Spendenaktion : Gratis HVV-Tickets für Obdachlose

Dieter Kröger sammelt Spenden, um davon HVV-Fahrkarten für Obdachlose zu kaufen. Er findet: Wer kein Dach über dem Kopf hat, muss umso dringender mobil sein. Sagt auch Annegret Matthies von der Tagesaufenthaltsstätte Herz As, die die Tickets weitergibt.


Initiator Dieter Kröger, Antje Kröger-Voss und Herz-As-Mitarbeiterin Anngret Matthies (vorne)

Diese Hilfe kommt an. Das merkt Annegret Matthies vom Herz As schon an den Gesichtern der Beschenkten: „Da ist so viel Freude und Erleichterung.“
Seit Kurzem kann das Team der Tagesaufenthaltsstätte es sich leisten, an einige seiner obdach- oder wohnungslosen Besucher Fahrkarten für den HVV zu verteilen. Möglich macht das die Initiative des Hamburgers Dieter Kröger. Er wirbt seit Mitte Februar um Spenden, von denen die Tickets gekauft werden.

Ursprung der Idee:
Kröger wollte, dass Obdachlose sich bei eisigen Außentemperaturen in öffentlichen Verkehrsmitteln wenigstens zeitweise aufwärmen können. Er habe aber schnell gemerkt, sagt der engagierte Ottenser, „dass das ein brennendes Problem ist, nicht nur im Winter“. Deswegen läuft die Aktion auch bei Plusgeraden weiter. Denn dass Obdachlose mobil sein müssen, daran lässt Kröger keine Zweifel: „Wer schon keine Wohnung hat, muss sich wenigstens frei bewegen können“, sagt er.

Obdachlosigkeit heißt, unterwegs zu sein, sagt auch Annegret Matthies. Die Tagesaufenthaltsstätte ist woanders als die Einrichtung, wo es Abendessen gibt. Und die wieder woanders als der Schlafplatz. Dazu kommen Wege zu Wohnungsbesichtigungen oder Amtsterminen. „Obdachlose haben viel auf dem Zettel: Sie müssen sich Verpflegung organisieren, ärztliche Versorgung sichern oder sehen, dass sie sich beim Flaschensammeln etwas verdienen können.“

Fahrkarten sind teuer – Schwarzfahren auch

Mit dem Verwendungszweck „HVV“ wurden in den vergangenen vier Wochen schon rund 300 Euro auf das Konto des Herz As überwiesen. Die Summe setzt sich aus kleineren Beträgen zusammen. „Wenn man mal rechnet, jeder hat fünf Euro gespendet, dann sind das 60 Leute, die das wichtig finden“, sagt Dieter Kröger. Er freut sich über jeden Euro. Trotzdem: „Da müssen noch ein paar Nullen hinterkommen.“

Von der Initiative und der Resonanz
ist Matthies gleichermaßen begeistert: „Das ist alltagspraktische Hilfe, von der wir ja gar nicht zu träumen wagen. Wir hätten auch nicht erwartet, dass sich bei den Spendeneingängen so schnell was tut.“ Doch schnell ist der Spendentopf auch wieder leer. Denn der Bedarf ist groß, sagt Annegret Matthies. Das erlebt sie im Herz As fast täglich: Viele Obdachlose haben die Einrichtung als ihre Postadresse angegeben. „Dann kommen hier per Brief Bußgeldescheide vom HVV an wegen Fahrens ohne Fahrkarte. Die Leute sind total verzweifelt. Die wissen gar nicht, wie sie das aufbringen sollen.“

Freie Fahrt: Dieter Kröger fordert, dass Obdachlose kostenlos die Angebote des HVV nutzen dürfen..

Fahrkarten für den HVV können sich die wenigsten Obdachlosen leisten. Schwarzfahren aber erst recht nicht. Wer ohne gültige Fahrkarte erwischt wird, muss ein „erhöhtes Beförderungsentgelt“ bezahlen. Wer das nicht kann oder gar mehrere Male verwarnt wird, droht sogar im Gefängnis zu landen. Ersatzfreiheitsstrafe nennt sich das. Verschärft ist die Situation, seit in den Bussen des HVV der Einstieg nur noch vorne und mit Vorzeigen der Fahrkarte möglich ist. „Das ist Ausgrenzung“, sagt Dieter Kröger. „Ich kenne selber jemanden, der aufs Schwarzfahren angewiesen war. Der ist letzten Endes ins Gefängnis gekommen, ein halbes Jahr haben die den eingesperrt. Das kann doch nicht sein. Da muss was passieren.“ Er ist sogar sicher: „Die Stadt würde sparen, wenn sie Obdachlose kostenlos Bus und Bahn fahren lassen würde. Denn dann würde „der ganze sinnlose Bürokratismus“ mit Mahnbescheiden und Gerichtsverfahren entfallen, der „sowieso kein Geld bringt“. Und auch Gefängnisaufenthalte zur Verbüßung einer Ersatzfreiheitsstrafe kosteten ja Geld.

Das Herz-As-Team entscheidet im persönlichen Gespräch, wer von den Spenden, die Dieter Kröger und seine Frau bisher vor allem im Bekanntenkreis akquiriert haben, profitieren soll. Vor allem Tagestickets werden gekauft. Doch das hilft natürlich immer nur kurz. „Gut wäre, wir könnten von den Spenden Monatskarten kaufen und die ausgeben“, sagt Matthies. Ideal wäre, die Stadt würde das übernehmen.

Echtes Sozialticket statt Ermäßigungskarte

Die Sozialbehörde bietet derzeit aber nur eine sogenannte Sozialkarte an. Die kann jeder, der Sozialleistungen bezieht, beim Amt bekommen. Damit gibt es dann 18 Euro Rabatt auf HVV-Monatskarten. Doch das ist viel zu wenig, findet Annegret Matthies: „Sie müssen dann immer noch 30 oder 40 Euro bezahlen.“ Viel Geld für Menschen, die ständig am Existenzminimum wirtschaften. Und: Wer keinen Anspruch auf Sozialleistungen hat, etwa weil er nicht aus Deutschland stammt, oder seine Ansprüche nicht geltend macht – oft ein langer Weg mit vielen Formularen und Formalitäten – bekommt so eine Sozialkarte gar nicht.

Hinz&Kunzt fordert schon Lange ein echtes Sozialticket – keine Ermäßigung auf reguläre Tickets, sondern eine Fahrkarte, mit der Hilfeempfänger ohne zeitliche Einschränkung im Großbereich fahren können, und das nicht mehr als 20 Euro im Monat kostet.

Was Dieter Kröger will, geht noch weiter. Seine Spendenaktion soll nämlich nicht nur unmittelbar helfen, sondern auch politisch etwas verändern: „Jede Spende ist ein Fingerzeig Richtung HVV und ein Appell an die Politik.“ Sein Ziel: Dass die Nutzung öffentlicher Verkehrmittel generell für Obdachlose kostenlos ist. Dass das bisher nur einigen über private Spenden ermöglicht werden kann, sagt Dieter Kröger, „das muss dem Senat doch peinlich sein“.

Text: Beatrice Blank
Foto: www.bildarchiv-hamburg.de

Dieter Kröger und das Herz-As-Team freuen sich über Spenden:
Herz As Hamburg gGmbH
Kto.- Nr.: 130 214 bei der „Ev. Darlehnsgenossenschaft“, BLZ: 210 602 37
Verwendungszweck: HVV-Fahrkarte

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