Momentaufnahme : „Ich konnte nicht an einem Ort bleiben“

Harald, 58, verkauft am S-Bahnhof Bergedorf.

(aus Hinz&Kunzt 257/Juli 2014)

Aus der ersten Ehe hat er einen Sohn, aus der zweiten fünf Töchter. Zu allen Kindern hat er einen guten Kontakt.
Aus der ersten Ehe hat er einen Sohn, aus der zweiten fünf Töchter. Zu allen Kindern hat er einen guten Kontakt.

„Unkraut vergeht nicht“, sagt Harald und lacht. Der 58-Jährige sieht ein wenig aus wie ein Pirat, der beim Landgang beschlossen hat, es mal bürgerlich zu versuchen. Eine Verletzung hat sein linkes Auge erblinden lassen, wegen eines Hüftschadens geht er am Stock. Doch der drahtige, zähe Mann aus dem Ruhrgebiet hält nichts vom Jammern. „Ich fühle mich fit“, erklärt er und ist stolz darauf, dass er schon seit Jahrzehnten sein Gewicht hält. „Dabei kann ich essen, was ich will!“

Disziplin hat Harald als Soldat gelernt. „Man muss sich an die Regeln halten, sonst läuft nix“, weiß er aus Erfahrung. Eine leichte Lektion war das nicht. „Ich komme nach meinem richtigen Vater, der hat es nie irgendwo lange ausgehalten“, erzählt er. Ein Vagabund sei der Binnenschiffer gewesen, „der wollte die Welt sehen“. Das wollte Harald auch. Nach einer Ausbildung als Kfz-Mechaniker geht er zwei Jahre zum Bund, „das war eine gute Zeit“. Seine erste, sehr früh geschlossene Ehe scheitert, „wir waren beide zu unselbstständig“. Harald haut ab, nach Frankreich. „Ich konnte nicht an einem Ort bleiben“, sagt er schlicht.

Mit Gelegenheitsjobs schlägt er sich durch, „Weinlese und so“. Sprachbegabt sei er, Französisch, Spanisch, Portugiesisch spricht er und heuert als Soldat bei der Legion an. Bei diesem Thema wird er wortkarg. „Ich war ein dummer Junge damals“, findet er im Rückblick. „So würde ich es nicht mehr machen.“

Aus der ersten Ehe hat Harald einen Sohn, aus der zweiten mit seiner französischen Frau fünf erwachsene Töchter, zu allen hat er guten Kontakt. Auch die zweite Ehe scheitert. „Wir haben uns im Guten getrennt. Wir hatten uns nichts mehr zu geben, und Stress kann ich nicht gebrauchen“, sagt er und in seinem Lachen scheint kurz der Draufgänger durch, der er mal war.

Als der Körper nicht mehr will, kommt er 1997 zurück nach Deutschland und landet schließlich in Hamburg. Nun bekommt er eine Mini-Rente, von der er nicht leben kann. Und zu Hause nur rumsitzen kann er auch nicht. Deshalb verkauft er seit rund drei Jahren Hinz&Kunzt am Bergedorfer S-Bahnhof, ganz in der Nähe seiner kleinen Wohnung. Zuerst hatte er Hemmungen, „weil die Leute so gucken“, aber weil es gut lief und die Leute nett sind, blieb er dabei. Was er sich für die Zukunft wünscht? „Eine neue Liebe, was fürs Herz“, sagt er. Und da ist es wieder, das Piratenlächeln.

Hinz&Kunzt: Wie willst du in fünf Jahren leben?
Harald: Ich hätte gern ein Häuschen mit Garten im Grünen. Aber die Geschäfte sollen nicht so weit weg sein. Maximal fünf Kilometer.

Text: Misha Leuschen
Foto: Mauricio Bustamante

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