatte er bis dahin bei seinen Besuchen stets zu Hause abgeliefert, erzählt Ion. Und ohne Ehevertrag hatte er keine rechtliche Handhabe.

Damals, 2012, kehrte Ion Rumänien endgültig den Rücken. In Hamburg fand er eine winzige Wohnung. Die hat ihm ein ehemaliger Kapitän vermittelt. Und er begann Hinz&Kunzt zu verkaufen, um sich über Wasser zu halten. „Der Zeitungsverkauf hat mir wieder Halt verliehen“, sagt Ion, der sich inzwischen wieder gefestigt fühlt. Seitdem zieht es ihn zurück aufs Wasser. Vor allem aber will er wieder arbeiten. Und dabei, so hofft er, hilft ihm vielleicht auch sein neuer Gabelstaplerschein.

Text: Jonas Füllner
Foto: Mauricio Bustamante

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