Interview mit Prinz William : „Jugendobdachlosigkeit ist ein lösbares Problem“

Großbritanniens Thronfolger Prinz William ist ein viel beschäftigter Mann – und engagiert sich dennoch für obdachlose Jugendliche. Unser Partnermagazin The Big Issue hat ihn getroffen. Er sagt: Die Gesellschaft müsse sich endlich mit diesem „enormen Problem“ befassen.

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Prinz William (rechts) zusammen mit der Journalistin Sophia Kichou.

Es gibt nur sehr wenige Menschen, die nicht wissen, dass Prinz William Vater von zwei kleinen Kindern ist. George wurde im Juli zwei Jahre alt, und seine kleine Schwester Charlotte ist jetzt sieben Monate. Wie William in diesem exklusiven Interview für The Big Issue UK offen zugibt, ist eine ruhige Nacht unter diesen Umständen ein seltener Luxus – auch wenn man an zweiter Stelle der britischen Thronfolge steht.

Dennoch ist und bleibt der Herzog von Cambridge ein vielbeschäftigter Mann. Er arbeitet als Vollzeit-Pilot für die East Anglian Air Ambulance, stationiert am Flughafen Cambridge. Darüber hinaus hat er die verschiedensten königlichen Pflichten zu erfüllen und engagiert sich in großem Umfang ehrenamtlich. Unter anderem ist er Schirmherr von Centrepoint, einer britischen Wohltätigkeitsorganisation, die führend ist, wenn es heißt, sich sich um obdachlose junge Menschen zu kümmern.

Bezeichnenderweise war dies die erste Schirmherrschaft, die er im Jahr 2005 wählte. Dies ist ein Anliegen, das auch seiner Mutter, der verstorbenen Prinzessin Diana, sehr am Herzen lag. Sie war ebenfalls Schirmherrin von Centrepoint. Im Dezember 2009 übernachtete Prinz William eine Nacht lang mit einem Schlafsack in der Nähe der Blackfriars Bridge in London. Dies geschah im Rahmen einer Aufklärungsinitiative von Centrepoint. Er wollte sich dadurch eine Vorstellung von den harten Bedingungen verschaffen, mit denen obdachlose Jugendliche zu kämpfen haben.

Der Herzog berichtet uns, warum der Kampf für diese Jugendlichen ihm noch immer am Herzen liegt. Er mahnt, die Gesellschaft müsse endlich aufwachen und sich der wahren Größenordnung dieses Problems bewusst werden. Wobei er allerdings keineswegs glaubt, einen hoffnungslosen Kampf zu führen. Wenn wir uns darauf konzentrieren, so betont er, ist die Obdachlosigkeit Jugendlicher ein Problem, das wir besiegen können. Ein warmes, sicheres Weihnachtsfest für die jungen Menschen, die Centrepoint betreut, hält er dabei für einen guten Anfang.

Obdachlosigkeit ist ein Problem, mit dem sich Sophia Kichou nur allzu gut auskennt. Sie wurde im Alter von 18 Jahren obdachlos und schlief in einem Heim, bevor sie bei Centrepoint Unterstützung fand. Vor vier Jahren traf sie Prinz William das erste Mal. Dabei berichtete sie dem Herzog von Cambridge von ihrem Traum, Journalistin zu werden. Sie erwähnte, wie gerne sie ihn eines Tages interviewen würde. Er erklärte sich einverstanden. Und Ende November setzte er sich mit Sophia zusammen, damit sie dieses Interview für The Big Issue führen konnte.

Als Sophia William für die königliche Verabredung im Kensington Palace traf, wirkte er sehr glücklich und entspannt. (Falls Charlotte tatsächlich für schlaflose Nächte sorgt, sah man ihrem Vater die Müdigkeit jedenfalls nicht an.) Der Prinz machte Scherze über das „Verhör“, fragte Sophia, ob sie nun in die Fußstapfen des für seine gnadenlosen Befragungen bekannten Journalisten Jeremy Paxman treten wolle und gab offen zu, nervös zu sein.

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Sophia Kichou und Prinz William verstehen sich beim Interview prächtig.

The Big Issue UK: Hallo William.

Prinz William: Hallo Sophia. Es ist schön, Sie wiederzusehen. Wie geht es Ihnen?

Ich befinde mich gerade im letzten Jahr meines Publizistikstudiums, es ist also eine sehr aufregende Zeit. Was macht Ihr Job? Wie ist das, einen Hubschrauber zu fliegen?

Nun, es ist jedenfalls viel einfacher, als ein Journalist zu sein (lacht). Ich genieße meine Zeit bei der Air Ambulance sehr – es ist fantastisch. Ich arbeite mit hervorragenden Leuten zusammen, und die medizinische Seite der Arbeit fasziniert mich. Bei uns arbeiten einige der besten Ärzte der Welt, und es ist bewegend zu sehen, wie sie Leben retten. Das Gefühl, dass ich dazu etwas beitragen kann … Am Ende eines Tages spüre ich einfach, dass ich etwas Lohnendes getan habe.

Die Interviewerin

Sophia Kichou ist 24 Jahre alt und befindet sich im letzten Jahr ihres Studiums der Publizistik an der City University in London. Ihre Mutter starb, als Sophia acht Jahre alt war, und sie wuchs bei einer Tante in Uganda auf. Als sie 18 wurde, wollte sie in London bei ihrem Vater bleiben, doch er bot ihr nicht das sichere Zuhause, das er ihr versprochen hatte. Sie musste es verlassen und übernachtete in einem Obdachlosenheim. Sie fand Unterstützung bei Centrepoint und begann an ihrem Traum zu arbeiten, Journalistin zu werden.

Mit einem Bericht über Jugendobdachlosigkeit gewann Sophia den Breaking Into News-Wettbewerb des Senders ITV. Darüber hinaus war sie Mitglied des Centrepoint-Parlaments, einer Gruppe junger Menschen, die sich erfolgreich für die Erhaltung von Teilen der Bildungsbeihilfe einsetzte, eines Projektes für Schüler mit Vollzeitunterricht.

Sie haben Centrepoint im Laufe der Jahre oft besucht. Warum ist Ihnen gerade das Problem der Jugendobdachlosigkeit so wichtig?

Ich glaube, das geht zurück auf die Zeit, als meine Mutter die Rolle der Schirmherrin übernommen hat. Damals war ich noch ein kleiner Junge. Die Menschen, mit denen ich dadurch in Berührung kam und das, womit sie zu kämpfen haben, hat mich sehr betroffen gemacht. Auf der Straße schlafen, oder bei immer wieder neuen Bekannten auf dem Sofa übernachten, ohne die Bequemlichkeiten auskommen müssen, die die meisten von uns für selbstverständlich halten. Das hat mich in meinen jungen Jahren sehr geprägt. Für mich, der ich in einem Palast aufwuchs, war der Unterschied zum anderen Ende des Spektrums natürlich besonders gravierend. Ich sah, welchen großen persönlichen Herausforderungen diese Menschen ausgesetzt waren, und wie sie damit fertig wurden. Das war beeindruckend. In der heutigen westlichen Welt, mit all den Vorteilen und Privilegien, die wir genießen, ist es doch geradezu lächerlich, dass manche Menschen kein Bett und kein Dach über dem Kopf haben.

Sie sind vielen jungen Menschen begegnet, die eine Zeit der Obdachlosigkeit hinter sich haben. Sind Ihnen dabei Geschichten ganz besonders im Gedächtnis geblieben?

Es ist schwer, da einzelne Geschichten herauszupicken. Aber etwas, das mich lange Zeit sehr beschäftigt hat, das war eine Begegnung mit einem Jungen aus Eritrea, dessen gesamte Familie umgebracht worden war. Das war vielleicht der Zeitpunkt, an dem ich den Tränen am nächsten war, von all den Geschichten, die ich gehört habe. Seine Familie, die aus sieben Menschen bestand, war umgekommen, und er hatte jetzt niemanden mehr auf der ganzen Welt, der auf ihn aufpasste. Aber Centrepoint war die Organisation, die ihm Unterstützung verschaffte und es ihm möglich machte, sein Leben neu aufzubauen. Das hat mich gewaltig beeindruckt. Und es gibt so viele Geschichten wie diese.

Meine Schwester und ich, wir waren noch sehr jung, als wir unsere Mutter verloren haben. Ich war damals acht, ein wenig jünger als Sie beim Tod Ihrer Mutter. Bei meinem Vater konnte ich nicht leben. Also wurde ich mit 18 obdachlos, zog von Ort zu Ort. Glauben Sie, dass die Menschen verstehen können, was jemand wie ich durchmachen muss?

Was mich betrifft, so finde ich es unglaublich bewegend zu sehen, wie Menschen ihre persönlichen Herausforderungen und die Widrigkeiten überwinden, mit denen Sie und andere zu kämpfen hatten. Genau das gibt mir auch die Zuversicht, dass wir mit diesem Problem fertigwerden können. Ich glaube, wenn mehr Menschen wüssten, was Sie und andere hinter sich haben, und wie Sie es geschafft haben, Ihr Leben in den Griff zu bekommen, könnten sie es auch besser verstehen.

Glauben Sie, wir können die Jungendobdachlosigkeit jemals besiegen?

Ja, ich glaube, das ist ein Ziel, das wir erreichen können. In England und Wales sind 136.000 junge Menschen auf Notfallhilfe angewiesen. Von ihnen werden jedoch nur 16.000 offiziell als obdachlos geführt. Das beweist, dass wir es hier mit einem enormen Problem zu tun haben, mit dem wir uns noch immer nicht wirklich befassen. Es würde mir sehr gefallen, wenn das Land endlich aufwachen würde. Es ist ein komplexes, aber lösbares Problem. Davon bin ich überzeugt.

2009 haben Sie eine Nacht lang in London auf der Straße geschlafen. Ich habe gehört, Sie seien beinahe von einem Kehrmaschinenfahrzeug überfahren worden?

Nun, das ist möglicherweise ein wenig übertrieben (lacht).

War das schwierig? Hat es Ihnen die Realität der Obdachlosigkeit gezeigt?

Nein, die Realität konnte mir das nicht zeigen. Ich war überzeugt, es sei wichtig, eine Nacht auf der Straße zu verbringen, aber ich kann nicht einmal im Entferntesten behaupten, ich wüsste, was es bedeutet, obdachlos zu sein. Schließlich konnte ich am Ende ja wieder zu einem bequemen Bett zurückkehren. Es hat mir aber durchaus vor Augen geführt, wie einsam man sich fühlen muss, wenn man jede Nacht so verbringen muss, und wie verletzlich man dabei ist. Ich hatte ja nun Polizeischutz und Seyi Obakin (den Geschäftsführer von Centrepoint) als Gesellschaft, während andere mit dem Risiko von Unterkühlung, Missbrauch und gewalttätigen Angriffen zu kämpfen haben.

Appell

Selbstverletzungen, Prostitution und Bagatellstraftaten sind nur einige der verzweifelten Maßnahmen, die junge Menschen gezwungen sind zu ergreifen, um im Winter dem Leben auf der Straße zu entkommen. Eine erschreckende neue Studie zeigt, dass nahezu ein Drittel der obdachlosen jungen Menschen (28 %) in der Hoffnung,, in Gewahrsam genommen zu werden, ein Bagatelldelikt begehen Und wie Prinz William es auch in diesem Interview erwähnt, versucht fast einer von fünf jungen Menschen (18 %), sich durch eine Selbstverletzung eine Nacht im Krankenhaus zu verschaffen. Centrepoints fordert die Menschen dringend auf, in diesem Winter zu spenden, damit junge Menschen ein warmes, sicheres Zimmer, eine warme Mahlzeit und Unterstützung dabei finden, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Besuchen Sie die Internetseite centrepoint.org.uk/donate.
Die Erfahrung hat also gewissermaßen Ihr Denken auf das Problem konzentriert?

Ja, es hat meine Gedanken darauf gerichtet, wie verzweifelt junge Menschen sein müssen, wenn sie das durchmachen, und auf einige der Methoden, die sie möglicherweise einsetzen, um ein Dach über dem Kopf zu bekommen. Sie verletzen sich selbst, damit sie ins Krankenhaus aufgenommen werden, sie begehen Straftaten, um ins Gefängnis zu kommen. Wenn junge Menschen dazu bereit sind, müssen wir dringend etwas dagegen unternehmen.

Haben Sie den Eindruck, es seien Fortschritte erzielt worden, wenn es um die Obdachlosigkeit Jugendlicher geht?

Ich denke schon. Ich habe, wenn ich ehrlich bin, Höhen und Tiefen gesehen. Zuerst hatten wir – bei Centrepoint und einigen anderen Obdachlosenorganisationen – das Gefühl, wir hätten einen Überblick darüber, wie umfangreich das Problem ist, und dass wir es angehen. Doch in den letzten Jahren wurde das Problem immer schlimmer. Die Organisationen sind am Rande dessen angekommen, was sie leisten können. Dennoch glaube ich noch immer, dass wir das Problem der Jugendobdachlosigkeit besiegen können. Der Schlüssel dazu ist es, früh einzugreifen. Je früher wir die Probleme dieser jungen Menschen angehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir ihnen die Möglichkeit geben können, sich eine eigene Zukunft aufzubauen.

Darf ich Ihnen ein paar Fragen zu Weihnachten stellen?

Ja, natürlich.

Ich verbringe Weihnachten mit meiner Mentorin und ihrer Familie, und ich freue mich sehr darauf. Wie werden Sie den 1. Weihnachtstag feiern?

Es wäre gut, wenn ich in der Nacht nach Heiligabend ausreichend Schlaf bekomme, den George wird wie ein Verrückter herumsausen. Ich glaube, dieses Jahr ist George besonders aufgeregt, weil er endlich herausgefunden hat, worum es bei Weihnachten überhaupt geht (lacht). Da sind also zwei Kinder, die Weihnachten auf einmal zu schätzen wissen. Das könnte eine ziemliche Herausforderung werden. Aber ich freue mich sehr darauf.

Und wie wird dieser Tag verlaufen?

Wir werden wie immer mit der ganzen Familie am Weihnachtsgottesdienst teilnehmen. Anschließend werden wir erleben, wie George mit seinen Geschenken kämpft und versucht, sie auszupacken. Es ist eine ganz andere Erfahrung an Weihnachten, wenn man eine eigene Familie hat. Es wäre schön, wenn wir weiße Weihnachten erleben könnten, denn das hatten wir schon seit vielen Jahren nicht mehr.

Worum bitten Sie den Weihnachtsmann?

Lassen Sie mich überlegen … Ich möchte gerne, dass jeder bei Centrepoint, dass all diese jungen Menschen ein glückliches Weihnachten erleben und irgendwo warm und sicher unterkommen. Und dass sie in ihrem Leben Liebe erfahren. Ich weiß, das klingt ziemlich naiv und romantisch, aber genau darum würde ich den Weihnachtsmann bitten.

Ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Es war schön, mich mit Ihnen zu unterhalten. Wir werden das wiederholen, wenn Sie Moderatorin bei ITV oder einem anderen Sender sind!

Text: Sophia Kichou
Foto: Louise Haywood-Schiefer
Übersetzung: Translators Without Borders/Irena Boettcher
Mit freundlicher Genehmigung von INSP News Service / The Big Issue

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