Brückenbewohner : Mitten unter uns: Aleksander

Aleksander wohnt in einer 1-a-Lage, direkt am Fischmarkt. Er ist einer von schätzungsweise mehr als 2000 Obdachlosen in Hamburg. Wer sind die Menschen, die in unserer Stadt unter Brücken leben? Die Fotografin Lena Maja Wöhler hat einige von ihnen getroffen. 

(aus Hinz&Kunzt 273/November 2015)

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Zwei Betten, Stühle, Radio, ein kleines Schränkchen und ein gemaltes Bild – das Zuhause von Aleksander gleicht in seiner Großzügigkeit einem Loft und doch liegt es nur unter einer Brücke. Direkt an der Elbe mit ausreichend frischer Luft. Aleksander kommt aus Polen und wohnt dort zusammen mit seinem Freund Wiktor. Die beiden verkaufen direkt vor Ort Bücher, Schallplatten, DVDs und VHS-Kassetten. Den Preis bestimmt der Käufer selbst.

Aleksander erklärt mir, dass es ihm wichtig sei, nicht zu betteln. Er möchte lieber tauschen. Er ist still und zurückgezogen, so mag er es am liebsten. Er erlaubt mir trotzdem, dass ich ein Foto von ihm mache. Intuitiv gehe ich ein paar Schritte zurück. Das Bild zeigt die Distanz, die Aleksander gerne zu den Menschen wahrt.

Immerhin erzählt er mir, dass sein Freund Wiktor gerade auf der Suche nach einem Job ist. Aleksander bleibt so lange beim Hab und Gut. Die beiden wechseln sich immer ab. Bald wollen sie weiterziehen. Die Brücke bietet nicht genug Schutz im Winter. „Milego Dnia“ sagt Aleksander, was so viel heißt wie: „Schönen Tag noch.“

Text+Foto: Lena Maja Wöhler

Hamburgs Winternotprogramm
Vom 1. November bis 31. März läuft das Winternotprogramm. 890 Plätze stehen zum Start bereit: Auf dem Schulhof neben dem Kollektiven Zentrum (KoZe) in der Münzstraße gibt es 400 Schlafplätze in einem Gebäude und in Wohncontainern. In einem ehemaligen Verlagshaus am Schaarsteinweg sind 350 Plätze eingerichtet. Die Einrichtungen sind täglich von 17 bis 9 Uhr geöffnet, tagsüber sind sie geschlossen. Hinzu kommen 140 der besonders begehrten Containerplätze, die in Kirchengemeinden, der Hochschule für angewandte Wissenschaften und bei der Evangelischen Hochschule für Sozialpädagogik beim Rauhen Haus stehen. Trotz Erhöhung der Kapazitäten werden die Plätze nicht ausreichen: Die Diakonie schätzt die Zahl der Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben, auf 2000.

Mehr Porträts finden Sie in der November-Ausgabe von Hinz&Kunzt – ab 30. Oktober auf Hamburgs Straßen zu haben!

1 Kommentar zu “Mitten unter uns: Aleksander

  1. Ich bin schockiert, dass dieses Problem nach wie vor nicht gelöst ist, mir tut es jedesmal weh, wenn ich auf St. Pauli mit dem Hund rausgehe und Menschen in der Kälte sitzen/liegen sehe. Man fühlt sich so hilflos, ausser nett sein weiß ich mir keinen Rat, wäre ich nicht selbst Pleite sondern Lottogewinnerin, würde ich sie in ein Hotel einquartieren. Armes reiches Hamburg, es wird sich nur darum gekümmert, was die breite Öffentlichkeit über die Massenmedien verfolgen, der Rest scheint dabei vergessen zu werden, obwohl dieses Problem nicht neu ist. Eine Schande, ich habe masslose Wut im Bauch, gerade vorgestern versuchte ich mit 2 anderen Menschen eine obdachlose Frau unterzubringen, zwecklos, alles voll und kein separater Platz für Frauen. Diese Frau bräuchte dringend auch medizinische Hilfe, ist durch Kälte und Schlafentzug völlig entkräftet und in eine andere Welt geflohen um diesen Schmerz zu ertragen (kein Alkohol, keine Drogen) einfach nur dieser menschenunwürdige Kampf auf der Straße… Bin traurig und ratlos, könnte ich nur zaubern.

    Iris Gräber
    Hamburg St. Pauli

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