Schätzung : In Deutschland haben 650.000 Menschen keine Wohnung

In der städtischen Unterkunft in der Hafencity leben 712 Flüchtlinge – auch sie gelten in der Statistik als wohnungslos. Foto: Action Press, Matthias V Braun

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) hat in ihrer jährlichen Schätzung die Zahl der Wohnungslosen deutlich nach unten korrigiert. Tatsächlich haben sich die Situation der Wohnungslosen allerdings nicht verbessert, beklagt die BAGW.

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Ist die Wohnungsnot in Deutschland doch nicht so groß wie befürchtet? Dieser Eindruck könnte bei einem Blick auf die neuen Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) entstehen. Waren 2016 demnach noch geschätzt 860.000 Menschen ohne Wohnung, sank die Zahl im Jahr 2017 auf ebenfalls geschätzte 650.000. Dabei hatte die BAG W zuletzt noch einen Anstieg der Wohnungslosenzahl prognostiziert, auf bis zu 1,2 Millionen im Jahr 2018.

Doch der nun dokumentierte Rückgang ist gar keiner: Er sei „ausschließlich dem deutlich verbesserten neuem Schätzmodell zuzuschreiben“, betonte BAG-W-Geschäftsführerin Werena Rosenke. Die bisherige Schätzmethode sei veraltet gewesen, nun würden die validen Daten aus Nordrhein-Westfalen auf ganz Deutschland hochgerechnet. „Auch wenn die Zahl der Wohnungslosen niedriger ist als bislang von uns geschätzt, gibt es keinen Grund zur Entwarnung“, sagt Rosenke. Sie gehe davon aus, „dass in Deutschland insgesamt die Wohnungslosenzahlen um etwa 15 bis 20 Prozent von 2016 nach 2017 angestiegen sind – allerdings auf insgesamt niedrigerem Niveau.“

BAG W schätzt: 44.000 Obdachlose in Deutschland

Seit Jahrzehnten fordert die BAG W vom Bund, eine amtliche Wohnungslosenstatistik einzuführen – bislang stets ohne Erfolg. Also wird die Zahl Jahr für Jahr geschätzt. Von den geschätzten 650.000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland leben laut BAG W 44.000 tatsächlich als Obdachlose auf der Straße, ein Anteil von 16 Prozent. Mehr als die Hälfte der von der Arbeitsgemeinschaft als wohnungslos gezählten Menschen sind anerkannte Geflüchtete, insgesamt 375.000.

Für Hamburg liegen hingegen genauere Zahlen vor: Im Mai lebten hier 31.345 Menschen in den öffentlich-rechtlichen Unterkünften der Stadt, davon 5210 Wohnungslose und 26.135 Flüchtlinge. Und bei der Befragung von Obdachlosen im vergangenen Jahr kam heraus: Mindestens 1910 Menschen leben in Hamburg auf der Straße. Bei einer ähnlichen Befragung 2009 waren es noch 1029 gewesen – eine Zunahme von 86 Prozent.

Bundesregierung will Wohnungslose zählen
Statistik
Bundesregierung will Wohnungslose zählen

Was also tun? Für die BAG W liegt der Schlüssel in der Wohnraumversorgung. Trotz steigender Wohnungsbauzahlen entstünden zu wenige günstige Wohnungen. Zudem gehe Wohnungsbau nicht von heute auf morgen – und Wohnungslose bräuchten schnell Hilfe. BAG-W-Chefin Rosenke fordert daher: „Neben dem Bau beziehungsweise der Sicherung bezahlbaren Wohnraums muss auch bestehender Wohnraum für diesen Personenkreis zugänglich werden.“

Bis für ganz Deutschland genaue Daten wie aus Hamburg vorliegen, muss man sich noch gedulden: Das Bundessozialministerium arbeitet zwar derzeit endlich an der Einführung einer amtlichen Wohnungslosenstatistik. Das statistische Bundesamt soll erstmals die Gesamtzahl der Wohnungslosen ermitteln – allerdings erst im Jahr 2021.

Über die Autoren
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.
Benjamin Laufer
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

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