Karolinenviertel : Messehalle wird Flüchtlingslager

Auf der Suche nach Notunterkünften für Flüchtlinge kann die Innenbehörde einen Erfolg vermelden: Bis zu 1200 Schutzsuchende werden in einer Halle auf dem Messegelände Zuflucht finden. Innerhalb von vier Tagen wurden dort bereits 800 Flüchtlinge untergebracht.

Messe6
Direkt an der U-Bahn-Haltestelle Messehallen liegt die Halle 6 in der Flüchtlinge untergebracht werden.

Wo sonst Unternehmen Produkte präsentieren und um Kunden werben, nächtigen künftig Asylsuchende. Denn während der Sommerpause stellt die Messe Hamburg eine Halle als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung. In der 13.000 Quadratmeter großen Halle 6 an der Karolinenstraße können nach Angaben der Innenbehörde bis zu 1200 Menschen in den kommenden Wochen Zuflucht finden. Bereits am Donnerstag Abend wurden etwa 100 Flüchtlinge in der Halle untergebracht.

Noch in dieser Woche errichtet die Innenbehörde auf dem Messegelände ein Flüchtlingslager. Täglich kommen derzeit mehr als 200 Flüchtlinge nach Hamburg. Und die bestehenden Unterkünfte sind bereits ausgelastet. Deswegen wurde am Dienstag in der Landes-Feuerwehrakademie in Billbrook spontan Platz für 200 Flüchtlinge geschaffen. Auch Turnhallen von Schulen werden während der Sommerferien als Notunterkünfte genutzt. In Wilhelmsburg entstehen dadurch weitere knapp 400 Plätze. Außerdem greifen die Behörden auf externe Hilfe zurück: Auf dem Ohlstedter Platz wird die Bundeswehr ab Freitag Zelte für bis zu 500 Flüchtlinge aufstellen.

Im ersten Halbjahr 2015 kamen insgesamt 12.536 Menschen nach Hamburg, die einen Antrag auf Asyl stellten. Das sind fast genauso viele Menschen wie im gesamten Kalenderjahr 2014. Gleichzeitig stieg aber auch die Zahl der Hamburger, die ehrenamtlich Flüchtlingen Hilfe anbieten. 70 Studierende koordinieren nach Angaben des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Universität inzwischen die Hilfsangebote für Flüchtlinge, die beim Informatikum in Stellingen eine Notunterkunft beziehen. „Wir freuen uns über die wachsende Solidarität, mit der wir so nicht gerechnet haben“, sagt AStA-Referentin Carina Book.

Helfen wollen auch Hamburgs Ärzte. Ein Aufruf der Ärztekammer an Allgemeinmediziner, Internisten und Kinder- und Jugendärzte habe eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst: „Die Resonanz ist überwältigend“, sagt Ärztekammerpräsident Prof. Frank Ulrich Montgomery. „Es ist beeindruckend, denn wir bekommen viele Mails von Ärzten, die auch ehrenamtlich neben ihrer Praxistätigkeit helfen wollen, um ein Zeichen für mehr Menschlichkeit zu setzen.“

Eine weitere positive Meldung: Es gibt bislang keine offene Stimmungsmache gegen Flüchtlinge. Doch in Kommentarspalten und in den sozialen Netzwerken tummeln sich Menschen, die mehr oder weniger offen rassistische Hetze betreiben. So könne es nicht weitergehen, sagt jetzt „Panorama“-Moderatorin Anja Reschke. Am Mittwochabend bezog sie in den „Tagesthemen“deutlich Stellung: „Dagegen halten, Mund aufmachen! Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen!“, forderte Anja Reschke. „Der letzte Aufstand der Anständigen ist 15 Jahre her. Ich glaube, es ist mal wieder Zeit.“

Erneut Flüchtlingsboot im Mittelmeer gesunken
Denn weiterhin ist die Not der Flüchtlinge groß. Wie jetzt bekannt wurde, sank am Mittwoch wenige Kilometer von der libyschen Küste entfernt erneut ein Flüchtlingsboot. An Bord sollen sich etwa 700 Menschen befunden haben. Bis gestern wurden bereits 26 Tote geborgen, rund 370 Menschen konnten lebend gerettet werden. Vor Ort suchen Rettungskräfte derzeit noch nach den etwa 300 Vermissten.

„Es war ein schrecklicher Anblick. Menschen klammerten sich verzweifelt an Rettungswesten, Boote und alles, was sie erreichen konnten, und kämpften um ihr Leben. Um sie herum waren andere dabei zu ertrinken, wiederum andere waren schon ertrunken“, sagt Juan Matías, Projektkoordinator von „Ärzte ohne Grenzen“. Die Hilfsorganisation unterstützte die Rettung mit ihren drei Booten vor Ort. Die Organisation kritisierte die mangelnde Seenotrettung im Mittelmeer: „Es gibt noch immer viel zu wenig Ressourcen für Rettungseinsätze.“

Text: Jonas Füllner/Simone Deckner
Foto: HMC / H.G. Esch, Ingenhoven Architects

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