INSP 2014 : Gemeinsam in die Zukunft

Unser internationaler Zusammenschluss der Straßenmagazine INSP feierte 20-jähriges Bestehen – und rund 100 Kollegen von 46 Straßenmagazinen aus 23 Ländern trafen sich in Schottland. Wir kämpfen mit ähnlichen Heraus-forderungen: von Perspektiven für unsere Verkäufer bis zum bargeldlosen Zeitungsverkauf.

Wie wichtig sind Internet und Social Media für Straßenzeitungen? Vor allem wenn es kein Geld bringt, sondern kostet? Wir gehören zu den Befürwortern neuer Medien, weil wir so neue und auch jüngere Leser gewinnen. Weil wir als Monatsmagazin auch mal aktuell eine Geschichte online stellen oder einen Artikel aktualisieren können. Und weil wir gezielt auf Aktionen und Anliegen aufmerksam machen können. Inzwischen haben wir mehr als 5200 „gefällt mir“-Angaben auf Facebook, und unsere Website wird gut 35.000 Mal im Monat aufgerufen. Das kann sich schon sehen lassen.

Unser Online-Auftritt ist eine Permanent-Werbung für das Magazin. Diese Aufmerksamkeit kommt dann wieder den Verkäufern zugute. Wir haben in Glasgow, wo sich die Macher von Straßenmagazinen aus der ganzen Welt zur Konferenz des Internationalen Netzwerkes getroffen haben, wieder einmal gemerkt, dass wir bei Hinz&Kunzt ganz gut aufgestellt sind. Es gibt viele Magazine, die das auch gerne so oder ähnlich machen würden, aber das Geld und die Leute dafür nicht haben.

Aber natürlich ist die Beschäftigung mit einem Online-Magazin auch angstbesetzt. Was ist, wenn die Käufer kein gedrucktes Magazin mehr wollen? Wenn alle immer nur noch online lesen? Was passiert dann mit den Verkäufern? Oder wenn – wie in den USA, in Südafrika und Skandinavien – die Menschen gar nicht mehr mit Bargeld, sondern nur noch mit Karte bezahlen? Das wiederum ist keine düstere Zukunftsvision, sondern in manchen Ländern schon Tatsache. In den vergangenen Jahren haben wir auf den Konferenzen schon darüber gesprochen: Einige Magazine hatten extreme Verkaufseinbrüche. In Südafrika war die Auflage besonders dramatisch gesunken. Das hatte zwei Gründe: Die Menschen dort haben kaum noch Bargeld dabei und vor allem wollen sie aus Sicherheitsgründen ihr Portemonnaie nicht so einfach auf der Straße öffnen. Die Verkäufer von Big Issue laufen dort – wie hier die Scheibenputzer – auf die Straße, wenn die Ampel rot ist und preisen ihr Magazin an.

Jetzt hat Big Issue Südafrika den Smart Bib. Der Verkäufer steht auf der Straße, hat eine Weste an, auf der ein Code aufgedruckt ist, seine Nummer und sogar noch eine Art Lebensmotto. Der Kunde kann eine kostenlose App runterladen, den Code mit dem Smartphone abfotografieren, Nummer und sogar Trinkgeld eintippen. Das Ganze dauert nur ein paar Sekunden. Die Auflage ist mit dem Smart Bib um mehr als 100 Prozent gestiegen! Das gab einen Riesenapplaus – und wir waren wahnsinnig erleichtert. Schließlich muss der Verkäufer ja der Mittelpunkt bleiben.

Bildergalerie: INSP-Konferenz 2014


  • Die selben Ziele, gleiche Werte, ähnliche Herausforderungen: die Teilnehmer des INSP-Jahrestreffens in Glasgow. Foto: Kirstie Gorman

  • Ideen austauschen statt flirten im Minutentakt: Rasmus Wexøe Kristensen (Hus Forbi, Dänemark) und Birgit Müller (Hinz&Kunzt) beim „Speed Exchange“. Foto: Callum McSorley

  • Trudy Vlok (The Big Issue Südafrika) erklärt den bargeldlosen Straßenzeitungsverkauf. Foto: Callum McSorley

  • Social-Bit-Gründer Josh Littlejohn. Foto: Tuuli Ahlholm

Deswegen waren wir auch von sozialen Projekten begeistert, die wir in Glasgow kennen gelernt haben: besonders von Social Bite („Der soziale Biss“). Das ist eine Deli-Kette in Schottland (Deli ist neudeutsch für eine Art Café, wo es Sandwichs und fertige Salate zum Mitnehmen und vor-Ort-Essen gibt). In den vier Filialen und in der dazu gehörigen Großküche arbeiten 26 Mitarbeiter, zwölf von ihnen haben vorher das Straßenmagazin Big Issue verkauft. Und der Erlös wird an drei soziale Projekte weltweit weitergegeben. Social-Bite-Gründer Josh Littlejohn kam persönlich vorbei, um uns zu erzählen, wie alles begann.

Eigentlich hatte er vorher Großevents organisiert. Das reichte ihm irgendwann nicht mehr, er wollte etwas Sinnvolles tun. Und kam auf die Idee mit Social Bite. Das Soziale daran sollte eigentlich „nur“ sein, dass die Gewinne an ausgewählte Projekte ausgeschüttet werden. Aber dann stand vor der Tür der ersten Filiale ein Big-Issue-Verkäufer. Dem gab das Team manchmal einen Sandwich oder einen Kaffee aus. Und der fragte eines Tages, ob Josh nicht auch einen Job für ihn hätte, wenigstens einen kleinen.

Josh gab ihm erst einen Zwei-Stunden-Job – Glühbirnen eindrehen und ähnliches. Aber der Mann – nennen wir ihn Pete – ließ nicht locker und wollte einfach bleiben. Als ein Mitarbeiter kündigte, gab Josh ihm tatsächlich eine Stelle – und hat es nie bereut. Im Gegenteil. Pete brachte noch andere Big-Issue-Kollegen an, die ebenfalls mitarbeiten wollten. Allerdings: Die ehemaligen Straßenmagazin-Verkäufer verdienen zumindest am Anfang nicht dasselbe wie die anderen. Es gibt eben doch manchmal Ausfälle oder der ein oder andere ist nicht so schnell wie die anderen aus der Mannschaft. Das ganze Projekt ist für Josh tief befriedigend, sagt er: „Loser are becoming chooser“, sagte er. Auf deutsch heißt das etwa: Verlierer haben wieder eine Wahl.

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Ums gute Essen geht es auch bei Hecho in Buenos Aires: Das argentinische Straßenmagazin hat eine soziale Markthalle für Kleinproduzenten eröffnet. Die werden nämlich durch Landgrabbing und Global Player wie Monsanto in die Knie gezwungen. Ja, es ging viel ums Essen, das verbindet einfach international. Spätabends haben wir dann rumgesponnen: dass mehr Magazine einen sozialen Deli mit lokalen Produkten eröffnen. Aber auch mit Produkten aus unserem Netzwerk. Und auch wenn das (noch) nur Träume sind, war das ein schönes Gefühl von Verbundenheit – von Norwegen bis Japan, von Südafrika bis USA, eben weltweit.

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