Street Artist Ray de la Cruz : „Ich bin immer noch der Junge aus dem Block“

Wer durch die Straßen von St. Pauli geht, ist unter Garantie schon einmal über eines seiner Werke gestolpert: Ray de la Cruz will die Stadt mit Street Art zu einem bunteren Ort machen. Deshalb packt er auch regelmäßig Sprühdosen ein und malt mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Hamburger Erstaufnahmen. „Das lässt die Kids runterfahren.“

(aus Hinz&Kunzt 276/Februar 2016)

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„Eine Art FARBTHERAPIE“: Ray de la Cruz (Roberto Madlener) vor einem seiner bunten Wandbilder.

„Es soll sich anfühlen wie nach Hause kommen“, sagt Ray de la Cruz, wenn man ihn nach seiner Street Art fragt. Er will Emotionen auslösen bei denen, die an seinen Kunstwerken vorübergehen. Idealerweise soll man an seinen Werken stoppen, den Augenblick festhalten und nicht mehr so schnell vergessen. Roberto Madlener – so heißt Ray eigentlich – hat ein Geschick für farbexplosive animalische Motive wie Vögel oder Füchse. Aber auch romantische Liebesgeschichten oder Comicfiguren werden von ihm auf Wänden verewigt.

Robertos Zuhause ist St. Pauli. Die Mama stammt aus El Salvador, der Papa aus Österreich. Er brachte seinem damals 12-jährigen Sohn eine CD von DJ Grandmaster Flash von einer New- York-Reise mit. Roberto betrachtete das Booklet voller Graffiti und war begeistert. In diesem Moment beschloss er: Das will ich auch machen! Papas Garage musste für erste Versuche herhalten, was nicht nur für Begeisterung sorgte. Vor zehn Jahren sollte Roberto dann für eine Freundin einen Entwurf für ein Schmetterlings-Tattoo entwickeln. Er zeichnete das Motiv erst auf Papier und später auch auf eine Wand. Schnell fand sich ein Interessent, der bereit war, Roberto Geld dafür zu bieten. Heute ist er hauptberuflich als Street Artist Ray de la Cruz unterwegs.

Seit Anfang 2014 teilt Ray seine Leidenschaft mit Flüchtlingskindern in Erstaufnahmeeinrichtungen. Mit den Kids verschönert er kahle Wände mit Motiven, die passend für den jeweiligen Stadtteil sind. Ihm ist wichtig, dass die Kinder in dieser schweren Zeit ihren Zusammenhalt stärken: „Sie sollen Beschäftigung und Ablenkung haben und etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anfangen“, sagt er.

Außerdem betreut Ray ein festes „Junior Team DLC“ (nach de la Cruz), das aus Kindern und Jugendlichen zwischen elf und 15 Jahren besteht. Sie machen die Straßen auf St. Pauli, besonders die Talstraße, mit ihrer Street Art bunter. Einige Kids aus dem Team haben ziemliche Probleme. „Ich mache eine Art Farbtherapie mit ihnen. Das beruhigt sie und lässt sie vom anstrengenden Tag runterfahren.“

Roberto:„Die Kids malen das, worauf sie Lust haben, was sie interessiert.“ Mal ist es Darth Vader, mal ist es Hello Kitty. Mit Vandalismus oder Schmiererei hat das Ganze aber nichts zu tun. Hauseigentümer werden vorher immer um Erlaubnis gebeten, wenn eine Idee in die Tat umgesetzt werden soll. Ray gibt den Kindern nebenbei Tipps und sorgt für den Feinschliff. „Dadurch entstehen immer die besten Bilder.“ Die Farben und Utensilien werden unter anderem vom Deutschen Roten Kreuz gesponsert.

Ray möchte den Kindern ein Vorbild sein. Wenn es in der Schule mal die Note Drei gibt, lernen sie gemeinsam. Sollte es gar mal eine Vier oder Fünf sein, erteilt Ray auch mal vorläufig Malverbot. So möchte er seinen Schützlingen Disziplin beibringen und die Motivation stärken. Viele Jungs würden in ihm den großen Bruder sehen, den sie nicht haben, und in Problemsituationen zu ihm kommen. Ein Highlight für das Junior Team DLC war die Ausstellung im vergangenen Dezember: Von 18 Kunstwerken wurde mehr als die Hälfte verkauft. Aus den Erlösen besorgte Roberto Gutscheine für Kleidung oder unternahm Ausflüge mit den Kindern.

Wenn er nicht mit den Kids sprüht, sind Auftragsarbeiten und Verschönerungen auf St. Paulis Straßen an der Tagesordnung. Dabei malt er ungern typische Motive wie Skylines, und er verwendet niemals Vorlagen oder Schablonen – alles Freestyle. Durch seine Aktionen mit den Jugendlichen haben zuletzt viele Hamburger Medien über ihn berichtet. Diese Aufmerksamkeit ist dem Künstler aber meistens unangenehm: „Ich bin immer noch der Junge vom Block.“ Aber keine Panik. Auch in Zukunft können wir uns über viele neue und kreative Sprüharbeiten von Ray de la Cruz freuen.

Text: Josephine Werner*
Foto: Mauricio Bustamante

*19 Jahre, wird von allen nur Fine genannt. Sie hat im vergangenen Jahr ihr Abi in Crivitz bei Schwerin gemacht. Bevor sie nächstes Jahr ihr Studium anfängt, möchte sie praktische Erfahrungen in der Medienwelt sammeln, in der sie später auch gerne arbeiten würde.

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