Die schöne Müllerin : Liederzyklus für Hinz&Kunzt

Am Mittwoch ist es soweit: Stefan Weiller präsentiert für Hinz&Kunzt den Liederzyklus „Die schöne Müllerin“. Die Geschichte kommt unterhaltsam daher, erzählt aber von Einsamkeit und Schmerz. Ein Abend „von unerfüllter Liebe wohnungsloser und armer Menschen“, wie der Untertitel heißt.

(aus Hinz&Kunzt 273/November 2015)

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Vor Ort in der St.-Petri-Kirche: Hier lässt Stefan Weiller die Lieder Franz Schuberts auf Berichte von Obdachlosen treffen.

So eine schöne Müllerin, das hat was! Wie sie da steht, jung und – eben schön. Kein Wunder, dass der neue Müllergeselle hin und weg ist und der Angebeteten hingebungsvolle Liebesgedichte schreibt. Und die schöne Müllerin? Pfeift drauf ! Lässt ihn links liegen. Nimmt lieber den Jäger, den starken, stattlichen und anerkannten Mann. Dem verträumten Jüngling bleibt nur der süße Schmerz des vergeblichen Sehnens. Ach ja …

25 romantische Gedichte umfasst der Müllerinnen-Zyklus, geschrieben 1821 von Wilhelm Müller und zwei Jahre später von Franz Schubert vertont – darunter das heute überaus bekannte Lied „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Doch am Ende, als die schöne Müllerin mit dem Jäger von dannen zieht, geht unser Held in den Fluss, spricht ein paar letzte Worte: „Gute Nacht, gute Nacht!/ Bis alles wacht,/Schlaf aus deine Freude, schlaf aus dein Leid!“

„Für mich bringt sich da niemand um“, widerspricht Stefan Weiller. Aber etwas anderes schwinge mit: „Als ob da jemand sozial gestorben ist.“ Weiller, von Beruf Sozialpädagoge und Journalist, aber vor allem Schubert-Fan und überhaupt ein Musikliebhaber mit ganzem Herzen, sucht und sammelt Lebensgeschichten. Gern von Menschen, die, wie man so sagt, am Rande der Gesellschaft stehen. Obdachlose, Gestrandete, Verarmte, Vereinsamte. Mit diesem Antrieb schaute er auch mit der ihm eigenen Ruhe und Umsicht bei Hinz&Kunzt vorbei.

Besonders sei die Gesprächssituation: „Den Leuten ist wichtig, dass kein Band mitläuft, ich schreibe nur mit. Es gibt keine Fotos, es gibt keinen sichtbaren Beleg, dass die Treffen stattgefunden haben. Ich stelle auch nicht in Frage, was man mir erzählt. Ich glaube, dass man sehr aufrichtig mit mir spricht“, sagt er. Und diese Geschichten kombiniert er mit klassischen Liedern und gestaltet damit musikalische Abende; wie jetzt mit den Schubert-Liebesliedern über die schöne Müllerin einen Abend „von unerfüllter Liebe wohnungsloser und armer Menschen“, wie der Untertitel heißt.

Denn immer wieder fiel ihm beim Zuhören auf, wie gescheiterte Liebe Menschen aus der Bahn wirft: „Das muss keine Paarbeziehung sein. Es kann die Liebe zur Familie sein oder zu seinem Job, die man verliert – und man verliert jeden Halt.“ Wenn man nicht etwas hat, das einem eines Tages wieder neue Kraft gibt, wie vielleicht die Musik.

Damit ist er nah dran an seiner eigenen Lebensgeschichte
und wie hier die Last der Einsamkeit und die Kraft der Musik aufeinander trafen. „Meine musikalische Sozialisation war etwas trist und traurig“, erzählt er. „Wir wohnten auf dem Dorf, mein Zuhause war ein Operettenhaushalt; es gab – ich bin 1970 geboren – ja nicht die Möglichkeiten, Musik kennenzulernen, wie wir das heute haben. Es gab keine MP3-Dateien, man konnte nicht ins Internet gehen und sich musikalische Welten erschließen. Es gab einen alten Musikschrank und dazu Schallplatten für die Umdrehungszahlen 33, 45 und 78.“

Doch zwischen all den Schallplatten mit leichten Operettenweisen steht eine Platte, die ihn sehr bewegt: „Die Winterreise“, auch dies ein von Franz Schubert vertonter Liederzyklus, auch nach Gedichten von Wilhelm Müller. „Die Musik hatte ein Geheimnis. Ich fragte mich: Was ist da los? Warum macht diese Musik etwas mit meiner Gefühlswelt? Denn meine Pubertät hatte keinen Operettenklang.“ Er hatte damals zu Hause nicht die Förderung und Unterstützung, die er sich wünschte. Er wäre so gerne auf eine weiterführende Schule gegangen, aber seine Eltern ließen ihn auf der Dorfhauptschule. „Das war für mich eine tiefgreifende, höllische Erfahrung“, sagt er. Noch dazu steckten ihm seine Mitschüler Zettel zu, auf denen stand: „Du schwule Sau – wenn wir dich außerhalb der Schule treffen, dann stechen wir dich ab!“ Ungestillter Bildungshunger und Ausgrenzung: „Es gab Zeiten, wo ich mich fragte: Was ist mein Leben?“

Heute lebt er mit seinem Lebensgefährten, einem evangelischen Pastor, glücklich in Frankfurt. „Ich habe erfahren, dass das Leben von Leid und Brüchen, aber auch von Hoffnung und Stärke durchzogen ist“, sagt er. Eine Erfahrung, die er für sich immer wieder in den Schubert-Liedern findet – und die er so gerne mit anderen Menschen teilt.

Text: Frank Keil
Foto: Dmitrij Leltschuk

Die schöne Müllerin: St.-Petri-Kirche, Bei der Petrikirche 2, Mi, 18.11., 19.30 Uhr; mit Gustav Peter Wöhler, Dagmar Manzel, Sebastian Rudolph, Claus Bantzer, Harvestehuder Kammerchor, Hedayet Djeddikar, Christina Schmid, Susanna Frank, Theodore Browne, Monica Rincon und Ralf Kopp. Eintritt frei, Spenden für Hinz&Kunzt erbeten.
Mehr unter: www.die-schoene-muellerin.com/städte/hamburg/

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