Armutsbericht 2016 : Jeder Sechste hat zu wenig Geld zum Leben

Trotz guter Wirtschaftslage bleibt Armut ein drängendes Problem – daran lässt der Armutsbericht 2016 keinen Zweifel. Besonders hart trifft es bundesweit Rentner. Insgesamt leben in Hamburg im Vergleich zum Vorjahr aber weniger Menschen in Armut.  

Erstmals berücksichtigt der Armutsbericht auch die Not von Obdachlosen.
Erstmals berücksichtigt der Armutsbericht auch die Not von Obdachlosen.

Hamburg steht insgesamt besser da als noch vor einem Jahr: Laut Armutsbericht galten 2013 noch 16,9 Prozent der Hamburger als arm, nun ist die Quote für das Jahr 2014 auf 15,6 Prozent gesunken. Damit liegt die Hansestadt dennoch knapp über dem Durchschnitt: Deutschlandweit liegt die Armutsquote bei 15,4 Prozent. Mehr als jeder sechste Mensch hat demnach zu wenig Geld für ein gutes Leben – das machte der am Dienstag in Berlin vorgestellte Armutsbericht 2016 deutlich.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass die realistische Zahl noch viel höher ist, ist durchaus gegeben“, sagt Christian Woltering, Projektleiter des Armutsberichts beim Paritätischen Gesamtverband. Denn: Viele, die besonders extrem von Armut betroffen sind, werden in der Statistik gar nicht mitgezählt. Nur Privathaushalte mit Einkommen, also Erwerbseinkommen oder Sozialleistungen, spielen für die Statistik eine Rolle, wie Christian Woltering erläutert. „Die, die Platte machen, werden darin nicht abgebildet“, sagt er. Wer keine eigene Wohnung hat, in öffentlichen Unterkünften oder Pflegeeinrichtungen lebt, taucht also in den Zahlen gar nicht erst auf. „Das ist ein Fakt, der nachdenklich macht.“

Bericht widmet Obdachlosen ein Sonderkapitel

Trotzdem spricht der Armutsbericht die Notlage von Obdachlosen zum ersten Mal konkret an – in einem eigenen Kapitel, zu dem die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe Zahlen liefert. Deutschlandweit sind demnach 335.000 Menschen ohne Zuhause. „Wohnungslosigkeit ist die extremste Form sozialer Ausgrenzung“, heißt es in dem Beitrag.

Doch auch unter denen, die ein Dach über dem Kopf haben, trifft Armut oft die Benachteiligten: Alleinerziehende, Kinder, Erwerbslose und Rentner. Fast die Hälfte aller alleinerziehenden Eltern (42 Prozent) ist demnach arm. Das wirkt sich auch auf Kinder aus: Jedes zweite von Armut betroffene Kind lebt ohne Vater oder Mutter bei nur einem Elternteil. Insgesamt ist jedes fünfte Kind (19 Prozent) arm. Besonders dramatisch ist die Entwicklung bei Rentnern: Seit 2005 hat sich die Zahl der Rentner in Armut fast verdoppelt, heißt es im Bericht. Bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe sind die Zahlen so sehr gestiegen.

„Sozialpolitik darf keinen zurücklassen“

Arm ist, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens hat. So definieren es die Herausgeber des Berichts. Für Alleinstehende liegt die Grenze bei 917 Euro im Monat, für alleinerziehende Eltern mit einem Kind unter sechs Jahren sind es 1.192 Euro monatlich. Bei Paaren mit Kindern variiert der Betrag je nach Zahl und Alter der Kinder: Eine Familie mit zwei älteren Kindern etwa gilt bei einem Monatseinkommen von weniger als 2.100 Euro als arm.

Herausgegeben wurde der Armutsbericht 2016 zum ersten Mal von mehreren Verbänden: Neben dem Paritätischen Gesamtverband arbeiteten sieben weitere Sozialverbände daran mit. Pro Asyl steuerte eine Einschätzung zur Lage von Flüchtlingen in Deutschland bei. Gemeinsam fordern die Verbände Korrekturen bei der Sozial- und Steuerpolitik, um die Kluft zwischen Arm und Reich dauerhaft zu verringern. „Wir wissen, wovon wir reden und was Armut in Deutschland bedeutet“, heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung. „Es ist Zeit für eine Sozialpolitik, die wirklich alle Menschen mitnimmt und keinen zurück lässt.“

Text: Annabel Trautwein
Fotos: Mauricio Bustamante

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