Depression : In meiner kleinen Hölle

Die Nachricht, dass Ex-St.-Pauli-Fußballer Andreas Biermann, sich das Leben genommen hat, ist ein Schock. Gestorben ist er letztlich an seiner Depression. Dass ihm niemand helfen konnte, ist für viele unverständlich – für an Depression erkrankte ist es keine Überraschung. Ein Erfahrungsbericht.

Fußballer Andreas Biermann beim Trainings des FC St. Pauli im Jahr 2008. Damals wusste noch keiner, dass er unter Depressionen litt. Er selbst erkannte es nachdem Nationaltorwart Robert Enke sich das Leben genommen hatte und seine Frau damit an die Öffentlichkeit ging.
Fußballer Andreas Biermann beim Trainings des FC St. Pauli im Jahr 2008. Damals wusste noch keiner, dass er unter Depressionen litt.

Mit 33 Jahren hat der Ex-Fußballprofi Andreas Biermann sich das Leben genommen. Jahrelang litt er an Depressionen. Er machte seine Krankheit öffentlich und schrieb sogar ein Buch darüber. Andreas Biermann unternahm schon früher Versuche, sich zu töten. Dann wieder kämpfte er hartnäckig gegen seine Depression. Familie, Freunde und Wegbegleiter sind geschockt über seinen Tod. Viele sagen, man habe Andreas Biermann nicht angemerkt, dass er depressiv ist. Auch seine engsten Vertrauten, seine Familie oder Ärzte konnten ihm offenbar nicht helfen. Unsere Autorin wundert das nicht. Die freie Journalistin ist im gleichen Alter wie Andreas Biermann und selbst wegen Depressionen in Behandlung und gibt sich große Mühe, möglichst niemanden merken zu lassen, wie es ihr geht.

Die Gewissheit: Es wird nie wieder gut.

Du kannst das nicht schaffen. Du musst es schaffen. Du schaffst es nie. Du musst. Du kannst es nicht. Du schaffst es nicht. Du kannst das nicht. Seit ich am Morgen um 4:48 Uhr aufgewacht und aufgestanden bin, kreisen und kreischen in meinem Kopf diese Sätze. Drei Artikel hab ich für die kommenden drei Tage zugesagt. Fertig ist keiner. Es ist noch nicht einmal einer angefangen. Ich lege sofort los Ich muss es schaffen.

Ich schaffe es nicht. Zwei Stunden später habe ich alle drei Artikel mehrmals begonnen. Habe Sätze getippt und gelöscht, ganze Seiten geschrieben, noch mal vor vorne angefangen, abgebrochen, mich dem nächsten Thema zugewandt. Auf meinem Desktop wimmelt es von Versionen von Dokumenten. Ich weiß schon nicht mehr, welche Personen in welchen Artikel gehören. Ich schaffe es nicht. Und ich breche zusammen. Meine Augen füllen sich mit Tränen, im Kopf kreischt es weiter. Ich beginne zu schluchzen. In mir wird aus einer Ahnung die Gewissheit: Ich schaffe es nie. Und es wird nie wieder gut. Ich rolle mich auf dem Boden zusammen und weine und weine und weine. Eine Stunde oder zwei. Dann hieve ich mich auf die Couch, wisch mir den Rotz aus dem Gesicht und atme durch. Ich versuche, einen Plan zu fassen. Der Plan ist: Ich muss es schaffen. Es ist schon Vormittag. Ich ziehe den Laptop auf meinen Schoß, öffne eins der Dokumente. Ich tippe Sätze, lösche sie wieder. Ich öffne ein neues Dokument, fange nochmal an. Und ich versage. Ich schaffe es nicht. Ich lasse los. Ich weine und schreie. Mein Kopf dröhnt, meine Augen brennen. Irgendwann bin ich zu erschöpft zum Weinen. Ich wimmere.

Wenn es so schlimm ist, schaffe ich es auch nicht mehr, um Hilfe zu bitten. Es gibt dann in meiner kleinen Hölle niemanden, den ich anrufen kann. Dabei ist das gar nicht wahr. Ich habe meine Familie und Freundinnen, die wissen, was bei mir los ist. Aber mir fallen genug Gründe ein, mit dem Schmerz allein zu bleiben: Die anderen müssen ja arbeiten. Die machen sich bloß Sorgen, wenn ich sie in so einem Zustand anrufe. Und: Sie können mir sowieso nicht helfen.

Ich mache so viel wie möglich mit mir selbst aus. 

Es geht mir seit ungefähr zehn Monaten nicht gut, als ich diesen schlimmen Morgen im März erlebe. Es gab schon ein paar Tage wie diesen: an denen nichts mehr geht. An denen alles schlecht ist, und nie wieder gut wird. An denen ich ganz allein bin, und es auf der ganzen Welt niemanden gibt, der mir helfen kann. Im vergangenen Herbst habe ich die Diagnose bekommen: mittelschwere Depression. Ich bin sogar in Behandlung, gehe wöchentlich zu Gruppentherapiesitzungen. Trotzdem: Solche schlimmen Tage gibt es seit Anfang des Jahres häufiger. Meine Familie und meine Freunde wissen das alles. Sie haben es auch schon erlebt. Den Rest erzähle ich, ich habe dafür unterschiedliche Schongrade, für diese Berichte. Wer erträgt wie viel? Und wie lange? Wann wird sich zum ersten Mal jemand von mir abwenden, weil er oder sie es eben nicht erträgt? Ich mache so viel wie möglich mit mir selbst aus. Ich will niemanden überfordern und niemandem Angst machen.

Ich habe nie daran gedacht, mir etwas anzutun. Das versichere ich meiner Familie und Freunden ständig und meine es auch so. Aber ich habe eine Ahnung davon, dass es Krisen geben kann, für die es keine Lösung zu geben scheint als allem ein Ende zu bereiten. Und es gab bei mir Momente, da war der Druck von innen so stark, da hat mir auch Schreien nicht geholfen und in Kissen zu boxen auch nicht. Da konnte ich mir theoretisch vorstellen, dass man sich weh tun will. Den Arm aufritzen, mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, verbrennen – irgendwas, damit der Druck weg geht.

Die Therapie nimmt dem Schlamassel nach und nach den Schrecken.

Es geht mir nicht jeden Tag schlecht. Es gibt gute Tage und normale Tage, langweilige und aufregende. Es gibt Tage, an denen bin ich euphorisch und überaktiv. Dann gibt es mittelschöne Tage. Welche, an denen ich auf keinen Fall allein sein will und andere, an denen ich mit niemandem sprechen möchte. Manchmal bin ich froh, wenn ich einen Job in einer Redaktion habe. Manchmal kostet es mich unsagbar viel Kraft aufzustehen und loszugehen. Dann sitze ich paralysiert in der U-Bahn und versuche mich so weit zu beruhigen, dass es den Kollegen nicht allzu sehr auffällt, wie kaputt ich bin. Einen schlechten Tag hat ja jeder mal. Dann schiebe ich es darauf, dass ich wenig geschlafen habe. Oder auf das Wetter. Dabei ist mir das Wetter scheißegal.

Seit ich andere Depressive kenne, weiß ich: Diese Krankheit gibt es in so vielen unterschiedlichen Ausprägungen wie es Depressive gibt. Leicht, mittelschlimm und schwer. Manche schaffen es nicht aus dem Bett, andere nicht ins Bett. Die einen betäuben sich mit Alkohol oder Drogen, die anderen hören auf zu essen oder essen viel zu viel. Einige ziehen sich zurück. Einsam fühlen sich eigentlich alle. In der Therapiegruppe habe ich viel über Depressionen gelernt: Welche Auslöser es gibt, dass es aber auch mit Veranlagung zu tun hat. Eine Depression ist kein Mysterium. Die Krankheit ist gut erforscht und es gibt viele Möglichkeiten, mit ihr umzugehen und sie vielleicht sogar zu heilen. Wir bekommen Arbeitsblätter und denken viel über uns, unser Leben, unsere Stimmungen, unsere Beziehungen und unsere Wünsche nach. Und wir reden und reden und reden. Das hilft: Die Krankheit kennen zu lernen, ganz allgemein, aber vor allem die eigene. Mir bewusst zu machen, was mich traurig macht oder belastet, was mir gut tut oder Kraft gibt, wie ich mein Leben führen will und wer ein Teil davon sein soll, nimmt dem ganzen Schlamassel nach und nach den Schrecken.

Mit den Zusammenbrüchen ist es vorbei. Aber ich kann mich auch nicht mehr so freuen.

Nach dem schlimmen Tag im März war ich bei einer Psychiaterin. Sie verschreibt mir jetzt regelmäßig ein Anti-Depressivum. Mit den Tabletten sollen die Gemütslage stabilisiert und extreme Abstürze verhindert werden. Zum Glück wirkt es. Einen Zusammenbruch habe ich seitdem nicht mehr gehabt. Ich registriere manchmal, dass ich in einer Situation bin, die mich früher hätte ausrasten lassen: Platten am Fahrrad, geplatzte Verabredung, Haferflocken ausverkauft, Kritik von den Kollegen – das alles hat mich schon in die Hölle, in der es nie wieder gut wird, versetzt. Das ist vorbei. Aber ich kann mich auch nicht mehr so sehr freuen. Oder es nicht so gut zeigen.

Das ist eigentlich absurd: Seit es mir besser geht, mache ich offenbar einen schlechteren Eindruck. Ich werde viel öfter gefragt, ob was los ist mit mir. Ob es mir nicht gut geht. Ich mach dann gute Miene. Ich will niemandem Angst machen, keinen belasten. Gesund werden muss ich sowieso alleine. Die Tabletten und die Therapie helfen mir dabei. Und an guten wie an schlechten Tagen bin ich mir mittlerweile sicher: Ich schaffe das.

Unter Depressionen leiden in Deutschland rund vier Millionen Menschen. Das schätzt das Bundesgesundheitsministerium. Doch die Dunkelziffer dürfte hoch sein weil viele Menschen die Symptome einer Depression nicht als solche erkennen. Dazu können gehören: das Gefühl innerer Leere oder von Sinnlosigkeit, verminderter Antrieb, innerer Unruhe, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Verdauungsstörungen.
Viele schämen sich auch und lassen deswegen ihre Depression nicht behandeln. Das betrifft vor allem Männer. Andreas Biermann hat sich getraut, von seiner Krankheit öffentlich zu berichten. 2011 erschien sein Buch „Rote Karte Depression“ (derzeit nur als Ebook erhältlich, zum Beispiel bei thalia.de, 11,99 Euro).
Wer sich um sich selbst, Freunde oder Angehörige sorgt, kann jederzeit kostenfrei und anonym unter der Telefonnummer 0800 111 0 111 Rat und Hilfe bekommen. 

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